Das Film-Ding

Das Film-Ding 003: 9.5mm, das Nostalgieformat

von Rita Jost 13. September 2022

Filme von den ersten Gehversuchen des Sohnes, bewegte Surfbilder aus der Karibik, Geburtstags- und Hochzeitsfilmchen… Wer denkt, solche Eigenproduktionen für die Familie seien neu, kann jetzt in der Kinemathek Lichtspiel staunen. Heimkino gibt’s seit 100 Jahren!

1922 lancierte die französische Filmfirma Pathé das Heimkino. Die Kamera und der Projektor Pathé-Baby ermöglichten es, mit einer relativ handlichen Ausrüstung privat Filme zu drehen, zu bearbeiten und zu zeigen. «Alles war sehr klein, fast spielzeugartig,» sagt David Landolf vor der Vitrine im Lichtspiel mit den Filmrollen und Kameras rund um diese Neuheit aus den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts.

Das Filmformat 9.5 mm hatte eine Mittellochung, was fast die volle Ausnützung des Filmstreifens möglich machte. Die gleichzeitig auf den Markt gebrachte Montageausrüstung samt Klebeanleitung garantierten eine einfache Montage der Filmstreifen. Kein Wunder, dass die Kamera plötzlich eine beliebte Anschaffung war – allerdings nur für Besserbetuchte. Aus historischer Sicht ist das trotzdem ein Glücksfall. Es gibt deshalb heute noch eine grosse Auswahl an Familienfilmchen, die Alltagssituationen dokumentieren aus einer Zeit, als die Bilder erst gerade laufen lernten. Diese Filmchen können nun besichtigt werden. Das Lichtspiel feiert den 100. Geburtstag des 9,5 mm Filmformats mit einer Reihe von Anlässen und einer Ausstellung.

Im letzten Jahr hat das Lichtspiel mit einem Aufruf Filmmaterial gesucht, das irgendwo in Familienarchiven lagert. Und man wurde fündig. Diese Filme wurden von einer Mitarbeiterin katalogisiert und z.T. digitalisiert, und sie werden einmal pro Monat gezeigt. Da gibt es z.B. Filme einer Familie aus Wabern, die die akrobatischen Übungen der Familienmitglieder festhalten oder einen Film aus Basel mit Eindrücken von Fasnachtsumzügen und von einer Völkerschau (!) aus den Zwanzigerjahren. Ein Teil dieses Materials kann auch auf der Website des Lichtspiels angeschaut werden.

Berner 9.5-Fans

Im Archiv des Berner Lichtspiels lagern auch Statuten und Jahresberichte des 1953 gegründeten «Berner Filmclubs 9.5mm». Dieser zeitweise sehr aktive Verein von Amateurfilmern hatte einst über 100 Mitglieder, die sich international auch erfolgreich an Wettbewerben beteiligten. In den späten Sechzigerjahren bekamen diese Filmfreunde der ersten Stunde allerdings Konkurrenz von einem neuen Format. In den Jahresberichten liest man immer öfter vom «Angriff der Super-8-Filmer». 1969 wollten diese gar Clubmitglieder werden, was eigentlich angesichts des Mitgliederschwunds und der Überalterung bei den 9,5mm-Filmern erwünscht gewesen wäre. Aber das Ansinnen wurde abgelehnt. O-Ton aus dem Jahresbericht: «… bei den meisten (unserer) Mitgliedern setzte sich die Überzeugung durch, dass wir unser Ziel, die Erhaltung und Förderung des 9,5mm-Formates, nur erreichen können, wenn wir bleiben was wir sind. Wer würde sich für die 9,5er einsetzen, wenn im Club die anderen Formate in der Mehrzahl sind?»

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Der 9.5 Filmclub Bern bestand noch bis 2009, dann wurde er nach 56 Jahren aufgelöst und bloss noch als «lockere Kameradschaft» weitergeführt. Das Bedauern über die Auflösung des Clubs hielt sich wohl in Grenzen. Aber es gab – im digitalen Raum – immerhin auch Bedauern: «Schade, denn dieser Filmclub war immerhin noch der einzige Echtfilmclub ohne irgendwelche digitalen Ambitionen in der Schweiz. Es fand eine starke Überalterung statt und es waren schlussendlich einfach zu wenig Mitglieder, um ein Weiterbestehen aufrecht zu erhalten.»

Nach Informationen des Lichtspiels lebt heute wohl nur noch ein ehemaliges Mitglied des 9.5mm Filmclubs. Der Veteran hat – zusammen mit seiner Tochter – die Ausstellungseröffnung besucht.

Das Film-Ding 002: Der hitzige Filmprojektor

von Rita Jost 25. Juli 2022

Heute präsentieren wir – passend zur Hitzewelle – einen Projektor, der für heisse Vorstellungen sorgte.

Aus dem Jahr 1924 gibt es einen Stummfilm mit Buster Keaton («Sherlock Junior»), in dem der amerikanische Schauspieler und Komiker als Filmoperateur Detektiv spielt und während der Vorführung in seinen Gedanken die verrücktesten Dinge erlebt.

Der Projektor, den er bedient, ist ein Ungetüm, das beim Abspielen so heiss wurde, dass man darauf Spiegeleier hätte braten können. Mit Hilfe von zwei Kohlenstäben produzierte der Apparat einen Lichtbogen, der die einzelnen Filmbilder beleuchtete. Der Operateur musste höllisch aufpassen, dass der 35 Millimeter-Nitrocellulosefilm beim Abspielen nicht Feuer fing. Der Apparat wäre sonst explodiert.

Genauso ein Abspielgerät steht auch im Berner Lichtspiel. Es ist einer der ältesten Projektoren der Sammlung. Und das Gerät vom Hersteller Pathé ist sogar ein portables Modell, was eine Seltenheit ist. Der Apparat wurde in einem Holzkasten transportiert und konnte irgendwo im Freien, oder in Sälen bei Vereins- oder Familienanlässen aufgestellt und bedient werden.

Man kann sich vorstellen, dass vor hundert Jahren solche Vorführungen für volle Zuschauerränge und nicht geringe Verblüffung gesorgt hatten. Natürlich nur, wenn der Operateur sein Handwerk verstand, denn das Abspielen hatte eben seine Tücken: der Abstand der beiden Kohlenstäbe musste dauernd überwacht und justiert werden, die Filmrolle durfte ja nicht zu nahe an die Lichtquelle kommen, sonst hätte das Filmmaterial Feuer gefangen.

 

Eine von vielen Trouvaillen im Lichtspiel: ein 100-jähriges portables Projektor-Modell aus dem weltberühmten Hause Pathé (Fotos: Lichtspiel).

Das Gerät wurde in den Zehner- und Zwanzigerjahren hauptsächlich im Profibereich eingesetzt, aber das Modell im Lichtspiel stammt von einem Privatmann: vom Vater des späteren Chemienobelpreisträgers Richard Ernst (1933 – 2021). Johannes Robert Walter Ernst (1892 – 1955) war Architekt und Offizier der Schweizer Armee. Er hatte den Filmprojektor offenbar erworben, weil er schlicht technisch interessiert war. Er unterrichtete auch in Winterthur und habe immer gesagt, er wolle «die Welt dokumentieren». So jedenfalls erzählte es der im letzten Jahr verstorbene Richard Ernst den Leuten vom Lichtspiel.

Zusammen mit dem Apparat hat die Familie dem Lichtspiel auch mehrere private Filme überlassen. Von Armeeübungen, aber zum Beispiel auch jene von der Hochzeitsreise des Hobbyfilmers, die per Schiff nach St. Petersburg führte. Der Film sei in seiner Familie regelmässig den staunenden Besuchern gezeigt worden, erzählte Richard Ernst. Sein Vater sei im übrigen nie Mitglied eines Filmclubs gewesen, er habe sich das Handwerk selber beigebracht.

Filmbilder aus der Privatsammlung Ernst: die Hochzeitsreise per Schiff nach St. Petersburg (Foto: zvg).

Man fragt sich, warum vor hundert Jahren nicht eine elektrische Lampe als Lichquelle installiert wurde. Elektrizität gab es ja bereits. David Landolf, der Leiter des Lichtspiels, hat die Erklärung: Elektrisches Licht war damals noch viel zu wenig intensiv. Nur der Kohlenbogen lieferte die nötige Helligkeit.

Das Film-Ding No. 001

von Dieter Fahrer 21. Mai 2022

Zentralamerika, Hippietrail und Patent Ochsner: Diese Truhe und die in ihr gelagerte Kamera aus dem Archiv des Lichtspiels haben viele Geschichten zu erzählen. Ein Rückblick von Dieter Fahrer in Fotos und Filmen. Wir veröffentlichen ausserdem das letzte mit dieser Kamera gedrehte Filmjuwel: «Ludmilla» von Patent Ochsner aus dem Jahr 1994.

Das FILM-DING No. 001 ist eine Kiste.
Das passt gut zur siebten Kunst, die schon in ihrem Ursprung nomadisch war, denn die Geschichte des Kinos beginnt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf Jahrmärkten: Optische Täuschungen, Stereoskope, Panoramen und Lichtbildprojektionen gehörten zu den magischen Künsten der Schausteller, die von Stadt zu Stadt zogen. Und die Filmschaffenden selbst, die ihre Werke in aller Welt realisieren, gehören zu den Nomaden unserer Zeit, die mit Kisten leben, ihre Gerätschaften darin transportieren – und oft auch einfach darauf sitzen, wenn Warten angesagt ist.

Die hier abgebildete Aluminiumkiste von «Zarges» aus Weilheim in Oberbayern (noch heute Hersteller bester Ware) wurde von verschiedenen Menschen «besessen». Gekauft hat sie der deutsche Filmemacher Werner Penzel in den 1970er-Jahren, um seine 16-mm-Filmausrüstung solide zu verpacken, damit sie auch auf holprigen, feuchten, oder staubigen Reisen geschützt blieb. Die Kiste und die darin transportierte Filmkamera, eine Eclair ACL, und einiges an Zubehör und Objektiven ist heute ein Bestandteil der grossen Gerätesammlung der Kinemathek Lichtspiel.

Die Eclair ACL war eine äusserst beliebte Kamera in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts. Auch Clemens Klopfenstein hat seine Filme mit ihr gedreht. Es war die erste Kamera in schallgeschütztem Gehäuse (geblimpte Kamera), die tauglich war für Dreharbeiten mit Direktton in einem kleinen Team, insbesondere auch für Dokumentarfilme.

Penzel konnte seine ACL gebraucht, aber in noch gutem Zustand, vom ZDF erwerben und er hat damit seinen Film «Vagabundenkarawane» mit der deutschen Band «Embryo» realisiert, als diese in den 70-er-Jahren auf dem Landweg nach Indien reiste. Ein flirrender Musiktrip aus Hippie-Zeiten:

Mehrere Dokumentarfilmprojekte in Zentralamerika folgten. In den Jahren 1989/90 war Werner Penzel zusammen mit Nicolas Humbert (München) und Dieter Fahrer (Bern) unterwegs für die Dreharbeiten zu «Step Across the Border», jenem von Res Balzli (Balzli & Cie, Nidau) produzierten Musikfilm, der in den 90-ern zum Kultfilm avancieren sollte.

Ein letztes Mal zum Einsatz kam die Kiste und ihre 16mm-Kamera für die Dreharbeiten des Musikclips «Ludmilla» mit «Patent Ochsner» im Jahr 1994 (Autoren/Regie: Dieter Fahrer, Bernhard Nick. Montage: Regina Schorneck). Das 4:3-Bildformat wurde auf 16:9 kaschiert und der verbleibende Bildbereich in einem aufwendigen Laborprozess bei «Schwarz Filmtechnik» in Ostermundigen zubelichtet. In diesen Schwarzbereich wurden mit den damals üblichen chemisch-mechanischen Verfahren, Bild für Bild, Untertitel in die Filmemulsion geätzt.

Eine dieser Filmkopien hat die Jahrzehnte überlebt. Sie wurde von der «Kinemathek Lichtspiel» gescannt und von Christoph Walther (trinipix GmbH) digital remastered. Journal B veröffentlicht das letzte kleine Filmjuwel aus der weitgereisten Kiste einer Gruppe von Cinenomaden:

Patent Ochsner: «Ludmilla», 1994