Bern ist überall

Also, zurück in den Spanischen Bergen.
Vor wenigen Tagen habe ich mir im nahen Städtchen die Zeitungen gekauft und als ich in einem Café darin zu lesen begann, erinnerte ich mich wieder an meinen Freund und Kollegen Guy Krneta. Insbesondere an zwei Sätze aus seinem letzten Mail. Er würde sich sehr freuen, wenn ich hier an dieser Stelle wieder über Spanien schreiben würde. Man dürfe das Journal B nicht unterschätzen.
Das hat er wirklich geschrieben.
Ich las allerdings gerade einen Artikel, der nur bedingt mit Spanien zu  tun hatte, und noch bevor ich ihn fertig gelesen hatte, kam aus einem Laden neben dem Café eine Frau mit einem Schuh in der Hand auf den Mann am Nebentisch zu. Die Frau war vielleicht um die 60 Jahre alt, war sehr geschmackvoll gekleidet, machte einen aufgestellten Eindruck und fragte: Gefällt dir dieser Schuh?
Es war einer dieser Stoffschuhe mit Schnursohle, die man, glaube ich, auch auf Deutsch  «Espadrilles» nennt. Ohne den Schuh auch nur anzuschauen, sagte der Mann: Von dieser Sorte hast du zuhause doch schon eine ganze Menge! Nein, sagte die Frau, der ist anders, worauf der Mann sagte: Aber du hast doch schon so viele Schuhe.
Weil die Frau dann sagte, sie habe ihn nicht gefragt, wie viele Schuhe sie besitze, sondern, ob ihm dieser Schuh hier gefalle, schaute ich von meiner Zeitung auf, und es entging der Frau nicht, dass ich zugehört hatte und dass ich lachen musste. Sie schaute mich an und fragte: Sind Sie auch so? Nein, nein, behauptete ich, und während sich die Frau wieder dem Schuhladen zuwandte, sagte der Mann am Nebentisch: Sie müssen wissen, dass niemand so viele Schuhe besitzt wie meine Frau.
Oh, sagte ich, ausser vielleicht Frau Marcos, von den Philippinen, erinnern Sie sich? Sie soll 6000 besessen haben.
Der Mann schüttelt den Kopf und sagte: Mi mujer tiene mas! Meine Frau hat mehr!
Ich las dann den angefangenen Artikel zu Ende, in welchem die in Madrid weilende schwedische Erfolgsautorin Camilla Läckberg unter anderem behauptete, die Männer seien eine Rasse für sich, die sich den Frauen überlegen fühle. Hier war es also wieder: «Die Männer». Also der Mann am Nebentisch und ich? Oder ich und dieser Präsidentenfreund, der sich in seiner Zelle umgebracht haben soll und noch ein paar andere? Oder ich und Putin? Oder ich und diese italienischen Politiker und der ganze Rest? Oder ich und Neymar?
Wie käme ich dazu, fragte ich mich, so verallgemeinernd von «den Frauen» zu reden? Als ob alle Frauen in einem einzigen Korb Platz fänden? Nein, Frau Läckberg, dachte ich dann, ich hielt mich nie für klüger als Sie. Nie im Leben. Jedenfalls bist jetzt nicht. Aber seien Sie beruhigt, wandte ich mich in Gedanken dann weiter an sie, kürzlich musste ich nach der Lektüre eines Interviews in der gleichen Zeitung auch Frau Siri Hustvedt meine bis dahin unbeschränkte Bewunderung entziehen, meinte diese doch behaupten zu müssen, die Männer – wieder dieses «die Männer» – liebten zwar die Schönheit der Frauen, aber sie würden es nicht mögen, wenn diese zu aller äusserlichen Attraktivität auch noch intelligent seien.
Ich habe nicht nur selten etwas so Unintelligentes gehört, ich fühlte mich auch richtig beleidigt, denn diese Aussage unterstellt mir eine Dummheit, mit der ich nun wirklich nicht unwidersprochen zu leben gewillt war.
So viel zu Frau Läckberg.
Und was hat das mit Joan Brossa zu tun?
Könnte gut sein, dass es hier in unserem «Bern ist überall-Blog» mit diesem grossen katalanischen Poeten und Künstler wirklich weiter geht, aber mit der spanischen Politik, zu welcher Guy Krneta von mir wieder etwas lesen möchte, geht es etwa so, als liefe alles auf quadratischen Rädern. Es läuft einfach nicht rund. Seit neun Monaten hat Spanien eine Übergangsregierung, vielleicht stehen sogar Neuwahlen an. Und dies in der Zeit, in welcher die Urteile im Prozess gegen die Verantwortlichen der illegalen katalanischen Unabhängigkeitsbestrebungen bevorstehen. Könnte gut sein, dass der Herbst heisser wird als der heisse Sommer. Ganz sicher wird die Reise holperig.

Übers Wochenende finden die Solothurner Literaturtage statt. Bereits im Vorfeld wollen Medien «klaffende Lücken» im Programm ausgemacht haben. Statt das Interesse darauf zu richten, was ein Publikum erwartet und welchen selbst erklärten Ansprüchen die Programmierung zu genügen hat, wird ein Skandalon herbeigeschrieben.

Das Vorgehen ist bekannt. Bei jeder grösseren Preisverleihung findet es mittlerweile statt: Die Auswahl sei fragwürdig, Renommiertere und Gewichtigere seien übergangen worden. Ganz ins Leere läuft der Vorwurf nie. Es liegt in der Natur einer Auswahl, dass sie Wenige berücksichtigt und Viele übergeht.

Das Elend der Literaturkritik

Ja, die Literaturkritik hat heute einen schweren Stand. Redaktionen werden verkleinert, der Platz schrumpft. Kritiken würden nicht gelesen, behaupten die Chefs und berufen sich auf Klickzahlen. Versucht sich das Feuilleton nun Aufmerksamkeit zu verschaffen, indem es wie die Politberichterstattung skandalisiert, auf Personen spielt, angebliche Missstände aufdeckt, Konflikte schürt? Oder fühlt sich eine Kritikerin, ein Kritiker schlicht in der Eitelkeit verletzt, wenn eine unabhängige Jury anders entscheidet, als er oder sie das gerne hätte?

Dabei ist es ja gar nicht so, dass die verbliebenen Festangestellten an Präsenz verloren hätten, im Gegenteil. Sie schreiben heute für Zentralredaktionen, welche im einen Fall die Regionen Bern, Basel, Zürich, Winterthur, im anderen St. Gallen, Luzern, Zug und den Aargau bis nach Basel abdecken. Gesamtleser*innenzahl in beiden Fällen je um die 600’000. Ausserdem sitzen sie in Jurys, moderieren Literaturveranstaltungen (u.a. an den Solothurner Literaturtagen) oder äussern ihre Meinung in Literatursendungen am Schweizer Fernsehen.

Es soll über jene geredet werden, die fehlen

Üblicherweise ist es der Kritiker des «Tages-Anzeigers», der den Ton angibt. Diesmal übernahm die «Aargauer Zeitung» die Methode. Kritikerin Anne-Sophie Scholl traf die Geschäftsführerin der Solothurner Literaturtage Reina Gehrig zum Interview. Ein «konfrontatives» Gespräch sollte es sein. Die «Konfrontation» bestand darin, die Geschäftsführerin sich rechtfertigen zu lassen, warum bestimmte Namen im Programm nicht auftauchten. Da stecke eine gewisse Systematik dahinter, unterstellte die Kritikerin. Die Geschäftsführerin wies (einmal mehr) darauf hin, dass die Literaturtage anders als andere Festivals nicht von einer künstlerischen Leitung kuratiert werden. Strenge Richtlinien gibt es nicht. Es werde diskutiert und zwar innerhalb einer zehnköpfigen Programmkommission, die alle zwei Jahre wechselt.

Machtstrukturen im Literaturbetrieb

 Damit gab sich die Kritikerin jedoch nicht zufrieden. Sie beauftragte die nach Solothurn nicht eingeladene Autorin Corinna T. Sievers, über «Machtstrukturen im Literaturbetrieb» zu schreiben. Die Nichteingeladene sollte nun öffentlich begründen, warum sie «zwingend» hätte eingeladen werden müssen und aus welchen systemischen Gründen das leider nicht der Fall sei. Ein desaströser Auftrag. Und erstaunlich, dass ihn Sievers, vermutlich noch unter Zeitdruck, angenommen hat.

Doch mit den Literaturtagen scheint sie sich nicht weiter befasst zu haben. «In Entscheider-Positionen» sässen «nur 20 Prozent weibliches Personal» zitiert sie eine nicht genannte Studie bzw. die Autorin Nina George: «Alte, weisse Männer» verstopften Jurys und Fördergremien. Zwei Klicks hätten genügt, um auf der Website der Literaturtage festzustellen, dass die Solothurner Programmkommission aus 5 Frauen und 5 Männern unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Sprachen besteht (ja, bezüglich Hautfarbe gibt es Nachholbedarf).

Medienpräsenz als Ticket für Solothurn

Eine andere Studie komme zum Schluss, dass «männliche Literaturkritiker zu 76 % Bücher männlicher Autoren» besprechen würden und Literaturkritikerinnen ihrerseits wiederum zu 52 % Männer. Das erscheint alles, auch wenn ohne Quellenangabe, plausibel. Ein bisschen irritierend ist allerdings, dass die Autorin ausgerechnet ihre eigene hohe Medienpräsenz und die zweier Kolleginnen anführt, um aufzuzeigen, mit welcher dringlichen Berechtigung sie nach Solothurn hätte eingeladen werden müssen: «…Spiegel-Bestsellerliste, Lobeshymnen in Zeit, FAZ, NZZ… SRF 52 beste Bücher…». Soll da einer unabhängigen, paritätisch besetzten Programmkommission etwa mit männlich dominierter Medienresonanz Eindruck gemacht werden?

Eingerahmt werden Sievers zusammengeklaubte Zitate durch die rührige «Geschichte» einer 22-jährigen «Lena oder Lara», die am Literaturinstitut in Biel studiert habe, sich von einem «Verleger» einreden lasse, «wirklich begabt» zu sein und sich von diesem, «weil es ja für irgendwas gut sein muss, eine Frau zu sein», auch mal die Hand aufs Knie legen lasse. Offenbar kennt Corinna T. Sievers weder jüngere Autorinnen, die in Biel studiert haben, noch die in Kleinverlagen organisierte ums Überleben kämpfende Schweizer Buchbranche. So werden ihre «grundsätzlichen» kulturpolitischen Überlegungen entlarvend zur Vorabend-Soap.

Leerstellen – aber bei wem genau?

Und wie es sich für die herdengetriebenen Medienschaffenden gehört, nimmt ausgerechnet der «alte weisse Mann» vom «Tages-Anzeiger», Martin Ebel, der seit Jahren Sendeplätze und Jurys «verstopft», den Ball auf: «Was die Programmkommission dieses Jahr zusammengestellt hat», schreibt er, sei «voller schwer erklärbarer Leerstellen». Schwer erklärbar ist das Verfahren, wie es Reina Gehrig im Interview schildert, eigentlich nicht, aber offenbar schwer begreifbar für einen Literaturkritiker, dessen Alltag darin besteht, seinerseits das Gros der literarischen Produktion auszublenden. – Der Germanist und Literaturvermittler Benjamin Schlüer kontert auf Twitter: «Wenig überraschende, aber billige Kritik am Programm der @SOLiteraturtage von Martin Ebel: Einige wichtige Autorinnen würden übergangen – diese Behauptung passt ironischerweise wie die Faust aufs Auge, wenn man Ebels Liste von Rezensionen ansieht…».

Ein Kritiker muss naturgemäss ausblenden. Dass er sich dann aber nicht freut, bei einem Festival mit möglicherweise übersehenen Dingen konfrontiert zu werden, sondern die Machthebel in Gang setzt, um sich darin bestätigt zu sehen, das einzig Relevante nicht verpasst zu haben, zeugt doch von einer ziemlichen Ignoranz.

Reisekrankheit

von Antoine Jaccoud 20. Mai 2019

On est partis avant l’aube.  On a quitté Aigle, il devait être quoi ? 5 h, 5h15 ? Je m’en rappelle parce que j’ai voulu choper un croissant à la gare, et que le magasin était encore fermé.  Du coup comme j’avais l’estomac vide, ça m’a un peu brassé dans les virages en montant, j’ai presque vomi à la sortie du Sépey. Mais qu’est-ce que vous voulez, ces expulsions de réfugiés, on est bien obligés de les faire tôt le matin. D’abord ça nous permet de profiter de l’effet de surprise : même s’ils sont souvent un peu stressés, ces gaillards, y en a toujours un ou deux qui sont en train de roupiller quand on débarque, et ça nous facilite la tâche. Et puis quand c’est toute une famille qu’il faut embarquer pour les mettre dans l’avion, ça te permet de choper tout le monde en une fois, plutôt que de devoir encore aller chercher les gamins à l’école ou chez la logopédiste ou Dieu sait où.  

On s’est donc pointés sur le coup des 6 heures devant la porte de l’appartement de cette famille de  – c’était des quoi d’ailleurs, ceux-là ? Des Yézidites, ou Yézédines, je sais pas comment on dit exactement, mais pas venus directement de Yézédinie en tout cas, vu que c’est en Géorgie qu’on devait les expédier par vol spécial- bref, leurs origines n’étaient pas très claires, mais ils venaient en tout cas d’un pays arabe à voir leurs figures…- on s’est donc pointés là, devant leur porte, avec ordre d’emmener toute la smala manu militari à l’aéroport de Cointrin dans la matinée.  

On était une quinzaine en tout avec les collègues de Lausanne, dont trois femmes pour s’occuper de la mère et des gamins, ça devait bien se passer. En plus on était à Leysin – moi j’adore Leysin, c’est vraiment une station sympa pour aller skier avec les enfants, et puis y a ce restaurant tournant – le Kuklos, qu’il s’appelle- qui est quand même super- bref, ça devait se passer comme ça se passe en général avec les familles – le serrurier ouvre la porte, on entre en gueulant pour leur faire un peu peur et puis ensuite on leur parle gentiment s’ils se montrent coopératifs-  sauf que les Yézidites ou Yéditiens, je sais de nouveau plus comment on dit, ont fait des histoires. Le père s’est tailladé les bras avec un couteau. La mère s’est mise à nous traiter de tous les noms. Les gamins ont commencé à se cacher sous les lits ou dans les armoires. Impossible de leur mettre le grappin dessus. Nous on a l’habitude, bien sûr, on n’en a régulièrement des qui se roulent par terre en suppliant, en nous disant qu’on les tuera là-bas ou Dieu sait quoi, on n’écoute même plus. Mais là il fallait les voir s’agiter, on ne savait plus comment en faire façon. On aurait dit que leur dernière heure était venue alors que tout ce qu’ils avaient à faire c’était de retourner tranquillement chez eux et de régler leurs problèmes une fois pour toutes, même si leurs gamins avaient chopé l’accent vaudois. On n’aurait pas attaché les adultes, fait un peu la grosse voix devant les gosses, et puis bouclé les valises à leur place, c’est clair qu’on y serait encore.

Une fois toute la bande enfermée dans les fourgons, le chef a appelé le Conseiller d’Etat, à Lausanne.   «The job is done » il lui a dit en voulant crâner un peu (y en a deux ou trois comme ça à la Police Cantonale). Mais Monsieur Leuba n’a pas compris -le réseau n’est pas toujours très bon à la montagne- alors le chef a repris : « on a fait le boulot, monsieur le Conseiller d’Etat » et à voir sa tête, j’ai compris que le grand vizir l’avait félicité.  Là-dessus les collègues de Lausanne ont pris la route pour emmener les Yédzini à Cointrin et nous, ceux du poste d’Aigle, on est allés boire un café. Franchement, on ne l’avait pas volé celui-là.  Et puis moi j’ai pris un sandwich au jambon en plus de mon renversé, j’avais pas envie de me trouver de nouveau mal dans la descente. Eh ben le pire c’est que je l’ai regretté, parce que juste avant le Sépey j’ai dû demander au collègue de s’arrêter et je suis allé rendre tripes et boyaux derrière un entrepôt de l’office des routes. Comme quoi, qu’on soit à jeun ou pas dans les virages, cela ne change pas grand-chose.

…Et puis le soir j’ai demandé à ma femme si elle savait où c’était la Yézidite.
Elle savait pas non plus. On a voulu chercher un moment sur Internet mais on s’est découragé et on a fini par commander un truc en ligne, chez Zalando.  

http://petitiondavrishiyan.strikingly.com/

Beim Betreten der Ausstellung im Kunstmuseum erinnerte ich mich sofort an einen Kollegen, der die Künstlerin Miriam Cahn einmal getroffen hat und erzählte, dass diese schon in jungen Jahren sehr genau gewusst habe, wer sie war und was sie wollte. Daran, ob er sie möglicherweise als «aggressiv» geschildert hatte, konnte ich mich nicht mehr erinnern, sicher ist aber, dass «Aggression» die treffende Bezeichnung für das Gefühl ist,  das mir beim Betreten des Saales entgegenschlug. Schon nach ein paar wenigen ersten Blicken auf die mächtig auftrumpfenden, wildbunten Gemälde an den Wänden musste ich mich in den ersten Nebenraum flüchten, wo eine Seelandschaft hing, die mich nicht auf der Stelle zwang, meinen Blick abzuwenden. Diese Landschaft strahlte sogar so etwas wie Ruhe aus, wenn wahrscheinlich auch eine trügerische. Aber ich war dankbar, dass ich mich dort auf eine Holzbank setzen und mich sammeln konnte. Geflohen bin ich vor aufdringlichen Verstümmelungen und Verzerrungen, die so brutal und direkt auf mich einstürzten, dass ich sofort überfordert gewesen war und, ausser dem Empfinden von Aggression, meine Gefühle nicht mehr einordnen konnte. Plötzlich hatten mich riesige, plakative Fratzen angestarrt, als wollten sie mich als Museumsbesucher verhöhnen. Waren das Bilder, die das Publikum beschimpfen wollen oder sollen? Was hast Du Dir gedacht du spiessiger Sack! Du hast wohl Erbauung und Besinnung gesucht im Musentempel! Irrtum! Gigantischer Irrtum! Falsche Adresse! Ätsch! Bätsch!
Was ich gesehen hatte, zeugte zweifellos von schier grenzenlosem Mut zur Darstellung einer sehr persönlichen und äusserst intensiven Wahrnehmung der Welt. Da war in diesen groteskfarbigen Fratzen und Figuren auch noch eine ebenso grenzenlose Wut auf diese Welt, und ich war wirklich froh, dass ich mich setzen und in diese Landschaft schauend, mich beruhigen konnte. Erst dort auf dieser Bank bemerkte ich, wie verstört ich wirklich war. Ja, dachte ich, ich bin aufgewühlt, verunsichert, klein gemacht, enttäuscht, vor den Kopf gestossen. Viel mehr kann Kunst gar nicht können, als so schnell, so viel auszulösen. Dann dachte ich, viel mehr darf Kunst aber auch nicht müssen, sonst sind wir ja mitten im Krieg. Und schliesslich dachte ich, jetzt schaue ich mir alles noch einmal in Ruhe an, aber bitte, sagte ich mir eindringlich, mit kühlem Kopf und mit etwas mehr Distanz, sonst kannst du gleich nachhause gehen.
     

Weil mich der Kondukteur im Matten-Lift leicht verwundert anschaute, als ich auf seine Frage, ob ich das Billet wolle, mit «Ja» antwortete, sagte ich: «Wer weiss, wie lange es die noch gibt.» Die Münsterplattform lag dann ziemlich verlassen da, nicht mal ein Spatz war zu sehen, alles grau, auch die Aare floss ziemlich grau ins neue Jahr hinein, aber in der Englischen Anlage war jemand in einer roten Jacke unterwegs und vor der Balustrade über der Stützmauer sah ich am nassen Boden erst einen wohl an Silvester verwendeten Aufklebeschnauz, also einen Papierschnurrbart, und dann nicht weit davon entfernt, fast leuchtend, ein kleines Herz aus roter Alufolie.
Die Aare war übrigens nicht nur grau, sie war auch so mager, dass sie nicht das leiseste Rauschen zu bieten hatte. Weitergehend fragte ich mich, ob es wohl stimme, dass im Russischen, wie ich gerade bei Benjamin gelesen hatte, «rot» und «schön» ein Wort ist, bis ich in einem entlaubten Busch hinter der Mauer über der Mattentreppe plötzlich sah, wo sich die Spatzen versteckten. Da sassen vielleicht 40 oder sogar 60 Spatzen in diesem kahlen Busch. Gut, vielleicht waren es nicht 60, aber 50 bestimmt. Genau konnte ich sie nicht zählen, denn vom Münster her war immer wieder der Flügelschlag einer Taube zu hören, der sie alle aufschreckte und durcheinander flattern liess, bevor sie sich wiederum nur kurz in dem Busch niederliessen. Vielleicht weil Sonntag war, gab es kaum Passanten und für einmal auch keine Touristen. Nur an der Kreuzgasse führten ein Mann und eine Frau ihre Hunde spazieren. Und auch an der Gerechtigkeitsgasse kamen ein Mann und eine Frau durch die Laube, die beide kleine struppige Hunde an einer Leine führten.
Diese Hunde trugen beide ein grünes Mäntelchen und waren sehr lebhaft, gingen aber artig bei Fuss neben ihren Besitzern. Ich war nicht sicher, ob es Terriers waren und nahm mir vor, zuhause nachzusehen. Während ich bemerkte, dass der eine der Hunde leichter, vielleicht auch jünger als der andere war, tauchte weiter unten bei der Bushaltestelle noch ein Hund mit einem ebenfalls grünen Mäntelchen auf. Er sah eher mopsmässig aus, hatte lange Haare und kürzere Beine, versetzte die beiden anderen Hunde dennoch in Aufregung. Sie hatten an ihren Leinen zu ziehen begonnen und einer hatte sich mit einer Drohgebärde dem andern zugewandt und ich hörte, wie die Halterin sagte: Ruhe, Zora! Zora! Ruhe! Und dann sagte sie noch: Du muesch dr Küdu nid massregle, das tüä mir scho mache. Ohne zu wissen wozu, merkte ich mir diese Wörter: Du muesch dr Küdu nid massregle, das tüä mir scho mache, und gleichzeitig fiel mein Blick auf einen kleinen Fetzen Papier auf dem Laubenboden. Es war ein bedruckter Kleber, der von Schuhabdrücken schon braun und dreckig war, aber buchstabensüchtig, wie ich bin, musste ich wissen, was dort gerade noch lesbar draufstand und bückte mich. TRAUMA & GEWALT stand da. Beim Abbiegen von der Gerechtigkeitsgasse in das Antoniergässchen sah ich mich dann ganz plötzlich einer Plakatwand gegenüber und auf dem ersten Plakat, das ich bewusst wahrnahm, stand: NÄCHSTER HALT NIRWANA. Es ging um irgend einen Lehrkurs, und gleich daneben stand ebenso gross: UNSEREN BODEN SCHÜTZEN, eine Aussage, die ich schon eher einordnen und auch verstehen konnte.
Zuhause angekommen, suchte ich, sobald ich meine Sachen abgelegt und die nassen Schuhe ausgezogen hatte, nach einem Buch der Hunderassen, in welchem ich meine Vermutung bestätigt fand. Bei «Zora» und «Küdu», muss es sich um Fox-Terriers gehandelt haben. Bevor ich das Buch wieder auf das Regal stellte, hatte ich das Billet des Mattenlifts zwischen die Seiten gelegt. Elektrischer Personenaufzug Matte-Plattform AG –  Fr. 1. 20 steht auf dem kleinen Stück Papier.

Und was hat Maria Tackmann damit zu tun?

Anlässlich der Ausstellung Cantonale Berne Jura zeigte die 1982 in Wattenwyl geborene Künstlerin im Kunstmuseum Thun eine Installation aus Materialien, die sie auf Spaziergängen in einem Quartier von Paris gefunden hat und zum Teil weiter bearbeitete. Es sind zerbrochene Bodenplatten und Backsteine dabei, auch Scherben, Bruchstücke aus Holz, Metall und Plastik. Weil mir diese sogenannte Bodenarbeit sehr gefallen hat, habe ich mich gefragt, was ich denn so mitbrachte, von meinem letzten Spaziergang in Kopf und Hosentasche? Es sind auch nur Fetzen und Fragmente, aber immerhin verweisen sie auf die verwischten Spuren des Lebens in unserer Stadt.

Un conte de Noël

von Antoine Jaccoud 19. Dezember 2018

Y avait Meriton qui scrollait régulièrement l’écran de son Samsung pour regarder la photo d’une Mercédès qu’il convoitait peut-être, ou avait vendu à un cousin. C’était difficile à dire. C’était une belle bagnole en tout cas. Y avait Endrit qui était allé voir la fille de la sœur de sa tante, la belle Blerta, pour lui faire comprendre qu’il l’épouserait bien l’été prochain et que 350 invités dans la grande salle de l’hôtel Eros sur la route de Prizren ce serait le minimum. Y avait Agon qui était allé voir son père qui agonisait à Ferizaj et qui se disait qu’il eut mieux valu qu’il meure maintenant plutôt qu’à Noël – période durant laquelle il aurait du mal à revenir au bled à cause de son boulot dans une grande surface. Y avait aussi Kushtrim dont la mère se remettait gentiment d’un AVC à Lipjan après deux mois passés à l’hôpital central de Pristina -celui que, personnellement, je vous déconseillerais si vous pouvez choisir. Y avait Jeton, enfin, qui s’était fait faire une coupe de cheveux style mercenaire russe en poste dans le Dombass et qui trouvait ça beau. Bref, c’était un vol normal entre Pristina et Genève comme il y en a tous les matins. Une partie de la tête était encore au pays, l’autre déjà à Yverdon, ou à Lausanne, tandis que sur la gauche les Alpes bernoises commençaient à percer vaillamment la mer de brouillard et que les crêtes du Jura étaient encore un peu à la traîne sur ce point.  On en était là lorsque le steward en gilet noir annonça la collecte de l’UNICEF pour les enfants victimes de la polio, « les derniers » précisa-t-il. Ce fut alors comme si tous se réveillaient, oubliaient leur smartphone, leurs soucis, leurs petites affaires et leurs projets. Meriton donna une pièce de 5 francs. Endrit jeta un billet de 10 euros dans le sac plastic marqué du logo de l’UNICEF. Agon donna tout ce qui lui restait de monnaie en euros, ce qui eut pour effet d’alourdir considérablement le réceptacle de la collecte. Kushtrim mit 20 balles sans sourciller. Et Jeton, oui, celui qu’on aurait bien vu dans une tranchée, en treillis et une AK 47 à la main, sortit de sa poche une pièce de 2 francs suisses. Je tenais mon conte de Noël. Sauf que c’était du vécu. A l’arrivée à Genève, alors que tous se levaient dans une joyeuse cohue pour attraper leurs bagages, un de ces gaillards m’aida encore à mettre mon manteau, tirant sur la manche mal dépliée, corrigeant les épaules, ajustant la capuche. Tel un frère. La meilleure partie de la Suisse, je me dis, c’est le Kosovo.

Zuerst einmal ist es eine ungeheure Erleichterung: da geht in einem grossen europäischen Land der einheimische untere Mittelstand auf die Strasse und protestiert und tut das für einmal nicht gegen die Ausländer und in nationalistischen Tönen, sondern der Protest geht dorthin, wo er hin soll: gegen die Mächtigen, diejenigen, die mit ihren politischen Entscheiden dafür verantwortlich sind, dass es ihnen, den Menschen, die auf die Strasse gegangen sind, so dreckig geht. Dass Macron es nicht –  oder jedenfalls nicht in diesem Mass –  verdient hat, zur Symbol- und Hassfigur einer Elite zu werden, die sich um die Interessen der Benachteiligten foutiert, ist dabei nur ein kleiner Schönheitsfehler. Viel schwerer wiegt, dass die Gilet Jaunes zwar klassische linke Anliegen auf die Strasse tragen, von der Linken aber nichts zu hören ist. Wer sich einmischt ist dafür Marine Le Pen, die sich als „Gilet jaune“ der ersten Stunde bezeichnet und sich also Chancen ausrechnet, die Kraft dieses Protestes auf ihre Mühlen zu lenken. Nach der Erleichterung könnte der Schrecken folgen, dass auch dieses Volk sich gegen rechts wendet.
Die Gilets dieser Bewegung sind nicht rot und sind nicht braun, sie sind gelb, haben also keine politische, sondern eine Warnfarbe. Das ist ja auch der ursprüngliche Zweck dieser Gilets: sie sind obligatorisch in jedem französischen Auto dabei und werden bei einem Unfall angezogen, um eben darauf hinzuweisen und zu warnen: Achtung, hier hat sich ein Unfall ereignet.
Und dass bei so vielen Franzosen und auch andern Bewohnern Europas das Geld so knapp geworden ist, dass sie nicht den Klimawandel und ein mögliches Ende Welt, sondern das Ende des Monats fürchten müssen, das ist tatsächlich ein Unfall, zu dem gehört, dass er nicht einfach passiert ist, sondern verursacht wurde – durch Politik. Die wirtschaftliche Produktivität und der gesamtgesellschaftliche Reichtum sind in den letzten Jahrzehnten stets gestiegen, gleichzeitig wurde die Verteilung immer ungleicher. Das ist der Unfall, auf den die Gilet Jaunes hinweisen. Und wir können nur hoffen, dass sie auch weiterhin gegen die Politik demonstrieren, die diesen Unfall verursacht hat und noch immer verursacht.

Da liest man also in der Zeitung von einem Füllfederhalter der Marke Montblanc, der 1.5 Millionen Euros kostet. Auch ein Bild ist da. Am Deckel des Füllers klebt eine Spinne, die natürlich in alleredelsten Materialen, das Gerät mit einem Netz überzieht, das symbolisch für jenes Gewebe steht, das auch durch die Schrift, durch Wörter und Sätze entsteht.
Nun ist ein Füller ja nicht irgendetwas, habe ich doch gerade jetzt auch einen in der Hand. Diese Buchstaben hier schreibe ich mit einer Rotring Art-Pen. Ich glaube, sie kostete mich etwas um die 25 Franken.
In der gleichen Zeitung (La Vanguardia) sehe ich im Zusammenhang mit einem Bericht aus Yemen das Bild eines unterernährten Kindes auf einem Spitalbett. Es trägt nur eine Windel, seine Gelenke stehen hervor, seine Glieder sind dünn, dünn, einfach wahnsinnig dünn und zerbrechlich. Der Blick des Kindes aus den grossen dunkeln Augen ist herzzerreissend, es kostet mich Mühe, meinen Blick nicht von seinem abzuwenden. Es tut weh, denn es ist nicht leicht, die eigene Hilflosigkeit in Anbetracht eines solchen Verweises auf den Zustand der Welt zu ertragen. Ich tue es. Zwinge mich, das Bild zu sehen und mir zu überlegen, was es mit mir zu tun hat. Gleichzeitig wird mir bewusst, dass es anders als hier in Spanien vermutlich keine mitteleuropäische Tageszeitung mehr gibt, die mir ein solches Bild zumuten würde. Eine schweizerische schon gar nicht! Und ich frage mich, ob das gut ist, ob das nicht auch eine Art von Zensur bedeutet?
Und was hat Meindert Hobbema damit zu tun?
Gerade dort, wo uns kommerzielle Medien, die sich ja verkaufen müssen, so oft vor der Realität zu schützen versuchen, dort hat die moderne Kunst – in Wort und Bild – sicher einen ihrer edleren Aufgabenbereiche gefunden. Kunst kann uns zur Konfrontation zwingen. Jemand der dies beispielhaft und sehr erfolgreich tut, ist die englische Künstlerin Jenny Saville. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, wurde letzte Woche ein Bild von ihr für rund £ 10 Millionen versteigert, in London versteht sich! Da es sich um den höchsten Preis handeln soll, der je für das Werk einer lebenden Künstlerin oder eines lebenden Künstlers bezahlt wurde, wäre es durchaus gerechtfertigt gewesen, dass es hier in meinem letzten Blog aus Spanien mit Jenny Saville weiterginge. Aber Presse und Berichterstattung ist das eine, Kunst ist etwas anderes. Es widerstrebt mir, ein Bild zur Betrachtung aufzuschalten, das ich nicht gerne anschaue, obschon ich es als meine Pflicht betrachte, die Realität wahrzunehmen. Keinesfalls möchte ich mich zum Kunstkritiker aufspielen und über die Künstlerin Saville oder ihre Bilder ein Urteil fällen. Aber Bilder, deren Kraft mir sofort ins Auge springen, in die ich mich aber nicht vertiefen, die ich also nicht genauer betrachten möchte, stellen mein Verständnis von Kunst infrage. Sollte Kunst nicht so sein, dass man sie sehen will, ausgiebig und immer wieder? Wie zum Beispiel die berühmte, auch in London beheimatete Allee von Hobbema? Hat man dieses Bild je wirklich und ganz gesehen? Möchte man sich nicht immer wieder in diese Situation hineinbegeben? Da kann man lange über diesen Himmel staunen, zu Ende gesehen hat man ihn nie!

J’ai peur qu’avec cette pétition lancée pour offrir un pavillon suisse à l’Aquarius, je parle de ce bateau qui erre en Méditerranée avec des migrants dessus, eh bien j’ai peur que cette action crée un appel d’air comme on dit, c’est à dire une sorte de signal positif à l’endroit des migrants, une manière d’encouragement en quelque sorte, une véritable invitation à venir chez nous pour s’y installer durablement et que, dès lors, fort de ce signal, davantage encore de migrants veuille migrer en direction de chez nous alors qu’ils sont déjà des dizaines, voire des centaines de milliers, voire des millions à se ruer dans nos contrées pour quémander qui des soins, qui du travail, qui encore une Audi A4 gris métallisé et un smartphone neuf; oui, je le dis sans ambages, j’ai peur que cette pétition exigeant que le pavillon suisse flotte sur le mât de cet Aquarius convoque littéralement ces migrants chez nous alors que nous n’avons tout simplement pas la place pour les accueillir sans parler des tracas et des soucis sans fin auxquels nous sommes journellement confrontés à l’échelle de notre propre communauté. On objectera probablement à ces arguments de simple bon sens que cet Aquarius ne peut pas aborder directement chez nous puisque notre pays n’est pas exposé à un contact direct avec la mer. Je reconnais bien volontiers cette évidence topographique indéniable mais je veux rendre ceux et celles qui mettront de tels arguments dans la balance qu’avec cet appel d’air les migrants dès lors stimulés dans leur désir de se rendre chez nous pourraient tout simplement se mettre en tête de creuser des canaux leur permettant de relier la mer aux lacs de notre pays, par exemple entre Sète et Yverdon, ou encore entre Marseille et Walenstadt, à moins qu’ils ne choisissent tout bonnement de se déplacer à pied jusqu’à ceux de nos lacs qui font office de frontière avec l’étranger, tel le Lac Léman ou le lac de Constance, et, une fois arrivés sur les berges de ceux-ci, se jeter à l’eau une nouvelle fois, ou alors se servir de pédalos voire de paddles, afin d’aborder nos rivages pour ensuite nous envahir avec la claire intention finale de nous remplacer dans nos églises, nos vignes, nos ongleries, nos spas puis, pourquoi pas, nos lits. On le voit, une telle perspective ne peut que nous encourager à dire non à une demande aussi insensée. Que flotte notre étendard sur les cimes, les casernes et les hôtels garnis, mais pas sur l’Aquarius. 

Spielt Philosophie für das Leben eine Rolle, hat sie Einfluss auf unser Handeln?  Sogar für die Beantwortung ethischer Fragen, so vermute ich, hat die Philosophie kaum ein Gewicht. Wer wird schon durch die Lektüre philosophischer Texte zum Vegetarier?

Noch viel weiter von der Wirklichkeit praktischen Handelns scheint die Frage entfernt, ob die Welt letztlich nur aus Materie besteht, und sich alles, was existiert, mit Hilfe von Physik erklären lässt. Nun gibt es ziemlich viele Leute – und an den Universitäten sind sie vielleicht sogar in der Mehrheit – die davon überzeugt sind, es gebe in der Welt letztlich nichts als Materie und Physik. Im philosophischen Fachjargon gesprochen heissen diese Leute übrigens Naturalisten. Selbstverständlich gibt es im akademischen Diskurs auch die Gegenposition. So beispielsweise beim amerikanischen Philosophen Thomas Nagel mit seinem Buch Geist und Kosmos, das folgenden langen Untertitel trägt: Warum die materialistische, neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist.

Im deutschen Sprachraum ist Markus Gabriel nicht nur der jüngste Philosophieprofessor, sondern auch die prominenteste Stimme derjenigen, die die Physik als Welterklärungsformel in ihre Schranken weisen wollen. Für ihn erklärt die Physik gar nichts mehr, sobald es um den menschlichen Geist und seine Erzeugnisse (Gedichte, Staaten, Gerichtsurteile) geht. Um etwas über den Menschen zu erfahren, sollten wir seiner Meinung nach nicht unbedingt nur Romane, sondern auch die neusten Fernsehserien wie zum Beispiel Westworld anschauen.

Soweit so gut, könnte man sagen. Sollen die Philosophen und wer dazu Lust hat, sich um die Philosophie kümmern, und die anderen schauen sich direkt Westworld an, und am Ende des Tages sind das einfach zwei verschiedene Sorten von Freizeitbetätigung. Oder ist diese Sicht zu einfach und vielleicht sogar grundsätzlich falsch?
Der Philosoph Markus Gabriel gibt hierauf eine irritierend eindeutige Antwort.  Er hat ein Video einer Japanreise auf Youtube gestellt, und im Gespräch mit, wie ich annehme, japanischen Philosophiestudenten sagt er dort Folgendes (auf Englisch natürlich):  „Der Naturalismus ist das Problem des 21. Jahrhunderts, nicht Terrorismus. Und ich denke, dass viele Leute in Regierungs- und Verwaltungspositionen Naturlisten sind. Aber der Naturalismus ist pure Ideologie. Naturalismus ist so gefährlich wie der Klimawandel. Ich denke, er ist die grösste intellektuelle Krankheit unserer Zeit.“
Wir müssen davon ausgehen, dass der Klimawandel eine Bedrohung für unsere Zivilisation bedeutet. Denkt Gabriel also, der Naturalismus sei eine Bedrohung für unsere Zivilisation?  Aber wie kommt er zu einer solchen Meinung? Kommt es daher, dass der Philosoph, das, was ihm am liebsten ist, das Philosophieren nämlich, masslos überschätzt und ihm deshalb in selbstherrlich, selbstverliebter Weise eine Bedeutung zuspricht, die es niemals hat?

Oder hat der brillante Philosoph da einfach über die Länge von  ein paar Sätzen hinweg die Zügel schiessen lassen, angeheizt von irgend einem japanischen Schnaps oder Tintenfischgericht? Oder habe ich ihn missverstanden, meint er es gar nicht so drastisch? Oder aber – und das ist für mich die beunruhigendste Deutung – bin ich blind für die Gefahr, die von Menschen ausgeht, die denken, es gebe im Grunde nur Materie und Physik?

Und wer gibt mir die Antwort auf diese Fragen? Ich versuche es einmal mit einer Email an Markus Gabriel und gebe, falls ich vom vielbeschäftigten Professor eine Auskunft erhalte, hier wieder Bericht.

Ja, Katalonien ist noch da, nicht weit von hier, und noch beherrscht das Unabhängigkeitsthema Land und Leute, aber aus dem angekündigten heissen Herbst wird wohl nichts. Wegen der vielen Einsprachen hat das Höchste Gericht Spaniens den Prozess gegen die angeklagten und zum Teil in Untersuchungshaft weilenden Politiker und Politikerinnen ins neue Jahr hinein aufgeschoben. Der amtierende Katalanische Präsident hat schon vorgewarnt, dass man eine Verurteilung nicht akzeptieren würde. Wie genau sich dies äussern wird, hat er allerdings nicht verraten.

Was Restspanien betrifft, ist es dem Berichterstatter eher peinlich, sich hier auch noch über die mit gefälschten akademischen Lorbeeren geschmückten Lebensläufe so vieler Politiker und Politikerinnen auszulassen. Gab es nicht mal diese menschliche Erfindung der Scham? Und gäbe es in diesem Land nicht Probleme, die die volle Aufmerksamkeit der Politik verdienten? Als ich neulich hörte, wie ein Nachbar beim Kartenspiel vor der Taverne auf dem Dorfplatz sagte: «Jetzt stellen sie einander ihre Universitätsabschlüsse in Frage», kam es mir vor, als hätte sich im Ton seiner Stimme die weit verbreitete Verachtung für die Politiker und Politikerkerinnen abermals gesteigert.

Und weil der amtierende sozialistische Präsident in Madrid so sozialistisch gar nicht ist, trifft er sich auch noch mit diesem Monsieur aus dem Wallis der FIFA und bringt die WM 2030 ins Gespräch. Brot und Spiele könnte man sagen. Sicher ist, der Lack der neuen Regierung war schneller ab, als es die schlimmsten Pessimistinnen vorauszusagen gewagt hätten. In den ersten 100 Tagen gab es 100 Fettnäpfchen und keines wurde ausgelassen. Wie leicht ist es doch, den Waffenexport in kriegführende Länder zu geisseln, wenn man in der Opposition ist. Einmal an der Macht sind in diesem von Arbeitslosigkeit geplagten Land die Stimmen der Betroffenen plötzlich doch wichtiger als die hochgehaltenen Ideale. Etwas verblüfft stellt man deshalb fest, dass da eine Regierung angetreten ist, die zwar für Spanien eine spektakuläre Frauenmehrheit zu bieten hat, die sich sonst ethisch und moralisch aber bei weitem nicht so klar von ihrer gestürzten Vorgängerin abhebt, wie man erhofft hatte.

Und was hat Wolfgang Mattheuer damit zu tun?

Präsident Sanchez spricht von einer WM in Spanien und YB spielt in der Champions League und Wolfgang Mattheuer hat mit seiner Lithografie eines der wenigen beachtenswerten Kunstwerke geschaffen, die es meines Wissens zum Thema Fussball gibt. Gut, es hat nichts mit dem Massenphänomen Fussball zu tun, aber auch hier ist der Ball rund und er fliegt so hoch über die Welt, als wäre es der Mond. Eigentlich eine herrliche Szene, wenn auch nur mit drei Zuschauern. Leicht erkennbar ist aber auch, dass hier ein Meister am Zeichnen war. Wolfgang Mattheuer war denn auch nicht irgendwer. Als Mitbegründer der Leipziger Schule ist er mitverantwortlich für die wenigen künstlerischen Impulse, die von der DDR über ihr Ableben hinaus wirksam blieben.

Le jour où

von Antoine Jaccoud 13. September 2018

Certains se sont débarrassés de leurs vêtements pour courir nus dans la rue.

Un est descendu dans sa cave et a commencé à ouvrir une bouteille après l’autre invitant ses voisins à boire avec lui.

Des couples, qui n’en finissaient pas de s’engueuler depuis des années, se sont quittés en quelques secondes.

D’autres – hommes et femmes, hommes et hommes, femmes et femmes, hommes et bêtes, enfin – qui se regardaient depuis des lustres sans oser se parler, se sont jeté l’un sur l’autre et se sont aussitôt promis un amour éternel.

Des scènes d’amour physique ont commencé d’avoir lieu un peu partout dans les parcs, dans les rues voire sur les places publiques.

Des bègues ont cessé de bégayer. Des hypochondriaques se sont mis à siffler comme des pinsons.

Des crucifix ont été arrachés (mais d’autres ont surgis dans les bras de certains désespérés). Des mosquées sont tombées (mais d’autres ont poussé sous l’impulsion de certains désespérés). Des panneaux publicitaires à la gloire des marchands de lunettes et des compagnies aériennes ont été jetés au sol. Des spas et des fitness ont été endommagés.

Des automobiles, électriques pour la plupart, ont été renversées.

Les employés des offices des poursuites et des centres de placement ont quitté leur poste de travail, annonçant en partant à ceux et celles qui attendaient leur tour d’être maltraités qu’ils pouvaient rentrer chez eux et dormir sur leurs deux oreilles.

Des migrants ont été invités à manger la fondue. Des prostituées ont reçu des baisers sur les joues. Des abattoirs ont été ouverts libérant des vaches et des porcs sautant comme des cabris.

C’était en 2035, lorsqu’on a su que la lutte contre le réchauffement climatique – enfin, ce simulacre de lutte, avait définitivement échoué.

 

Selon le  journal Earth System Dynamics, on devrait savoir dès 2035 de manière à peu près certaine si la planète pourra être encore sauvée ou si le climat sera définitivement hors de contrôle. https://www.earth-syst-dynam.net/9/1085/2018/

Willi Schmid, langjähriger Lektor des Zytglogge Verlags, Träger des Berner Sisyphus-Preises und Mitgründer der Solothurner Literaturtage, wird am 8. September neunzig.

Zu diesem Anlass haben Anina und Ursina Barandun, zusammen mit Bernhard Schlup (Gestaltung), ein Buch herausgegeben: Originaltexte, frisch geschrieben für Willi Schmid, als Privatdruck, den er anstelle eines grossen Festes ausgehändigt bekommt. Das Buch enthält Texte u.a. von Maja Beutler, Peter Bichsel, Beat Brechbühl, Ernst Burren, Yla Margrit von Dach, Urs Frauchiger, Gret Haller, Franz Hohler, Helmut Hubacher, Peter von Matt, E.Y. Meyer, Francesco Micieli und Markus Michel.

Willi Schmid war Chemiker, in leitender Position, als er seine sichere Existenz aufgab und Lektor beim kleinen Zytglogge Verlag wurde. Er prägte die Schweizer Literatur in den folgenden Jahrzehnten massgeblich. Er entdeckte und förderte unter anderem Gerhard Meier und war mit etlichen Autorinnen und Autoren eng verbunden, selbst wenn deren Bücher gar nicht im Zytglogge Verlag erschienen. Willi Schmid war eine Instanz, als Freund, Leser, Förderer. Nach seiner Pensionierung als Lektor wurde er Bio-Winzer am Mont Vully, oberhalb von Vallamand.

In seinem Beitrag schreibt Peter Bichsel: «Irgendwie hast Du der Schweiz das Lesen beigebracht und Deinen Autoren das Schreiben. Und dies nicht als Literaturpapst oder wortgewaltiger Kritiker, sondern als Mentor, als geduldiger Begleiter und stiller Geniesser. Du hast mit der Literatur Dich selbst gerettet und uns alle auch».

Das erwähnte Buch ist in einer Auflage von 70 Stück erschienen und kann nicht käuflich erworben werden. Journal B veröffentlicht hier die Beiträge von Guy Krneta und Samuel Moser.

 

Guy Krneta / Der Hintertriebene

Wenn ich jemandem erkläre, was den Beruf des Lektors ausmacht, erzähle ich von Willi Schmid. Ich weiss natürlich, dass Willi Schmid nicht der Prototyp des Lektors ist. Dass er eher die seltene Ausnahme, der Ideal-Lektor ist, den es eigentlich nur in der Erzählung gibt. Und ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich Willis Tätigkeit auch nur aus der Erzählung kenne. Es ist nie dazu gekommen, dass wir zusammen an einem Buch gearbeitet haben. Ich habe mir immer gewünscht, dass es dazu käme. Weil Willi, wie ich mir vorstelle, der Lektor wäre, den ich mir wünschen würde. Ich hätte gerne für und mit Willi ein Buch geschrieben. Da ich von Kolleginnen und Kollegen weiss, die das zu ihrem Glück getan haben. Und die dank Willi Bücher geschrieben haben, die es ohne ihn, seine Aufmerksamkeit, seine Neugier und Kritik nie geben würde.

Wenn ich erkläre, was den Beruf des Lektors ausmacht, sage ich: Willi Schmid hat mit seinen Autorinnen und Autoren gearbeitet, bevor die überhaupt wussten, dass er mit ihnen an einem Buch arbeitet. Er ging mit ihnen spazieren, hat sich mit ihnen unterhalten, ihre frisch geschriebenen Texte gelesen und ihnen vielleicht gezeigt, wie daraus ein Buch werden könnte. Wenn das Buch dann fertig war, ging er damit zum Verlag. Und meistens, nehme ich an, hat der Verlag das Buch in dieser Form übernommen. Ein Lektorat war ja kaum mehr nötig.

Was mich an dieser Arbeitsform immer fasziniert hat, ist das leicht Hintertriebene. Ich weiss nicht, wann Willi all die Bücher lektoriert hat, von denen sein Verlag und sogar seine Autorinnen und Autoren noch gar nichts ahnten. Er muss eine grosse Narrenfreiheit besessen haben, die heute in vielen Verlagen, in der Literaturszene überhaupt oft fehlt. Weil angeblich das Geld fehlt zum gemeinsamen Spazieren, Sich-Unterhalten und ziellos Lesen. Vielleicht hat es ja schon damals gefehlt. Und Willi hintertrieb seinen Verlag, seine Autorinnen und Autoren nachts, am Wochenende, unbezahlterweise womöglich.

So stelle ich mir das vor. Und ich erzähle es allen, die Willi nicht kennen, die nie mit ihm zu tun hatten, nie mit ihm an einem Buch gearbeitet haben, in der Hoffnung, dass sein Vorbild des Hintertreibens weiter wirkt.

Guy Krneta ist nach seiner allerersten Lesung beim Offenen Block an den Solothurner Literaturtagen 1988 von Willi Schmid angesprochen worden und hält sich seither für mit ihm befreundet.

 

Samuel Moser / Traumberuf Willi

Es stimmt nicht, dass früher in allen Büchern auf der Rückseite des Titelblattes oder zuhinterst irgendwo stand: «Lektorat Soundso». Ich habe nachgeschaut. Aber in meiner Erinnerung ist es so. Und dann stimmt es sicher auch nicht, dass «Soundso» immer Willi Schmid war. Dass Willi Schmid alle Bücher, die ich las, lektoriert hat. Willi möchte ich diese Herkulesarbeit auch gar nicht zugemutet haben – den Büchern dagegen eigentlich schon.

Es ist nicht so gewesen, aber es muss so gewesen sein.

Ich kenne selbstverständlich andere Lektoren. Oder ich kannte andere, denn heute gibt es sie ja kaum noch. Jedenfalls nicht solche, wie Willi einer war. Wie Willi einer ist. Willi wurde mir zum Inbegriff des Lektors. «Lektor» und «Willi» sind zwei Bezeichnungen für ein und dasselbe. Nicht deckungsgleich zwar, denn ich wünschte und wünsche mir überhaupt nicht, dass der eine im andern aufginge und verschwände. Aber im Kern sind sie eines.

Früher oder wohl doch ein bisschen später, als ich ein zweites Mal lesen lernte und nicht mehr Polizist, Lokomotiv- oder Kranführer werden wollte, wollte ich Lektor werden. Nicht Autor und nicht Verleger. Und Kritiker schon gar nicht. Weshalb kann ich post festum nur spekulieren. Ich glaube ja nicht, dass ich damals so dachte wie heute. Möglicherweise erfinde ich jetzt die Gründe, und sie haben damals wie heute, sicher jedenfalls heute, wenig mit dem tatsächlichen Beruf eines Lektors zu tun.

Immerhin lassen die Gründe von heute mich immer noch träumen.

Trotz der Lehre vom «Tod des Autors», von der ich mittlerweile nicht mehr so überzeugt bin oder nicht mehr auf diese Art überzeugt bin, wie ich es einmal war, glaube ich, dass ich Lektor werden wollte, um dem Autor nahe zu sein. Dem Autor als Autor. Dem Autor und seinem Text im Augenblick, wo er noch sein Text ist. Und doch schon nicht mehr nur sein Text. Dieser Augenblick scheint mir aufregend. Der Augenblick, in dem er ihn aus der Hand gibt oder gerade begonnen hat, ihn aus der Hand zu geben. Der Funke zwischen Gottes und Adams ausgestreckten Fingern. Augenblick der Einheit und Trennung, der Einheit von Einheit und Trennung. Ein Augenblick der Zartheit und der Härte, des Loslassens und des Losreissens. Augenblick des Abschieds und der Emanzipation. Ein mythischer, ein religiöser Augenblick beinahe, genau und unfassbar zugleich, dämmernd zwischen Nacht und Tag. Augenblick der Scheidung und Entscheidung. Der Krise und der Kritik. Der Kritik jedoch vor der Publikation, nach der der Text im Literaturbetrieb dann aufgerieben wird, wo das Urteilen oft mehr seiner Klassierung und Kastrierung dient als seiner Entfaltung. «Halbprivat» könnte man das Verhältnis zwischen Autor und Lektor in diesem Moment nennen. Und wenn der Ausdruck ans Krankenwesen erinnert, ist das nicht falsch. Es geht mir jedenfalls um den schwachen Text. Horaz hat in seiner Ars poetica geschrieben, dass der Kritiker viel besser vor der Publikation eines Werkes als danach seine Arbeit verrichten sollte. Um die Stärken des Textes zu fördern, nicht um seine eigenen zu zeigen. Natürlich ist das eine andere, eine zweite Art der Kritik, und sie kann die des öffentlichen Diskurses nicht ersetzen. Aber ich stelle doch mit leichtem (und frohem) Erstaunen fest, dass ich mich, bevor ich selber Kritiken zu publizieren begann, offenbar mehr für die zweite Art interessierte, die des Horaz eben. Ich hoffe, wenn ich heute die Wahl hätte, würde ich mich immer noch für sie entscheiden. Oder wieder für sie entscheiden nach vielen Erfahrungen mit der ersten Art der Kritik.

Als ich Lektor werden wollte, kannte ich Willi Schmid noch nicht. Das heisst, ich kannte Willi, bevor ich ihn kannte. Auch ihn habe ich erfunden. Zumindest war da die Idee von ihm. Sie hatte nur noch nicht zu ihrem Bild gefunden.

Ich wollte also nicht Lektor, ich wollte Willi werden. Jetzt weiss ich auch, weshalb ich es nicht geworden bin. Willi kann man nicht werden. Nur Willi konnte es. Und auch er hat es nur gekonnt, weil er es nicht können musste. Deshalb erscheint mir auch die Klage über das Verschwinden der Lektoren unangemessen. Es kann nicht verschwinden, was es nie gegeben hat. Nur Willi gibt es.

Untröstlich bin ich nicht, dass ich es nicht geschafft habe, Willi zu werden. Hätte ich es denn schaffen können? Wo kein Gelingen möglich ist, gibt es auch kein Scheitern. Nur ein unerfüllter Traum bleibt ein Traum.

Samuel Moser ist Literaturvermittler, Herausgeber und Literaturkritiker und Präsident der Stiftung Robert Walser Biel, die den Robert-Walser-Preis verleiht.

Oh Afrika

von Gerhard Meister 5. September 2018

Im Kaufleuten in Zürich fand eine Podiumsdiskussion statt unter dem Titel Wer ist schuld am Elend Afrikas? Auf dem Podium diskutierten, geleitet von einem Journalisten des Tagesanzeigers, ausgewiesene Fachleute.

Auf der einen Seite war David Signer, der Afrika-Korrespondent der NZZ, auf der anderen Tina Goethe von Brot für alle. Zwischen diesen beiden sass, auch von seinen Positionen her oft in der Zwischenlage Mohomodou Houssouba, Schriftsteller und Dozent am Afrika-Institut in Basel. Der grosse Saal des Kaufleuten war bis auf den letzten Platz besetzt. In einer der reichsten Städte der Welt kamen fünfhundert Leute, um zu hören, wer schuld hat daran, dass in Afrika die Mehrheit der Leute bitterarm ist.  Erstaunlich dieses Interesse für Afrika, von dem oft gesagt wird, sein Schicksal interessiere hierzulande nicht. Aber der Saal war voll. Fünfhundert Leute hatten Platz genommen und wollten wissen, wer ist schuld an dieser in so vielen Fällen tödlichen Armut. Aber genauso war es natürlich nicht. An den Reaktionen auf die Statements auf dem Podium liess sich klar erkennen, jede und jeder hatte schon seine Vorstellungen mitgebracht davon, wo die Schuld liegt für Afrikas Elend und applaudierte, wo auf dem Podium gesagt wurde, was der eigenen Meinung entsprach oder protestierte, wenn es dagegen ging. Sie kennen Afrika nicht, rief beispielsweise eine Afrikanerin im Saal zu Signer, der sich seit Jahrzehnten mit Afrika auseinandersetzt und heute in Dakar lebt.

Jeder, der Zeitung liest oder vielleicht schon einmal ein entsprechendes Buch gelesen hat, kann die Gründe aufzählen, die für Afrikas Elend verantwortlich gemacht werden: der Kolonialismus, die ungerechten, sprich: ausbeuterischen Handelsbeziehungen zu den reichen Ländern, dann die unfähigen, korrupten afrikanischen Regierungen und die schwachen, rechtsunsicheren Staaten, die damit einher gehen. Und je nach politischer Einstellung und Weltbild sind es dann eher die externen Gründe, die zählen, kurz: im linken Weltbild sind Europa und die reichen Länder schuld am Elend und Afrika das Opfer von Kolonialismus und Ausbeutung oder dann sind, im rechten Weltbild, die Afrikaner selber schuld, dass es ihnen nicht besser geht.

Und genau nach diesem Muster lief es dann auch auf diesem von Fachleuten besetzten Podium, jedenfalls im Fall von David Signer, dem Afrika-Korrespondenten der NZZ. Natürlich leugnet Signer weder Kolonialismus noch billigt er – wenigstens auf Nachfrage – die Geschäftspraktiken von Glencore im Kongo, aber verantwortlich für das Elend sind die afrikanischen Regierungen. Symptomatisch sein Statement, mit dem er in der Werbung für die Veranstaltung angekündigt wurde: Der eigentliche Skandal hinter dem Flüchtlingsdrama im Mittelmeer ist nicht die «Abschottung Europas», sondern die Gleichgültigkeit der afrikanischen Regierungen gegenüber dem Exodus. Woher das Bedürfnis, eigentliche und uneigentliche Skandale voneinander zu unterscheiden, wenn nicht daher, ein Weltbild zu haben, in dem klar zwischen dreckigen Händen und sauberen Westen unterschieden werden kann?

Signer nannte dann noch einen weiteren Grund für Afrikas Unterentwicklung: Die afrikanische Kultur sei antikapitalistisch und sozialistisch auf Solidarität ausgerichtet, also: wer Geld hat, muss es verteilen und hat deshalb, wenigstens in der Logik kapitalistischen Denkens, keinen Antrieb, welches zu verdienen. Schade, ging aus dieser Feststellung keine Diskussion hervor darüber, wie Afrika uns möglicherweise helfen könnte, aus dem Zuviel an Kapitalismus und Egoismus, in das wir hineingeraten sind, wieder hinaus zu finden.

Den Standpunkt der Linken vertrat Tina Goethe, weniger dogmatisch als Signer insofern, dass sie keine globalen Urteilsprüche verkündete, aber doch verengt im Blick, den sie ausschliesslich auf die Verantwortung des Westens gerichtet hielt. Symptomatisch hier: Auf die Frage, wie sie die Politik der Chinesen in Afrika beurteile, beurteilt sie nicht die Chinesen, sondern die Europäer ( die Chinesen sind nicht schlimmer als die Europäer, früher waren diese noch schlimmer).

Dass es Europa besser machen könnte, wie Goethe behauptet, das bezweifelte auch Signer nicht. Allerdings, ob es viel ändern würde. Goethe wurde mit folgendem Statement vorgestellt:

Noch immer ist Afrika vor allem billiger Rohstofflieferant. Die Gewinne daraus fliessen am Fiskus vorbei auch in die Steueroase Schweiz. Nur ein Bruchteil der vielen Milliarden, die den Ländern als Steuereinnahmen verloren gehen, investiert die Schweiz in Entwicklungszusammenarbeit.

Tatsächlich stellt sich die Frage: bedeutet mehr Entwicklungszusammenarbeit auch wirklich mehr Entwicklung? Wer glaubt noch, dass Afrikas Probleme allein mit Geld gelöst werden können?  Was passiert, wenn ein Staat wie der Kongo die Milliarden, die ihm jetzt entgehen, an Steuern einnehmen könnte? Wieviel davon würde den Bürgerinnen Bürgern zugute kommen, wieviel verschwinden in privaten Taschen?

Gegen den Fatalismus, der bei der Beschäftigung mit dem Thema aufkommen kann, wies der Dritte in der Runde, Mohomodou Houssouba, darauf hin, dass es immer ein Wahl gibt und also Handlungsräume bestehen, hier in Europa ebenso wie dort in Afrika. Ein wahres Wort, aber kein wahrer Trost im Wissen, wie schlecht diese Handlungsspielräume seit Jahrzehnten genutzt werden.

In Katalonien hat sich die Lage etwas beruhigt, wenn sich  die Parallelwelten auch weiter munter um sich selbst drehen. Sommerzeit ist aber auch Lesezeit! Sogar für ganz dicke, weltberühmte Bücher mit Bernbezug!

Sehr lange ist es nicht her, dass ich in der Diskussion nach einer Lesung aus meinem Buch «Mut zur Mündigkeit»  meiner Meinung Ausdruck gab, ausser in sprachlichen Belangen, sei es nicht unbedingt die Aufgabe von Autoren und Autorinnen sich zu gesellschaftlichen Problemen und politischen Konflikten in aller Welt zu äussern.  Darauf machte mich ein Mann nicht unfreundlich darauf aufmerksam, dass ich selbst hier in diesem Blog im Journal B gerade über die katalanische Unabhängigkeitsbewegung geschrieben hätte.

Er hat natürlich recht, denn er konnte nicht wissen, dass ich mich nicht als Autor, sondern als Betroffener äusserte. Ich wohne zwar nicht in Katalonien, aber seit vielen Jahren verbringe ich sehr viel Zeit in der Nähe der katalanischen Grenze. Und wie ich möglicherweise auch schon angeführt habe, müsste ich mich allein schon wegen des vielen guten Rotweins aus katalanischen Kellereien, den ich hier schon getrunken habe, zu einer Meinungsäusserung berechtigt fühlen dürfen.

Gegenwärtig gibt es aber gar nicht so viel zu berichten. Der Konflikt muttet so vor sich hin. Bestimmt hat der Regierungswechsel in Madrid für etwas Entspannung gesorgt, aber um nicht vergessen zu werden, zündet der flüchtige Ex-Präsident regelmässig seine Rauchpetarden und die allgemeine Bereitschaft zur Selbsttäuschung scheint ungebrochen. Die Parallelwelten drehen sich absolut unabhängig voneinander munter weiter um sich selbst. Für diejenigen, die sich nicht vorstellen können wie weit die Wahrnehmung gesellschaftlicher Realitäten auseinanderklaffen können, ein kleines Bespiel:

Uns ist allen vertraut, dass bei einer Demonstration auf dem Berner Bundesplatz Veranstalter und Polizei die Teilnehmerzahl unterschiedlich einschätzen. Die einen reden von 25 000 und die andern vielleicht von 15 000. Sogar noch grössere Unterschiede können vorkommen. Wenn aber die Veranstalter einer Demonstration gegen Madrid von 200 000 Teilnehmern reden und sich die offizielle Schätzung der Polizei auf 7000 beschränkt, dann weiss man, dass man sich in Katalonien befindet.

Und was hat Hermann Albert damit zu tun?

Unabhängig von Kataloniens Parallelwelten ist Sommerzeit auch immer Lesezeit und weil am kommenden Berner Literaturfest auch die Neuausgabe in «Die andere Bibliothek» von Johann David Wysses Der Schweizerische Robinson gewürdigt werden soll (zurecht!), bin ich immer wieder mit dem Lesen von diesem tausendseitigen Brocken beschäftigt. Deshalb suchte ich nach einem schönen Bild mit einem Buch und von allen Bücher-Bildern, die ich gesammelt habe, hat Hermann Albert (Deutscher Maler und Hochschullehrer, geb. 1937) eines der schönsten zu bieten. Ich weiss zwar nicht mehr, woher ich es habe, kenne auch seinen genauen Titel nicht, aber was die Darstellung des Lesethemas betrifft, ist dieses Bild eine sehr  saubere Sache. Es ist schlicht, es ist  sommerlich und dazu ist es auch noch zentriert und reduziert, denn für die Welt und ihre komplexe Vielfalt steht oder liegt hier nur das aufgeklappte Buch!

Lesen Sie wohl!

An diesen sommerlichen Tagen kommen sie wieder massenweise, und man hat allen Grund, sich zu fragen, was das eigentlich alles für komische Fotografen und Fotografinnen sind, fotografieren sie doch meistens nur genau jene Motive, die sie vermutlich schon in dem Werbeprospekt abgebildet gesehen haben, der sie überhaupt dazu veranlasste, an dem populären Kongress der Digitalfotografie in unserer Altstadt teilzunehmen.

Sicher ist, dass sie aus allen Ecken der Welt kommen und sich mehrheitlich in geführten Gruppen zu ihren bevorzugten Motiven bewegen. Viele sind auf das Fotografieren von Brunnen spezialisiert, aber fast noch zahlreicher sind die Spezialisten und die Spezialistinnen der Kirchenfotografie. Sogar der kunsthistorisch eher unspektakulären Kirche Peter und Paul kommt definitiv mehr Aufmerksamkeit zu als den am Rathausplatz auch vorhandenen Zeugen ortstypischer Architektur. Und wenn sich die Kirchenfotografen und die Kirchenfotografinnen, natürlich immer aufgehoben in ihren Arbeitsgruppen, vom Rathaus her durch die Kreuzgasse schieben und plötzlich vor dem in diesen Tagen oft herrlich blauen Himmel den Turm des Münsters vor ihren Augen aufragen sehen, dann schnellen wie auf Kommando restlos alle Arme in die Höhe und an den hochgereckten Kameras bleibt kein einziger Klickfinger ungekrümmt.

Sitzt man aber auf der Plattform und lässt sich dort von der gerade ziemlich fett  über die Schwellen tretenden Aare berauschen, kann man beobachten, dass sich auch viele Fotografen und Fotografinnen weiterhin der Kunst des Selbstporträts verschrieben haben. Dort stellen sie sich vor den Ausblick auf den Gurten, fahren ihre Stangen aus und lächeln sehr unterschiedlich fotogen in ihre Objektive. Für das hell herausragende Blatt an dem Kastanienbaum über mir, das mich schön die längste Zeit fasziniert, scheint sich dagegen niemand zu interessieren. Auch das herrliche Muster oben auf der Sandsteinmauer aus Flechten und Vogeldreck, in welchem auch einzelne Sandkörner funkeln wie Edelsteine, fotografiert kein Mensch.

Und was hat Antoni Tàpies damit zu tun?

Es ist verflixt! Denn gerade an Katalonien wollte man ja einmal nicht erinnert werden, aber oben auf der so wunderbar gemusterten Balustrade sieht ein Vogelschiss auch in seiner Oberflächenbeschaffenheit nun in Gottes Namen halt einfach so aus wie von dem grossen katalanischen Künstler hingemalt: Direkt aus der ockerbraunen Tube auf die weisse Grundierung gedrückt. Und wie selbstverständlich ist auch etwas Kohlenschwarz dabei. Eine Farbkombination 100% typisch Tàpies!

Und übrigens, falls Sie nach dem Spiel gegen Serbien auch stolz sind auf unsere überragenden Spieler mit kosovarischem Hintergrund noch dieser Hinweis:

Letzten Frühling sind Guy Krneta und ich im Rahmen des Projektes Kosovo is everywhere über den ganzen Balkan hinunter in unseren «Kanton Kosovo» gefahren. Sollte es Sie interessieren, wie es uns auf diesem wilden Balkan ergangen ist, gibt es in einer neuen Reihe online sehr günstig einen Bericht dazu.

Mit einem Tweet brachte der Basler «Tageswoche»-Journalist Renato Beck das Dilemma auf den Punkt: «Wurde mir schon lange nicht mehr so bewusst, dass ich als Stimmbürger Spielball der Lobbys bin, wie bei der Casino-Abstimmung».

Auf der einen Seite standen die heutigen Spielcasinos mit Steuersitz in der Schweiz. Auf der anderen die internationalen Online-Geldspielanbieter, die bisher unreguliert in der Schweiz agierten und ihr Geschäft ausbauen wollten.

Die Ausgangslage für Stimmbürgerinnen und Stimmbürger war wenig attraktiv. Und viele, die sich sonst zu Wort melden, hielten sich diesmal zurück. Man konnte sich eigentlich nur die Finger verbrennen. Entsprechend gering war auch die Stimmbeteiligung.

Doch in den Nischen wurde gestritten. Mit einer Verbissenheit, die kaum noch Bezug nahm auf die Argumentation des Gegenübers. Dabei handelte es sich bei den GegnerInnen eigentlich um politische FreundInnen. Für einmal hielten sich die Frontlinien nicht an die üblichen Blöcke und Gräben. Das Geldspielgesetz wurde zur Glaubensfrage: Wie hältst Du’s mit der Freiheit im Internet?

Wer stand wem gegenüber?

Die Ausgangslage konnte auch anders begriffen werden: Auf der einen Seite stand ein in einem bürgerlich dominierten Parlament ausgeschacherter Kompromiss, hinter den sich die Spielsuchtprävention (Fachverband Sucht), die Kulturschaffenden (Dachverband Suisseculture) und die SP stellten.

Auf der anderen Seite gab es eine unheilige Allianz aus Wirtschaftsliberalen und Netzliberalen, die sich auf einmal bedenklich nahe kamen. So versteckten sich die Jungliberalen hinter den Argumenten der Grünen und kämpften gegen Netzsperren – als ob sie deswegen mit Unterstützung der internationalen Geldspiellobby das Referendum ergriffen hätten. Während sich umgekehrt ExponentInnen der Grünen für einen globalisierten Geldspielmarkt einsetzten und behaupteten, die staatlichen Abgaben würden sogar höher, wenn internationale Anbieter zugelassen würden. Die Grünen als Globalisierer?

Doch die Antwort auf die Frage, wie nicht-lizenzierte Anbieter im Netz ausgeschlossen werden können, blieben sie schuldig. Dabei war dies einer der Hauptpunkte, die mit dem neuen Gesetz geklärt werden mussten. Warum nämlich sollte sich jemand um eine Lizenz bemühen und hohe Abgaben zahlen, wenn die illegale Konkurrenz kaum Nachteile hätte?

Sie könnten sich ein Online-Werbeverbot für Illegale vorstellen, schlugen die Grünen vor – was übrigens so auch im Gesetzesentwurf stand. Oder sie schlugen den Eingriff in Suchmaschinen vor – als ob sich google von den Grünen den Algorithmus manipulieren liesse.

Kulturförderung und Lotteriefonds

Kulturverbände, vorne weg der Dachverband Suisseculture, sprachen sich für den Gesetzesentwurf aus, da es – je nach Kanton – um beträchtliche Kulturfördermittel ging. Die grosse Euphorie unter Kulturschaffenden brach allerdings nicht aus. Zum einen bremste die Aussicht, mit der einschlägigen SVP-Werbeagentur in einen Topf geworfen zu werden. Diese war von den bürgerlich dominierten Kantonen an Land gezogen worden und buchstabierte brav ihre Trivialsymbolik und farbliche Einfalt durch – nur dass diesmal keine Schafe ausgeschafft, sondern Spielplätze geschlossen wurden. Zum anderen stellten sich auch unter Kulturschaffenden etliche die Frage nach der Verhältnismässigkeit staatlicher Eingriffe im Netz.

Vollends verdreht wurde die Sache seitens der GegnerInnen, als den Kulturschaffenden auf einmal «Eigennutz » vorgeworfen und gar suggeriert wurde, die Kunst lebe auf Kosten der Spielsüchtigen.

Hoffentlich, ist dazu zu sagen, setzen sich Kulturverbände für die Interessen ihrer Mitglieder ein – wie es auch Gewerkschaften tun, denen kaum «Eigennutz» vorgeworfen wird, wenn sie gegen Stellenabbau und Lohnkürzungen kämpfen.

Und das neue Gesetz schreibt so deutlich wie das alte fest: «Die Verwendung der Reingewinne zur Erfüllung öffentlich-rechtlicher gesetzlicher Verpflichtungen ist ausgeschlossen». Dass dennoch einige Kantone einen beträchtlichen Teil ihrer regulären Kulturförderung über den Lotteriefonds finanzieren, ist hingegen Realität.

Mögen sich die KritikerInnen von gestern nun mit aller Vehemenz in den einzelnen Kantonen dafür einsetzen, dass Kulturbudgets erhöht und Lotteriefondsgelder nicht mehr gesetzeswidrig für Staatsaufgaben verwendet werden. Der Zeitpunkt wäre jetzt gekommen.

Die Internet-Religiösen

Wirklich interessant am Abstimmungskampf war nur die Auseinandersetzung um die Zugangs- oder Netzsperren, wie sie von den GegnerInnen polemisch genannt wurden. Ja, es gab viele technische Details zu lernen und es traten zum anderen völlig unterschiedliche Geisteshaltungen zutage. Auf der einen Seite jene, die das Netz, mit fast schon religiösem Eifer, zum sozial-utopischen Raum erklären, auf der anderen jene, die es schlicht als technische Infrastruktur begreifen, bei deren Gebrauch Regeln gelten.

Die Frage jedenfalls, wie sich der Nationalstaat im Internet verhält, während riesige private globale Monopole den Platz beherrschen, wird uns nicht zum letzten Mal beschäftigt haben. Und es wäre den Grünen vieleicht geraten, in dieser Sache näher an der Parteibasis zu operieren und sich nicht Sätze ins Programm schreiben zu lassen, die besser zu den verschwundenen Piraten passen.

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass sich Manager und Managerinnen gerne auf ihren Schreibtischen sitzend fotografieren lassen?

Wie kommen die dazu?

Als wäre ein Schreibtisch nichts Besonderes und als gäbe es keine Stühle!

Aber dies nur nebenbei.

Und übrigens: Wussten Sie, dass es jetzt Bioplastik gibt?

Und können Sie sich darunter etwas vorstellen?

Vielleicht Wohlfühlplastik?

Auch dies nur nebenbei, denn obschon einen ja so vieles wundert, wenn nicht stört oder gar belästigt, gilt es von einem herrlichen Ausflug nach Genf zu berichten. Dort leben offensichtlich nicht nur halbseidene Figuren des internationalen Kapitals, nicht nur spanische Ex-Prinzessinnen und katalanische Politikerinnen, die Reissaus nehmen vor der Justiz, dort leben auch ganz normale Leute. Für ein paar Stunden war ich unter ihnen, ging mit ihnen an den See, begleitete sie beim Einkaufen, besuchte eine Schule, lernte von ihnen, was der Wind in ihrer Stadt für eine Rolle spielt und dass ihnen der Montblanc etwa das bedeutet, was uns in Bern Eiger, Mönch und Jungfrau. Beides sind herrlich weisse Fixpunkte, wenn nicht Orientierungshilfen  in ihrer und unserer sonst so urbanen Welt. Wiederholt war ich auch in dem kleinen, herrlich schrulligen «Musée de la porcelaine et de l’argenterie».

Dass es in Genf eigentlich auf keiner Liste und in keinem Tourismusprospekt ein solches Museum gibt, ändert nichts an der Tatsache, dass es für mich verdammt viel Wirklichkeit besitzt, denn immerhin habe ich dort nicht nur die Dame an der Kasse, die gleichzeitig auch als Sekretärin des Direktors amtet, kennengelernt, ich könnte auch über den Direktor selbst einige bis weit ins Private hinein reichende Geschichten erzählen. Und nicht zuletzt habe ich dort die Bekanntschaft von Élise gemacht! Sie ist nicht nur fachkundige Sachbearbeiterin im «Musée de la porcelaine et de l’argenterie», sondern auch zweifache Mutter. Dass sie auch noch das ziemlich spurlose Verschwinden ihres segelnden Ehemannes auf hoher See verarbeiten muss, ist der eigentliche Hintergrund der wunderbar alltäglichen Geschichte, die ich gelesen habe und die Laurence Boissier in dem Roman «Rentrée des classes» erzählt.

Bei der Lektüre auf Französisch hat mir die Tatsache geholfen, dass Laurence Boissier eine Kollegin von «Bern ist überall» ist, neben der ich schon in Lausanne und in Zürich, sogar schon in Chur auf der Bühne gestanden bin und deshalb ihre Stimme und ihre ganz besondere, eindringliche verlangsamte Art ihre Texte vorzulesen im Ohr hatte. Aber auch ohne diese Erfahrung sei das wunderbare Buch allen ans Herz gelegt, die zwischendurch das Bedürfnis empfinden, ein bisschen i ds Wäutsche abzuschweifen.

Und was hat Victor Vasarely damit zu tun?

Mathilde, die kleine Tochter von Élise zieht sich unter der Last des Verlustes des geliebten Vaters gerne in ihren Kleiderschrank zurück. Da sie, wie schon ihr Name sagt, die Mathematik, aber auch die Geometrie liebt, ist Vasarely ihr Lieblingsmaler und sie behängt die Wände ihres Rückzugsortes im Innern des Schrankes mit dessen Bildern. Dort hat sie sich auch einen Arbeitsplatz für die Schulaufgaben eingerichtet, und für eventuelle Besuche des Bruders gibt es als Sitzgelegenheit einen Stapel Telefonbücher.

Und noch etwas zu Vasarely: Wussten Sie, dass mindestens eines seiner Werke jeder kennt? Vasarely ist nämlich der Schöpfer des Logos der Marke Renault.

Aber auch dies nur nebenbei.

Laurence Boissier: Rentrée des Classes, erschienen 2017 im Verlag art&fiction, Lausanne

Von Alex Tschäppät gibt es vermutlich viele Anekdoten in dieser Stadt. Und ich wünschte mir, ein Verlag käme auf die Idee, die Anekdoten zu sammeln und herauszugeben.

Es gibt sicher auch hämische und böse Anekdoten über ihn oder wenig schmeichelhafte. Die würde ich, glaube ich, nicht ins Buch aufnehmen, selbst wenn sie ihn menschlich zeichneten. Doch die Fülle an Anekdoten würde zumindest eines zeigen: Alex Tschäppät war einer, über den gesprochen wurde – nein, über den erzählt werden musste.

Alex Tschäppät war mehr als ein Stadtpräsident. Er war eine volkstümliche Figur. Er selber sagte von sich, er sei einer, den man anfassen könne. Pedro Lenz ist auch einer, den man anfassen kann. Oder Peter Bichsel. Beiden ist das Angefasst-Werden eher unangenehm. Aber sie müssen auch nicht wiedergewählt werden.

Alex Tschäppät mochte seine Rolle, er war gross in seiner Rolle, sie passte ihm ausgezeichnet. Und ja, er fasste auch selber an. Er hielt sich nicht immer an die Gepflogenheiten und forderte damit andere auf, sich ihrerseits nicht immer an die Gepflogenheiten zu halten. Das ist für einen Stadtpräsidenten ausserordentlich.

Wenn ich besagtem Buch eine Anekdote beisteuern sollte, wäre es folgende: «Bern ist überall» erhielt von der «Stiftung zur Förderung der Bernischen Mundartdramatik» einen grossen Preis. Genauer: Die Stiftung löste sich auf und vermachte uns das gesamte Stiftungskapital von Fr. 50’000.-

Die Stiftung war der Stadt Bern beigesellt und der Kultursekretär war von Amtes wegen Stiftungsratsmitglied. Für eine Preisverleihung reichte das Stiftungskapital nicht mehr aus, also wurde entschieden, uns den Preis bei einem sowieso geplanten Auftritt in der Stadt Bern zu überreichen. Ein solcher fand im Rahmen eines Jubiläums der Hochschule der Künste (HKB) statt. Leider waren bis auf Christoph Reichenau alle Stiftungsratsmitglieder an dem Abend verhindert. Dieser sollte nun als Kultursekretär den festlichen Akt vollziehen.

Vor dem Auftritt gab es, wegen des HKB-Jubiläums, ein Nachtessen, bei dem auch Alex Tschäppät zugegen war. Während des Essens erfuhr ich, dass Christoph Reichenau krankheitshalber ausfiel. Also ging ich zu Alex Tschäppät und fragte ihn, ob er es übernehmen könnte, uns diesen Preis zu überreichen. – Was er denn mache müsse, fragte er. – Er solle eine kleine Rede halten, sagte ich, wie er es ja gewohnt sei. – Aber er müsse uns doch auch was überreichen können, wendete er ein. Das überzeugte mich. Ich fragte einen HKB-Mitarbeiter, ob er mir einen Briefumschlag besorgen könnte, mit einem Stück Karton drinn, für den Stadtpräsidenten.

Nach unserem Auftritt stieg der Stadtpräsident auf die Bühne und stoppte den Schlussapplaus. Er freue sich, hier in diesem Rahmen eine freudige Botschaft überbringen zu können.

Alex Tschäppät war in Form. Er hielt eine Rede, zu der er sich im Moment auf der Bühne inspirieren liess. «Bern ist überall» kannte er, von der «Stiftung zur Förderung der Bernischen Mundartdramatik» hatte er bisher noch nicht allzu viel gehört. Am Schluss überreichte er uns diesen dicken Umschlag. Wir bedankten uns förmlich. Und schenkten ihm eine Zugabe.

Mit welcher Lockerheit und welchem Understatement die Stadt Bern Kulturpreise in der Höhe von Fr. 50’000.- verleihe, sei einzigartig, zeigten sich anschliessend einige HKB-Studierende beeindruckt. Das habe Stil.

Und wieder denke ich an Katalonien. Weil ich aber auf der schon sommerlichen Münsterplattform sitze und mich während des Notierens dieser Zeilen in mein Notizbuch von der heftig angeschwollenen Aare berauschen lasse, ist immerhin ein Bernbezug gegeben.

Ich denke an Katalonien, weil es auf der Plattform gerade wimmelt von Polizei. Auf dem Münsterplatz steht wieder hoher Besuch an. Eben erst war auch der spanische Aussenminister da. Er soll mit Ignazio Cassis über die beiden Damen gesprochen haben, die vor der spanischen Justiz nach Genf geflohen sind.

Wie man mit ihnen umgehen sollte, weiss ich wirklich nicht, aber beide hatten mich am entscheidenden Tag bei der TV-Übertragung aus dem katalanischen Parlament in Staunen versetzt. Mir ist unvergesslich, wie sie scheinbar absolut unberührt von der Tatsache, dass die gesamte Opposition, das heisst, die Abgeordneten mehrerer Parteien geschlossen das Parlament verlassen hatten, in völlig unaufgeregtem Ton, ruhig und sachlich erörterten, wie das provisorische Grundgesetz einer neuen Republik zu verstehen und umzusetzen sei.

Die juristischen Beistände, also die Juristen und Juristinnen, die der Präsidentin des Rates beizustehen haben, hatten sich schon aus dem Staub gemacht, nachdem ihr Hinweis, dass man den gesetzlichen Rahmen verlassen habe, auf taube Ohren gestossen war.

Ich wusste nicht, ob ich diese Frauen, die hier seelenruhig, als würden sie an einem Elternabend die Organisation eines Sommerlagers für ihre Kinder und nicht einen Staatstreich besprechen, bewundern oder bedauern sollte. Ich weiss auch noch genau, dass ich unfähig war, den Gesichtsausdruck von Frau Rovira zu deuten. In Anbetracht der möglichen Folgen ihres Diskurses als Sprecherin der separatistischen linken Partei ECR kam mir das Gesicht dieser Frau so reglos vor, dass ich sie für todesmutig hielt. Oder aber für naiv, denn mir war völlig klar, dass man, sollte der Coup nicht gelingen, für so etwas «i d’Chischte chunnt».

Und ich muss zugeben, als ich Marta Rovira ein paar Wochen später am Fernsehen weinen sah, tat sie mir einerseits zwar leid, aber andererseits fand ich es nicht mehr nur naiv, sondern hanebüchen, wenn nicht frech, dass sie behauptete, sie würde für ihre Ideen verfolgt.  Ich meine «frech», wie verwöhnte Kinder frech sein können, die immer noch eins drauf geben und nachher beleidigt sind, wenn Vater oder Mutter die angedrohte Strafe tatsächlich vollziehen.

Und was hat Pole Lehmann damit zu tun?

Auch Pole Lehmann wird gerne als «naiv» bezeichnet. Aber anders als in der Politik ist Naivität in der Kunst, in welcher es bekanntlich weder Vorschriften noch Gesetze gibt, völlig unerheblich und ganz sicher kein Qualitätskriterium. Auch sicher ist, dass es in der Werkschau im Tramdepot Burgernziel, die noch bis am Sonntag, den 29. April dauert, sehr viel zu sehen und einen sehr verspielten, äusserst produktiven und amüsanten Berner Künstler (wieder-) zu entdecken gibt.

Wie oft habe ich schon von flexiblen Arbeitszeiten reden gehört, das Wörtlein „Flexibilität“, wie oft drang es schon an mein Ohr. Und natürlich weiss ich, was „flexibel“ bedeutet: biegsam, anpassungsfähig. Und warum muss etwas biegsam sein oder anpassungsfähig? Offensichtlich deshalb, weil es nötig ist. Ein Ast biegt sich im Wind und bricht nicht. Schön. Aber die Frage stellt sich doch: wie steht es um die Flexibilität des Windes? Könnte nicht auch der Wind sich anpassen an den Ast und ein bisschen weniger heftig wehen oder seinen Luftstrom um den Ast herumbiegen, so dass der selber sich nicht biegen muss? Warum kann der Wind eigentlich nicht Rücksicht nehmen auf das Bedürfnis des Astes, nicht ständig flexibel zu sein? Warum bläst der einfach stur weiter, obwohl diese Flexibilität und ständige Anpassungsbereitschaft eine ziemlich anstrengende Angelegenheit sind?

Und wie steht es in der Arbeitswelt? Wer biegt sich dort und wer bleibt stur? Ist es etwa das arme Ästlein der globalisierten Wirtschaft, das sich dem scharfen Wind beugen muss, der ihm von der Sturheit der Arbeitnehmenden entgegenschlägt?  Wie ist es denn, wenn die Angestellten auf ihrem Feierabend oder freien Sonntag beharren und in ihrer Sturheit die Flexibilität partout nicht aufbringen wollen, sich jederzeit über ihr Handy zu biegen, um abzuchecken, ob der Vorgesetzte ihnen vielleicht jetzt gerade eine Mail geschrieben hat? Ist der Vorgesetzte dann etwa bereit, sich an die Sturheit seiner Angestellten anzupassen? Bringt er die nötige Flexibilität auf und wartet geduldig auf seine Antwort?

Solange es als naturgegeben erscheint, wer im globalisierten Kapitalismus die Ästlein sind, und woher der Wind bläst, dem sie sich zu biegen haben, solange also die Rollen zwischen Sturen und Flexiblen so einseitig verteilt bleiben, erlaube ich mir meinerseits die Sturheit, das Wörtlein „Flexibilität“ in die Ecke der ideologischen Kampfbegriffe zu stellen, mit denen eben dieser Kapitalismus seine Herrschaft behauptet.

Wiederum sei an dieser Stelle auch dem katalanischen Drama gedacht. Sollte hier schon behauptet worden sein, diese Tragödie sei längst zur Farce verkommen, möchte man jetzt rufen: «Höret uf!» Mich beschäftigt nämlich, was ich neulich gehört habe: Sie machen alle weiter bis es «chlepft u tätscht» und danach greifen sie sich an den Kopf und tun so, als wüssten sie nicht, wie es so weit kommen konnte!
Natürlich ist es weiterhin spannend, zu beobachten, wie beide Seiten sich in der jeweiligen Realität einigeln und sich selbst betrügen, gleichzeitig befürchtet man aber Schlimmes: Die Flaggen stehen auf Sturm, und  Land ist keines in Sicht!
Vielleicht sollten alle Beteiligten mal von der Münsterplattform runterschauen können!
Dort ist nämlich zu sehen, dass der Kies, den die Aare letztes Jahr angeschwemmt hat und den die fleissigen Bagger dort unten im «Schweller» zu einem gewaltigen Berg angehäuft hatten, dass dieser Kies mittlerweile abtransportiert worden ist! Wer weiss wohin, aber es ist einmal mehr bewiesen: Berge können sehr wohl versetzt werden, aber nur mit Fleiss und Geduld!
Und jetzt, da die No-Bilag-Initiative glücklicherweise vom Tisch ist, noch ein Wort zu den so oft gelobten und als staatstragend bezeichneten Informationssendungen unserer sogenannten Qualitätsmedien.
Ja, sie leisten zweifellos sehr viel gute Arbeit, es würde mir überhaupt nicht schwer fallen, zum Beispiel von einem halben Dutzend Radio-Reportagen aus aller Welt zu berichten, die ich alle mit grossem Gewinn angehört habe, aber leider ist da auch noch das alte Problem: Die Satzfrage! Es kann nicht oft genug wiederholt werde! Satzfragen zeugen selten von Neugier und Sachkenntnis. Satzfragen sind Verlegenheitslösungen. Die Satzfrage wird gestellt, weil aus Mangel an einer echten Frage, auf Gesichertes zurückgegriffen werden muss.
Dazu kommen auch noch jede Menge absolut künstliche und gekünstelte Fragen. Gerade neulich wollte ich mein Radio wieder mal auf die Gasse hinaus schleudern. Und zwar mit allergrösster Wucht und ohne erst das Fenster zu öffnen! Gerade noch rechtzeitig erinnerte ich mich daran, dass diese Dinger ja einen Knopf haben, mit welchem man sie zum Schweigen bringen kann. Aber mein Ärger war gigantisch! Der Tod, Mord! Sogar Massenmord, Kriegsgräuel, Totschlag, Staatsbetrug werden vermeldet und was wird gefragt?
Es wird gefragt: Hat das Konsequenzen? Und zwar nur, weil ein Vorgesetzter oder jedenfalls irgend ein Schlaumeier der Firma, vorschreibt, den Bericht des Korrespondenten oder der Korrespondentin mit Fragen zu unterbrechen. Gefragt wird also stellvertretend für mich, den Zuhörer, aber ich werde für einen Volltrottel gehalten! Sonst würde hier doch nicht gefragt werden, hat das Konsequenzen? Immer fragen sie, weil ihnen aus Mangel an Sachkenntnis keine bessere Frage einfällt, hat das Konsequenzen?
Natürlich hat das Konsequenzen! Alles hat Konsequenzen und weil mich dort, wo Weltbewegendes passiert, die Konsequenzen interessieren, höre ich doch Radio! Hat das Konsequenzen? Dem sagt man Tappen im Dunkeln oder Stochern im Nichts! Und was immer behauptet wird: Ein Gespräch entsteht so sicher nicht! Das ist ein Abfragen ohne Sachkenntnis! Und das ist einem sogenannten Qualitätsmedium unwürdig!
So!

Und was hat Konrad Klapheck damit zu tun?

Gerade gestern las ich ein Interview mit Helmut Hubacher, einem der ganz Grossen der Schweizer Politik. Er sagte nicht nur, dass er weiter schreibe und publiziere, er sagte auch, dass er dies mit der Schreibmaschine tue, weil er mit dieser am besten denke. Da fiel mir die berühmte «Schreibmaschine» von Konrad Klapheck ein. Diese Ikone der modernen deutschen Klassik haben schon viele geliebt und bewundert, möge sie uns allen beim Denken weiterhelfen.   

Die Annahme von Minarett-Verbotsinitiative, Ausschaffungsinitiative und Masseneinwanderungsinitiative waren Schocks für die aufgeklärte, urbane Schweiz. Zurecht warf sich die unterlegene Seite vor, die Kraft der Symbolpolitik unterschätzt und zu wenig mobilisiert zu haben.

In der Zwischenzeit hat sich einiges getan. Die Zivilgesellschaft hat sich auf die Hinterbeine gestellt und zum Teil neu organisiert. Bündnisse und Organisationen sind entstanden wie Operation Libero oder Schutzfaktor M, die sich ausserhalb eines von Rechts definierten Links-Rechts-Schemas verorten und für eine offene, vielfältige, demokratische Schweiz auf Grundlage der Menschenrechte kämpfen.

Die Kulturschaffenden sind aufgewacht

Auch die Kulturschaffenden sind aufgewacht. Viele, die noch vor wenigen Jahren eine politische Positionierung vermieden, melden sich dezidiert und kreativ zu Wort: Künstlerinnen und Künstler jeden Alters, aus allen Sparten der U- und E-Bereiche.

Den Turnaround bildete die fremdenfeindliche, pseudo-ökologische Ecopop-Initiative. Das absurde Ansinnen, nationale Ökobilanz durch Zuwanderungsquoten zu verbessern, wurde an der Urne deutlich versenkt. Die künstlerischen Aktionen im Vorfeld waren vielfältig und kamen von den Künstlerinnen und Künstlern selber, mehr als von ihren (nach wie vor etwas zögerlichen) Institutionen. So waren es beispielsweise die Ensemble-Mitglieder des Zürcher Schauspielhauses, die Abend für Abend vor den Vorhang traten, um vor den verheerenden Auswirkungen der Initiative für das Schweizer Kunstschaffen zu warnen.

Es folgte die Durchsetzungsinitiative, mit der die SVP ihre schlampig formulierte, grundrechtswidrige Ausschaffungsinitiative nach neuem Gusto totalisieren wollte. Das Engagement der Zivilgesellschaft und der Kulturschaffenden war noch um ein Vielfaches stärker als bei Ecopop. Bemerkenswert ist vor allem, dass die grundsätzlichen Aspekte – die Verhältnismässigkeit und die rechtliche Ungleichheit von BürgerInnen mit unterscheidlichen Pässen in der Schweiz – breit diskutiert wurden. Bei der Ausschaffungsinitiative hatte die Argumentation noch nicht gegriffen. Von künstlerischer Seite waren es vor allem Songs und Spoken-Word-Beiträge, die im Netz breit geteilt wurden.

Und nun No-Billag

Bei der No-Billag-Initiative nun meldeten sich KünstlerInnen aller Couleurs zu Wort. Etliche, die bisher gehadert hatten, argumentierten auf einmal mutig und persönlich. Auch hier ging es nicht einfach um partielle Interessen (welche Künstlerin und welcher Künstler in diesem Land lebt schon wesentlich oder hauptsächlich von SRF-Einnahmen?). Es ging vielmehr wiederum um Grundsätzliches, um bedrohte Vielfalt, den demokratischen Diskurs, die kaputtgesparte und von politischen Milliardären aufgekaufte Vierte Gewalt, den Service Public und nicht zuletzt das Dogma der flächendeckenden Privatisierungen.

Die No-Billag-Initiative wird als jene Initiative in die Geschichte eingehen, für die bisher die meisten frei produzierten Filme (mit  Null- oder Kleinstbudgets) hergestellt wurden. Die Kreativität war unglaublich, fast schon überbordend und verdiente eigentlich eine eigene mediale Würdigung.

Wie weiter?

Wesentlich ist jetzt, das Wort nicht gleich wieder den Verlierern der Abstimmung zu überlassen. Die SRG, die freien lokalen Radio- und Fernsehstationen, der Service-Public insgesamt sind gestärkt worden. Zu den Verlierern gehören beispielsweise der Verband Schweizer Medien, namentlich Pietro Supino, Peter Wanner und Markus Somm, aber auch NZZ-Chefredaktor Eric Gujer. Dies gilt es bei weiteren Verhandlungen rund um die Online-Aktivitäten von SRG zu bedenken. Die SRG muss jetzt jene politische Rückendeckung erhalten, die ihr ermöglicht, eine taugliche zukunftsgerichtete Online-Strategie zu entwickeln. Und: Öffentliche Medienförderung über Radio und Fernsehen hinaus gehört ins neue Gesetz.

Schliesslich: Auf Siegerseite stehen unter anderem die Kulturschaffenden, die sich mit enormem kreativem Einsatz in den Abstimmungskampf geschmissen haben. Wenn nun die Verlierer mit ihren Abspeck-Phantasien Gehör finden sollten, ist Kulturabbau jedenfalls ein No-Go. Es gilt SRF 2 Kultur und das Radio generell zu stärken. Die SRG soll angehalten werden, ihren leistungsvertraglich vereinbarten  Kulturproduktionsauftrag weiter auszubauen.

So vieles gäbe es zu berichten. Zum Bespiel aus Wien. Dort habe ich seit langem wieder einmal ein paar Tage verbracht. Sollte eine kleine, winterliche Bestandesaufnahme aus der Hauptstadt unserer östlichen Nachbarn und Nachbarinnen von Interesse sein: Ein Klick genügt.
Aber first things first: Um Gottes Willen nicht etwa die Abstimmung verschwitzen!
Bis Freitag kann man den Gang an die Urne mit einem kleinen Spaziergang durch den Garten des Erlacherhofes verbinden.

Und jetzt haben wir also Besuch aus Katalonien. Anstatt sich vor Gericht, wo sie vorgeladen war, zu verantworten, zieht es eine der prominentesten Exponentinnen der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung vor, sich vorerst mal ein bisschen in Genf abzusetzen. Angeblich mit dem hohen Ziel, den gegenwärtig ziemlich traurig vor sich hinmottenden Konflikt zu internationalisieren. So wie das von anderen schon in Belgien versucht wird. Rein gefühlsmässig geht das aber irgendwie nicht ganz auf. Sollten sich internationalisierte Regionalkonflikte nicht von selbst aufheben oder wenigstens ihrer Widersprüchlichkeit bewusst werden?
Die besagte Politikerin ist aber auch bekannt für die Forderung, aus Katalonien eine feministische Republik ohne Grenzen zu machen. Ob man gegen Grenzen ankommt, indem man neue errichtet, ist auch so eine Frage. Nicht ganz überraschend ist allerdings, mit welcher Vehemenz sich die spanische Öffentlichkeit auf den Widerspruch stürzt, dass die selbstdeklarierte antikapitalistische Systemgegnerin, deren Partei auch das Geld abschaffen möchte, ausgerechnet in der erzkapitalistischen Schweiz und nicht in Venezuela, wohin sie angeblich auch Kontakte pflegte, Schutz sucht.
Es wird sogar behauptet, es sei gar kein Land denkbar, welches das System stärker verkörpere als die Schweiz, und es gebe keine grössere Heuchelei, als am Genfersee bei Sonnenuntergang Marx zu zitieren. Schliesslich sei die Schweiz das System schlechthin. Um diesen Widerspruch noch weiter auszuleuchten, zeichnet beispielsweise in El Pais ein Kommentator wieder mal ein Bild unseres Landes,  das mit unserer Eigenwahrnehmung nicht weiter auseinanderklaffen könnte.
Wir seien nichts als ein einzig Volk von fragwürdigen Grössen des Sportes, von Mafiosos, von afrikanischen Diktatoren, von korrupten Bänkern, die hier auf ihre Begnadigung warteten, von Waffenhändlern und Schiebern, von allgemeinen Zuhältern, von Erdölsatrapen, von Kriegsherren jeder Art, von Drogenkartellisten, von falschen Gotteskardinälen und jetzt auch noch von Justizflüchtlingen wie Frau Anna Gabriel!
Und kein Wort von Heidi!
Kein Wort von Schellenursli!
Kein Wort von Vreni Schneider!
Nichts von den verantwortungsbewussten Staatsbürgern und Staatsbürgerinnen, die verglichen zu den Spaniern und Spanierinnen relativ früh aufstehen, ziemlich fleissig zur Arbeit gehen, sich vielleicht sogar über das Zeitgeschehen informieren und sich zu einem Gespräch über Politik hinreissen lassen, es in der Regel auch ziemlich normal finden, nicht nur ihren Müll selbst zu entsorgen, sondern auch, dass den eher weniger Privilegierten ein halbwegs anständiges Leben zusteht. Nichts davon, dass man im allgemeinen nicht dem Irrtum erliegt, der Weg zum Glück führe über die Lotterie oder über den Erfolg des lokalen Fussballclubs!
Gut, man darf uns sehen wie man will, aber ein bisschen was muss man da ja schon dagegenhalten.

Und was hat Fernand Léger damit zu tun?

Ein Lob der Arbeit kann nie schaden!
Dazu kommt, dass ich dies in dem schönen Eckkaffee auf der Münsterplattform schreibe, wo vor dem Kälteeinbruch die Baumpfleger und Baumpflegerinnen der Stadtgärtnerei in ihren roten Sichtwesten mich an das Bild «Les constructeurs» erinnerten. Wie jedes Jahr stellten sie ihre Warnschilder auf und stiegen mit Scheren und Sägen über lange Leitern in die kahlen Kastanienbäume hinauf, um sich tagelang um deren Beschneidung zu kümmern. Wie die Bauarbeiter auf dem Bild schienen sie dabei ihre Arbeit so ernst zu nehmen und so gerne zu verrichten, dass man am liebsten selbst mitgeholfen hätte.