Garten, Gugus, Gurten

Hinter den Kulissen mit Simo Saster und Alwa Alibi

von David Fürst 19. Juli 2023

Gurtenfestival Campfire Stage überrennt: David Fürst begleitete mit seiner Kamera das Berner Mundart Duo Alwa Alibi und Simo Saster an seinem Auftritt am Gurtenfestival. Entstanden ist ein intimer Einblick.

Freitag, 14. Juli, 18:00 Uhr, Köniz Bern

Shewit, die Tontechnikerin, Lou, die Managerin, Soukey, die Rapperin, Simo Saster und Alwa Alibi steigen in den eleganten schwarzen Mercedes-Bus ein. Ein Fahrer mit einem makellos weissen Hemd und einem unauffälligen Ohrstöpsel begrüsst uns herzlich und bietet uns sowohl sprudelndes als auch stilles Valser Wasser an. Als wir an der Gurten-Talsttation ankommen, fahren wir an der langen Schlange für das Gurtenbähnli vorbei, die sich bis zur Heitere Fahne erstreckt, wo die Leute auf der Terrasse tanzen.

18:30 Uhr

Für Alwa Alibi, Simo Saster und Soukey ist es der erste gemeinsame Auftritt. Der Backstage-Bereich der Campfire-Bühne ist mit Bier und Mineralwasser ausgestattet. Wir stellen unsere Ausrüstung ab und machen uns auf den Weg zur Zeltbühne, wo sich links ein Aperol-Spritz-Container befindet. Mit dem orangefarbenen Getränk bewaffnet richten wir die Bühne ein. Es scheint ein Problem mit den Kopfhörern zu geben, da das interne WLAN nicht funktioniert. Nach der Bühnenprobe kommen die ersten Fans und nehmen auf den rustikalen Bänken Platz. Soukey grillt eine Cervelat und geniesst die Aussicht auf das Gurtentääli.

20:15 Uhr

Die Campfire Stage ist voll und viele Fans stehen draussen auf der Wiese und schwingen sich im Takt mit. Das Publikum ist eine Mischung aus Menschen, die der Umgebung der Reitschule und Forcfield Records zugeordnet werden können. Rollstuhlfahrer*innen haben aufgrund der Rampe Vorrang und können sich vor der Bühne positionieren. Am hinteren Teil der Menge grillen einige Leute Cervelats, einige auch mit blanker Brust. Während die Beats von Simo Saster schneller werden und der Song «wach» erklingt, tanzen auch die Menschen am Grillfeuer mit. Als Soukey als Special Guest auf die Bühne steigt, erklingen Jubbel-Geschreie. Die Künstlerinnen führen zum ersten Mal gemeinsam ihren Song «00:00; auf. Für Soukey wird es nicht der letzte Auftritt sein, nach Mitternacht wird sie noch mit Hatepop auf der Waldbühne speilen. Auch andere Features spielen Alwa Alibi und Simo Saster, wie das Lied mit der Künstlerin Milena Patagônia «Loch» – meinem persönlichen Favoriten vom Album «Pool».

21:20 Uhr

Nach zwei Zugaben und viel Applaus begeben sich die Künstlerinnen zurück in den Backstage-Bereich. «Es war so wunderschön, den Sonnenuntergang zu sehen, während dem Lied ‹niemer›», sagt Simo Saster. Ich frage Alwa Alibi, was ich für meinen kurzen Bericht schreiben könnte. Sie schlägt eine Schlagzeile vor: «Campfire Stage begeistert das Publikum». Was besonders freut ist, dass die Künstler*innen von Hecht und Troubas Kater im Pulikum waren und fleisig Instastorys gemacht haben.» Soukey meint: «Es war geil», und mein Versuch, ein Interview zu führen, wird abgebrochen, als wir zurück auf die Bühne gehen, um das Equipment abzubauen.

23:45 Uhr

Kantine im Backstage-Bereich: Shewit, Simo Saster und ich bedienen uns am Buffet. «Vielleicht nächstes Jahr auf der Waldbühne», schlage ich vor. «Vielleicht», antworten sie. Lil Nas X überquert die Strasse und betritt die Hauptbühne mit einer grossen Entourage. Wir trinken noch etwas und bestellen einen Shuttle. Die Hymne «Industrie baby» erfüllt die Luft, und ich beende meine Berichterstattung von der Veranstaltung.

 

Gemütlicher Samstag, seichter Sonntag

von Noah Pilloud 18. Juli 2023

Gurten Das Gurtenfestival ist vorbei. Wir schauen auf die zwei letzten Tage zurück, wagen ein Fazit und trauen uns Wünsche für die Zukunft anzubringen.

Nachdem wir am Freitag mit Hatepop unterwegs waren (ein ausführlicher Beitrag dazu folgt noch) und angesichts der hohen Temperatur war am Samstag gemütliches Programm angesagt. Offenbar sahen das viele Festivalbesucher*innen ähnlich, das Publikum wirkte insgesamt etwas müde. Da war neben der Zeltbühne in der Wiese sitzen und mit halbem Ohr den Emotional Oranges lauschen genau das Richtige. Eigentlich sollte zu dieser Zeit ja Sampa the Great spielen, doch aufgrund von Anreiseproblemen verschob sich ihr Konzert nach hinten.

Auf der Hauptbühne folgte dann ein Klassiker: Lo & Leduc auf ihrem Hausberg. Die Berner Publikumslieblinge boten auch ein klassisches Lo & Leduc-Gurtenkonzert mit allem was dazugehört. Pacomé, die Band hinter dem Duo spielte wie immer auf hohem Niveau, das Repertoire umfasste Songs bis zum Debutalbum «Zucker fürs Volk» und Lo gab seine Freestylefähigkeiten zum Besten. Das Lied «Fründ» sorgte dann doch noch für etwas Tiefgang und bei einigen im Publikum gar für Gänsehaut. Einem Grossteil schien die thematische Schwere des Songs allerdings nicht bewusst zu sein, anders lässt sich das gut hörbare Geschwätz allenthalben nicht erklären. Allgemein schien es den beiden Musikern weniger als auch schon zu gelingen, mit dem Publikum in Verbindung zu treten.

Etwas mehr Erfolg mit der emotionalen Schiene hatte Rapper Nativ. Dach ungefähr drei Liedern holte er zu einem Monolog gegen Hass und Vorverurteilungen aus. Das Ganze kam zwar etwas hölzern und stream-of-consciousness-mässig daher und zog sich zu lange hin, doch er schien einen Teil des Publikums damit abzuholen. Vor allem schien Nativ danach gelöst und riss das Waldbühnenpublikum mit.

Dann endlich war es soweit: Die sambische Künstlerin Sampa the Great betrat die Zeltbühne (wegen Problemen mit den Speicherkarten gibt es davon leider keine Bilder). Obwohl fast zeitgleich Deichkind auf der Hauptbühne auftrat, versammelte sich doch ein ansehnliches Publikum, das Sampas Hip-Hop mit Einflüssen aus Gospel, Neo-Soul, Zamrock und elektronischer Musik zu schätzen wusste. «Zu Hause fragten uns viele, warum wir in der Schweiz spielen werden, ihr würdet doch ohnehin nicht verstehen was wir machen», erzählte die Sängerin auf der Bühne. Doch Musik sei eine universelle Sprache, deshalb habe sie sich keine Sorgen gemacht. Zurecht, denn die Herzen der Anwesenden wusste Sampa zu erobern.

Ausgetauschtes Publikum

Der Sonntag unterschied sich deutlich vom Rest des Festivals. Viele der Besitzer*innen eines Viertagespasses hatten sich im Vorfeld gegen das zusätzlich zu lösende Sonntagsticket entschieden. So war das Publikum am letzten Tag zu grossen Teilen ausgetauscht und der Altersdurchschnitt insgesamt höher. Was nicht erstaunt, mit Bands wie Fettes Brot oder den Toten Hosen wurde klar eine andere Altersgruppe angesprochen als beim Rest des Programms.

Ein Blick auf die T-Shirts der Besucher*innen zeigte, dass die meisten vorwiegend für eine Band da war: die Hosen. Etwas undankbar für andere Acts, wie Steiner & Madlaina, die auch einen Platz im regulären Programm verdient hätten. Das Indie-Folk-Pop-Duo zeigte sich dennoch überwältigt ob dem Andrang vor ihrer Bühne. Es seien mehr als bei ihrem letzten Mal auf der Waldbühne. Mit ihren scharfsinnigen Texten und mitreissenden Klängen taten sie dem doch sehr seichten Sonntagsprogramm gut.

Die Toten Hosen lieferten mit ihrem Fussballstadion-Punk, was von ihnen zu erwarten war. Als stimmungsvoller Abschluss funktionierte das ganz gut. Das Publikum sang und hüpfte mit und liess sich von Campinos krächzender Stimme animieren. Dafür, dass so viele Fans extra für ihre Band angereist waren, wäre aber doch mehr zu erwarten gewesen. Immerhin sorgten ab und an Pyros für ein wenig Fankurvenstimmung.

Luft nach oben

Alles in allem bot das Gurtenfestival 2023 einige schöne Überraschungen, hochkarätige Acts und kleine Perlen. Musiknerds fanden ihre nischigen Konzerte, zu deren Besuch sie ihre Friends nötigen konnten, grundneugierige Hörer*innen dürften die eine oder andere Neuentdeckung gemacht haben und das hitparadenaffine Publikum kam sowieso auf seine Kosten. Nächstes Jahr tun es aber vier Tage auch wieder.

Überschattet wurde das ganze leider vom mangelhaften Awarenesskonzept. Was aber nicht ist kann zum Glück noch werden. Dem Publikum ist es zu wünschen, dass das Gurtenfestival fürs nächste Jahr daraus seine Lehren zieht. Dem Gurtenfestival ist es zu wünschen, dass sein Publikum aufs nächste Jahr diskriminierungssensibler wird.

Als der Oktopus zum Tanz lud

von Janine Schneider 17. Juli 2023

Festival Am Gugusgurten in der Heiteren Fahne gab es alles, was es oben auf dem Gurten gab und noch mehr. Abtauchen in eine Traumwelt, die den Alltag mit Glitzerwind wegpustet.

Es war eine kleine Parallelwelt, die sich da unten am Gurten auftat, ein glitzernder, blinkender, flimmernder Kosmos, eine Zauberwelt, ein Unterwasserkaleidoskop, ein hitziger Sommernachtstraum. «Hesch chli Zit?», fragte der Oktopus, als die beiden Menschen durch den Schrank in den Tannenwald traten, oder waren sie doch eher durch ein Kaninchenloch gefallen?

Der genaue Moment des Übergangs bleibt ungeklärt, aber auf einmal fanden sie sich inmitten einer glühenden Menge wieder, die zu den tropischen, dichten und schweren Beats der brasilianischen Sängerin DaCruz und ihrer Band tanzte. Die Zeit verlangsamte und beschleunigte sich gleichzeitig, bis die Besucher*innen in Lichtgeschwindigkeit durch die Heitere flogen, während kleine Heissluftballone über der Menge schwebten, eine von Blumen umrahmte Uhr entgegen aller Zeitrechnung durch die Stunden gondelte und in einem golden leuchtenden Wohnwagen ein magisches Puppenorakel angeboten wurde.

Zwei betrachten das Gugus von oben. (Foto: Lucy Schön)
(Foto: Lucy Schön)
Hoffentlich genug, um das Gugus zu geniessen. (Foto: Lucy Schön)
Und der Sängerin Da Cruz zuzuhören. (Foto: Lucy Schön)

Aber nicht nur die Heitere Fahne hatte sich in einen Wunderkosmos verwandelt. Auch die Besucher*innen schienen langsam, aber sicher, eins mit dieser Welt zu werden, verwandelten sich in Fabelwesen aus Paillettenschuppen, Glitzeraugen und Federköpfen. Hatte sich das Tattoo der Besucherin im Schein der Glühbirnen nicht soeben bewegt? Als dann auch noch einige weissbärtige Gestalten – Saruman, Samichlaus und verrückter Physiker in einer Person, Happy Scat mit Namen – für eine «Pressekonferenz» die Saalbühne eroberten, war die Verwandlung vollbracht. Der Saal kochte und die Unterwasserwelt blubberte und die Sommernacht träumte sich in die Endlosigkeit.

Happy Scat geben eine Pressekonferenz. (Foto: Lucy Schön)
Auch die Wolken schauen auf das Gugusgurten herab. (Foto: Lucy Schön)

Zu viele Vorfälle, zu wenig Awareness

von Noah Pilloud 16. Juli 2023

Gurten Wegen zu vieler rassistischer Vorfälle schloss das café révolution gestern seinen Infostand auf dem Festival. Zeit, um über das Awarenesskonzept zu sprechen.

An dieser Stelle wollte ich eigentlich vom vierten Festivaltag erzählen und ein paar schöne Bilder zeigen. Ich werde das nachholen, doch heute möchte ich etwas ansprechen, über das diskutiert werden muss: das Awarenesskonzept des Gurtenfestivals.

Am Samstagabend gab das Kollektiv des café révolution bekannt, dass es seinen Stand auf dem Festivalgelände per sofort schliesse. Dem anti-rassistischen Kollektiv kommen dieses Jahr die Depot-Spenden zugute, weshalb es mit einem Stand im Esszelt vertreten war. Grund für den Entscheid, den Stand zu schliessen, sei das Ausmass übergriffigen und rassistischen Verhaltens seitens Festivalbesucher*innen, wie das Kollektiv in einem Statement auf Instagram festhielt.

Diese Meldung reihte sich ein in eine Vielzahl übergriffiger und diskriminierender Vorfälle, von denen ich in den letzten Tagen vernommen habe. So hörte ich etwa von sexistischen Sprüchen und Belästigungen auf dem Festivalgelände und homophoben Zwischenrufen während des Konzerts von Lil Nas X, oder bekam sie selbst mit. Verhindern lässt sich das an einem Festival dieser Grösse nicht. Doch müssten die Veranstalter*innen besser darauf vorbereitet sein.

Das Gurtenfestival verfügt zwar über ein Awarenesskonzept, dem aber lediglich die Note ungenügend ausgestellt werden kann. Von Plakaten und Screens prangt ein roter Schriftzug auf gelbem Grund: «Feel safe together!» Damit hat es sich eigentlich schon. Auf der Webseite und auf Social Media ist zwar zu lesen, man könne Vorfälle beim Sicherheits- und Bühnengrabenpersonal, bei der Sanität oder per Whatsapp melden. Doch diese Information ist zu wenig präsent und das Personal häufig mit anderen Aufgaben beschäftigt.

Für ein funktionierendes Konzept bräuchte es ein Awareness-Team, das explizit für den Umgang mit solchen Vorfällen geschult und für alle Besucher*innen klar erkennbar ist und Präsenz zeigt. Über das Awarenesskonzept müsste kontinuierlich auf so vielen Kanälen wie möglich informiert werden.

So schön es auch ist, ein so diverses Line-Up auf der Bühne zu sehen, diskriminierendem und übergriffigem Verhalten schutzlos ausgeliefert zu seinem verdirbt die Feierlaune gehörig. In dem das Gurtenfestival bestimmte Artists bucht, zieht es ein Publikum an, das sich vermehrt Diskriminierung ausgesetzt sieht.

Meint es die Festivalleitung ernst mit ihrem Bekenntnis zu Diversität und Diskriminierungsfreiheit, muss sie die Verantwortung dafür übernehmen, dass sich dieses Publikum sicher und wohl fühlt. Will das Gurtenfestival ein Festival für alle sein und nicht mit seinem Line-Up bloss sein möglichst breites Kund*innen-Segment erreichen, muss das Team für nächstes Jahr noch einmal über die Bücher.

Die lauschige Alternative zum grossen Rummel

von Lucy Schön 15. Juli 2023

Gartenfestival Nach einem wilden Donnerstag am Gurtenfestival ist das beschauliche und idyllische Gartenfestival im Café Kairo für unsere Redakteurin eine Wohltat für Körper und Geist.

 

Keine VIP-Zonen, keine Trailers, keine Broncos, keine Foodcourts, kein Cashless-System: So beschreibt das Café Kairo in der Lorraine seine Alternative zum grossen Ansturm auf den Berner Hausberg. Das Gartenfestival im Kairo ist die lauschige kleine Schwester für Menschen, die nicht mit grossen Menschenmengen klarkommen, kein riesiges Budget mitbringen oder schlicht eine Alternative suchen.

Als Exil-Baselbieterin in Bern war ich gestern Freitag zum ersten Mal überhaupt im Kairo. Was für ein Genuss! Und hier ist nicht nur die Rede vom arabischen Grill, der für das leibliche Wohl sorgte. Mein Körper schmerzte noch vom Vortag, als ich auf dem Güsche mit Freunden lachte und feierte, zur spanischen Flamenco-Sensation Rosalía abtanzte und auf den Nachhause-Weg todmüde beim Anstehen für die Gurtenbahn eine Stunde eingequetscht in einer müden Masse von Besucher*innen stand (ausnahmsweise und nie wieder). Das Gartenfestival brachte Gelassenheit in mein Wochenende.

Die One-Man Band Degurutieni stoppte auf seiner Welttour für einen Auftritt in der Lorraine. Der Musiker aus Osaka, Japan versprühte nebst rauchigem Blues auch zünftig Rauch aus seiner Nebelmaschine. Vielleicht lag es daran, dass er normalerweise Nachts an dunklen Orten auftritt, wie mir ein Mitarbeiter vom The Voodoo Rhythm Hardwarestore an der Münstergasse verriet.

Die Band Dismenol aus Lausanne zeigte, wie feministischer Hardcore-Punk geht. Die beiden hochmotivierten Lead-Sängerinnen brüllten das Publikum und sich gegenseitig an mit Sätzen wie «Lick My Armpit». Die Zuschauer wurden mitgerissen, Köpfe wurden im Takt heftig mitgeschwungen, es wurde gestampft und getanzt. Für einen Moshpit reichte die Energie dann aber doch nicht ganz.

Psychedelic Rock aus Berlin plus der klare eindunkelnde Nachthimmel mit Sternen: Um 22 Uhr wurde es entspannter mit der Band «13 Year Cicada». Zu dieser Zeit machte sich die Vornacht bei mir bemerkbar und ich musste meine müden «Güsche»-Beine ausruhen.

Bevor ich den Heimweg antreten konnte, wurde ich noch verzaubert: Im «Klängbus» fühlte ich mich wie in einem Kindermärchen. Ein alter Camion, umgebaut vor 5 Jahren in einen mobilen Konzertraum und seither auf Tour durch Europa. Philipp Läng spielte eine Konzert aus selbstgebastelten Maschinen und Instrumenten. Empfehlenswert!

Gartenfestival 2023 im Café Kairo ist noch bis heute Abend. 

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Jungspunde und Routiniers

von Noah Pilloud 14. Juli 2023

Gurten Der Donnerstag bot mit BHZ und Tommy Vercetti & Dezmond Dez Rap in seiner vollen Bandbreite. Die Hauptbühne sorgte für eine unerwartete Neuentdeckung.

Der zweite Festivaltag ging für mich etwas später los, dafür begann er gleich so, wie der erste geendet hatte: mit Deutschrap auf der Zeltbühne. Die Jungs aus Berlin lieferten eine energiegeladene Show. Das Set bot aber nicht nur Turn Up, die Crew zeigte auch eine sanfte Seite und viel Liebe fürs Berner Publikum.

Auf der Hauptbühne dann meine Neuentdeckung des Tages: die belgische Künstlerin Angèle, die mir zuvor nicht bekannt war. Mit ihrem französischen Pop lieferte sie ein Konzert, das perfekt zur wunderschönen Dämmerungsstimmung passte und versprühte dabei queere Positivity. Auch wenn es schwer zu fallen scheint, das Deutschschweizer Publikum mit französischsprachigen zu erreichen, passte dieser Act wunderbar auf den Gurten.

Fast schon Veteranen, was Konzerte auf dem Hausberg betrifft, sind die beiden Rapper Tommy Vercetti und Dezmond Dez. Die beiden standen dieses Jahr bereits zum siebten Mal auf einer Gurten-Bühne. Entsprechend routiniert war ihr Auftritt. Bestimmt ruhiger als auch schon, dafür war die Setlist sehr ausgeglichen: Von Seiltänzer-, zu Eldoradosongs bis zu den neuesten Projekten «Sympathie für Hyäne» und «Film Noir» boten die beiden klassische Representer-Lines und ernsthafte, kritische Texte zu gleichen Teilen. Auffallend war dabei, dass die szeneninterne Auseinandersetzung mit diskriminierender Sprache ihre Spuren hinterlassen zu haben scheint. Sowohl Tommy als auch Dez liessen bei älteren Texten bestimmte Wörter aus oder ersetzten sie. Dass dies weder dem Inhalt noch dem Auftritt allgemein Abbruch tat, zeigt letztlich, wie wenig essenziell diese Sprache für gute Raptexte ist.

Tanzen dem Hagel zum Trotz

von Noah Pilloud 13. Juli 2023

Gurten Der erste Gurtentag war nass und matschig. Der Stimmung vermochte das allerdings keinen Abbruch zu tun.

Auf der Waldbühne eröffneten Fräulein Luise das diesjährige Gurtenfestival. Der schweizerdeutsche Indie-Pop eignet sich gut als Festival-Opener, doch schon bald zieht eine grosse Gewitterzelle über den Hausberg. Schutz vor den teils tischtennisballgrossen Hagelkörnern bietet der Soundgarden, wo Calucci aktuellen französischen, englischen und schweizerdeutschen  Hip-Hop auflegt. Äusserst tanzbar.

Tanzbar und rhythmisch geht es auf der Hauptbühne mit Pongo weiter. Als sich nach ausgiebiger Verpflegungspause eine weitere Regenzelle ankündigt, heisst es ab zur Zeltbühne. Tom Odell beginnt sanft, am Klavier sitzend, eskaliert immer weiter bis er auf dem Klavier steht, um am Ende dann doch noch die Ballade «Another Love» anzustimmen.

Der Abschluss des Abends findet ebenfalls in der Zeltbühne statt: Deutschrap-Überfliegerin Nina Chuba heizt nochmals so richtig ein. Das Publikum erstreckt sich bis auf die Anhöhe neben der Zeltbühne.