Weiter geht es mit Luz Letts

von Beat Sterchi 3. September 2022

«Achtundsechzig» ist bekanntlich eine beachtenswerte Zahl. Die Zahl 68 kann Hoffnungen und Erinnerungen wachrufen, sie kann sogar provokativ wirken. Weil dies hier der 68. Blog ist, in welchem ich mich aus Bern oder wie jetzt aus Spanien im Journal B zu Wort melden darf, möchte ich von 68 Kurven berichten. Und zwar von jenen 68 Kurven, die in diesem Sommer hier auf der Spanischen Nationalstrasse N-232 begradigt worden sind.

Es geht dabei um die Strasse, auf welcher wir von unserem Dorf im bergigen Hinterland der Provinz Castellón an die 75km entfernte Küste und damit ans schöne blaue Meer hinunter gelangen. Um die 68 Kurven zu begradigen, hat man fast unvorstellbar gewaltige Erdmassen abgetragen, man hat einen Tunnel, ein Viadukt und eine Brücke gebaut, die jetzt mit einem Stahlbogen eine Schlucht überspannt und jenen Teil der alten Strasse mit den 68 Kurven weit unten, als veraltet und überholt unter sich verschwinden lässt.

Journal B unterstützen

Alle Artikel auf journal-b.ch sind frei verfügbar. Um diese Arbeit finanzieren zu können, ist Journal B auf Ihre Unterstützung angewiesen. Werden Sie Mitglied im Trägerverein oder unterstützen Sie uns mit einer Spende.

Natürlich handelt es sich dabei um ein weiteres Wunderwerk der Bautechnik und natürlich wurde dessen Eröffnung angemessen gefeiert. Immerhin wurden 68 Kurven eliminiert. Sogar Regierungspräsident Pedro Sanchez reiste an und lächelte wie immer äusserst freundlich in die Kameras. Da ein grosser Teil der 68 Kurven richtige Serpentinen, also Haarnadelkurven waren, kann man die Lastwagenfahrer verstehen – Lastwagenfahrerinnen habe ich hier bis jetzt noch keine gesehen – die sich erleichtert zeigen, weil das am Steuer harte Arbeit war, wird doch genau über diese Strasse der Lehm angekarrt, welcher von der in der Region ansässigen Porzellanindustrie für ihre, in die ganze Welt hinaus exportierten Waschbecken, WC-Schüsseln und Keramikplatten benötigt wird. Einmal im 20-Tonner den Gotthard hinauf zu fahren, mag Spass machen, immer wieder wohl weniger.

Ein etwas anderes Gefühl beschleicht einen aber bei der Begeisterung der normalen Bevölkerung. Die vielen Privatpersonen, die sich in den Medien äussern durften, sind alle begeistert, erleichtert und des Lobes voll. So wunderbar diese neue Strasse! So schön! Jetzt sind wir 10 Minuten schneller an der Küste. Jetzt kann man Eltern oder Kinder öfter besuchen. Jetzt kann man leichter pendeln. Jetzt kann man auch regelmässig in einem grösseren Laden einkaufen gehen. Es wird auch behauptet, wegen den eliminierten 68 Kurven würde der Strandtourismus aus dem Baskenland und aus Zaragoza ansteigen.

Dass auch bei diesem Ausbau einer Strasse wieder altgewachsene Bäume dran glauben mussten, dass Wildwechsel unterbunden werden und dass man die Eingriffe in die schöne Landschaft, wie auch die Zerstörung historischer und architektonischer Zusammenhänge einfach akzeptiert, wollen wir hier im Namen des unvermeidlichen Fortschrittes mal in Kauf nehmen. Auch dass so viele Menschen in der Begradigung von 68 Kurven eine grosse Erleichterung und eine Erhöhung ihrer Lebensqualität sehen, soll überhaupt nicht geringgeschätzt werden.

Besorgniserregend ist aber, dass bei all den Feierlichkeiten und all den vielen dazu im ganzen Land erschienenen Medienberichten von offizieller Seite auch nicht der kleinste Zweifel an dem weiterhin vorherrschenden, mit diesem jetzt realisierten Projekt verbundenen Denken geäussert wurde. Wann wird sich das unausweichliche Umdenken endlich wenigstens in einem kleinen, vielleicht nur in einem Nebensatz geäusserten Vorbehalt zu erkennen geben? Wann wird ausgesprochen, dass solche Begradigungen vielen als Geschenk erscheinen, dass sie aber nicht gratis zu haben sind und uns in die fürchterliche Sackgasse brachten, in der wir uns befinden? Nein, es darf einfach nicht mehr immer alles noch schneller werden und ja, wer Strassen sät, wird Verkehr ernten, eine alte Weisheit, die man sich gerade während einer Energiekrise und in einem Land zu Herzen nehmen müsste, das vom Klimawandel besonders hart betroffen ist und aller Voraussicht nach noch härter betroffen sein wird. Wenn man schon unwillig ist, sich gegen gefährliche Entwicklungen zu stemmen, könnte man doch wenigstens so tun, als wäre einem das Problem bewusst, um so ein paar vereinzelte Köpfe zum Denken anzuregen.

Weil der Mangel an Bewusstsein für die sich abzeichnenden klimatechnischen und energiepolitischen Herausforderungen so offensichtlich ist, wundert sich auch keiner und keine über das totale Fehlen weiterreichender Visionen, für welche die Öffentlichkeit längstens reif sein müsste. Fest steht nämlich, dass Begradigungen nichts anderes sind als Beschleunigungen und Beschleunigungen machen je länger desto weniger Sinn, bedeuten sie doch nichts anderes als mehr Energiekonsum in weniger Zeit, mit allen Konsequenzen und allen Nebeneffekten. In New York soll es in gewissen Kreisen mittlerweile üblich sein, beispielsweise Filme oder Serien im Schnelllauf anzuschauen, um so angeblich mehr vom Leben zu haben. Möglicherweise zwingt der Zustand der Welt aber die Menschheit schon bald, aufzuhören, das Glück in dieser Richtung zu suchen.

Während Regierungspräsident Sanchez in seiner Eröffnungsrede beschwören kann, wie wichtig es sei, dass die Menschen nicht mehr in lästigen 68 Kurven ihre Zeit verlieren, scheint ihn die Zukunft kaum zu beschäftigen. Nicht nur klimatechnisch. Digitalisierung und Robotisierung werden nicht nur zu noch grösserer Arbeitslosigkeit führen, sondern auch dazu, dass Millionen von Menschen gar nicht mehr wissen werden, was mit ihrer Zeit anzufangen. Spätestens dann werden sich Begradigungen und Beschleunigungen erübrigen und eine gemütliche Fahrt durch spektakuläre Haarnadelkurven in einer wilden Landschaft könnte dann zu einem Vergnügen werden.

Was hat Luz Letts damit zu tun?

Mit den 68 Kurven rein nichts. Aber kürzlich habe ich von kompetenter Seite gelesen, dass in den letzten fünfzig Jahren nur eine wirklich nachhaltige Revolution stattgefunden habe. Und zwar weitgehend friedlich: Die Emanzipation oder die Selbstermächtigung der Frauen. Wer wollte da widersprechen? Per Zufall entdeckte ich dann ein paar Bilder dieser peruanischen Künstlerin im Angebot einer international tätigen Galerie. Dieses, so frisch und mit einem Augenzwinkern gemalte kleine Tanz-Bild, hat es mir besonders angetan.