Auf den Spuren der Berner Gehörlosengeschichte

von Lina Lou Sansano 30. März 2026

Inklusion Am Stadtrundgangfestival feierte der theatrale Stadtrundgang «Hände erzählen» Premiere. Die bilinguale Tour in Gebärdensprache und Lautsprache macht die Berner Gehörlosengeschichte erlebbar und war schnell ausverkauft.

Es ist später Donnerstagnachmittag, es hat bereits geregnet, geschneit, gehagelt. Trotzdem versammeln sich zahlreiche Menschen, um bei der ausverkauften Premiere des theatralen Rundgangs «Hände erzählen» mitzulaufen und die Berner Gehörlosengeschichte aufleben zu lassen.

Im Rahmen des Stadtrundgangfestivals vom 25. bis 29. März war die bilinguale Stadttour in schweizerdeutscher Gebärdensprache und deutscher Lautsprache zum ersten Mal zu erleben. Durch den Rundgang erhofften sie sich mehr Sichtbarkeit und eine Plattform für gehörlose Schauspieler*innen wie auch für die ganze gehörlose Gemeinschaft, erklärt Stephanie Mündel-Möhr. Die Regisseurin hat den Rundgang zusammen mit den Vereinen StattLand und Movo erarbeitet.

Beim Berner Rathaus erzählen die beiden Schauspieler*innen Tom und Ezra von den Hürden im Bildungszugang. (Foto: Lina Lou Sansano)

Der Verein StattLand, der zusammen mit Bern Welcome, Hauptorganisator des Stadtrundgangs-Festivals ist, setzt sich in Form von Rundgängen und Besichtigungen mit gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Themen Berns auseinander. Movo wiederum fördert das Kunstschaffen zwischen gehörlosen und hörenden Menschen. Nach dem Festival soll der Rundgang «Hände erzählen» langfristig in das Angebot von StattLand aufgenommen werden. An diesem letzten Märzwochenende ist das Interesse auf jeden Fall gross – die Führungen am Festival waren schnell ausverkauft.

Die Schauspielenden mussten in kurzer Zeit recherchieren, proben und eine gemeinsame Sprache erlernen.

Der Rundgang beginnt beim Waisenhaus und führt quer durch die Berner Altstadt an historischen und symbolischen Orten vorbei, die dem Publikum markante Abschnitte der Gehörlosengeschichte Berns aufzeigen. Das Publikum erfährt von den Rückschlägen und Erfolgen der Gebärdensprache und der Gehörlosenkultur. So erzählen die Schauspieler*innen beispielsweise vom Entscheid des Mailänder Kongress 1880, als ein Verbot der Gebärdensprache in der Bildung durchgesetzt wurde. Auch Szenen zur Entwicklung von gehörlosen Sportarten sind Teil des Rundgangs.  Dazu gehört ein Einblick in die Umgestaltung des Fussballspiels, von der Schiedsrichterpfeife zur Signalfahne.

Schauspielerin Cornelia Knuchel und Regisseurin Stephanie Mündel-Möhr (rechts im Bild) halten die grosse Gruppe zusammen. (Foto: Lina Lou Sansano)

Im Nachgespräch mit der Regisseurin Stephanie Mündel-Möhr erklärt sie, wie die Schauspielenden recherchiert, geprobt und eine gemeinsame Sprache erlernt hätten. Es sei wenig Zeit dagewesen und die Schauspielgruppe, die aus gehörlosen und hörenden Menschen besteht, hätten teilweise das erste Mal zusammengearbeitet.

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Der theatrale Rundgang ist nicht nur als Unterhaltung und Lernerfahrung gedacht. Die Schauspielenden fordern auch Anerkennung. Mit einer stillen Demo vor dem Bundeshaus und umso lauterer Gebärdensprache zeigen sie: Es gibt noch viel zu tun – in der Bildung, im Beruf, im Alltag. Doch sie stellen auf dem Rundgang auch klar: «Die Arbeit der Anerkennung sollte nicht die Arbeit der Gehörlosen, sondern die der Hörenden sein».