Bern ist überall

Mit einem Tweet brachte der Basler «Tageswoche»-Journalist Renato Beck das Dilemma auf den Punkt: «Wurde mir schon lange nicht mehr so bewusst, dass ich als Stimmbürger Spielball der Lobbys bin, wie bei der Casino-Abstimmung».

Auf der einen Seite standen die heutigen Spielcasinos mit Steuersitz in der Schweiz. Auf der anderen die internationalen Online-Geldspielanbieter, die bisher unreguliert in der Schweiz agierten und ihr Geschäft ausbauen wollten.

Die Ausgangslage für Stimmbürgerinnen und Stimmbürger war wenig attraktiv. Und viele, die sich sonst zu Wort melden, hielten sich diesmal zurück. Man konnte sich eigentlich nur die Finger verbrennen. Entsprechend gering war auch die Stimmbeteiligung.

Doch in den Nischen wurde gestritten. Mit einer Verbissenheit, die kaum noch Bezug nahm auf die Argumentation des Gegenübers. Dabei handelte es sich bei den GegnerInnen eigentlich um politische FreundInnen. Für einmal hielten sich die Frontlinien nicht an die üblichen Blöcke und Gräben. Das Geldspielgesetz wurde zur Glaubensfrage: Wie hältst Du’s mit der Freiheit im Internet?

Wer stand wem gegenüber?

Die Ausgangslage konnte auch anders begriffen werden: Auf der einen Seite stand ein in einem bürgerlich dominierten Parlament ausgeschacherter Kompromiss, hinter den sich die Spielsuchtprävention (Fachverband Sucht), die Kulturschaffenden (Dachverband Suisseculture) und die SP stellten.

Auf der anderen Seite gab es eine unheilige Allianz aus Wirtschaftsliberalen und Netzliberalen, die sich auf einmal bedenklich nahe kamen. So versteckten sich die Jungliberalen hinter den Argumenten der Grünen und kämpften gegen Netzsperren – als ob sie deswegen mit Unterstützung der internationalen Geldspiellobby das Referendum ergriffen hätten. Während sich umgekehrt ExponentInnen der Grünen für einen globalisierten Geldspielmarkt einsetzten und behaupteten, die staatlichen Abgaben würden sogar höher, wenn internationale Anbieter zugelassen würden. Die Grünen als Globalisierer?

Doch die Antwort auf die Frage, wie nicht-lizenzierte Anbieter im Netz ausgeschlossen werden können, blieben sie schuldig. Dabei war dies einer der Hauptpunkte, die mit dem neuen Gesetz geklärt werden mussten. Warum nämlich sollte sich jemand um eine Lizenz bemühen und hohe Abgaben zahlen, wenn die illegale Konkurrenz kaum Nachteile hätte?

Sie könnten sich ein Online-Werbeverbot für Illegale vorstellen, schlugen die Grünen vor – was übrigens so auch im Gesetzesentwurf stand. Oder sie schlugen den Eingriff in Suchmaschinen vor – als ob sich google von den Grünen den Algorithmus manipulieren liesse.

Kulturförderung und Lotteriefonds

Kulturverbände, vorne weg der Dachverband Suisseculture, sprachen sich für den Gesetzesentwurf aus, da es – je nach Kanton – um beträchtliche Kulturfördermittel ging. Die grosse Euphorie unter Kulturschaffenden brach allerdings nicht aus. Zum einen bremste die Aussicht, mit der einschlägigen SVP-Werbeagentur in einen Topf geworfen zu werden. Diese war von den bürgerlich dominierten Kantonen an Land gezogen worden und buchstabierte brav ihre Trivialsymbolik und farbliche Einfalt durch – nur dass diesmal keine Schafe ausgeschafft, sondern Spielplätze geschlossen wurden. Zum anderen stellten sich auch unter Kulturschaffenden etliche die Frage nach der Verhältnismässigkeit staatlicher Eingriffe im Netz.

Vollends verdreht wurde die Sache seitens der GegnerInnen, als den Kulturschaffenden auf einmal «Eigennutz » vorgeworfen und gar suggeriert wurde, die Kunst lebe auf Kosten der Spielsüchtigen.

Hoffentlich, ist dazu zu sagen, setzen sich Kulturverbände für die Interessen ihrer Mitglieder ein – wie es auch Gewerkschaften tun, denen kaum «Eigennutz» vorgeworfen wird, wenn sie gegen Stellenabbau und Lohnkürzungen kämpfen.

Und das neue Gesetz schreibt so deutlich wie das alte fest: «Die Verwendung der Reingewinne zur Erfüllung öffentlich-rechtlicher gesetzlicher Verpflichtungen ist ausgeschlossen». Dass dennoch einige Kantone einen beträchtlichen Teil ihrer regulären Kulturförderung über den Lotteriefonds finanzieren, ist hingegen Realität.

Mögen sich die KritikerInnen von gestern nun mit aller Vehemenz in den einzelnen Kantonen dafür einsetzen, dass Kulturbudgets erhöht und Lotteriefondsgelder nicht mehr gesetzeswidrig für Staatsaufgaben verwendet werden. Der Zeitpunkt wäre jetzt gekommen.

Die Internet-Religiösen

Wirklich interessant am Abstimmungskampf war nur die Auseinandersetzung um die Zugangs- oder Netzsperren, wie sie von den GegnerInnen polemisch genannt wurden. Ja, es gab viele technische Details zu lernen und es traten zum anderen völlig unterschiedliche Geisteshaltungen zutage. Auf der einen Seite jene, die das Netz, mit fast schon religiösem Eifer, zum sozial-utopischen Raum erklären, auf der anderen jene, die es schlicht als technische Infrastruktur begreifen, bei deren Gebrauch Regeln gelten.

Die Frage jedenfalls, wie sich der Nationalstaat im Internet verhält, während riesige private globale Monopole den Platz beherrschen, wird uns nicht zum letzten Mal beschäftigt haben. Und es wäre den Grünen vieleicht geraten, in dieser Sache näher an der Parteibasis zu operieren und sich nicht Sätze ins Programm schreiben zu lassen, die besser zu den verschwundenen Piraten passen.

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass sich Manager und Managerinnen gerne auf ihren Schreibtischen sitzend fotografieren lassen?

Wie kommen die dazu?

Als wäre ein Schreibtisch nichts Besonderes und als gäbe es keine Stühle!

Aber dies nur nebenbei.

Und übrigens: Wussten Sie, dass es jetzt Bioplastik gibt?

Und können Sie sich darunter etwas vorstellen?

Vielleicht Wohlfühlplastik?

Auch dies nur nebenbei, denn obschon einen ja so vieles wundert, wenn nicht stört oder gar belästigt, gilt es von einem herrlichen Ausflug nach Genf zu berichten. Dort leben offensichtlich nicht nur halbseidene Figuren des internationalen Kapitals, nicht nur spanische Ex-Prinzessinnen und katalanische Politikerinnen, die Reissaus nehmen vor der Justiz, dort leben auch ganz normale Leute. Für ein paar Stunden war ich unter ihnen, ging mit ihnen an den See, begleitete sie beim Einkaufen, besuchte eine Schule, lernte von ihnen, was der Wind in ihrer Stadt für eine Rolle spielt und dass ihnen der Montblanc etwa das bedeutet, was uns in Bern Eiger, Mönch und Jungfrau. Beides sind herrlich weisse Fixpunkte, wenn nicht Orientierungshilfen  in ihrer und unserer sonst so urbanen Welt. Wiederholt war ich auch in dem kleinen, herrlich schrulligen «Musée de la porcelaine et de l’argenterie».

Dass es in Genf eigentlich auf keiner Liste und in keinem Tourismusprospekt ein solches Museum gibt, ändert nichts an der Tatsache, dass es für mich verdammt viel Wirklichkeit besitzt, denn immerhin habe ich dort nicht nur die Dame an der Kasse, die gleichzeitig auch als Sekretärin des Direktors amtet, kennengelernt, ich könnte auch über den Direktor selbst einige bis weit ins Private hinein reichende Geschichten erzählen. Und nicht zuletzt habe ich dort die Bekanntschaft von Élise gemacht! Sie ist nicht nur fachkundige Sachbearbeiterin im «Musée de la porcelaine et de l’argenterie», sondern auch zweifache Mutter. Dass sie auch noch das ziemlich spurlose Verschwinden ihres segelnden Ehemannes auf hoher See verarbeiten muss, ist der eigentliche Hintergrund der wunderbar alltäglichen Geschichte, die ich gelesen habe und die Laurence Boissier in dem Roman «Rentrée des classes» erzählt.

Bei der Lektüre auf Französisch hat mir die Tatsache geholfen, dass Laurence Boissier eine Kollegin von «Bern ist überall» ist, neben der ich schon in Lausanne und in Zürich, sogar schon in Chur auf der Bühne gestanden bin und deshalb ihre Stimme und ihre ganz besondere, eindringliche verlangsamte Art ihre Texte vorzulesen im Ohr hatte. Aber auch ohne diese Erfahrung sei das wunderbare Buch allen ans Herz gelegt, die zwischendurch das Bedürfnis empfinden, ein bisschen i ds Wäutsche abzuschweifen.

Und was hat Victor Vasarely damit zu tun?

Mathilde, die kleine Tochter von Élise zieht sich unter der Last des Verlustes des geliebten Vaters gerne in ihren Kleiderschrank zurück. Da sie, wie schon ihr Name sagt, die Mathematik, aber auch die Geometrie liebt, ist Vasarely ihr Lieblingsmaler und sie behängt die Wände ihres Rückzugsortes im Innern des Schrankes mit dessen Bildern. Dort hat sie sich auch einen Arbeitsplatz für die Schulaufgaben eingerichtet, und für eventuelle Besuche des Bruders gibt es als Sitzgelegenheit einen Stapel Telefonbücher.

Und noch etwas zu Vasarely: Wussten Sie, dass mindestens eines seiner Werke jeder kennt? Vasarely ist nämlich der Schöpfer des Logos der Marke Renault.

Aber auch dies nur nebenbei.

Laurence Boissier: Rentrée des Classes, erschienen 2017 im Verlag art&fiction, Lausanne

Von Alex Tschäppät gibt es vermutlich viele Anekdoten in dieser Stadt. Und ich wünschte mir, ein Verlag käme auf die Idee, die Anekdoten zu sammeln und herauszugeben.

Es gibt sicher auch hämische und böse Anekdoten über ihn oder wenig schmeichelhafte. Die würde ich, glaube ich, nicht ins Buch aufnehmen, selbst wenn sie ihn menschlich zeichneten. Doch die Fülle an Anekdoten würde zumindest eines zeigen: Alex Tschäppät war einer, über den gesprochen wurde – nein, über den erzählt werden musste.

Alex Tschäppät war mehr als ein Stadtpräsident. Er war eine volkstümliche Figur. Er selber sagte von sich, er sei einer, den man anfassen könne. Pedro Lenz ist auch einer, den man anfassen kann. Oder Peter Bichsel. Beiden ist das Angefasst-Werden eher unangenehm. Aber sie müssen auch nicht wiedergewählt werden.

Alex Tschäppät mochte seine Rolle, er war gross in seiner Rolle, sie passte ihm ausgezeichnet. Und ja, er fasste auch selber an. Er hielt sich nicht immer an die Gepflogenheiten und forderte damit andere auf, sich ihrerseits nicht immer an die Gepflogenheiten zu halten. Das ist für einen Stadtpräsidenten ausserordentlich.

Wenn ich besagtem Buch eine Anekdote beisteuern sollte, wäre es folgende: «Bern ist überall» erhielt von der «Stiftung zur Förderung der Bernischen Mundartdramatik» einen grossen Preis. Genauer: Die Stiftung löste sich auf und vermachte uns das gesamte Stiftungskapital von Fr. 50’000.-

Die Stiftung war der Stadt Bern beigesellt und der Kultursekretär war von Amtes wegen Stiftungsratsmitglied. Für eine Preisverleihung reichte das Stiftungskapital nicht mehr aus, also wurde entschieden, uns den Preis bei einem sowieso geplanten Auftritt in der Stadt Bern zu überreichen. Ein solcher fand im Rahmen eines Jubiläums der Hochschule der Künste (HKB) statt. Leider waren bis auf Christoph Reichenau alle Stiftungsratsmitglieder an dem Abend verhindert. Dieser sollte nun als Kultursekretär den festlichen Akt vollziehen.

Vor dem Auftritt gab es, wegen des HKB-Jubiläums, ein Nachtessen, bei dem auch Alex Tschäppät zugegen war. Während des Essens erfuhr ich, dass Christoph Reichenau krankheitshalber ausfiel. Also ging ich zu Alex Tschäppät und fragte ihn, ob er es übernehmen könnte, uns diesen Preis zu überreichen. – Was er denn mache müsse, fragte er. – Er solle eine kleine Rede halten, sagte ich, wie er es ja gewohnt sei. – Aber er müsse uns doch auch was überreichen können, wendete er ein. Das überzeugte mich. Ich fragte einen HKB-Mitarbeiter, ob er mir einen Briefumschlag besorgen könnte, mit einem Stück Karton drinn, für den Stadtpräsidenten.

Nach unserem Auftritt stieg der Stadtpräsident auf die Bühne und stoppte den Schlussapplaus. Er freue sich, hier in diesem Rahmen eine freudige Botschaft überbringen zu können.

Alex Tschäppät war in Form. Er hielt eine Rede, zu der er sich im Moment auf der Bühne inspirieren liess. «Bern ist überall» kannte er, von der «Stiftung zur Förderung der Bernischen Mundartdramatik» hatte er bisher noch nicht allzu viel gehört. Am Schluss überreichte er uns diesen dicken Umschlag. Wir bedankten uns förmlich. Und schenkten ihm eine Zugabe.

Mit welcher Lockerheit und welchem Understatement die Stadt Bern Kulturpreise in der Höhe von Fr. 50’000.- verleihe, sei einzigartig, zeigten sich anschliessend einige HKB-Studierende beeindruckt. Das habe Stil.

Und wieder denke ich an Katalonien. Weil ich aber auf der schon sommerlichen Münsterplattform sitze und mich während des Notierens dieser Zeilen in mein Notizbuch von der heftig angeschwollenen Aare berauschen lasse, ist immerhin ein Bernbezug gegeben.

Ich denke an Katalonien, weil es auf der Plattform gerade wimmelt von Polizei. Auf dem Münsterplatz steht wieder hoher Besuch an. Eben erst war auch der spanische Aussenminister da. Er soll mit Ignazio Cassis über die beiden Damen gesprochen haben, die vor der spanischen Justiz nach Genf geflohen sind.

Wie man mit ihnen umgehen sollte, weiss ich wirklich nicht, aber beide hatten mich am entscheidenden Tag bei der TV-Übertragung aus dem katalanischen Parlament in Staunen versetzt. Mir ist unvergesslich, wie sie scheinbar absolut unberührt von der Tatsache, dass die gesamte Opposition, das heisst, die Abgeordneten mehrerer Parteien geschlossen das Parlament verlassen hatten, in völlig unaufgeregtem Ton, ruhig und sachlich erörterten, wie das provisorische Grundgesetz einer neuen Republik zu verstehen und umzusetzen sei.

Die juristischen Beistände, also die Juristen und Juristinnen, die der Präsidentin des Rates beizustehen haben, hatten sich schon aus dem Staub gemacht, nachdem ihr Hinweis, dass man den gesetzlichen Rahmen verlassen habe, auf taube Ohren gestossen war.

Ich wusste nicht, ob ich diese Frauen, die hier seelenruhig, als würden sie an einem Elternabend die Organisation eines Sommerlagers für ihre Kinder und nicht einen Staatstreich besprechen, bewundern oder bedauern sollte. Ich weiss auch noch genau, dass ich unfähig war, den Gesichtsausdruck von Frau Rovira zu deuten. In Anbetracht der möglichen Folgen ihres Diskurses als Sprecherin der separatistischen linken Partei ECR kam mir das Gesicht dieser Frau so reglos vor, dass ich sie für todesmutig hielt. Oder aber für naiv, denn mir war völlig klar, dass man, sollte der Coup nicht gelingen, für so etwas «i d’Chischte chunnt».

Und ich muss zugeben, als ich Marta Rovira ein paar Wochen später am Fernsehen weinen sah, tat sie mir einerseits zwar leid, aber andererseits fand ich es nicht mehr nur naiv, sondern hanebüchen, wenn nicht frech, dass sie behauptete, sie würde für ihre Ideen verfolgt.  Ich meine «frech», wie verwöhnte Kinder frech sein können, die immer noch eins drauf geben und nachher beleidigt sind, wenn Vater oder Mutter die angedrohte Strafe tatsächlich vollziehen.

Und was hat Pole Lehmann damit zu tun?

Auch Pole Lehmann wird gerne als «naiv» bezeichnet. Aber anders als in der Politik ist Naivität in der Kunst, in welcher es bekanntlich weder Vorschriften noch Gesetze gibt, völlig unerheblich und ganz sicher kein Qualitätskriterium. Auch sicher ist, dass es in der Werkschau im Tramdepot Burgernziel, die noch bis am Sonntag, den 29. April dauert, sehr viel zu sehen und einen sehr verspielten, äusserst produktiven und amüsanten Berner Künstler (wieder-) zu entdecken gibt.

Wie oft habe ich schon von flexiblen Arbeitszeiten reden gehört, das Wörtlein „Flexibilität“, wie oft drang es schon an mein Ohr. Und natürlich weiss ich, was „flexibel“ bedeutet: biegsam, anpassungsfähig. Und warum muss etwas biegsam sein oder anpassungsfähig? Offensichtlich deshalb, weil es nötig ist. Ein Ast biegt sich im Wind und bricht nicht. Schön. Aber die Frage stellt sich doch: wie steht es um die Flexibilität des Windes? Könnte nicht auch der Wind sich anpassen an den Ast und ein bisschen weniger heftig wehen oder seinen Luftstrom um den Ast herumbiegen, so dass der selber sich nicht biegen muss? Warum kann der Wind eigentlich nicht Rücksicht nehmen auf das Bedürfnis des Astes, nicht ständig flexibel zu sein? Warum bläst der einfach stur weiter, obwohl diese Flexibilität und ständige Anpassungsbereitschaft eine ziemlich anstrengende Angelegenheit sind?

Und wie steht es in der Arbeitswelt? Wer biegt sich dort und wer bleibt stur? Ist es etwa das arme Ästlein der globalisierten Wirtschaft, das sich dem scharfen Wind beugen muss, der ihm von der Sturheit der Arbeitnehmenden entgegenschlägt?  Wie ist es denn, wenn die Angestellten auf ihrem Feierabend oder freien Sonntag beharren und in ihrer Sturheit die Flexibilität partout nicht aufbringen wollen, sich jederzeit über ihr Handy zu biegen, um abzuchecken, ob der Vorgesetzte ihnen vielleicht jetzt gerade eine Mail geschrieben hat? Ist der Vorgesetzte dann etwa bereit, sich an die Sturheit seiner Angestellten anzupassen? Bringt er die nötige Flexibilität auf und wartet geduldig auf seine Antwort?

Solange es als naturgegeben erscheint, wer im globalisierten Kapitalismus die Ästlein sind, und woher der Wind bläst, dem sie sich zu biegen haben, solange also die Rollen zwischen Sturen und Flexiblen so einseitig verteilt bleiben, erlaube ich mir meinerseits die Sturheit, das Wörtlein „Flexibilität“ in die Ecke der ideologischen Kampfbegriffe zu stellen, mit denen eben dieser Kapitalismus seine Herrschaft behauptet.

Wiederum sei an dieser Stelle auch dem katalanischen Drama gedacht. Sollte hier schon behauptet worden sein, diese Tragödie sei längst zur Farce verkommen, möchte man jetzt rufen: «Höret uf!» Mich beschäftigt nämlich, was ich neulich gehört habe: Sie machen alle weiter bis es «chlepft u tätscht» und danach greifen sie sich an den Kopf und tun so, als wüssten sie nicht, wie es so weit kommen konnte!
Natürlich ist es weiterhin spannend, zu beobachten, wie beide Seiten sich in der jeweiligen Realität einigeln und sich selbst betrügen, gleichzeitig befürchtet man aber Schlimmes: Die Flaggen stehen auf Sturm, und  Land ist keines in Sicht!
Vielleicht sollten alle Beteiligten mal von der Münsterplattform runterschauen können!
Dort ist nämlich zu sehen, dass der Kies, den die Aare letztes Jahr angeschwemmt hat und den die fleissigen Bagger dort unten im «Schweller» zu einem gewaltigen Berg angehäuft hatten, dass dieser Kies mittlerweile abtransportiert worden ist! Wer weiss wohin, aber es ist einmal mehr bewiesen: Berge können sehr wohl versetzt werden, aber nur mit Fleiss und Geduld!
Und jetzt, da die No-Bilag-Initiative glücklicherweise vom Tisch ist, noch ein Wort zu den so oft gelobten und als staatstragend bezeichneten Informationssendungen unserer sogenannten Qualitätsmedien.
Ja, sie leisten zweifellos sehr viel gute Arbeit, es würde mir überhaupt nicht schwer fallen, zum Beispiel von einem halben Dutzend Radio-Reportagen aus aller Welt zu berichten, die ich alle mit grossem Gewinn angehört habe, aber leider ist da auch noch das alte Problem: Die Satzfrage! Es kann nicht oft genug wiederholt werde! Satzfragen zeugen selten von Neugier und Sachkenntnis. Satzfragen sind Verlegenheitslösungen. Die Satzfrage wird gestellt, weil aus Mangel an einer echten Frage, auf Gesichertes zurückgegriffen werden muss.
Dazu kommen auch noch jede Menge absolut künstliche und gekünstelte Fragen. Gerade neulich wollte ich mein Radio wieder mal auf die Gasse hinaus schleudern. Und zwar mit allergrösster Wucht und ohne erst das Fenster zu öffnen! Gerade noch rechtzeitig erinnerte ich mich daran, dass diese Dinger ja einen Knopf haben, mit welchem man sie zum Schweigen bringen kann. Aber mein Ärger war gigantisch! Der Tod, Mord! Sogar Massenmord, Kriegsgräuel, Totschlag, Staatsbetrug werden vermeldet und was wird gefragt?
Es wird gefragt: Hat das Konsequenzen? Und zwar nur, weil ein Vorgesetzter oder jedenfalls irgend ein Schlaumeier der Firma, vorschreibt, den Bericht des Korrespondenten oder der Korrespondentin mit Fragen zu unterbrechen. Gefragt wird also stellvertretend für mich, den Zuhörer, aber ich werde für einen Volltrottel gehalten! Sonst würde hier doch nicht gefragt werden, hat das Konsequenzen? Immer fragen sie, weil ihnen aus Mangel an Sachkenntnis keine bessere Frage einfällt, hat das Konsequenzen?
Natürlich hat das Konsequenzen! Alles hat Konsequenzen und weil mich dort, wo Weltbewegendes passiert, die Konsequenzen interessieren, höre ich doch Radio! Hat das Konsequenzen? Dem sagt man Tappen im Dunkeln oder Stochern im Nichts! Und was immer behauptet wird: Ein Gespräch entsteht so sicher nicht! Das ist ein Abfragen ohne Sachkenntnis! Und das ist einem sogenannten Qualitätsmedium unwürdig!
So!

Und was hat Konrad Klapheck damit zu tun?

Gerade gestern las ich ein Interview mit Helmut Hubacher, einem der ganz Grossen der Schweizer Politik. Er sagte nicht nur, dass er weiter schreibe und publiziere, er sagte auch, dass er dies mit der Schreibmaschine tue, weil er mit dieser am besten denke. Da fiel mir die berühmte «Schreibmaschine» von Konrad Klapheck ein. Diese Ikone der modernen deutschen Klassik haben schon viele geliebt und bewundert, möge sie uns allen beim Denken weiterhelfen.   

Die Annahme von Minarett-Verbotsinitiative, Ausschaffungsinitiative und Masseneinwanderungsinitiative waren Schocks für die aufgeklärte, urbane Schweiz. Zurecht warf sich die unterlegene Seite vor, die Kraft der Symbolpolitik unterschätzt und zu wenig mobilisiert zu haben.

In der Zwischenzeit hat sich einiges getan. Die Zivilgesellschaft hat sich auf die Hinterbeine gestellt und zum Teil neu organisiert. Bündnisse und Organisationen sind entstanden wie Operation Libero oder Schutzfaktor M, die sich ausserhalb eines von Rechts definierten Links-Rechts-Schemas verorten und für eine offene, vielfältige, demokratische Schweiz auf Grundlage der Menschenrechte kämpfen.

Die Kulturschaffenden sind aufgewacht

Auch die Kulturschaffenden sind aufgewacht. Viele, die noch vor wenigen Jahren eine politische Positionierung vermieden, melden sich dezidiert und kreativ zu Wort: Künstlerinnen und Künstler jeden Alters, aus allen Sparten der U- und E-Bereiche.

Den Turnaround bildete die fremdenfeindliche, pseudo-ökologische Ecopop-Initiative. Das absurde Ansinnen, nationale Ökobilanz durch Zuwanderungsquoten zu verbessern, wurde an der Urne deutlich versenkt. Die künstlerischen Aktionen im Vorfeld waren vielfältig und kamen von den Künstlerinnen und Künstlern selber, mehr als von ihren (nach wie vor etwas zögerlichen) Institutionen. So waren es beispielsweise die Ensemble-Mitglieder des Zürcher Schauspielhauses, die Abend für Abend vor den Vorhang traten, um vor den verheerenden Auswirkungen der Initiative für das Schweizer Kunstschaffen zu warnen.

Es folgte die Durchsetzungsinitiative, mit der die SVP ihre schlampig formulierte, grundrechtswidrige Ausschaffungsinitiative nach neuem Gusto totalisieren wollte. Das Engagement der Zivilgesellschaft und der Kulturschaffenden war noch um ein Vielfaches stärker als bei Ecopop. Bemerkenswert ist vor allem, dass die grundsätzlichen Aspekte – die Verhältnismässigkeit und die rechtliche Ungleichheit von BürgerInnen mit unterscheidlichen Pässen in der Schweiz – breit diskutiert wurden. Bei der Ausschaffungsinitiative hatte die Argumentation noch nicht gegriffen. Von künstlerischer Seite waren es vor allem Songs und Spoken-Word-Beiträge, die im Netz breit geteilt wurden.

Und nun No-Billag

Bei der No-Billag-Initiative nun meldeten sich KünstlerInnen aller Couleurs zu Wort. Etliche, die bisher gehadert hatten, argumentierten auf einmal mutig und persönlich. Auch hier ging es nicht einfach um partielle Interessen (welche Künstlerin und welcher Künstler in diesem Land lebt schon wesentlich oder hauptsächlich von SRF-Einnahmen?). Es ging vielmehr wiederum um Grundsätzliches, um bedrohte Vielfalt, den demokratischen Diskurs, die kaputtgesparte und von politischen Milliardären aufgekaufte Vierte Gewalt, den Service Public und nicht zuletzt das Dogma der flächendeckenden Privatisierungen.

Die No-Billag-Initiative wird als jene Initiative in die Geschichte eingehen, für die bisher die meisten frei produzierten Filme (mit  Null- oder Kleinstbudgets) hergestellt wurden. Die Kreativität war unglaublich, fast schon überbordend und verdiente eigentlich eine eigene mediale Würdigung.

Wie weiter?

Wesentlich ist jetzt, das Wort nicht gleich wieder den Verlierern der Abstimmung zu überlassen. Die SRG, die freien lokalen Radio- und Fernsehstationen, der Service-Public insgesamt sind gestärkt worden. Zu den Verlierern gehören beispielsweise der Verband Schweizer Medien, namentlich Pietro Supino, Peter Wanner und Markus Somm, aber auch NZZ-Chefredaktor Eric Gujer. Dies gilt es bei weiteren Verhandlungen rund um die Online-Aktivitäten von SRG zu bedenken. Die SRG muss jetzt jene politische Rückendeckung erhalten, die ihr ermöglicht, eine taugliche zukunftsgerichtete Online-Strategie zu entwickeln. Und: Öffentliche Medienförderung über Radio und Fernsehen hinaus gehört ins neue Gesetz.

Schliesslich: Auf Siegerseite stehen unter anderem die Kulturschaffenden, die sich mit enormem kreativem Einsatz in den Abstimmungskampf geschmissen haben. Wenn nun die Verlierer mit ihren Abspeck-Phantasien Gehör finden sollten, ist Kulturabbau jedenfalls ein No-Go. Es gilt SRF 2 Kultur und das Radio generell zu stärken. Die SRG soll angehalten werden, ihren leistungsvertraglich vereinbarten  Kulturproduktionsauftrag weiter auszubauen.

So vieles gäbe es zu berichten. Zum Bespiel aus Wien. Dort habe ich seit langem wieder einmal ein paar Tage verbracht. Sollte eine kleine, winterliche Bestandesaufnahme aus der Hauptstadt unserer östlichen Nachbarn und Nachbarinnen von Interesse sein: Ein Klick genügt.
Aber first things first: Um Gottes Willen nicht etwa die Abstimmung verschwitzen!
Bis Freitag kann man den Gang an die Urne mit einem kleinen Spaziergang durch den Garten des Erlacherhofes verbinden.

Und jetzt haben wir also Besuch aus Katalonien. Anstatt sich vor Gericht, wo sie vorgeladen war, zu verantworten, zieht es eine der prominentesten Exponentinnen der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung vor, sich vorerst mal ein bisschen in Genf abzusetzen. Angeblich mit dem hohen Ziel, den gegenwärtig ziemlich traurig vor sich hinmottenden Konflikt zu internationalisieren. So wie das von anderen schon in Belgien versucht wird. Rein gefühlsmässig geht das aber irgendwie nicht ganz auf. Sollten sich internationalisierte Regionalkonflikte nicht von selbst aufheben oder wenigstens ihrer Widersprüchlichkeit bewusst werden?
Die besagte Politikerin ist aber auch bekannt für die Forderung, aus Katalonien eine feministische Republik ohne Grenzen zu machen. Ob man gegen Grenzen ankommt, indem man neue errichtet, ist auch so eine Frage. Nicht ganz überraschend ist allerdings, mit welcher Vehemenz sich die spanische Öffentlichkeit auf den Widerspruch stürzt, dass die selbstdeklarierte antikapitalistische Systemgegnerin, deren Partei auch das Geld abschaffen möchte, ausgerechnet in der erzkapitalistischen Schweiz und nicht in Venezuela, wohin sie angeblich auch Kontakte pflegte, Schutz sucht.
Es wird sogar behauptet, es sei gar kein Land denkbar, welches das System stärker verkörpere als die Schweiz, und es gebe keine grössere Heuchelei, als am Genfersee bei Sonnenuntergang Marx zu zitieren. Schliesslich sei die Schweiz das System schlechthin. Um diesen Widerspruch noch weiter auszuleuchten, zeichnet beispielsweise in El Pais ein Kommentator wieder mal ein Bild unseres Landes,  das mit unserer Eigenwahrnehmung nicht weiter auseinanderklaffen könnte.
Wir seien nichts als ein einzig Volk von fragwürdigen Grössen des Sportes, von Mafiosos, von afrikanischen Diktatoren, von korrupten Bänkern, die hier auf ihre Begnadigung warteten, von Waffenhändlern und Schiebern, von allgemeinen Zuhältern, von Erdölsatrapen, von Kriegsherren jeder Art, von Drogenkartellisten, von falschen Gotteskardinälen und jetzt auch noch von Justizflüchtlingen wie Frau Anna Gabriel!
Und kein Wort von Heidi!
Kein Wort von Schellenursli!
Kein Wort von Vreni Schneider!
Nichts von den verantwortungsbewussten Staatsbürgern und Staatsbürgerinnen, die verglichen zu den Spaniern und Spanierinnen relativ früh aufstehen, ziemlich fleissig zur Arbeit gehen, sich vielleicht sogar über das Zeitgeschehen informieren und sich zu einem Gespräch über Politik hinreissen lassen, es in der Regel auch ziemlich normal finden, nicht nur ihren Müll selbst zu entsorgen, sondern auch, dass den eher weniger Privilegierten ein halbwegs anständiges Leben zusteht. Nichts davon, dass man im allgemeinen nicht dem Irrtum erliegt, der Weg zum Glück führe über die Lotterie oder über den Erfolg des lokalen Fussballclubs!
Gut, man darf uns sehen wie man will, aber ein bisschen was muss man da ja schon dagegenhalten.

Und was hat Fernand Léger damit zu tun?

Ein Lob der Arbeit kann nie schaden!
Dazu kommt, dass ich dies in dem schönen Eckkaffee auf der Münsterplattform schreibe, wo vor dem Kälteeinbruch die Baumpfleger und Baumpflegerinnen der Stadtgärtnerei in ihren roten Sichtwesten mich an das Bild «Les constructeurs» erinnerten. Wie jedes Jahr stellten sie ihre Warnschilder auf und stiegen mit Scheren und Sägen über lange Leitern in die kahlen Kastanienbäume hinauf, um sich tagelang um deren Beschneidung zu kümmern. Wie die Bauarbeiter auf dem Bild schienen sie dabei ihre Arbeit so ernst zu nehmen und so gerne zu verrichten, dass man am liebsten selbst mitgeholfen hätte.

Auch hier geht es um eine gewisse Initiative. Mir scheint, man redet diesbezüglich sehr viel vom Fernsehen und eher wenig vom Radio.

Darum die Frage: Lesen Sie in der Zeitung immer auch den Wirtschaftsteil? Ich persönlich, das muss ich zugeben, lese diesen eher selten, obwohl ich eigentlich weiss, dass das fahrlässig ist. Wo fängt denn fast alles an, wenn nicht mit dem Stutz?

Höre ich aber das Wirtschaftsmagazin Trend auf SFR 4 News?

Ja, sehr oft, beispielswese beim Kochen! Und immer mit Gewinn! Was ich dort gerade gestern wieder alles erfahren und gelernt habe! Da sind offensichtlich sehr motivierte Leute am Werk, die auch gute Köpfe zu Wort kommen lassen. Soweit ich das beurteilen kann, alles auf hohem Niveau!

Und was hat das mit Ilja Jefimowitsch Repin zu tun?

Soll jemand behaupten, dieses auch in seinen Ausmassen grosse Bild der Wolgaschlepper habe nichts mit Wirtschaft zu tun! Das war für Hunderttausende einmal ein Beruf, sogar noch für den Grossvater von Maxim Gorki. Und dieses Bild zwingt einen, sich zu fragen, wer denn heute in unserer Gesellschaft die Wolgaschlepper seien und wer sich um sie kümmere? Sicher ist, gäbe es sie so noch heute, wären sie vermutlich schwarzer Hautfarbe und würden einen Teil ihres spärlichen Verdienstes nach Nigeria schicken. Und zwar unter Entrichtung sehr hoher Gebühren. Warum dem so ist, und was man dagegen tun könnte, gerade darum kümmerte man sich im Wirtschaftsmagazin Trend. Wenn das nichts ist?

Möglicherweise geht es Ihnen ähnlich: Irgendwie gibt das neue Jahr schon rein zahlenmässig mehr her. Achtzehn fühlt sich einfach besser an als siebzehn. Siebzehn ist niemand gerne. Aber Achtzehn! Da ist doch auch für ein Jahrhundert schon mal was Fassbares!

Entsprechend gibt es schon literarische Entdeckungen zu vermelden. Zuerst Puschkin. Las endlich mal «Eugen Onegin», und weil ich danach sehen wollte, wie bei Herrn Puschkin Geschichten in Prosa gehen, habe ich in dem Reclambändchen «Der Posthalter» sehr schöne, klare und gerade Geschichten gefunden. In «Der Schneesturm» werden da die Liebenden durch einen Schneesturm am Abhalten der klandestinen Hochzeit gehindert. Russischer geht es wirklich nicht. Aber auch «Der Sargmacher» ist grossartig. Einfach und doch virtuos. Der Sargmacher lädt nämlich alle seine Toten ein und dann kommen sie! Zwar nur im Traum, aber eben doch! Dann bin ich auch noch wieder bei Gogol gelandet, wo alles noch fantastischer und verrückter wird. Nabokov soll gesagt haben, bei Gogol sei das ganze Personal irgendwie geistesgestört. Da ist nicht nur was dran, auch das ist wieder sehr russisch!

Da redet jetzt auch das Volk mit und zwar ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, und die Natur wird nicht mehr realistisch eingesetzt, jetzt wird der Nachthimmel beschworen und sogar ein Teich hat viel zu sagen. Und Kleider machen vielleicht Leute, aber in «Der Mantel» ist mindestens ein Kleidungsstück selbst ebenso lebendig wie die Leute. Aber nicht genug: In dem Buch, in dem ich Gogol las, befand sich noch eine Novelle von Boris Lawrenjew, bei der ich wirklich so bald nicht wieder aufhörte zu staunen. Der Titel ist « Der Einundvierzigste» und Lawrenjew erzählt darin vom Russischen Bürgerkrieg, genauer gesagt von einer Scharfschützin. Sie war eine der wenigen Frauen in der Roten Armee. Als sie mit ihrer Abteilung hinter die Fronten gerät, verfehlt sie das 41. Opfer. Es ist ein junger Offizier, der sich mit einem weissen Tuch am Gewehr ergibt und gefangen genommen wird. Er soll dem Stab zum Verhör übergeben werden. Die Scharfschützin wird mit seiner Bewachung betraut. Man befindet sich auf einem tödlichen Treck in der kirgisischen Wüste, gerät an den Aralsee, und schliesslich endet sie mit ihrem Gefangenen allein auf einer Insel, die es heute wohl nicht mehr gibt. Mit einem angeschwemmten Kahn wollte man die Reise verkürzen, gerät aber in einen Sturm, zwei Soldaten ertrinken und die Bewacherin endet mit ihrem Gefangenen in Eis und Schnee. Alles ziemlich russische, aber auch biblische Dimensionen. Natürlich wurde diese heroische Novelle noch zu Sowjetzeiten verfilmt, allerdings am Kaspischen Meer, denn einen Sturm hätte der Aralsee längst mich mehr hergegeben. Sicher ist, bis jetzt hätte meine Lektüre nicht kräftiger ausfallen können und ich bin sicher, es gibt ein gutes Jahr.

Und was hat Alice Bailly damit zu tun?

Man könnte sagen, das Bild «Intermission», das 1922 in Paris oder Genf entstanden ist, sei so etwas wie die zeitgenössische Rückseite von Krieg und Elend, woran es im Russischen Bürgerkrieg wahrlich keinen Mangel gab. Aber eigentlich soll hier nur auf eine grosse Künstlerin verwiesen werden, umso mehr als gerade dieses Bild gegenwärtig im Kunstmuseum Bern im Rahmen der Sammlung Hahnloser gesehen werden kann. Es hängt dort etwas versteckt in einer Ecke, hat man es aber entdeckt, freut man sich über den kecken Blick dieser selbstbewussten jungen Dame in Schwarz.

Der Film «Die Vierte Gewalt» von Dieter Fahrer ist ein Requiem auf die Tageszeitung. Ausgehend vom Umzug seiner betagten Eltern ins Heim, denkt Fahrer über den Medienwandel nach. Darüber, wie es den «Journis» wohl dabei ergehe, jenen, «die Macht haben und doch häufig machtlos sind». Ob sie «Piloten des Wandels» seien oder eher «Passagiere» – einem Zitat folgend von Ludwig Hasler, das am Anfang des Films steht.

Ein Leben lang den «Bund» abonniert

Fahrers Eltern waren besondere Zeitungsleser, vielleicht auch typische. Sie hatten den «Bund» ein Leben lang treu abonniert. Er scheint ihre hauptsächliche Lektüre gewesen zu sein und gab ihnen auch im hohen Alter Gesprächsstoff, stiftete also Gemeinschaft und Sinn. Zudem war der Vater ein begabter Zeichner, der Zeitungsartikel ausschnitt und sich von ihnen zu Tagesskizzen anregen liess. Die Mutter verwendete die Zeitung auch, um Bohnen zu rüsten und Kartoffeln zu schälen. Und die Söhne brauchten die Zeitung im Wald, um Feuer zu entfachen.

Fahrer begibt sich in den journalistischen Alltag und schaut unterschiedlichen Redaktionen über die Schulter. Die Aufnahmen sind eindrücklich und machen deutlich: Den Beruf der Journalistin und des Journalisten gibt es so nicht mehr. Der Auftrag, den sich die vier Redaktionen geben oder von dem sie meinen, dass er ihnen gegeben sei, ist komplett verschieden. Die Tätigkeiten sind kaum mehr vergleichbar.

Neugierde und Unvoreingenommenheit

Die Rolle des Dinosauriers kommt dabei dem «Bund» zu, bei dem Stellenabbau, Spardruck und Büroraumverknappung tägliches Brot sind. Ein paar Aufrechte scheinen unablässig ihr Handwerk und ihren Ethos des Journalismus zu verteidigen. In Online-Seminarien werden sie auf die nicht hinterfragbaren Notwendigkeiten des «Systems» eingeschworen. Neugierde und Unvoreingenommenheit seien nach wie vor Antrieb seiner Tätigkeit, sagt Lokalreporter Marc Lettau sinngemäss in die Kamera. Dabei versprüht er wenig Enthusiasmus.

«Native Ads» als Geschäftsmodell

Enthusiasmus ist die Sache von «Watson», einem Online-Medium, das einen Grossteil seines Umsatzes mit «Native Ads» erzielt. Hier herrscht begriffslose Geschwätzigkeit: «Wir surfen wie schon gefilterter», sagt Rafaela Roth, Leiterin Team Reporter, über ihre «Generation». Wenn der Medienwandel zur «Generationenfrage» erklärt wird, erübrigt sich jede weitere Auseinandersetzung. Sieger der digitalen Revolution ist, wer technisch auf dem aktuellen Stand ist.

Mit ihren «anwaltschaftlichen» Reportagen praktiziert Roth immerhin eine Art linken Boulevard. Nebenan fischt die Kollegin Madeleine Sigrist im «Ressort Spass» Filme aus dem Internet und bemüht sich, «die Seite gut zu füllen». Und Chefredaktor Maurice Thiriet zeigt bei seiner «Blattkritik» wie frisch vom Marketing-Seminar, welches «Teaserbild» ihn «nicht wirklich reingezogen» habe.

In einer späteren Einstellung lobt Olaf Kunz, verantwortlich für «Native Advertising» bei «Watson», die gute Arbeit der Redaktion. Im Bereich «Native Ads» könne ihnen niemand das Wasser reichen. Die «Glaubwürdigkeit» gegenüber Werbekunden sei gross, da die gesponserten Beiträge als «Teil des Gesamtprogramms» wahrgenommen würden. Noch schreibt «Watson», wie en passant zu erfahren ist, keine schwarzen Zahlen und wird von AZ-Medien-Verleger Peter Wanner finanziert. Doch scheint die Nachfrage nach Formaten, welche die Grenzen zwischen Journalismus und Werbung gezielt verwischen, gross zu sein und das bisherige Angebot zu übersteigen.

Glaubwürdigkeit gegenüber wem?

Einen anderen Begriff von Glaubwürdigkeit finden wir beim «Echo der Zeit» von Radio SRF. Seit Jahr und Tag gibt es die Sendung parallel zu den gedruckten Zeitungen und der Medienwandel hat hier kaum Spuren hinterlassen. «Ich bin kein Meinungsmacher, meine Aufgabe ist es, ein Thema so zu vermitteln, dass sich der Hörer ein eigenes Bild machen kann», sagt Moderator Samuel Wyss im Film. In Umfragen wird «Echo der Zeit» von Hörerinnen und Hörern regelmässig eine sehr hohe Glaubwürdigkeit attestiert. Dies ist nicht zuletzt eine Folge der stabilen Finanzierung durch die Öffentlichkeit. Sollte die «NoBillag»-Initiative am 4. März angenommen werden, änderte sich die Situation dramatisch. Darauf weist Dieter Fahrer hin, allerdings erst im Nachspann.

Wie Phönix aus der Asche

Im zweiten Teil des Films gibt’s Hoffnung, in Form von «Project R», der Vorstufe zur mittlerweile gestarteten Online-Zeitung «Republik». Der Film begleitet die Gründer Constantin Seibt und Christof Moser zu ersten informellen Treffen mit ähnlich gesinnten Kolleginnen und Kollegen. «Ich glaube, Haltung ist eine der wichtigsten Waren, die man heute verkaufen kann… Alle möglichen Leute haben zwar diese und jene Parole, aber sie haben keine Haltung», sagt Seibt zur Intention seines Projekts. Die «Republik» hatte zu diesem Zeitpunkt erste zugesagte Gelder und stand vor ihrem schliesslich fulminant verlaufenen Crowdfunding.

Wie Dieter Fahrer den Auszug aus den Berner «Bund»-Büros im Gegenschnitt zum Einzug der «Republik» ins Zürcher Hotel «Rothaus» zeigt, ist zugegebenermassen polemisch. Aber es ist eine sinnige Polemik, da die beiden Vorgänge ursächlich miteinander verbunden sind. Beide sind Folgen des Abbaus der Publizistik bei «Tamedia», dem grössten privaten Medienhaus des Landes. Bei der «Republik» sehen wir Journalistinnen und Journalisten, die nicht länger auf dem sinkenden Schiff ausharren wollen, beim «Bund» den Vollzug der Management-Entscheide aus Zürich.

Das Sterben erfolgt in Raten

«Wenn eine Zeitung stirbt», sagt Constantin Seibt in Fahrers Film in einem Ausschnitt aus der «Deville Late-Night-Show», «dann spart man normalerweise vorher und alle arbeiten wie wahnsinnig und versuchen die Lücke zu füllen. Dann wird die Zeitung immer grauer und dünner und immer jämmerlicher. Und wenn sie dann stribt, dann haben alle das Gefühl, sie ist zurecht gestorben, weil sie schlecht war.»

Erodiert ist das bisherige Finanzierungsmodell der Tageszeitung zuerst durch Abwanderung der Kleininserate ins Internet, heisst es im Film. «Tamedia» habe das Geschäft durch Zukauf der entsprechenden Plattformen zwar ins Haus zurückgeholt, sei aber nicht bereit, Gewinne daraus wieder der Publizistik zur Verfügung zu stellen. Spätestens hier drängte sich ein Interview mit «Tamedia»-Verwaltungsratspräsident (und Mitinhaber) Pietro Supino auf, dessen Familie sich 2016 beispielsweise 34 Millionen Franken an Dividenden auszahlen liess. Leider fehlt dieses Interview im Film.

Der Film leistet viel, er kann nicht alles leisten

Auch andere Aspekte des Medienwandels kommen zu kurz oder nicht vor: Die Übernahme der ökonomisch angeschlagenen Zeitungen durch Christoph Blocher – ein Szenario, das über Basel hinaus nächstens Graubünden, Biel, Schaffhausen und anderen Regionen blühen könnte. Oder die Frage, was der Medienwandel, neben den Folgen auf die journalistische Arbeit, für Politik und Kultur bedeutet (eigentlich auch für Wirtschaft und Sport). Überhaupt die Frage, was es mit dieser «Vierten Gewalt» auf sich hat: Warum unabhängige Medien notwendig sind für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft.

Ein Film kann nicht alles leisten. Dieter Fahrers Film leistet viel. Er zeigt die «Journis» als «Passagiere des Wandels» und – im Fall der «Republik» – auch als «Piloten», die versuchen den Steuerknüppel in die Hand zu bekommen.

Darüber hinaus zeigt der Film, wie fundamental sich die journalistische Praxis durch die Digitalisierung verändert und verändert hat. «Bund»-Redaktor Marc Lettau klagt, «wissen und googeln» sei dasselbe geworden. – «Bund»-Chefredaktor Patrick Feuz hält entgegen, dass die journalistische Qualität durch den Medienwandel gesteigert worden sei. Früher habe es gereicht, nach einer Pressekonferenz ins Büro zu gehen und aufzuschreiben, was an der Pressekonferenz gesagt wurde. Heute wüssten die Leute das Wesentliche schon, wenn der Journalist zu schreiben anfange. Das zwinge ihn, mehr zu sagen zu den Hintergründen. Das sei auch, was Qualitätsmedien ausmache. Und wofür es nächstens wieder eine Kundschaft gebe, die bereit sei zu zahlen.

Für «Watson» schliesslich ist das Internet eine grosse Fundgrube, in der es wühlen und die Funde frisch aufbereitet dem Internet wieder zur Verfügung stellen kann. So auch Aufnahmen von Webcams aus der ganzen Welt, in denen kaum etwas Aussergewöhnliches zu entdecken ist. Unbearbeiteter Alltag, der auch Dieter Fahrer fasziniert. Und den er zunehmend in den Film einfliessen lässt, vielleicht als Gegenbild zu den «Breaking News».

Gute Nacht

Fahrers Eltern bilden die Klammer für den Film. Sie dienen als persönlicher Zugang des Filmemachers zum Thema und sorgen für Emotionalisierung der womöglich etwas papierenen Sache. Damit überspannt der Filmemacher den Bogen nach meinem Geschmack an einer Stelle: Da, wo er seine mittlerweile hoch betagten Eltern ein Abendlied singen lässt vor dem (definitiven) Zu-Bett-Gehen. Die Szene ist fragil und berührend. Doch berührt mich hier die Vertrautheit der beiden Menschen, der Versuch, Würde und Zuneigung zu bewahren. Das hat mit Zeitungssterben nichts zu tun. Und auch der Schlenker zum Schluss, dass man jetzt nicht mehr wisse, wo die Todesinserate erscheinen sollten, wirkt aufgesetzt. Längst ist das Internet auch ein digitaler Friedhof mit entsprechenden kommerziellen Angeboten. Und gerne übernehmen boomende lokale Gratisanzeiger die bei älteren Menschen beliebte Rubrik.

Alles in allem hat Dieter Fahrer mit «Die Vierte Gewalt» einen wichtigen Beitrag zur Zeit geschaffen, einen bild- und zugkräftigen Film. Der uns Anlass sein kann über das Verschwinden von Öffentlichkeit in der Öffentlichkeit zu reden – über NoBillag hinaus.

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«Die Vierte Gewalt» von Dieter Fahrer hat seine Premiere an den Solothurner Filmtagen und zwar am Samstag, 27. Januar um 18.00 Uhr im Landhaus sowie am Dienstag, 30. Januar um 17.45 Uhr in der Reithalle.

Der Kinostart erfolgt am 8. Februar.

In Bern findet bereits am Mittwoch, 7. Februar im cineClub eine Voraufführung mit dem Medienjournalisten Nick Lüthi statt. Sowie eine Parlamentariervorführung in Zusammenarbeit mit «Cinésuisse» und «Bern für den Film» am Dienstag, 27. Februar ebenfalls im cineClub mit Nationalrat Matthias Aebischer.

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Zur Transparenz: Guy Krneta wurde während der Produktion des Films «Die Vierte Gewalt» von Dieter Fahrer kontaktiert. Es bestand der Plan, Teile seines Theaterstücks «In Formation» (Zürcher Schauspielhaus, 2016/2017) in den Film zu integrieren. Dieser Plan wurde später fallen gelassen. Stattdessen erscheint die komplette Aufzeichnung von Krnetas Stücks nun als «Bonus-DVD» zu Fahrers Film.

Es ist nicht etwa so, dass mich Katalonien nicht weiter beschäftigen würde. Wie so oft in diesem Jahr in diesem Blog.

Aber liesse ich mich hier beispielsweise über die spanische Justiz aus, die ja doch ziemlich unbeholfen vorzugehen scheint, wer würde dann vermelden, dass an den Kastanienbäumen auf der Münsterplattform kein Blatt mehr übrig bleibt? Wer würde den hölzernen Reitpferden gedenken, die jetzt verlassen und frierend dort neben dem Sandkasten stehen, wo auch nur noch ein paar rote und gelbe Plastikspielsachen an vergnügte Kinder erinnern? Und wer erwähnte die verlorene Taube unter einem der leeren Bänke? Wer die eingenebelte Sonne, die sich wie ein weisser Leuchtknopf am Himmel versteckt?

Und wenn ich hier wiederum nur davon berichten würde, wie viele Politiker und Politikerinnen in Katalonien eigenartigerweise weiterhin nicht den Mund aufmachen können, ohne allem, was sie sagen, paradoxerweise auch noch drei oder viermal das Wort «demokratisch» beizumischen wie Essig und Öl an den Salat, wer würde dann unserer Aare die Beachtung schenken, die sie verdient? Wer würde den stolzen Schwan erwähnen, der aufrecht vor der Englischen Anlage dümpelt, als würde er die wieder aufgenommenen Aushubarbeiten vor den Schwellen überwachen? Immerhin geht es hier um die Ablagerungen des Jahres und die stammen nicht einfach so von irgendwo. Was hier ausgebaggert wird, das wurde von Eiger, Mönch und Jungfrau, von der Blüemlisalp, vom Niesen und der Grimsel herunter angeschwemmt! Immerhin!

Wiederum hat sich nämlich eine riesige Insel gebildet, auf welcher die gelben Maschinen rumsurren und dieses Geröll schon mal für den Abtransport ins neue Jahr aufhäufen.

Noch rauscht sie leicht, die abgemagerte Aare, und wenn man die Ohren spitzt, hört man auch noch das Gerassel der Ketten, mit welchem bis vor kurzem die rostigen alten Ungetüme von knatternden und ratternden Baggern ihre geleerten Schaufeln zurück ins Wasser haben sausen lassen.

Und wenn ich hier weiter nur gegen einen doch uneuropäischen und undemokratischen katalanischen Wohlstandsseparatismus anschreiben würde, wer nähme sich dann die Mühe, zu vermelden, dass unsere Bären jetzt schlafen? Wie es weiter oben beim alten Tramdepot dreisprachig auf einer Tafel steht. «L’ourse Ursina hiverne dans une tanière dans le parc».

Und wer würde berichten, dass schon kurz nach der Untertorbrücke die Biber einen weiteren stattlichen Baum zu Fall gebracht haben, der jetzt bis zu der Krone in der Aare liegt? Auch die dort mit den Bären im Winterschlaf träumenden Weidlinge der Wasserfahrer müssen doch erwähnt werden. Ebenso die Krähe, die im seichten Wasser rumstolzierend und aufbegehrend etwas sehr Undurchsichtiges treibt. Und unbedingt, dass zwei Entenpaare, der Kälte zum Trotz, den Altenbergsteg mindestens so vergnügt und mindestens so synchron unterqueren wie die ranken Aareschwimmerinnen im Sommer.

Und wenn ich mich immer weiter nur mit diesem so demokratischen Katalonien rumschlagen würde, wer würde dann die Schafe erwähnen, denen man beim Weitergehen unweigerlich begegnet? Und die schöne, graue Tirolerkuh, die sich zwischen der alten Brauerei Gasser und dem Lorrainebad durch die Jahre frisst, hat sie nicht mindestens das gleiche demokratische Recht wie das arme undemokratisch unterdrückte Katalonien, einmal in einem Blog im Journal B erwähnt zu werden?
Doch! muss man da sagen. Doch! Dieses Recht muss man dieser gediegenen Stadtkuh einfach einmal zugestehen.

Und was hat Henry Rousseau damit zu tun?

Ginge man noch weiter, der hier schon fast schlafenden Aare entlang, käme man zwar auch noch bei ein paar im Dreck grunzenden Schweinen vorbei, unweigerlich aber auch zu unserer im Sommer so herrlich tosenden, jetzt aber still auf die nächste Schneeschmelze wartenden Stauwehr. Und eine ebensolche hat der «Douanier» wie Henry Rousseau auch genannt wird, so wunderbar gemalt, es könnte wirklich grad die unsere sein.

Dazu kommt – das muss auch noch gesagt sein – dass es sich jederzeit lohnt, besonders aber in der zur Melancholie verleitenden vorweihnächtlichen Zeit, in aller Ruhe ein paar Bilder von diesem Rousseau zu betrachten.

Sie bergen allesamt ein Geheimnis, das sich am ehesten an den malerischen Details erahnen lässt. Diese unglaubliche Liebe zur Kunst! Dieser Fleiss! Diese grenzenlose Geduld! Sie sind Ausdruck des unverkennbaren Bedürfnisses, etwas Schönes, etwas Wahres, etwas Wertvolles zu schaffen. Rousseau meint es immer Ernst! Und um dieses Ziel zu erreichen, war diesem sehr edlen Monsieur kein Opfer zu klein.

In diesem Sinne schon jetzt die allerbesten Wünsche für die kommenden Festtage und für das neue Jahr.

J’ai chaud.
Ma chemise blanche me serre.
J’ai grossi depuis ce congé-maladie forcé.Quand j’étais garde-frontière, je bougeais davantage. Je mangeais certes pas mal de sandwiches mais je bougeais davantage.

Je me demande à quelle heure le Président va interrompre l’audience.
On ne va quand même pas demander cinquante fois à la Syrienne si elle avait mal, si elle saignait, à quelle heure exactement elle a perdu les eaux, et si son vagin avait commencé à se dilater.
Un peu de respect pour la pudeur de cette femme quand même.
Bien sûr qu’elle avait mal, bien sûr qu’elle saignait, bien sûr qu’elle avait perdu les eaux.
Et c’est à peu près certain que son vagin s’était dilaté.
Je connais la question. Ma femme aussi elle est passée par là.  A deux reprises même. Une fois pour Ryan, et une fois pour Melissa.
Sauf que ma femme, elle est du Toggenburg, elle n’est pas d’Alep.
Et puis ma femme je l’aime, tandis que la Syrienne je ne l’aime pas, ou en tout cas j’ai ordre de n’avoir aucune empathie à son égard.  C’est une migrante, pas une femme sur le point de donner la vie.
Alors une migrante qui a mal, qui saigne, qui a perdu les eaux et dont le vagin s’est dilaté, tu ne la regardes pas, ou si tu la regardes, c’est comme une bête, comme une chienne, comme une moins-que-rien que tu vas te dépêcher de fourguer aux collègues de Domodossola pour qu’ils  s’en occupent, et surtout pour que son petit naisse chez eux et pas chez nous.
Non pas qu’ont ait le droit du sol en Suisse, mais si une de ces migrantes fait son petit chez nous, elle va vouloir l’allaiter et le lécher et Dieu sait quoi encore, et ce sera encore une excuse pour traîner chez nous.

Ouf, le Président a suspendu l’audience jusqu’à demain.
Je vais pouvoir rentrer chez moi
J’ai hâte de retrouver ma femme et mes enfants.
Dans ces moments, avoir le soutien de sa famille, c’est important.

Ergibt sich in einer sehr vielschichtigen historischen Entwicklung ein Interessenkonflikt zwischen zwei oder mehreren Parteien, kann es vorkommen, dass sich eine Partei aus Mangel an überzeugenden Argumenten darauf versteift, den eigenen Interessen zuwiderlaufende Fakten aus der Diskussion zu verbannen. Da lese ich in einer Zeitung zum Beispiel, was einem gewissen Monsieur nachgesagt wird: Der Monsieur habe «die unheimliche Fähigkeit, offenkundige Tatsachen in Abrede zu stellen». Trotzdem schaffte es dieser Monsieur, in eines der bekanntesten Häuser in Washington einzuziehen. Ein Grund, warum er dies geschafft hat, liegt darin, dass dieser Monsieur zwar die Lüge zur Tugend erhob und allen das Blaue vom Himmel herab versprach, aber die Emotionen, die er damit weckte, waren für viele absolut echt und real und offensichtlich beliebter als trockene Tatsachen. Und wer meint, Träume und Hoffnungen seien ohne Bedeutung, bloss weil sie sich auf Unwahrheiten stützen und sich nicht erfüllen lassen, kann nicht nur in den USA, sondern auch in England und in Katalonien erkennen, dass dem nicht so ist. Vermutlich gilt es, sich von der Vorstellung eines öffentlichen Ringens um Vernunft und Wahrheit zu verabschieden. Die Emotion, genauer gesagt, das Gefühl, wie marginal auch immer, selbst irgendwie impliziert, betroffen und dadurch Partei zu sein, überstrahlt und negiert die pickelfestesten Fakten. Kommt noch die Aussicht dazu, möglicherweise das identitäre Selbstwertgefühl zu steigern, ist der Zug abgefahren und die Meinung gemacht.
Zu diesem Schluss komme ich unter anderem auf Grund meiner Gespräche mit katalanischen Nachbarn, die ich während meines  langen Sommers in Spanien geführt habe. So vermessen wie das auch klingen mag, wann immer ich versuchte, sie in ein Gespräch zu verwickeln, bemerkte ich, dass die meisten fast nichts wussten oder meinten, mir Neuigkeiten überbringen zu müssen, von welchen ich schon Tage zuvor gelesen hatte. Auf die Frage, warum sie eigentlich für die Unabhängigkeit sei, antwortete mir einmal eine Bekannte: Weil sie schon immer dafür gewesen sei! Die Antwort fiel nicht etwa so kurz und so knapp aus, weil sie meinte, für mich würde das reichen. Nein, ich hatte nachgehakt und weiss es genau: Da war nicht mehr! Sie strahlte und lachte, denn ihr reichte das vollkommen. Sie wusste auf welche Seite sie gehörte.
Bei einem andern katalanischen Nachbarn, mit welchem ich fast täglich ein paar Worte wechselte, fiel mir plötzlich auf, dass er eigentlich über die dramatischen Entwicklungen sprach, als wäre es ein Fussballspiel. Als grosser Fan des FC Barcelona hatte er schon manchen Triumph feiern können und war überzeugt, dass sich der Präsident seiner Regionalregierung plötzlich als Lionel Messi der Politik entpuppen und aus dem unmöglichsten Winkel das vermeintlich unmögliche Siegestor schiessen würde. Und sollte mein Nachbar aus nächster Nähe selbst gesehen haben, dass dieses Siegestor aus einer zweifelsfreien Abseitssituation geschossen wurde, würde er wütend werden und absolut parteiisch über seinem Kopf mit den Fäusten fuchteln und das Gegenteil behaupten. Wie das im Fussball ja gang und gäbe ist.
Was es aber bei diesem Spiel wirklich zu gewinnen oder zu verlieren gibt, darüber schien er nie nachgedacht zu haben. Musste er auch nicht. Denn man kann Argumente so verkürzen, dass am Schluss nur noch eine Fahne oder eben, Farben übrig bleiben. Farben, zu denen man sich bekennt, die auf Zugehörigkeit verweisen und die damit alles sagen, weil es mehr nicht zu sagen gibt. Wie beim Fussball. Hier ist die eigene Mannschaft und dort der Gegner!
Sicher ist deshalb, dass man das bunte Wehen der katalanischen Fahnen weder verharmlosen noch romantisieren sollte. Die Fahnen sind vielleicht ein Geschenk für Pressefotografen und Fernsehjournalistinnen, aber sie sind ganz bestimmt nicht Ausdruck eines «fröhlichen Patriotismus» wie im «Spiegel» jemand mit einem grossen Namen meinte schreiben zu müssen. Vielmehr ist die Fahne die geistige Verkürzung schlechthin und kommt besonders jenen entgegen, die eigentlich keine Ahnung haben, worum es geht. Schlimmer ist nur noch der Holzhammer. Wer sich seine Sympathien für solche populistischen Auswüchse nicht verkneifen kann, dem sei ans Herz gelegt, sich einen Bundesplatz in Bern mit Tausenden in Schweizerfahnen gehüllten Jugendlichen vorzustellen.
Wem da nicht graust!
Und was hat Maruja Mallo damit zu tun?
Ich begegnete dieser spanischen Malerin in einer grossen Bildreportage in «El Pais». Maruja Mallo hiess eigentlich Ana María Gómez González, wurde 1902 in Galicien geboren, führte ein ziemlich spektakuläres Leben und starb1995 in Madrid, nachdem sie auf verschiedenen Kontinenten so ziemlich alles getan hatte, was Frauen damals nicht hätten tun dürfen.
Das Bild der Traube stach mir sofort ins Auge. Aha, dachte ich, ein weiterer Beweis, dass entgegen der katalanischen Propaganda, aus Spanien auch Gutes und Schönes kommen kann.

D Martina u dr Ruedi hei nid viu Fründe. Werum o? Si hei sich. U si sy sich säuber gnue. Beidi schaffe viu. Ching hei si nid. Het sech so ergä. Hätt sech o angers chönnen ergä. – Si heig sech drmit abgfunge, seit d Martina. – U o dr Ruedi seit, ihm fääu eigentlech nüt. Ab und zue dänk’r scho, chly e grössere Fründeskreis wär no schön. Aber was söu’s?

Si heig prueflech viu mit Lüt z tüe, seit d Martina. U mit viune vo dene wett si itz privat nid o no müesse z tüe ha. – U dr Ruedi seit, i däm Nöibougebiet, wo si wohni, läbi d Lüt ender so wi si: zrüggzoge. En Usnahm syge vilech Ismailjs. Mit ihm, em Ismailj, tüeg’r gärn ab und zue es Wort wächsle. Wen ihm dä vrzeu, win’r itz grad syg zrüggcho usem Gosovo, nach sächs Wuche, grossi Familie, zwo Hochzyte vo zwene Neffe, hunderti vo Gescht.

Das müessi ruuschendi Fescht sy, wo die fyri i däm Gosovo, seit dr Ruedi. U de dänk’r aube, dass’r das eigentlech o no mau wett erläbe. Sone Hochzyt i däm Gosovo. – Aber me chönn sech ja nid säuber zure Hochzyt i Gosovo ylade, seit ihm de d Martina. – U är seit ihren aber: Wart itz mau. I kenne dr Ismailj.

Wüu es syg scho so: Nächschts Jahr fyri är u d Martina ihri Siubrigi. U da heig’r sech scho überleit, win’r das söu aagah. Im Vrglych zu däm, wo dr Ismailj aube vrzeu, syg syni Hochzyt mit dr Martina doch en ender troschtlosi Aaglägeheit gsi. U vilech, heig’r tänkt, chönnt me das mit ere Siubrigen im Gosovo korrigiere.

Drum heig’r dr Ismailj druf aagschproche, seit dr Ruedi, wi itz das wär. We men aus öper, wo nid usem Gosovo chömm, sone Hochzyt oder besser Siubrigi Hochzyt im Gosovo würd dürefüere. Dr Ismailj syg Füür u Flamme gsi. – Är ungerschtütz ne, är übernäm das, organisier ihm di Hochzyt. U de heig’r ihm grad vrzeut vo zwene Cousins, wo dr eint drvo würd ds Catering übernäh u dr anger ds Hotel zur Vrfüegig schteue, für d Gescht us dr Schwyz. – Auso mit Gescht us dr Schwyz rächni är eigentlech nid. Aber är hoff natürlech uf Gescht usem Gosovo. – Kes Problem, heig ihm dr Ismailj gseit, är organisier ihm o d Gescht. U de heig’r dr Ismaij gfragt, öb’r ihm vilech chönnt en Offerte mache. U dä heig gseit, ja klar.

Das syg es Fescht gsi, seit dr Ruedi. So öpis heig är i sym Läbe no nie erläbt. Hunderti vo Lüt. U kultivierti Lüt. Nid eifach es Besüfnis wi bi üs. U guets Ässe. – U d Martina seit: Das heig sech über Tage härezoge, di Hochzyt. Auso Siubrigi Hochzyt. So heig si dr Ruedi no gar nie erläbt wi i däm Gosovo. Da syg ufblüejt.

U dr Ruedi seit: En Offerte vom Ismailj heig’r zwar nie übercho. Am Schluss aber, wo aui Rächnige syge zaut gsi, heig är müesse säge. Sones ruuschends Fescht im Gosovo, mit Catering u Hotel u hunderte vo Gescht. Das choscht itz o nid meh aus we me bi üs vilech z zähte höch mitenang ir Peiz göng ga Znacht ässe. U z zähte höch mitenang Znacht ässen ir Peiz, syg ja no lang kes ruuschends Fescht. Das meini nume Schwyzer, wo no nie im Gosovo gfyret heige.

Jetzt ist es also passiert. Die katalanische Republik ist ausgerufen, der Präsident hat die Unabhängigkeit erklärt, und schon sehr nahe am Abgrund, hat er sie auch gleich aufgeschoben. Hier wollte man es wohl allen Recht machen, und wie so oft wird niemand damit glücklich sein. Die Unsicherheit ist gross, das Misstrauen wächst, es regiert das Chaos.

Ziemlich unerklärlich ist für einen Aussenstehenden, wie die katalanische Regierung dazu kommen kann, auf Grund einer illegalen und in jeder Beziehung fragwürdigen Abstimmung mit dem fast DDR-würdigen Resultat von 90% Ja-Stimmen solche drastischen Schritte einzuleiten.

Es ist kaum verfehlt zu behaupten, dass in Katalonien alles schief lief und weiter schief läuft, ausser dass man es für ein paar Tage auf die Weltbühne geschafft hat, wenn paradoxerweise auch nur dank dem Fehlverhalten der überreagierenden spanischen Polizisten.

Wegen der nicht bedingungslos ausgerufenen Republik wird sich diese Regierung auch kaum mehr lange halten können, neben der mangelnden Mehrheit im Volk wird auch die Mehrheit im Parlament zerbröckeln. Da wollte der radikale Teil ganz entschieden mehr als eine vorläufig aufgeschobene Unabhängigkeit! Nun ist alles offen, noch kann Schlimmes passieren, sicher ist jedoch, der Grat ist überschritten, die Luftschlösser stürzen ein, und es kann nur noch abwärts gehen, der unilaterale, illegale Weg entpuppt sich einmal mehr als eine Sackgasse!

Fragt man sich, wie es so weit kommen konnte, würde ich in abgekürzter Form anführen, dass die kulturelle und ökonomische Vorherrschaft innerhalb Spaniens von der Politik falsch bewirtschaftet wurde. Man hat mit diesem «Bessersein» erst ein Gefühl der Überheblichkeit geschürt und dann eine Aversion gegen das «imperiale» Spanien gezüchtet, die man schliesslich während den paar letzten Jahren mit Pauken und Trompeten, mit Flaggen und Fahnen, aber auch in den subventionierten Medien und vor allem in den Schulen in einen anachronistischen, oft an Hass grenzenden Nationalismus verwandelte. Alles Gute kommt von oben und alles Schlechte selbstverständlich aus dem Kabinett des Teufels in Madrid.

Anstatt auch die rationale Seite zu entwickeln, anstatt die absolut berechtigten Argumente gegen den Nationalstaat Spanien zu diskutieren und zu postulieren, schürte man in der eben doch noch sehr jungen, unerfahrenen Demokratie die Emotionen, schreckte dabei weder vor Lügen noch unhaltbaren Versprechen zurück. Das nennt man, glaube ich, Populismus.

Dass mit sehr fragwürdigen Interpretationen des Rechtes auf Selbstbestimmung der Völker, mit einer sehr fragwürdigen Interpretation des armen Wortes, des missbrauchten Wortes «Demokratie» eine Stimmung des Aufruhrs erzeugt wurde, scheint unbestritten.

Vor dem Tag des Referendums folgte dann noch der Aufruf zum Ungehorsam, was, wie man weiss, wenn er von Seiten einer politischen Instanz kommt, sehr gefährlich werden kann.

Ob mit dem Referendum gegen die Verfassung verstossen wird, ist demjenigen, der, wie es hier offenbar wird, eine neue, parallele oder alternative Legalität schaffen will, natürlich egal. Ebenso wenig stösst er sich daran, dass die Gesetze zum Vollzug der Unabhängigkeit nach dem Referendum unter geradezu grotesker Missachtung des juristischen Rahmens durchgeboxt wurden. Die Kräfte, die sich in eine neue, in ihre eigene Legalität begeben wollen, hindert das keinesfalls daran, dieses Vorgehen, dieses Mittel zum Zweck, als legitim zu betrachten. Für den Zuschauer ein kaum noch nachvollziehbares Vorgehen, aber wie ich bei einem Kommentator gelesen habe: So funktioniert ein postmoderner Staatsstreich. Dass er nicht gelingen kann, wird jetzt offensichtlich.

Natürlich beinhaltet dieses Vorgehen auch die Beschuldigung der Manipulation der Justiz von Seiten der Regierung in Madrid. Dabei wird vergessen, dass gerade diese, in den Augen der Katalanen «manipulierten» Richter und Richterinnen und diese «franquistische, faschistische» Guardia Civil in den letzten Jahren massiv gegen die Partei und die Mitglieder der amtierenden Regierung vorgegangen sind. Zu behaupten, es seien ihre Handlanger, geht irgendwie nicht auf, denn die Gewaltentrennung ist gewährleistet und Spanien ist nicht Venezuela, übrigens eines der wenigen Länder mit offenen Sympathien für das Vorgehen der katalanischen Regierung.

Und was hat Josep Bestit i Carcasona damit zu tun?

Dieser 1939 in Barcelona geborene Maler hat eine ganz besondere und aussergewöhnliche katalanische Tradition zu einem seiner Themen gemacht.

Das Bild Castellers stellt fünf Männer dar, die sich auf dem Rücken anderer Männer und Frauen zusammen bereit machen, dass auf ihrem Rücken das nächste Stockwerk einer Burg aus Menschen, einem sogenannten «Castel» gebaut werden kann, auf welches wiederum, jetzt schon leichtere «castellers» steigen werden und dies bis in schwindelerregende Höhen, um es mit einer bekannten Formulierung zu sagen, von sieben, acht und sogar neuen Stockwerken!

Ich habe dazu ein Bild im Netz gesucht, weil ich diese Tradition bewundere.

Wenn ich sehe, wie kleine Buben und Mädchen an den Hosenbeinen ihrer Väter hochkraxeln wie an einem Kletterbaum und sich mutig und in völliger Sicherheit, dass ihnen nichts passieren kann, dort oben auf die Spitze des Turmes stellen, als wären sie Wetterhähne, kriege ich regelmässig Gänsehaut. Ich kann nicht aufhören, die Fähigkeiten und den Gemeinsinn, der dies ermöglicht, zu bewundern. Ich glaube, man kann darin auch sehr positive, prägende Kräfte der katalanischen Kultur erkennen. Menschenschlösser sind keine Luftschlösser, trotzdem ist es vielleicht gar nicht so vermessen, in der Tatsache, dass diese Burgen zwar nicht auf Sand gebaut werden, trotzdem aber in sich selbst zusammenfallen und einstürzen müssen, sobald sie aufgerichtet sind, ein Sinnbild der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung zu erkennen.

Schoggigupf

von Guy Krneta 29. September 2017

Lüt, wo sy wägg gsi, chöme zrügg u vrzeue, wi nätt Lüt amnen angeren Ort syge, wi gaschtfründlech. U wi woou me sech dert füeu, wo d Lüt so gaschtfründlech syge. Wi deheime.

Aber dert, wo d Lüt deheime sy, hei d Lüt nid ds Gfüeu, müesse gaschtfründlech z sy, für sech wi deheim chönne z füele. Deheim bruucht’s ke Gaschtfründschaft. Di bruucht’s nume dert, wo me nid deheimen isch. Deheimen isch me dert, wo’s ke Gaschtfründschaft bruucht, für sech chönne z füele wi deheime.

Für angeri isch deheime dert, wo si chöi rede wi si wei. Auso wi si glehrt hei z rede. Wo si Wörter chöi bruuche, wo si glehrt hei aus Ching. O we’s Wörter sy, wo angeri vilech vrletzen oder usschliessen oder diskriminiere. Wi ds Wort «Mohrechopf». Es git ke Grund, werum e runde Schoggiüberzug übermne wysse Schuum söu «Mohrechopf» heisse. «Schoggigupf» wär e rächte guete Begriff u ender fasch no chly schwyzerischer. Aber nei, es mues umbedingt «Mohrechopf» sy, we me sech deheim no wott chönne füele wi deheime.

Ender hör’r uuf Mohrechöpf z produziere, het dä Produzänt us Waltenswil ir Solothurner Zytig gseit, aus dass’r dä Name würd ändere. Wi we ds Ändere vo Produktnäme ir Wirtschaft nid gang und gäb wär. Was ig aus scho a Firmenäme ha müesse vrgässe, dr «Bankverein» und d «Swissair» sy nume d Schpitze vom Ysbärg. U was i umgekehrt a Produktnäme ha müesse lehre, wo’s mr würklech d Zungen umchehrt, wen i sones Marketingunwort am Kiosk mues säge: Wi «Kit Kat» oder «Twix» oder «Balisto».

Aber für üse Winkuried z Waltenswil lohnt sech dr Kampf für ds Wort «Mohrechopf». Gemäss em Blick vrdien’r uf ei Schlag zwänzgtuusig Franke meh im Monet. Söu no einisch öper säge, dass sech Ziviucourage ir Schwyz nid tüeg uszale.

Di angeri Produzäntin, wo sech weigeret ihrem Schoggigupf en angere Name z gä, schtammt us Loufe. U ir Basuländische Zytig het si behouptet, ds Wort «Mohrechopf» chömm gar nid vo «Mohre», auso Farbige, sondern vo «Moore», auso Wiudsöi. U bezeichni d Lüt im Loufetou, im Schwarzbuebeland. Wüu’s dert so viu Wiudsöi gäb. U dene Schwarzbuebe syg’s nämlech glych, we men ihri Chöpf symbolisch am Kiosk vrchouf. Di beschwäri sech nid.

Auso dass e Soumoore e Sousou isch, weiss i, u o dass e Moorerei nüt Rassistischs isch, sondern e Souerei oder Schweinerei. Aber we di Frou im Schwarzbuebeland rächt hätt, müesst dr Mohrechopf im Schwarzbuebeland erfunde worde sy. U öb’r das tatsächlech isch, so wi d Meringue z Meiringe auso z Ängubärg – das nachezwyse, dörft nid so eifach sy. U vrmuetlech isch’s eifach chrützfaudsch, was di Frou behouptet. Aber bringe mr das Wort haut mau i d Schnabuweid vo SRF 1, de wüsse mr’s.

Wi gseit, i chönnt guet mit eme «Schoggigupf» läbe. U i vrschta ehrlech gseit nid, werum sech di Produzäntinnen u Produzänte so aaschteuen u meine, si vrlüüri ihres Deheime, we si das unnötige Wort würde häregä, wo gar nüt vo däm bezeichnet, wo’s drfür scheit.

Aber die, wo hie deheime sy, wei säge, wi me hie zu wasem z säge het. U si wärde bissig, we nen angeri, wo o hie deheime sy, säge, si chönnte chly fründlecher sy oder eifach nid rassistisch. Wüu deheimen isch me dert, wo me cha sy, wi me wott. Win e Moore.

(Audio-Blog für RaBe-Info)

Es klingt wie ein Grimmsches Märchen: Ein armer Bauernbub wird von seiner Mutter in die grosse weite Welt geschickt, um sein Glück zu machen, und am Schluss wird er König im eigenen Land. NZZ, 20.2.2011

Wie kleine Buben saßen diese Woche die ehemaligen Befehlshaber der kosovarischen Rebellenarmee UÇK im Salon einer Privatvilla in der Hauptstadt Pristina. Der Hausherr Behgjet Pacolli hatte sich endlich bereit erklärt, mit seiner Minipartei das Bündnis der Politiker mit Kriegsvergangenheit im Parlament zu unterstützen. Damit könnte Kosovo drei Monate nach den Wahlen eine Regierung mit dem UÇK-Haudegen Ramush Haradinaj an der Spitze bekommen. Süddeutsche Zeitung, 7.9.2017

Der künftige Aussenminister verstehe die Politik als «die Kunst des Betrugs und der Manipulation», schreibt «Koha Ditore», die einzige unabhängige Zeitung des Landes. Tagesanzeiger, 11.9.2017

Pacolli ist stolz über die erweiterte «Swiss Connection»: «Die Schweiz ist das Synonym für Demokratie und Toleranz. Dies müssen wir kopieren. Ich bin glücklich, dass wir das, was wir in der Schweiz gelernt haben, hier umsetzen können.» SRF News, 17.9.2017

Pacolli ist mit einer Russin verheiratet. Die drei gemeinsamen Kinder besuchen Schulen im Tessin. Süddeutsche Zeitung, 7.9.2017

2011 ließ Pacolli inmitten der Hauptstadt Pristina, am Mutter-Teresa-Boulevard unweit des zentralen Skanderbeg-Platzes, das luxuriöse Swiss Diamond Hotel errichten. Wikipedia

Auch im Tessin, wo er sich in den achtziger Jahren niederliess, sorgt er immer für das Gute: Über eine wohltätige Stiftung lässt er Ferienlager und Hilfsprogramme für Kinder aus Oststaaten organisieren. NZZ, 20.2.2011

Er gründet im Jahr 2006 eine eigene Partei, lässt sich als reichster Albaner des Planeten feiern, prunkt mit seinen Bauprojekten in Russland und Kasachstan oder seinen guten Verbindungen zu Libyens Staatschef Muammar al Gaddafi. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.10.2016

Daneben entwickelt der Mann mit Privatjet auch Tourismusprojekte in Zentralamerika und Florida und daneben eine nach seinem Lieblingskomponisten Vivaldi benannte Kosmetiklinie. NZZ, 20.2.2011

Pacolli und Thaci haben eine gemeinsame Lieblingsfeindin: Carla Del Ponte. Sie verdächtigt Thaci seit Jahren, in den Organhandel im Rahmen der organisierten Kriminalität verwickelt zu sein – ein Vorwurf, der kürzlich von Dick Marty wieder aufgenommen wurde. Als einstige Chef-Anklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs verfolgte Del Ponte Pacolli wegen Verdachts auf Korruption und Geldwäscherei. NZZ, 20.2.2011

Er sei schon immer den Mächtigen nahegestanden, behauptet der Oligarch. So habe er dem jugoslawischen Führer Tito als Adjutant gedient – und ihn „sogar nackt“ gesehen. Süddeutsche Zeitung, 7.9.2017

Von 1999 bis 2002 war er mit Anna Oxa, der berühmten italienischen Popikone mit albanischen Wurzeln verheiratet und geriet so ins Visier der italienischen Klatschpresse. Aargauer Zeitung, 22.11.2011

Er liebt die Camouflage ebenso wie den exaltierten Auftritt, er mag das Bild der offenbarten Bescheidenheit genauso wie den testosterongeschwängerten Jubel. Die Zeit, 23.12.2010

Holt er die Schweizer Geiseln aus Libyen zurück? Behgjet Pacolli trifft in Kürze den libyschen Machthaber Muammar Gaddafi und will bei ihm ein gutes Wort für die beiden in Tripolis festgehaltenen Schweizer Geiseln einlegen. 20minuten, 22.1.2010

Neben Albanisch kann er auch die deutsche, englische, französische, italienische, serbokroatische, russische und spanische Sprache. Wikipedia

Im Januar 1999 liess Del Ponte bei einer Hausdurchsuchung jede Schublade seiner Luganeser Firma Mabetex leeren. Das war der Anfang der Mabetex-Affäre, die nicht nur in der Schweiz juristische, sondern auch in Moskau politische Wellen schlug. NZZ, 20.2.2011

Pacolli: «Manchmal, wenn ich sehe, was in Kosovo alles gebaut und entwickelt worden ist, vergesse ich, dass ich in Kosovo bin – und fühle mich wie in der Schweiz.» SRF News, 17.9.2017

Drei Jahre später musste auch die Genfer Staatsanwaltschaft, die Pacolli wegen Geldwäscherei im Visier hatte, die Untersuchung einstellen. NZZ, 20.2.2011

Seine Claqueure verherrlichten ihn damals als reichen Onkel aus Lugano, der den armen Landsleuten helfe. Heute wird er nur noch mit umstrittenen Privatisierungen und Korruption in Verbindung gebracht. Die Öffentlichkeit nimmt ihn oft als gefährliche Witzfigur wahr. Süddeutsche Zeitung, 7.9.2017

Wer das Vergnügen hatte, einmal mit ihm zu reisen, wie der Schreibende, lernt einen schillernden Menschen kennen. Die Zeit, 23.12.2010

 

Königstage kommen unangemeldet. Plötzlich sind sie da. Man unterbricht das Hacken im Gemüsegarten, schaut mit grossen Augen um sich, schaut in den blauen Himmel, spürt in der Frische des Morgens die Wärme der aufgehenden Sonne, hört die Vögel, das Summen einer Biene und fragt sich: Ist das möglich? Kann die Welt bei allem, was man liest und hört und am Fernsehen sieht, so schön sein?

Mal abgesehen vom mittlern Osten, von Florida, Mexiko und Korea, möchte ich ja nicht behaupten, ich würde wirklich verstehen, was hier in Spanien gerade abgeht, aber ich bin immerhin ziemlich nahe dran. Und wenn ich ein paar Schritte aus dem Dorf rausgehe und hochsteige, müsste ich eigentlich nach Katalonien hinüber sehen können. Auch gehören grösseren Teile dieser in Aufruhr geratenen Region definitiv zu meinem Leben hier. Allein, wenn ich an all den katalanischen Wein denke, den ich in diesem Sommer getrunken habe! Schon deshalb müsste mir eigentlich alles klar sein.

Stattdessen kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Es gehe steil bergab, und zwar ohne Bremsen, sagt ein landesweit bekannter Kommentator. Man verfolgt mit Hochspannung, wie sich eine Regierung auf Biegen und Brechen immer näher an einen Abgrund manövriert, den sie Unabhängigkeit nennt, und wie eine andere Regierung verzweifelt versucht, die Verfassung hochzuhalten, ohne die ganz dicken Knüppel aus dem Sack zu holen. Man hört auch, zwei Züge würden aufeinander zurasen, wobei der katalanische Präsident behauptet, das mache nichts, denn die beiden Züge würden sich auf zwei unterschiedlichen Geleisen befinden.

Das wird sich am mittlerweile schon ominösen 1. Oktober zeigen, an welchem die Abstimmung stattfinden soll, obschon wohl niemand ganz sicher weiss, ob dem wirklich so sein wird. Ein Sprung ins Nichts ist es in jedem Fall und die Tatsache, dass man das Datum des programmierten frontalen Zusammenpralls in Spanien wie ein Fussballresultat schreibt, könnte irreführend sein. Bei diesem 1:O wird es nur Verlierer geben.

Der Oktober ist natürlich gemacht für Revolutionen, aber der voraussehbare Schaden wird gigantisch sein. Als Schweizer kann man sich bei aller Sympathie für das Anliegen, das gewählte, illegale Vorgehen sowieso nicht erklären und gibt denen recht, die darauf verweisen, dass unilaterale Abspaltungen im heutigen Europa einfach nicht mehr gehen. Auch fragte man sich, wer soll das alles wieder aufräumen? Wie soll verhandelt werden, wenn sämtliches Geschirr zerschlagen ist? Und verhandeln wird man müssen!

Und was hat Santiago Ruiseñol damit zu tun?

Erstens ist er Katalane und zwar einer derjenigen, die den Spanischen Modernismus weltberühmt machten, und zweitens malte er wunderbare Gärten.

Der anfangs des letzten Jahrhunderts zweifellos auch an einem Königstag gemalte Garten in Mallorca ist farblich nicht nur ein modernistisches, sondern anders als die meisten seiner andern Werke, ein sehr modernes Bild. Auch gibt es darin diesen befreienden Blick auf das blaue Meer, und blau ist die Hoffnung.

Tu n’aimes pas voir tes enfants rentrer déçus de l’école parce que le prof n’avait rien à leur dire sur ce qui leur fait peur, comme les attentats, les menaces de guerre ou le réchauffement climatique.

Tu n’aimes pas voir tes enfants avoir mal au ventre parce que leur prof a annoncé qu’il ne tolérerait pas les ratures dans les cahiers.

Tu n’aimes pas apprendre qu’un prof leur a expliqué que les G (ceux qui ne sont pas en filière maturité) n’avaient pas droit aux correspondants allemands  parce que les appartements de leurs parents étaient trop petits.

Tu n’aimes pas entendre ces profs raconter, à la deuxième bière, l’hémorragie de burn out chez leurs collègues.

Tu n’aimes pas entendre ces mêmes profs confier, à la  troisième bière, qu’une période de travail se compose pour eux de 20 minutes de « police » et 20 minutes d’enseignement.

Tu n’aimes pas penser que les flics ont des espaces pour parler de leurs problèmes mais pas les profs.

Tu n’aimes pas constater que les profs semblent totalement vulnérables et démunis face aux parents dès lors que ceux-ci leur posent des questions, ou les embêtent (ce qui arrive de plus en plus souvent).

Tu n’aimes pas que ces mêmes profs semblent ignorer qu’ils passent une bonne partie de leur temps à naturaliser les inégalités sociales, c’est à dire, aussi, les inégalités devant les maths, ou le français, ou la vie en général.

Tu n’aimes pas te dire que l’appellation « Grande Muette » semble aujourd’hui mieux convenir à l’école qu’à l’armée.

Tu n’aimes pas que les destinations des voyages de classe ressemblent à s’y méprendre à l’offre d’easy jet.

Tu n’aimes pas, et ça, ça te rend vraiment vénère, que les banques et les importateurs d’automobiles deviennent aujourd’hui des partenaires pour la conception et le financement des manuels scolaires – d’ailleurs, tu trouves qu’on n’aurait pu t’en informer.

Et puis tu n’aimes pas vraiment dire du mal de l’école publique mais parfois c’est difficile.

Zum Glück ist Kurt W. Zimmermann, «Weltwoche»-Kolumnist und Chefredaktor des österreichischen «Schweizer Journalist», masslos eitel.

Er hat zwar ein seltsames Journalismus-Verständnis. So schrieb er neulich in einem Werbenewsletter: «Nach langen Jahren der Unverbindlichkeit haben wir Journalisten wieder zu unserer Kernkompetenz zurückgefunden: Man mag uns nicht. Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg!»

Als ob Zeitungen gekauft würden, weil «man» die Journis nicht mag. Aus Sicht von Blochers geschützten Werkstätten sieht die Welt allerdings anders aus.

Auch analytisch ist Zimmermann kein Hirsch.

So schreibt er in seiner heutigen «Weltwoche»-Kolumne: «Blochers neue Titel werden logischerweise einen eher konservativ-bürgerlichen Kurs steuern. Aber eine publizistische SVP-Kampfbrigade werden sie nicht. Unternehmer Blocher ist nicht so blöd, seine Kunden zu vertreiben. Man muss die Geschichte psychologisch sehen. Christoph Blocher, inzwischen 77-jährig, ist komplett zeitungsverrückt.»

Ein Blick nach Rapperswil zeigt, wozu lokale Gratiszeitungen politisch in der Lage sind: Dort stellen die «Obersee-Nachrichten» von Bruno Hug nach einer mehrjährigen Hetzkampagne gegen die lokale Kinder- und Jugendschutzbehörde (Kesb) mittlerweile den Stadtpräsidenten.

Aber Zimmermanns Eitelkeit ist unschätzbar.

So hat er einst bestätigt (wir hatten mitgerechnet), dass Markus Somm für seinen Anteil an der «Basler Zeitung» eine halbe Million Franken bezahlt hat.

In einer Beilage der «Basler Zeitung» Anfang Jahr gab Zimmermann bekannt, die Auflage der BaZ betrage noch 45’000. Womit er offiziell bestätigte, dass es Somm geschafft hat, seine LeserInnenzahl zu halbieren.

Und nun schreibt Zimmermann in seiner heutigen «Weltwoche»-Kolumne, Blocher habe für die 25 Gratiszeitungen des Wiler Zehnder-Verlags 35 Millionen Franken bezahlt.

Blocher wird später dementieren. Aber wir haben uns die Zahl gemerkt.

Im Schweizerischen Bundesbrief zeigt sich das Freiheitsstreben unserer Vorfahren. Was mag Robert Grass dazu bewogen haben, ausgerechnet dieses Dokument auszuwählen für sein Experiment, das er 2012 an der ETH durchführte? Folgte er einer Laune? Dachte er an die PR-Wirkung und den Widerhall in den Medien? Fand er es einfach lustig mit diesem in der Schweiz von einem Heiligenschein umgebenen Text zu hantieren? Wie auch immer, er und seine Kollegen schafften es, den Bundesbrief in DNA abzuspeichern.  
DNA, es spricht viel dafür, wird in wenigen Jahren Silizium als Speichermedium für digitale Daten abgelöst haben. Die Vorteile liegen auf der Hand. In DNA lassen sich auf dem gleichen Platz unendlich mehr Daten abspeichern. Ausserdem ist DNA viel langlebiger als die heutigen Speichermedien. Noch nach Tausenden und Hunderttausenden von Jahren ist DNA lesbar – wie es prähistorische Knochenfunde beweisen.

Wir werden also unsere Texte, Fotos und Filme in jener Substanz speichern, in der auch unsere eigenen Erbinformationen aufgezeichnet sind. Das ist unsere Zukunft. Hier die Sequenz, die bestimmt, wer ich bin, dort die andere, in der festgeschrieben ist, wie meine Ferienfotos aussehen. Beide Mal die gleichen Aminosäuren, der gleiche molekulare Aufbau, einmal enthalten in meinen Körperzellen, einmal in einem Gerät auf meinem Schreibtisch.

Das Team um Seth Shipman undn George Church von der Harvard Medical School in Boston hat nicht mit dem Bundesbrief gearbeitet. Sie nahmen das Schwarzweiss-Foto einer Hand und ein Pferd, festgehalten auf einer historischen Filmsequenz aus dem Jahr 1887. Wie der Spiegel vor einem Monat meldete, gelang es den Forschern, das Foto und den Film in der DNA von Bakterien abzuspeichern. Bakterien, die noch leben. Langfristiges Ziel sei es, „dass Zellen mit diesem Verfahren ihre eigenen Entwicklungsprozesse im Erbgut aufzeichnen“. Was immer das jetzt genau heisst. Jedenfalls soll das dann für medizinische Zwecke genutzt werden können.

Die Zukunft sieht also anders aus. Hier die Sequenz, die bestimmt, wer ich bin, dort mein Ferienfoto, aber beides am gleichen Ort, in mir dri,  in meiner DNA. Und dazu noch der Bericht davon, wie sich meine Zellen entwickeln und der Bericht, was ich esse und der Bericht, wie viel ich mich bewege. Nun, letzteres gibt es jetzt schon in Form eines Schrittzählers (zur Zeit noch ausserhalb des Körpers angebracht), den ich aber vielleicht schon bald auf mir tragen muss, damit mir meine Krankenkasse einen Rabatt auf meine Prämien gewährt. Den Schrittzähler kann ich meinem Hund um den Hals binden und ihn so einem professionellen Hundesausführer überlassen, aber wie soll ich die Aufzeichnungsapparaturen austricksen, die in mir drin stecken? Und dort vielleicht hineinkommen, ohne dass ich das will? Zum Beispiel über das gesunde Müesli, dass ich jeden Morgen zu mir nehme? (Obwohl ich Müesli hasse, aber die Krankenkasse zwingt mir dieses Müesli auf, mich diesem gesunden Müesli zu verweigern, würde meine Prämien in noch unerträglichere Höhen steigen lassen.) Die codierte DNA ist dort in die die besonders gesunden roten und blauen Beeren eingebaut, gelangt in Speichel und Magensäfte, passiert die Wände meiner Zellen, impft die Doppelhelix in ihrem Kern mit einer Sequenz, die dann Auskunft gibt über mich. Möglicherweise in Form eines miniaturisierten Senders  Auskunft darüber, wo ich mich gerade aufhalte. Ein Resultat, dass dann sofort abgeglichen wird mit dem, was die Überwachungskameras in den Städten flächendeckend über unsere Wege zu berichten wissen.

Die Digitalisierung auf dem heutigen Stand bietet Überwachungsmöglichkeiten, von denen Diktatoren früherer Zeiten nur träumen konnten. Wie es aussieht, werden bald auch ihre feuchtesten Träume von der Wirklichkeit überflügelt werden.
Der ETH-Professor Grass hat für sein Experiment den Schweizerischen Bundesbrief benutzt, ein Dokument menschlichen Freiheitsstrebens. Entweder ist der Mann so naiv, wie man das Naturwissenschaftlern oft unterstellt, oder er besitzt einen ausgesprochen schwarzen Humor.

Kataloniens Bestrebungen, sich unabhängig zu machen, bleiben hier in Spanien das dominierende politische Thema. Findet das für den 1. Oktober vorgesehene Referendum nun statt oder nicht? Sicher ist es nicht. Darüber, wie legitim es wäre, wird weiter heftig und sehr emotional gestritten. In Anbetracht der Tragweite des Entscheides auf beachtlich tiefem Niveau, ist man als Aussenstehender hier geneigt beizufügen.

Insgesamt eine ziemlich verfahrene Sache! Verfassungskonform ist das Vorgehen der katalanischen Regierung sicher nicht, aber was bedeutet die spanische Verfassung denjenigen, die schon an einer eigenen rumwerkeln?

Wer sich aber über die bestehende Verfassung stellt, begibt sich in sehr gefährliche Wasser. Natürlich wird dieses unilaterale Vorgehen von Madrid bekämpft, ausserhalb von Katalonien stösst es aber auch sonst auf wenig Verständnis. Brüssel und die UNO warnen vor voreiligen Schritten. Mittlerweile hört man auch von Familien, in welchen Diskussionen zu diesem Thema vermieden werden, obschon eigentlich sehr viele, sehr wesentliche Fragen weiterhin ungeklärt bleiben und durchaus auf allen Ebenen diskutiert werden müssten.

Dazu kommt, dass die  Mehrheitsverhältnisse äusserst prekär sind und man würde meinen, derart einschneidende Veränderungen sollten nicht ohne eine Zweidrittelsmehrheit vollzogen werden. Die katalanische Regierung handelt jedoch auf der Basis von nicht einmal 50% der Stimmen und mit einer knappen Mehrheit der Sitze im katalanischen Parlament. Wenn das bloss gut kommt!

Das andere grosse Thema in der spanischen Politik ist der Tourismus. Wehmütig erinnert man sich hier an einen sehr populären Schlager, der vor nicht allzu langer Zeit die Ankunft des zweimillionsten Touristen feierte. Heute ist Spanien bei 80 Millionen pro Jahr!

Natürlich sind diese nicht alle gleichzeitig hier. Trotzdem: Während des Sommers macht dieser Ansturm Spanien zum bevölkerungsreichsten Land Europas. Die Belastung und die Abnützung ist vielerorts entsprechend dramatisch. Besonders Barcelona scheint zu ächzen unter dem anhaltenden Ansturm der Massen. Der Widerstand wächst aber auch auf Mallorca und in touristisch attraktiven Städten wie San Sebastian oder Valencia. Besonders wenn man selbst Tourist ist, ein heikles Thema.

Allerdings befinden wir uns hier in einer von der Abwanderung geplagten Zone, die mittlerweile immer öfter das Lappland Spaniens genannt wird. In dieser Region, die zehn meist küstenferne Provinzen und 1355 Gemeinden Zentralspaniens umfasst, leben gerade mal 7.3 Menschen pro Quadratkilometer. In Manhattan sind es mehr als 27 000. Mein schlechtes Gewissen hält sich entsprechend in Grenzen.

Als Hobby-Gärtner gilt meine Sorge ohnehin eher dem Wetter, welches sich leider vor allem dadurch auszeichnet, dass es entweder gar nicht regnet oder dann so, dass einem wie neulich angst und bange werden kann. Ein Gewitter kann auch hier mit einem Regenbogen enden, viel eher aber mit zerstörten Äckern, mit weggeschwemmter Erde und völlig k.o. geschlagenen Gurken und Bohnen, mit vom Hagel verwundeten Tomaten und mit völlig erhudeltem und zerfetztem Salat. Erst regnete es genau so, wie man es für den Garten gerne hat, dann begann es aber sintflutartig zu giessen und es donnerte, als explodierten Knallfrösche am Himmel, dann war da ein Schlag, als würde eine Eisenfaust eine Panzerscheibe, dann eine ganze Mauer durchschlagen. Wie sich später herausstellte, war das ein Blitz, der in den Kirchturm schlug, dort beträchtlichen Schaden anrichtete und auch noch für mehrere Tage die zu Tode erschrockenen Turmtauben obdachlos machte.

Und was hat Miquel Barceló damit zu tun?

Dieser in Mallorca geborene spanische Maler, Objekt- und Performancekünstler von Weltrang hat möglicherweise das ultimative Bild der Sintflut gemalt. Unvergesslich ist mir, wie ich beim ersten Betrachten dieser eigentlich abstrakten, aber doch greifbar plastischen Wassermassen glaubte, nasse Füsse zu bekommen. Als ich Barcelós Sintflut suchte, begegnete ich noch dem herrlich leichten Bild vier afrikanischer Frauen. Es gefiel mir so gut, dass ich es dem geneigten Leser und der geneigten Leserin auf keinen Fall hätte vorenthalten wollen.

Am Montag wurde in Zürich ein neuer Verlegerverband gegründet, der «Verband Medien mit Zukunft». Dass in der Schweiz ein neuer Verband gegründet wird, ist kaum eine Meldung Wert: «Klafft in der Schweiz irgendwo eine Wunde, wird ein neuer Verband gegründet», flapste eines der Gründungsmitglieder, der Journalist Constantin Seibt, selbstironisch auf Facebook. Und auch die Behauptung, es handle sich um einen Verlegerverband, ist anmassend. Mitglied werden kann jeder, der die Ziele von «Medien mit Zukunft» teilt. Oder um es mit Seibts künftiger Online-Zeitung zu sagen: Verleger sind alle, die die «Republik» abonnieren.

In Frage gestellt wird damit aber nicht nur das Selbstverständnis der bisherigen Zeitungsverleger, sondern auch deren Verband. Der «Verband Schweizer Medien», von Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino präsidiert und in dessen Vorstand auch Blocher-Stellvertreter Markus Somm sitzt, zerreibt sich im Nahkampf mit der SRG. Als ob die wenigen Millionen Online-Einnahmen, die der SRG streitig gemacht werden, die Existenz der Zeitungsunternehmen retten könnten. Und während sich Mischkonzerne wie Tamedia gleichzeitig Schritt für Schritt von der Publizistik verabschieden.

In Abstimmungen über die strategische Ausrichtung des bisherigen Verbands (und die Zusammensetzung des Vorstands) unterliegen Kleinverlage regelmässig den grossen Verlagshäusern, da letztere über ungleich mehr Stimmen verfügen. – Welcher andere Verein in der föderalistischen Schweiz funktioniert nach den Spielregeln einer Aktiengesellschaft? Und seit dem Austritt von Ringier aus dem «Verband Schweizer Medien» ist dessen Repräsentativität, zumindest in seiner Eigenlogik, kaum mehr gegeben.

Dass sich der neue Verband, der sich derzeit aus fünfzehn unabhängigen, mehrheitlich Online-Zeitungen zusammensetzt, «Medien mit Zukunft» nennt, ist eine Provokation. Eine allerdings, die in ihrer Bedeutung nicht unterschätzt werden darf. Medien werden künftig anders vertrieben und finanziert als bisher. Öffentliche Mittel werden (nebst Stiftungen, Crowdfunding und Abo-Gebühren) zunehmen, wenn unabhängiger, öffentlichkeitsrelevanter Journalismus garantiert werden soll. Und der Kampf darum wird breiter geführt.

Wie sollen Gemeinden, Kantone und Bund relevante Informationen, Kulturberichterstattung, Einordnungen und politische Kommentare künftig unterstützen? Zumal dies ja bereits – vom Gemeindeanzeiger bis zur indirekten Presseförderung – in nicht unbeträchtlichem Mass geschieht.

Der neue Verband setzt sich beispielsweise für «den Aufbau einer offenen publizistischen Infrastruktur» ein. Könnte heissen: Die Öffentlichkeit stellt eine Open-Source-Plattform (oder mehrere) zur Verfügung, die als eine Art Label für Qualität von unabhängigem Journalismus (nach den Empfehlungen des Presserats) bürgt. In welchem Verhältnis der neue Verband zur entsprechenden Non-Profit-Idee ihres Vorstandsmitglieds Hansi Voigt («Wepublish») steht, ist derzeit offen.

Ein anderer Vorstoss könnte sein, die öffentlich unterstützte Schweizerische Depeschenagentur auszubauen und kleineren, finanzschwachen Medien zur Nutzung zur Verfügung zu stellen.

Und schliesslich: Bei den Debatten um ein neues Mediengesetz will sich «Medien mit Zukunft» als Stimme für unabhängigen Journalismus einbringen, der nicht von kommerziellen und partei-politischen Interessen korrumpiert ist.

Ich muss zugeben, die Sehnsucht nach der überschaubaren Anarchie meines Gemüsegartens weit weg in den Spanischen Bergen war gigantisch. Sie verfolgte mich bis in meine Träume hinein. Seit zwei Wochen bin ich nun wieder hier, und dank der Fürsorge eines Nachbarn, der sich in meiner Abwesenheit darum kümmerte, bin ich auch schon wacker am Ernten: Salat, Zucchetti, Gurken, Peperoni, Zwiebeln, Mangold, und wenn es sein muss, auch Frühkartoffeln.

Natürlich ist es herrlich, selbst gezogenes Gemüse auf dem Tisch zu haben, aber ebenso herrlich ist es, man kann es nicht oft genug wiederholen, sich in dieser Welt voller Ungewissheiten einer Tätigkeit hingeben zu können, deren Sinn und Zweck nicht zu hinterfragen ist. Komme ich morgens hin, sind die Vögel, die auch gefressen haben müssen, kaum in den nahen Pappeln verschwunden, sehe ich schon, was ansteht und was ich zu tun habe. Dabei besteht kein Zweifel: Nach dem Säen und Pflanzen kommt das Jäten, das Hacken, das Bewässern. Für einmal ist etwas einfach so. Da gibt es keine Diskussion. Für ein paar Stunden liegt mir dann eine kleine Welt zu Füssen, in der ich König, aber auch Sklave bin. Wobei mir diese Welt sogar buchstäblich zu Füssen liegt, das heisst, ohne sich zu bücken und wieder zu bücken geht es nicht.

Wie nebenbei darf ich mich dazu aber dem offensichtlich archaischen Bedürfnis hingeben, in der Erde zu graben. Das Wühlen im Sandkasten oder eben auch im Dreck, aus welchem sie sogar gerne Kuchen formen, ist für Kinder ein unbestrittenes  Vergnügen, es holt aber auch Erwachsene wieder ein, sei es, indem wir selber wieder in der Erde zu graben beginnen oder eben früher oder später in ihr begraben werden. Die Tatsache, dass ich meinen Gemüsegarten mit einer uralten, arabischen Methode aus einem Kanal bewässere, beschert mir noch weitere Vergnügungen, die auch Kinder lieben. Weil es hier wieder mal zu wenig regnet und das Wasser langsam knapp wird, habe ich begonnen, undichte Stellen mit Lehm abzudichten. Das bedeutete, ich bin sozusagen am «Lättlen» und zwar mit den Händen im kühlen Wasser des Kanals, also auch am «Choslen». Für grosse oder kleine Buben an diesen heissen Tagen ein ganz besonderes Vergnügen.

Und was hat Joan Miro damit zu tun?

Dass Joan Miro hier sozusagen eine lokale Grösse ist und dass er in seiner Kunst immer wieder den Elementen huldigte und immer wieder versuchte, ihnen Form zu geben, habe ich in diesem Blog schon einmal erwähnt. Ich erwähnte auch sein berühmtes Bild «La Masia», das an Erdigkeit schwer zu übertreffen ist. Ich hatte auch erwähnt, dass Ernest Hemingway 1926 in Paris dessen glücklicher Besitzer wurde. Nun ist ein Buch erschienen, welchem zu entnehmen ist, dass Hemingway dafür 3500.- Francs bezahlte, die er zusammenkratzte und pumpte, um das Werk unter anderem davor zu schützen, dass es vom Galleristen in kleinere, leichter verkäufliche Einzelteile zerschnitten wurde. Ohne diese gute Tat würde das Meisterwerk heute kaum in der National Gallery in Washington hängen.

Wär mit wäm?

von Guy Krneta 12. Juli 2017

Bund mit em Tagi.

Tagi mit dr Süddütsche.

Bärner Zytig mit em Zürcher Oberländer, em Zürcher Unterländer, dr Züriseezytig und em Landbot.

Tagi-Online mit em Bund, dr Bärner Zytig u dr Basler Zytig.

 

Gmeinsame Chefredakter bir Sunntigszytig u bim Tagi.

Gmeinsame Chefredakter bi Sunntigsblick, Blick am Aabe, Blick u Blick-Online.

Gmeinsame Chefredakter bir nöie Luzäner Zytig, Thurgouer Zytig u bim Sanggauer Tagblatt.

 

Gmeinsami Redaktione bi Sunntigszytig u Tagi.

Gmeinsami Bundeshuusredaktion bi Bund u Tagi.

Gmeinsami Bundeshuusredaktion bi aune Zytige vo den AZ Medie.

Gmeinsame Newsroom bi Blick, Sunntigsblick, Blick am Aaben u Blick-Online.

 

Im Berych Kultur cha d Aargouer Zytig sämtlechi Byträg übernäh vor Bärner Zytig, vor Nöie Luzärner Zytig u vor Südoschtschwyz.

Im Berych Kultur chöi d Bärner Zytig, di Nöii Luzärner Zytig u d Südoschtschwyz sämtlechi Byträg übernäh vor Aargouer Zytig.

 

I aune Beryche cha dr Tagi aui Byträg übernäh vor Süddütsche.

 

Tagi, Zwänzgminute, Bärner Zytig, ds Langethaler Tagblatt, Bund, Landbot, Finanz u Wirtschaft, Le Matin, Le Matin Dimanche, Sunntigszytig, Zürcher Unterländer, Zürcher Oberländer, Züriseezytig, Annabelle, Bilanz, Femina, Schwyzer Familie, Zwänzgminute-Online u Newsnetz ghöre Tamedia.

 

Blick, Sunntigsblick, Blick am Aabe, Blick-Online, Bolero, Cash, Glücksposcht, Landliebi, Schwyzer Familie, L’Illustré, Le Temps u Radio Energy ghöre Ringier.

 

NZZ, Luzärner Zytig, Sanggauer Tagblatt, Thurgouer Zytig, Tele Oschtschwyz, Tele 1, Radio Pilatus u Radio FM1 ghöre dr NZZ Gruppe.

 

Aargouer Zytig, Badener Tagblatt, bz Basu, di Basulandschaftlechi, Limmattaler Zytig, Solothurner Zytig, Gränchner Tagblatt, Outener Tagblatt, wir eltern, Fit for life, Natürlich, TeleZüri, Tele M1, TeleBärn, TV24, TV25, Radio 24, Radio Argovia u im Prinzip o Watson ghöre den AZ Medie.

 

Tamedia prüeft e gmeinsami Superredaktion für aui ihri Medienaagebot u dr Abbou vo rund 30%, auso 250 redaktionelle Schteue bis 2020. Ob’s de non e Bärner Zytig un e Bund parallel git, schteit i de Schtärne. Beziehigswys i de schtrategische Planschpili vo den Effiziänzmanager.

 

Truckt wird d NZZ bi Tamedia.

Truckt wird d Basler Zytig bis im Apriu no bi Tamedia.

Truckt wärde d AZ-Medie bir AZ.

Truckt wärde sämtlechi Tamedia-Title bi Tamedia.

 

Foto: Simon Egger, ZEITUNGEN, GESTAPELT, Gebündelte Zeitungen, 2013

C’est aujourd’hui comme chaque année à la même période le concours de plongeon sur le pont de Visegrad, ce fameux Pont sur la Drina qui donne son titre au roman de Ivo Andric, Prix Nobel 1961. On jeta du haut de ce même ouvrage des hommes musulmans en 1992 avant de les tirer comme des canards au moment où ils touchaient la surface de l’eau. C’était l’épuration ethnique qui fit 6000 morts dans cette région aux collines si douces et si paisibles qu’on voudrait s’y installer pour toujours si le présent était éternel. Aujourd’hui ils sautent tout seuls dans l’eau ces jeunes gens à moitiés nus venus de Banja Luka, Sarajevo ou Podgorica, et des hommes-grenouilles les accueillent sous les arches depuis qu’un concurrent s’est tué parce que la rivière était basse. Un peu hercules de foire, un peu matamores saluant le jury d’une mussolinienne gestuelle, tous sont bien bâtis sauf un. Celui-ci, le slip de bain remonté haut sur les bourrelets, semble porter des Pampers. Est-ce à cause de lui que l’on ne se sent pas tout à fait dans un film de Pasolini, ou est-ce autre chose de plus trouble, de plus noir, qui affleure de dessous la Drina malgré sa tranquille indifférence ?

Nichts wäre leichter, als in diesen herrlichen Tagen ein Loblied auf die Aare zu singen. Wer könnte nicht ausführlich schwärmen von unserem glasklaren Rio Grande! Ich möchte mich jedoch auf nur einen Vorzug der schönen Aare beschränken. Sowohl beim Raufgehen zum Eichholz wie beim Runterschwimmen zurück ins Marzili: Für einmal bin ich nicht der einzige, der nicht auf ein Smartphone starrt! Sogar Jugendliche gehen dem Ufer entlang und reden miteinander.

Aber sonst!

Im Sandkasten auf dem Spielplatz spielen die Kleinen, die Eltern stehen daneben und sind doch nicht da. Sie kommunizieren, nicht unter sich und nicht mit den Kindern, sie kommunizieren mit ihren I-Phones. Ein Vater geht vorbei, mit dem Kind auf dem linken Arm und dem Handy vor dem Kopf. Im Café sitzen drei Damen, drei beugen sich über ihre Bildschirme. Beim Schulhaus oben an der Postgasse drängen vier Modies zur Tür heraus ins Freie. Mit keinem Blick würdigen sie die Welt. Alle schauen auf ihre Geräte, eilen hinter diesen her zum Rathausplatz, niemand achtet auf den Verkehr. Im vorbeifahrenden Bus sehe ich nichts als vorneübergebeugte Köpfe.

Natürlich ist mir klar, dass ich ein anachronistischer Aussenseiter bin, ich weiss auch, dass es nicht darauf ankommt, ob ich das verstehen kann, aber immerhin tangiert es mich. Ich stehe neben völlig abwesenden Leuten im Lift, immer öfter muss ich auf der Strasse darauf achten, dass ich nicht mit ihnen zusammenputsche, bin ich im Auto unterwegs, muss ich aufpassen, dass ich sie nicht überfahre, auch nicht, wenn sie mitten auf dem Fussgängerstreifen plötzlich stehen bleiben. Und reise ich im Zug mit Kindern im gleichen Wagen, würden die vielleicht auch weniger schreien und kreischen, wären ihre Eltern nicht völlig von ihren Geräten absorbiert.

Die Fragen, dich mich beschäftigen sind aber: Was war vorher? Was haben diese Menschen vor dem Smartphone eigentlich getan? Womit war die Menschheit den vorher beschäftigt?

Natürlich ist es auch ein bisschen traurig, wenn man diese Paare jeden Alters überall stumm zusammen sitzen sieht, jeder für sich in sein Gerät vertieft und es kann nicht überraschen, das immer mehr darüber geschrieben und nach den Konsequenzen gefragt wird. Ist hinter diesen beflissenen Überanpassung an die immerhin von kommerziell interessierten Kreisen schnell vorangetriebenen totalen Digitalisierung der Welt nicht eine bodenlose Spiessigkeit versteckt? Ein Nichts! Ein Vakuum. Als würde jede noch so schöne, aber nicht lebensnotwendige Erfindung automatisch  auf fruchtbaren Boden fallen, weil da nichts ist, weil sich eigentlich alle langweilen und froh sind, wenn ihnen endlich jemand zeigt, was sie mit ihrer Zeit zu tun haben.

Gut, ich weiss, auch bei der Erfindung der Dampfmaschine hat man den Untergang der Welt befürchtet, sollte dieser aber jetzt tatsächlich eintreten, möchte ich einfach nicht der einzige sein, der es bemerkt.

Und was hat Peter Iseli damit zu tun?

Als ich ihn fragte, ob er mir vielleicht ein Bild für das Journal B geben würde, fragte er, was das sei. Das ist eine Netz-Zeitung, sagte ich.  Also bitte! sagte er darauf: Du redsch mit öpperem, wo no nie ä Computer het aglängt. Mit au däm Züg hanni nüt ds tüä! Und das sagt ein Berner Künstler, dessen Bilder von New York über Indien bis Australien auf der ganzen Welt zu sehen sind. Peter Iseli malt nämlich meistens im Auftrag buddhistischer Gemeinschaften Rollbilder, an welchen er oft mehrere Jahre arbeitet. Sie sind so gross, dass er sie während der Arbeit nie in ihrer Ganzheit sehen kann und sie sind nicht nur ganz grosse Kunst, diejenigen, die ich gesehen habe, sind auch wunderschön!

– Vous dites vous sentir de plus en plus essoufflé au Marathon de Lausanne, n’est-ce pas ?

– Oui, c’est cela. Mes performances baissent d’année en année. J’ai vérifié sur mon ordinateur. Depuis 2001, je note toutes mes performances : elles sont à la baisse.

– Vous me racontez aussi digérer un peu moins bien le fromage, n’est-ce pas ?

– Oui,  surtout les fromages gras, docteur. Je digère de plus en plus mal les fromages gras. Je ne peux plus manger une fondue après 20 h par exemple.

– Mmmh. Et les autres ?

– Les autres ?

– Les fromages plus légers. Les sérés, les choses comme ça ?

– Ca va, docteur, ça passe, mais disons que je ne peux plus en manger autant qu’avant.

– Vous me dites aussi être de plus en plus ennuyé par les séries TV, vous me confirmez cela ?

– Tout à fait. Avec ma femme, il fut un temps où nous les dévorions. Borgen, Breaking bad, Homeland, Game of Throne, nous avons tout vu. Maintenant, nous nous embêtons avant même la fin de la première saison…

– Mmmh. Est-ce que vous iriez jusqu’à dire que vous ressentez un sentiment de lassitude ?

– De lassitude, docteur ?

– Oui, un sentiment de lassitude. Une sorte de lassitude devant la vie.

– De la lassitude… ?  Oui, ma foi, oui, je crois bien que je pourrais parler d’une sorte de lassitude…

– Vous avez bien dit, lassitude, Monsieur ?

– Oui, « lassitude », c’est cela.

– Eh bien, écoutez, Monsieur Jaccoud, je crois que le temps est venu de vous adresser à Exit.

Dr Kanton Thurgou wott ds Früefranzösisch kippe. Vierezwänzg Jahr Erfahrig zeigi, dass Ching, wo ab dr füfte Klass Französisch heige, schpeeter nid besser Französisch chönni aus Ching, wo ersch ir sibete Klass Französisch heige.

Dass das so isch, gloub i sogar, u o dass me das mit Schtudien und Uswärtige ha nachewyse. D Frag isch höchschtens, werum’s di Schtudien und Uswärtige nume für ds Französisch git. U eim niemer cha säge, öb Ching, wo mit sibni lehri läse, schrybe, rächne, zeichne, turnen u singe schpeeter besser chönni läse, schrybe, rächne, zeichne, turnen u singen aus Ching, wo das ersch mit nüni glehrt hei. U öb das würklech dr Sinn vor Schueu syg, öpis früecher z lehre, für dass me’s schpeeter besser cha aus die, wo’s ersch schpeeter glehrt hei.

Schprachlabor

Mir hei o ab dr füfte Klass Französisch gha. U mir hei denn aber no nid gwüsst, dass das Früehfranzösisch isch, wo mir hei. Denn het’s eifach Französisch gheisse. U das wo mi am Französisch am meischte begeischteret het, isch ds Schprachlabor gsi. So dass i mr säuber usemne Tonbandgrät u chlyne Lutschprächer u viu Kabu es Schprachlabor für deheime bout ha. Aber Französisch han i nid würklech glehrt drby. Drfür löte.

Üsi eutere Ching syn es Schueujahr usenang u sy wägdäm i zwöi vrschidnige Schueusischtem. Dr euter Suhn het ersch ab dr füfte Klass Französisch gha u d Tochter, es Jahr drunger, ab dr dritte. U natürlech het dr Suhn das Jahr Ungerschid sofort wettgmacht u cha hütt mindischtens so guet, we nid besser Französisch aus d Tochter. Auerdings mues me säge, dass sech ds Früefranzösisch bir Tochter uf zwo Lektione pro Wuche beschränkt het. U das isch wahrschynlech ds Houptproblem. We scho Früefranzösisch, de richtig. Süsch cha me sech di zwo Lektione pro Wuche tatsächlech schänke.

Mehrschprachikeit aus moralischi Pflicht

Chürzlech bin i z Sauzburg gsi u ha ghört, wi öper emnen angere vorgschwärmt het vomne Land, won’r chürzlech syg gsi. Es chlyses Land, aber d Lüt dert redi aui mehreri Schprache, änglisch natürlech, aber o Dütsch u Französisch. I ha gmeint, dä red vor Schwyz, bis i vrschtande ha, dass’r vo Ferie z Portugal vrzeut.

Im erschte Momänt bin i enttüüscht gsi, dass’r nid d Mehrschprachikeit ir Schwyz lobt. O wen i weiss, dass di Mehrschprachikeit lengschtens nid so bedütend isch, wi mir mängisch tüe. U viu Dütschi byschpiuswys, won i kenne, besser Französisch chöi aus Dütschschwyzer. U änglisch sowiso.

U i ha tänkt, ei grosse Fähler, wo mir mache, isch, dass mir üs d Mehrschprachikeit hüüfig win e moralischi Pflicht vornä. Wüu mr sen aus bsungers wärtvou empfinde, aber wärtvou imnen idealistische Sinn. Nid wirtschaftlech wärtvou. Was si aber eigentlech wär.

U i ha plötzlech tänkt: Wi wär das eigentlech, we sech d Schwyz aus en Art Kompetänzzäntrum für Mehrschprachikeit würd begryfe. E Schtrategie würd usschaffe, wi me’s chönnt härebringe, dass aui Bürgerinnen und Bürger i zwänzg Jahr mindischtens füf Schprache chönnte. U natürlech würd me sech nid numen uf d Landesschprache beschränke, sondern würd o di angere Schprache mitdänke, wo ir Schwyz gredt wärden u zum Teil vo viu meh Lüt aus gwüssi sogenannti Landesschprache.

Nofrüecherfranzösisch im Chindergarte

U i ha tänkt, wen i Politiker wär im Kanton Thurgou, würd i usem Früefranzösisch es Nofrüecherfranzösisch im Chindergarte mache. U d Lehrpärsonen im Chindergarte drzue vrpflichte, mindischtens füfzg Prozänt vor Zyt mit de Ching Französisch z rede. U d Schtandardschprach, wo d Ching ja bereits vom Fernseh kenne, gäb’s de ab dr erschte Klass. U de chönnt me ja mit Schtudien und Untersuechige nach vierezwänzg Jahr uswärte. U i bi sicher, dass dr Kanton Thurgou punkto Französisch, aber vilech o punkto Schtandardschprache besser würd abschnyde aus hüt. Uf jede Fau nid schlechter.