Weiter geht es mit Adolf Dietrich.

von Beat Sterchi 21. Januar 2023

Die drei tumben Tauben auf der Balustrade der Münsterplattform überlegen sich lange, ob sie auffliegen wollen. Erst als ich sie fast berühren kann, erinnern sie sich daran, dass sie Tauben sind und fliegen auf oder «tuben», wie man auf Berndeutsch sagt. Weiter vorne auf der Balustrade leuchtet derweil in zwei schmalen Kelchen goldener Sekt. Eine Schale mit Nüsschen steht auch dort. Ein kleiner Privatempfang wird zelebriert. Vielleicht ist es auch eine kleine Neujahrsfeier. Sicher ist, die Flasche muss nicht kalt gestellt werden. Der Winter ist zurück.

Endlich, könnte man sagen. Denn wenn es in südlichen Ländern, zum Beispiel in Spanien, die warme, helle Sonne ist, die auch öden oder gar verwahrlosten Städten jederzeit etwas Glanz und einen Schimmer Hoffnung verleihen kann, tut dies bei uns der schöne Schnee. Schon wenn er vom Himmel herunter antanzt, schwebend und aufgeflockt, hebt sich allgemein die Stimmung. Der schöne Schnee verziert dann Bäume und Wälder, verzaubert uns die Hügel, kaum legt er sich auf die dunkeln Dächer und überzieht den Gurten mit seiner weissen Decke, geht es doch gleich viel zuversichtlicher in das neue Jahr hinein, ganz besonders, wenn auch noch wie heute die Sonne scheint.

Allerdings gab es in diesem Jahr hier auf der altehrbaren Plattform des Münsters schon einmal eine sehr willkommene Aufhellung. Vor ein paar Tagen war unter schweren, grauen Wolken hindurch plötzlich ein leuchtender Fetzen blauer Himmel sichtbar geworden und gerade während die Glocken zu läuten begonnen hatten und ich mit einem Bekannten aus der Altstadt freundliche Neujahrswünsche tauschte, war ein kleiner Bub mit einer roten Zipfelmütze auf dem Kopf und mit einem Schnuller im Mund aufgetaucht. Der kleine Bub vergnügte sich unter der diskreten Obhut seiner etwas abseits stehenden Mutter mit einem Spielzeugkinderwagen. Voller unbändiger Lust und Wonne rannte er dieses Wägelchen vor sich her stossend durch all die Pfützen, die der zum Jahresanfang gefallene Regen hier im Kies zurückgelassen hatte. Der kleine Bub mit der roten Zipfelmütze konnte einfach nicht genug kriegen. Jede der grossen Glunggen zwischen den Parkbänken und den kahlen Kastanienbäumen musste er auskosten. Es spritzte in alle Richtungen und der Bub lachte und kreischte und schon nahm er Kurs auf die nächste Glungge. Er war ganz bei der Sache, ging auf in seinem riesigen Freudentaumel, der bei mir und meinem Nachbar ein hoffentlich noch lange ins neue Jahr hinein anhaltendes Glücksgefühl auslöste.

Und was hat Adolf Dietrich damit zu tun?

Der gefallene Schnee ermöglicht es mir, wieder mal auf einen grossen und auch sehr schweizerischen Schweizer Künstler zu verweisen. Adolf Dietrich malte ziemlich unberührt von den Entwicklungen der Moderne aus seiner thurgauischen Bauernwelt heraus, aber es gelang ihm, diese so unmittelbar bis in ihre Wurzeln hinein zu fassen, dass der magische Charme seiner Bilder kaum jemanden unberührt lässt. Als Kleinbauer hatte er auch ein Gefühl für die Jahreszeiten, von welchen er den Winter, von dem wir uns vielleicht langsam verabschieden müssen, besonders oft und facettenreich malte. Adolf Dietrich hat zeitweise auch als Tierpräparator gearbeitet, was vielleicht erklärt, warum er auch der Urheber der anrührendsten Hundebilder ist, die man sich vorstellen kann.