Alltag - Kolumne

Crans, Kerzers, Kita – und sofort hagelt’s Vorwürfe

von Peter Steiger 19. Mai 2026

Alt.Mann.Bern. Crans-Montana: grauenhaft. Erweiterter Suizid im Postauto: schrecklich. Kita-Mitarbeiter missbraucht kleine Kinder: schlimm. Unser Kolumnist ärgert sich über den Mechanismus: Dem Schrecken folgt unweigerlich eine Flut von Verdächtigungen.

So sicher wie dem Tag die Nacht folgt, sucht die Öffentlichkeit nach solchen Ereignissen nach Schuldigen, fordert schärfere Kontrollen, strengere Überprüfungen, präzisere Bestimmungen.

Ja, sicher, man soll genauer hinschauen, alle Schrauben kontrollieren und anziehen. Aber mich stört dieses Perpetuum Mobile. Nämlich A: Es geschieht etwas Schlimmes. Dann B: Die Räder des Mechanismus drehen sich. Schliesslich C: Das Ereignis geht vergessen. Die Fortsetzung beginnt wieder bei A.

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Nach Crans-Montana folgte ein Brandschutz-Hype auf allen Ebenen. Vielerorts warben Brandschutz-Ratgeber für überteuerte Produkte und unnötige Umbauten. Online-Shops und Baumärkte verkauften so viele Löschdecken und Feuerlöscher, dass die Regale fast leer wurden. Die Brandschutzexperten hatten Konjunktur.

Dazu ein Beispiel aus einer Berner Quartierkirche: Dort platzierte eine Mitarbeiterin einen Tisch etwas näher beim Ausgang. Darauf verfügte der Sigrist, dass nun der Fluchtweg verstellt sei. (Was er nicht war.) Ich verzichte darauf, die Besucherzahlen im Gotteshaus zu nennen.

Nach dem Postauto-Brand in Kerzers kritisierten viele, dass der psychisch labile Täter nicht schon vorher interniert worden sei. In Bern und Winterthur missbrauchte ein Kita-Betreuer Babys und kleine Kinder. Die Leitung einiger Kitas ordneten an, dass bei männlichen Stellenbewerbern untersucht werde, ob sie eine Freundin oder einen Freund haben. Dies, weil man unausgelebte Triebe eruieren wollte.

Wenn etwas Schlimmes passiert, und die Bevölkerung Sicherheit fordert, wollen die Behörden zeigen, dass sie das alles sehr, sehr ernst nehmen und nun handeln. Eben: mit neuen schärferen Vorschriften.

Am Titlis bei Engelberg stürzte diesen Winter bei stark böigem Wetter eine Seilbahn-Gondel ab. Die einzige Passagierin verletzte sich tödlich. Bereits kurz nach dem Unglück forderten Experten und die Medien rigorose Sicherheitskontrollen bei allen Luftseilbahnen in der Schweiz.

Jetzt blenden wir zeitlich zurück. In Oberglatt bei Zürich attackierten 2005 drei Pitbull-Kampfhunde einen Sechsjährigen. Der Bub starb. Die Bevölkerung in der ganzen Schweiz empörte sich: Der Bund wollte Zähne zeigen und führte einen obligatorischen Kurs mit Prüfung ein. 2016 stoppte das Parlament diesen Sachkundenachweis wieder. Er sei unverhältnismässig und wenig wirksam.

Vor einem Vierteljahrhundert erweiterten wir unseren Wortschatz um einen neuen Begriff: «too big to fail». Anlass dazu war das Swissair-Grounding 2001. Nach der Finanzkrise 2008 wurde der neue Ausdruck noch geläufiger. Der Bund beschloss darauf komplizierte Kapitalvorschriften. Der Zusammenbruch der CS 2023 zeigte jedoch, dass die Bestimmungen zu wenig griffen.

Man kann diese Abfolgen zu einer Formel zusammenfassen. Ereignis × Empörung = Vorschriften. Man nennt diese Abfolge Aktionismus. Wenn etwas Schlimmes passiert, und die Bevölkerung Sicherheit fordert, wollen die Behörden zeigen, dass sie das alles sehr, sehr ernst nehmen und nun handeln. Eben: mit neuen schärferen Vorschriften.

Wir müssen Risiken vermindern. Aber wir können sie nicht vermeiden und müssen mit ihnen leben.

Handeln kann auch dringend nötig sein. Wenn die Klimaerwärmung mitspielt, muss langfristige Vorsorge getroffen werden. Zum Beispiel wenn der Berg oder ein Murgang zu Tal gehen: etwa in Blatten und Gondo im Wallis, in den beiden Brienz in den Kantonen Bern und Graubünden.

Crans-Montana: Irgendwann werden Verantwortliche den Brandschutz wiederum missachten und ein schlimmes Feuer verursachen. Kerzers: Irgendwann wird ein psychisch Kranker wieder Menschen töten. Kita: Irgendwann wird ein Sexualtäter wieder Schlimmes begehen. Wir müssen Risiken vermindern. Aber wir können sie nicht vermeiden und müssen mit ihnen leben.