Bern ist überall

Spielt Philosophie für das Leben eine Rolle, hat sie Einfluss auf unser Handeln?  Sogar für die Beantwortung ethischer Fragen, so vermute ich, hat die Philosophie kaum ein Gewicht. Wer wird schon durch die Lektüre philosophischer Texte zum Vegetarier?

Noch viel weiter von der Wirklichkeit praktischen Handelns scheint die Frage entfernt, ob die Welt letztlich nur aus Materie besteht, und sich alles, was existiert, mit Hilfe von Physik erklären lässt. Nun gibt es ziemlich viele Leute – und an den Universitäten sind sie vielleicht sogar in der Mehrheit – die davon überzeugt sind, es gebe in der Welt letztlich nichts als Materie und Physik. Im philosophischen Fachjargon gesprochen heissen diese Leute übrigens Naturalisten. Selbstverständlich gibt es im akademischen Diskurs auch die Gegenposition. So beispielsweise beim amerikanischen Philosophen Thomas Nagel mit seinem Buch Geist und Kosmos, das folgenden langen Untertitel trägt: Warum die materialistische, neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist.

Im deutschen Sprachraum ist Markus Gabriel nicht nur der jüngste Philosophieprofessor, sondern auch die prominenteste Stimme derjenigen, die die Physik als Welterklärungsformel in ihre Schranken weisen wollen. Für ihn erklärt die Physik gar nichts mehr, sobald es um den menschlichen Geist und seine Erzeugnisse (Gedichte, Staaten, Gerichtsurteile) geht. Um etwas über den Menschen zu erfahren, sollten wir seiner Meinung nach nicht unbedingt nur Romane, sondern auch die neusten Fernsehserien wie zum Beispiel Westworld anschauen.

Soweit so gut, könnte man sagen. Sollen die Philosophen und wer dazu Lust hat, sich um die Philosophie kümmern, und die anderen schauen sich direkt Westworld an, und am Ende des Tages sind das einfach zwei verschiedene Sorten von Freizeitbetätigung. Oder ist diese Sicht zu einfach und vielleicht sogar grundsätzlich falsch?
Der Philosoph Markus Gabriel gibt hierauf eine irritierend eindeutige Antwort.  Er hat ein Video einer Japanreise auf Youtube gestellt, und im Gespräch mit, wie ich annehme, japanischen Philosophiestudenten sagt er dort Folgendes (auf Englisch natürlich):  „Der Naturalismus ist das Problem des 21. Jahrhunderts, nicht Terrorismus. Und ich denke, dass viele Leute in Regierungs- und Verwaltungspositionen Naturlisten sind. Aber der Naturalismus ist pure Ideologie. Naturalismus ist so gefährlich wie der Klimawandel. Ich denke, er ist die grösste intellektuelle Krankheit unserer Zeit.“
Wir müssen davon ausgehen, dass der Klimawandel eine Bedrohung für unsere Zivilisation bedeutet. Denkt Gabriel also, der Naturalismus sei eine Bedrohung für unsere Zivilisation?  Aber wie kommt er zu einer solchen Meinung? Kommt es daher, dass der Philosoph, das, was ihm am liebsten ist, das Philosophieren nämlich, masslos überschätzt und ihm deshalb in selbstherrlich, selbstverliebter Weise eine Bedeutung zuspricht, die es niemals hat?

Oder hat der brillante Philosoph da einfach über die Länge von  ein paar Sätzen hinweg die Zügel schiessen lassen, angeheizt von irgend einem japanischen Schnaps oder Tintenfischgericht? Oder habe ich ihn missverstanden, meint er es gar nicht so drastisch? Oder aber – und das ist für mich die beunruhigendste Deutung – bin ich blind für die Gefahr, die von Menschen ausgeht, die denken, es gebe im Grunde nur Materie und Physik?

Und wer gibt mir die Antwort auf diese Fragen? Ich versuche es einmal mit einer Email an Markus Gabriel und gebe, falls ich vom vielbeschäftigten Professor eine Auskunft erhalte, hier wieder Bericht.

Ja, Katalonien ist noch da, nicht weit von hier, und noch beherrscht das Unabhängigkeitsthema Land und Leute, aber aus dem angekündigten heissen Herbst wird wohl nichts. Wegen der vielen Einsprachen hat das Höchste Gericht Spaniens den Prozess gegen die angeklagten und zum Teil in Untersuchungshaft weilenden Politiker und Politikerinnen ins neue Jahr hinein aufgeschoben. Der amtierende Katalanische Präsident hat schon vorgewarnt, dass man eine Verurteilung nicht akzeptieren würde. Wie genau sich dies äussern wird, hat er allerdings nicht verraten.

Was Restspanien betrifft, ist es dem Berichterstatter eher peinlich, sich hier auch noch über die mit gefälschten akademischen Lorbeeren geschmückten Lebensläufe so vieler Politiker und Politikerinnen auszulassen. Gab es nicht mal diese menschliche Erfindung der Scham? Und gäbe es in diesem Land nicht Probleme, die die volle Aufmerksamkeit der Politik verdienten? Als ich neulich hörte, wie ein Nachbar beim Kartenspiel vor der Taverne auf dem Dorfplatz sagte: «Jetzt stellen sie einander ihre Universitätsabschlüsse in Frage», kam es mir vor, als hätte sich im Ton seiner Stimme die weit verbreitete Verachtung für die Politiker und Politikerkerinnen abermals gesteigert.

Und weil der amtierende sozialistische Präsident in Madrid so sozialistisch gar nicht ist, trifft er sich auch noch mit diesem Monsieur aus dem Wallis der FIFA und bringt die WM 2030 ins Gespräch. Brot und Spiele könnte man sagen. Sicher ist, der Lack der neuen Regierung war schneller ab, als es die schlimmsten Pessimistinnen vorauszusagen gewagt hätten. In den ersten 100 Tagen gab es 100 Fettnäpfchen und keines wurde ausgelassen. Wie leicht ist es doch, den Waffenexport in kriegführende Länder zu geisseln, wenn man in der Opposition ist. Einmal an der Macht sind in diesem von Arbeitslosigkeit geplagten Land die Stimmen der Betroffenen plötzlich doch wichtiger als die hochgehaltenen Ideale. Etwas verblüfft stellt man deshalb fest, dass da eine Regierung angetreten ist, die zwar für Spanien eine spektakuläre Frauenmehrheit zu bieten hat, die sich sonst ethisch und moralisch aber bei weitem nicht so klar von ihrer gestürzten Vorgängerin abhebt, wie man erhofft hatte.

Und was hat Wolfgang Mattheuer damit zu tun?

Präsident Sanchez spricht von einer WM in Spanien und YB spielt in der Champions League und Wolfgang Mattheuer hat mit seiner Lithografie eines der wenigen beachtenswerten Kunstwerke geschaffen, die es meines Wissens zum Thema Fussball gibt. Gut, es hat nichts mit dem Massenphänomen Fussball zu tun, aber auch hier ist der Ball rund und er fliegt so hoch über die Welt, als wäre es der Mond. Eigentlich eine herrliche Szene, wenn auch nur mit drei Zuschauern. Leicht erkennbar ist aber auch, dass hier ein Meister am Zeichnen war. Wolfgang Mattheuer war denn auch nicht irgendwer. Als Mitbegründer der Leipziger Schule ist er mitverantwortlich für die wenigen künstlerischen Impulse, die von der DDR über ihr Ableben hinaus wirksam blieben.

Le jour où

von Antoine Jaccoud 13. September 2018

Certains se sont débarrassés de leurs vêtements pour courir nus dans la rue.

Un est descendu dans sa cave et a commencé à ouvrir une bouteille après l’autre invitant ses voisins à boire avec lui.

Des couples, qui n’en finissaient pas de s’engueuler depuis des années, se sont quittés en quelques secondes.

D’autres – hommes et femmes, hommes et hommes, femmes et femmes, hommes et bêtes, enfin – qui se regardaient depuis des lustres sans oser se parler, se sont jeté l’un sur l’autre et se sont aussitôt promis un amour éternel.

Des scènes d’amour physique ont commencé d’avoir lieu un peu partout dans les parcs, dans les rues voire sur les places publiques.

Des bègues ont cessé de bégayer. Des hypochondriaques se sont mis à siffler comme des pinsons.

Des crucifix ont été arrachés (mais d’autres ont surgis dans les bras de certains désespérés). Des mosquées sont tombées (mais d’autres ont poussé sous l’impulsion de certains désespérés). Des panneaux publicitaires à la gloire des marchands de lunettes et des compagnies aériennes ont été jetés au sol. Des spas et des fitness ont été endommagés.

Des automobiles, électriques pour la plupart, ont été renversées.

Les employés des offices des poursuites et des centres de placement ont quitté leur poste de travail, annonçant en partant à ceux et celles qui attendaient leur tour d’être maltraités qu’ils pouvaient rentrer chez eux et dormir sur leurs deux oreilles.

Des migrants ont été invités à manger la fondue. Des prostituées ont reçu des baisers sur les joues. Des abattoirs ont été ouverts libérant des vaches et des porcs sautant comme des cabris.

C’était en 2035, lorsqu’on a su que la lutte contre le réchauffement climatique – enfin, ce simulacre de lutte, avait définitivement échoué.

 

Selon le  journal Earth System Dynamics, on devrait savoir dès 2035 de manière à peu près certaine si la planète pourra être encore sauvée ou si le climat sera définitivement hors de contrôle. https://www.earth-syst-dynam.net/9/1085/2018/

Willi Schmid, langjähriger Lektor des Zytglogge Verlags, Träger des Berner Sisyphus-Preises und Mitgründer der Solothurner Literaturtage, wird am 8. September neunzig.

Zu diesem Anlass haben Anina und Ursina Barandun, zusammen mit Bernhard Schlup (Gestaltung), ein Buch herausgegeben: Originaltexte, frisch geschrieben für Willi Schmid, als Privatdruck, den er anstelle eines grossen Festes ausgehändigt bekommt. Das Buch enthält Texte u.a. von Maja Beutler, Peter Bichsel, Beat Brechbühl, Ernst Burren, Yla Margrit von Dach, Urs Frauchiger, Gret Haller, Franz Hohler, Helmut Hubacher, Peter von Matt, E.Y. Meyer, Francesco Micieli und Markus Michel.

Willi Schmid war Chemiker, in leitender Position, als er seine sichere Existenz aufgab und Lektor beim kleinen Zytglogge Verlag wurde. Er prägte die Schweizer Literatur in den folgenden Jahrzehnten massgeblich. Er entdeckte und förderte unter anderem Gerhard Meier und war mit etlichen Autorinnen und Autoren eng verbunden, selbst wenn deren Bücher gar nicht im Zytglogge Verlag erschienen. Willi Schmid war eine Instanz, als Freund, Leser, Förderer. Nach seiner Pensionierung als Lektor wurde er Bio-Winzer am Mont Vully, oberhalb von Vallamand.

In seinem Beitrag schreibt Peter Bichsel: «Irgendwie hast Du der Schweiz das Lesen beigebracht und Deinen Autoren das Schreiben. Und dies nicht als Literaturpapst oder wortgewaltiger Kritiker, sondern als Mentor, als geduldiger Begleiter und stiller Geniesser. Du hast mit der Literatur Dich selbst gerettet und uns alle auch».

Das erwähnte Buch ist in einer Auflage von 70 Stück erschienen und kann nicht käuflich erworben werden. Journal B veröffentlicht hier die Beiträge von Guy Krneta und Samuel Moser.

 

Guy Krneta / Der Hintertriebene

Wenn ich jemandem erkläre, was den Beruf des Lektors ausmacht, erzähle ich von Willi Schmid. Ich weiss natürlich, dass Willi Schmid nicht der Prototyp des Lektors ist. Dass er eher die seltene Ausnahme, der Ideal-Lektor ist, den es eigentlich nur in der Erzählung gibt. Und ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich Willis Tätigkeit auch nur aus der Erzählung kenne. Es ist nie dazu gekommen, dass wir zusammen an einem Buch gearbeitet haben. Ich habe mir immer gewünscht, dass es dazu käme. Weil Willi, wie ich mir vorstelle, der Lektor wäre, den ich mir wünschen würde. Ich hätte gerne für und mit Willi ein Buch geschrieben. Da ich von Kolleginnen und Kollegen weiss, die das zu ihrem Glück getan haben. Und die dank Willi Bücher geschrieben haben, die es ohne ihn, seine Aufmerksamkeit, seine Neugier und Kritik nie geben würde.

Wenn ich erkläre, was den Beruf des Lektors ausmacht, sage ich: Willi Schmid hat mit seinen Autorinnen und Autoren gearbeitet, bevor die überhaupt wussten, dass er mit ihnen an einem Buch arbeitet. Er ging mit ihnen spazieren, hat sich mit ihnen unterhalten, ihre frisch geschriebenen Texte gelesen und ihnen vielleicht gezeigt, wie daraus ein Buch werden könnte. Wenn das Buch dann fertig war, ging er damit zum Verlag. Und meistens, nehme ich an, hat der Verlag das Buch in dieser Form übernommen. Ein Lektorat war ja kaum mehr nötig.

Was mich an dieser Arbeitsform immer fasziniert hat, ist das leicht Hintertriebene. Ich weiss nicht, wann Willi all die Bücher lektoriert hat, von denen sein Verlag und sogar seine Autorinnen und Autoren noch gar nichts ahnten. Er muss eine grosse Narrenfreiheit besessen haben, die heute in vielen Verlagen, in der Literaturszene überhaupt oft fehlt. Weil angeblich das Geld fehlt zum gemeinsamen Spazieren, Sich-Unterhalten und ziellos Lesen. Vielleicht hat es ja schon damals gefehlt. Und Willi hintertrieb seinen Verlag, seine Autorinnen und Autoren nachts, am Wochenende, unbezahlterweise womöglich.

So stelle ich mir das vor. Und ich erzähle es allen, die Willi nicht kennen, die nie mit ihm zu tun hatten, nie mit ihm an einem Buch gearbeitet haben, in der Hoffnung, dass sein Vorbild des Hintertreibens weiter wirkt.

Guy Krneta ist nach seiner allerersten Lesung beim Offenen Block an den Solothurner Literaturtagen 1988 von Willi Schmid angesprochen worden und hält sich seither für mit ihm befreundet.

 

Samuel Moser / Traumberuf Willi

Es stimmt nicht, dass früher in allen Büchern auf der Rückseite des Titelblattes oder zuhinterst irgendwo stand: «Lektorat Soundso». Ich habe nachgeschaut. Aber in meiner Erinnerung ist es so. Und dann stimmt es sicher auch nicht, dass «Soundso» immer Willi Schmid war. Dass Willi Schmid alle Bücher, die ich las, lektoriert hat. Willi möchte ich diese Herkulesarbeit auch gar nicht zugemutet haben – den Büchern dagegen eigentlich schon.

Es ist nicht so gewesen, aber es muss so gewesen sein.

Ich kenne selbstverständlich andere Lektoren. Oder ich kannte andere, denn heute gibt es sie ja kaum noch. Jedenfalls nicht solche, wie Willi einer war. Wie Willi einer ist. Willi wurde mir zum Inbegriff des Lektors. «Lektor» und «Willi» sind zwei Bezeichnungen für ein und dasselbe. Nicht deckungsgleich zwar, denn ich wünschte und wünsche mir überhaupt nicht, dass der eine im andern aufginge und verschwände. Aber im Kern sind sie eines.

Früher oder wohl doch ein bisschen später, als ich ein zweites Mal lesen lernte und nicht mehr Polizist, Lokomotiv- oder Kranführer werden wollte, wollte ich Lektor werden. Nicht Autor und nicht Verleger. Und Kritiker schon gar nicht. Weshalb kann ich post festum nur spekulieren. Ich glaube ja nicht, dass ich damals so dachte wie heute. Möglicherweise erfinde ich jetzt die Gründe, und sie haben damals wie heute, sicher jedenfalls heute, wenig mit dem tatsächlichen Beruf eines Lektors zu tun.

Immerhin lassen die Gründe von heute mich immer noch träumen.

Trotz der Lehre vom «Tod des Autors», von der ich mittlerweile nicht mehr so überzeugt bin oder nicht mehr auf diese Art überzeugt bin, wie ich es einmal war, glaube ich, dass ich Lektor werden wollte, um dem Autor nahe zu sein. Dem Autor als Autor. Dem Autor und seinem Text im Augenblick, wo er noch sein Text ist. Und doch schon nicht mehr nur sein Text. Dieser Augenblick scheint mir aufregend. Der Augenblick, in dem er ihn aus der Hand gibt oder gerade begonnen hat, ihn aus der Hand zu geben. Der Funke zwischen Gottes und Adams ausgestreckten Fingern. Augenblick der Einheit und Trennung, der Einheit von Einheit und Trennung. Ein Augenblick der Zartheit und der Härte, des Loslassens und des Losreissens. Augenblick des Abschieds und der Emanzipation. Ein mythischer, ein religiöser Augenblick beinahe, genau und unfassbar zugleich, dämmernd zwischen Nacht und Tag. Augenblick der Scheidung und Entscheidung. Der Krise und der Kritik. Der Kritik jedoch vor der Publikation, nach der der Text im Literaturbetrieb dann aufgerieben wird, wo das Urteilen oft mehr seiner Klassierung und Kastrierung dient als seiner Entfaltung. «Halbprivat» könnte man das Verhältnis zwischen Autor und Lektor in diesem Moment nennen. Und wenn der Ausdruck ans Krankenwesen erinnert, ist das nicht falsch. Es geht mir jedenfalls um den schwachen Text. Horaz hat in seiner Ars poetica geschrieben, dass der Kritiker viel besser vor der Publikation eines Werkes als danach seine Arbeit verrichten sollte. Um die Stärken des Textes zu fördern, nicht um seine eigenen zu zeigen. Natürlich ist das eine andere, eine zweite Art der Kritik, und sie kann die des öffentlichen Diskurses nicht ersetzen. Aber ich stelle doch mit leichtem (und frohem) Erstaunen fest, dass ich mich, bevor ich selber Kritiken zu publizieren begann, offenbar mehr für die zweite Art interessierte, die des Horaz eben. Ich hoffe, wenn ich heute die Wahl hätte, würde ich mich immer noch für sie entscheiden. Oder wieder für sie entscheiden nach vielen Erfahrungen mit der ersten Art der Kritik.

Als ich Lektor werden wollte, kannte ich Willi Schmid noch nicht. Das heisst, ich kannte Willi, bevor ich ihn kannte. Auch ihn habe ich erfunden. Zumindest war da die Idee von ihm. Sie hatte nur noch nicht zu ihrem Bild gefunden.

Ich wollte also nicht Lektor, ich wollte Willi werden. Jetzt weiss ich auch, weshalb ich es nicht geworden bin. Willi kann man nicht werden. Nur Willi konnte es. Und auch er hat es nur gekonnt, weil er es nicht können musste. Deshalb erscheint mir auch die Klage über das Verschwinden der Lektoren unangemessen. Es kann nicht verschwinden, was es nie gegeben hat. Nur Willi gibt es.

Untröstlich bin ich nicht, dass ich es nicht geschafft habe, Willi zu werden. Hätte ich es denn schaffen können? Wo kein Gelingen möglich ist, gibt es auch kein Scheitern. Nur ein unerfüllter Traum bleibt ein Traum.

Samuel Moser ist Literaturvermittler, Herausgeber und Literaturkritiker und Präsident der Stiftung Robert Walser Biel, die den Robert-Walser-Preis verleiht.

Oh Afrika

von Gerhard Meister 5. September 2018

Im Kaufleuten in Zürich fand eine Podiumsdiskussion statt unter dem Titel Wer ist schuld am Elend Afrikas? Auf dem Podium diskutierten, geleitet von einem Journalisten des Tagesanzeigers, ausgewiesene Fachleute.

Auf der einen Seite war David Signer, der Afrika-Korrespondent der NZZ, auf der anderen Tina Goethe von Brot für alle. Zwischen diesen beiden sass, auch von seinen Positionen her oft in der Zwischenlage Mohomodou Houssouba, Schriftsteller und Dozent am Afrika-Institut in Basel. Der grosse Saal des Kaufleuten war bis auf den letzten Platz besetzt. In einer der reichsten Städte der Welt kamen fünfhundert Leute, um zu hören, wer schuld hat daran, dass in Afrika die Mehrheit der Leute bitterarm ist.  Erstaunlich dieses Interesse für Afrika, von dem oft gesagt wird, sein Schicksal interessiere hierzulande nicht. Aber der Saal war voll. Fünfhundert Leute hatten Platz genommen und wollten wissen, wer ist schuld an dieser in so vielen Fällen tödlichen Armut. Aber genauso war es natürlich nicht. An den Reaktionen auf die Statements auf dem Podium liess sich klar erkennen, jede und jeder hatte schon seine Vorstellungen mitgebracht davon, wo die Schuld liegt für Afrikas Elend und applaudierte, wo auf dem Podium gesagt wurde, was der eigenen Meinung entsprach oder protestierte, wenn es dagegen ging. Sie kennen Afrika nicht, rief beispielsweise eine Afrikanerin im Saal zu Signer, der sich seit Jahrzehnten mit Afrika auseinandersetzt und heute in Dakar lebt.

Jeder, der Zeitung liest oder vielleicht schon einmal ein entsprechendes Buch gelesen hat, kann die Gründe aufzählen, die für Afrikas Elend verantwortlich gemacht werden: der Kolonialismus, die ungerechten, sprich: ausbeuterischen Handelsbeziehungen zu den reichen Ländern, dann die unfähigen, korrupten afrikanischen Regierungen und die schwachen, rechtsunsicheren Staaten, die damit einher gehen. Und je nach politischer Einstellung und Weltbild sind es dann eher die externen Gründe, die zählen, kurz: im linken Weltbild sind Europa und die reichen Länder schuld am Elend und Afrika das Opfer von Kolonialismus und Ausbeutung oder dann sind, im rechten Weltbild, die Afrikaner selber schuld, dass es ihnen nicht besser geht.

Und genau nach diesem Muster lief es dann auch auf diesem von Fachleuten besetzten Podium, jedenfalls im Fall von David Signer, dem Afrika-Korrespondenten der NZZ. Natürlich leugnet Signer weder Kolonialismus noch billigt er – wenigstens auf Nachfrage – die Geschäftspraktiken von Glencore im Kongo, aber verantwortlich für das Elend sind die afrikanischen Regierungen. Symptomatisch sein Statement, mit dem er in der Werbung für die Veranstaltung angekündigt wurde: Der eigentliche Skandal hinter dem Flüchtlingsdrama im Mittelmeer ist nicht die «Abschottung Europas», sondern die Gleichgültigkeit der afrikanischen Regierungen gegenüber dem Exodus. Woher das Bedürfnis, eigentliche und uneigentliche Skandale voneinander zu unterscheiden, wenn nicht daher, ein Weltbild zu haben, in dem klar zwischen dreckigen Händen und sauberen Westen unterschieden werden kann?

Signer nannte dann noch einen weiteren Grund für Afrikas Unterentwicklung: Die afrikanische Kultur sei antikapitalistisch und sozialistisch auf Solidarität ausgerichtet, also: wer Geld hat, muss es verteilen und hat deshalb, wenigstens in der Logik kapitalistischen Denkens, keinen Antrieb, welches zu verdienen. Schade, ging aus dieser Feststellung keine Diskussion hervor darüber, wie Afrika uns möglicherweise helfen könnte, aus dem Zuviel an Kapitalismus und Egoismus, in das wir hineingeraten sind, wieder hinaus zu finden.

Den Standpunkt der Linken vertrat Tina Goethe, weniger dogmatisch als Signer insofern, dass sie keine globalen Urteilsprüche verkündete, aber doch verengt im Blick, den sie ausschliesslich auf die Verantwortung des Westens gerichtet hielt. Symptomatisch hier: Auf die Frage, wie sie die Politik der Chinesen in Afrika beurteile, beurteilt sie nicht die Chinesen, sondern die Europäer ( die Chinesen sind nicht schlimmer als die Europäer, früher waren diese noch schlimmer).

Dass es Europa besser machen könnte, wie Goethe behauptet, das bezweifelte auch Signer nicht. Allerdings, ob es viel ändern würde. Goethe wurde mit folgendem Statement vorgestellt:

Noch immer ist Afrika vor allem billiger Rohstofflieferant. Die Gewinne daraus fliessen am Fiskus vorbei auch in die Steueroase Schweiz. Nur ein Bruchteil der vielen Milliarden, die den Ländern als Steuereinnahmen verloren gehen, investiert die Schweiz in Entwicklungszusammenarbeit.

Tatsächlich stellt sich die Frage: bedeutet mehr Entwicklungszusammenarbeit auch wirklich mehr Entwicklung? Wer glaubt noch, dass Afrikas Probleme allein mit Geld gelöst werden können?  Was passiert, wenn ein Staat wie der Kongo die Milliarden, die ihm jetzt entgehen, an Steuern einnehmen könnte? Wieviel davon würde den Bürgerinnen Bürgern zugute kommen, wieviel verschwinden in privaten Taschen?

Gegen den Fatalismus, der bei der Beschäftigung mit dem Thema aufkommen kann, wies der Dritte in der Runde, Mohomodou Houssouba, darauf hin, dass es immer ein Wahl gibt und also Handlungsräume bestehen, hier in Europa ebenso wie dort in Afrika. Ein wahres Wort, aber kein wahrer Trost im Wissen, wie schlecht diese Handlungsspielräume seit Jahrzehnten genutzt werden.

In Katalonien hat sich die Lage etwas beruhigt, wenn sich  die Parallelwelten auch weiter munter um sich selbst drehen. Sommerzeit ist aber auch Lesezeit! Sogar für ganz dicke, weltberühmte Bücher mit Bernbezug!

Sehr lange ist es nicht her, dass ich in der Diskussion nach einer Lesung aus meinem Buch «Mut zur Mündigkeit»  meiner Meinung Ausdruck gab, ausser in sprachlichen Belangen, sei es nicht unbedingt die Aufgabe von Autoren und Autorinnen sich zu gesellschaftlichen Problemen und politischen Konflikten in aller Welt zu äussern.  Darauf machte mich ein Mann nicht unfreundlich darauf aufmerksam, dass ich selbst hier in diesem Blog im Journal B gerade über die katalanische Unabhängigkeitsbewegung geschrieben hätte.

Er hat natürlich recht, denn er konnte nicht wissen, dass ich mich nicht als Autor, sondern als Betroffener äusserte. Ich wohne zwar nicht in Katalonien, aber seit vielen Jahren verbringe ich sehr viel Zeit in der Nähe der katalanischen Grenze. Und wie ich möglicherweise auch schon angeführt habe, müsste ich mich allein schon wegen des vielen guten Rotweins aus katalanischen Kellereien, den ich hier schon getrunken habe, zu einer Meinungsäusserung berechtigt fühlen dürfen.

Gegenwärtig gibt es aber gar nicht so viel zu berichten. Der Konflikt muttet so vor sich hin. Bestimmt hat der Regierungswechsel in Madrid für etwas Entspannung gesorgt, aber um nicht vergessen zu werden, zündet der flüchtige Ex-Präsident regelmässig seine Rauchpetarden und die allgemeine Bereitschaft zur Selbsttäuschung scheint ungebrochen. Die Parallelwelten drehen sich absolut unabhängig voneinander munter weiter um sich selbst. Für diejenigen, die sich nicht vorstellen können wie weit die Wahrnehmung gesellschaftlicher Realitäten auseinanderklaffen können, ein kleines Bespiel:

Uns ist allen vertraut, dass bei einer Demonstration auf dem Berner Bundesplatz Veranstalter und Polizei die Teilnehmerzahl unterschiedlich einschätzen. Die einen reden von 25 000 und die andern vielleicht von 15 000. Sogar noch grössere Unterschiede können vorkommen. Wenn aber die Veranstalter einer Demonstration gegen Madrid von 200 000 Teilnehmern reden und sich die offizielle Schätzung der Polizei auf 7000 beschränkt, dann weiss man, dass man sich in Katalonien befindet.

Und was hat Hermann Albert damit zu tun?

Unabhängig von Kataloniens Parallelwelten ist Sommerzeit auch immer Lesezeit und weil am kommenden Berner Literaturfest auch die Neuausgabe in «Die andere Bibliothek» von Johann David Wysses Der Schweizerische Robinson gewürdigt werden soll (zurecht!), bin ich immer wieder mit dem Lesen von diesem tausendseitigen Brocken beschäftigt. Deshalb suchte ich nach einem schönen Bild mit einem Buch und von allen Bücher-Bildern, die ich gesammelt habe, hat Hermann Albert (Deutscher Maler und Hochschullehrer, geb. 1937) eines der schönsten zu bieten. Ich weiss zwar nicht mehr, woher ich es habe, kenne auch seinen genauen Titel nicht, aber was die Darstellung des Lesethemas betrifft, ist dieses Bild eine sehr  saubere Sache. Es ist schlicht, es ist  sommerlich und dazu ist es auch noch zentriert und reduziert, denn für die Welt und ihre komplexe Vielfalt steht oder liegt hier nur das aufgeklappte Buch!

Lesen Sie wohl!

An diesen sommerlichen Tagen kommen sie wieder massenweise, und man hat allen Grund, sich zu fragen, was das eigentlich alles für komische Fotografen und Fotografinnen sind, fotografieren sie doch meistens nur genau jene Motive, die sie vermutlich schon in dem Werbeprospekt abgebildet gesehen haben, der sie überhaupt dazu veranlasste, an dem populären Kongress der Digitalfotografie in unserer Altstadt teilzunehmen.

Sicher ist, dass sie aus allen Ecken der Welt kommen und sich mehrheitlich in geführten Gruppen zu ihren bevorzugten Motiven bewegen. Viele sind auf das Fotografieren von Brunnen spezialisiert, aber fast noch zahlreicher sind die Spezialisten und die Spezialistinnen der Kirchenfotografie. Sogar der kunsthistorisch eher unspektakulären Kirche Peter und Paul kommt definitiv mehr Aufmerksamkeit zu als den am Rathausplatz auch vorhandenen Zeugen ortstypischer Architektur. Und wenn sich die Kirchenfotografen und die Kirchenfotografinnen, natürlich immer aufgehoben in ihren Arbeitsgruppen, vom Rathaus her durch die Kreuzgasse schieben und plötzlich vor dem in diesen Tagen oft herrlich blauen Himmel den Turm des Münsters vor ihren Augen aufragen sehen, dann schnellen wie auf Kommando restlos alle Arme in die Höhe und an den hochgereckten Kameras bleibt kein einziger Klickfinger ungekrümmt.

Sitzt man aber auf der Plattform und lässt sich dort von der gerade ziemlich fett  über die Schwellen tretenden Aare berauschen, kann man beobachten, dass sich auch viele Fotografen und Fotografinnen weiterhin der Kunst des Selbstporträts verschrieben haben. Dort stellen sie sich vor den Ausblick auf den Gurten, fahren ihre Stangen aus und lächeln sehr unterschiedlich fotogen in ihre Objektive. Für das hell herausragende Blatt an dem Kastanienbaum über mir, das mich schön die längste Zeit fasziniert, scheint sich dagegen niemand zu interessieren. Auch das herrliche Muster oben auf der Sandsteinmauer aus Flechten und Vogeldreck, in welchem auch einzelne Sandkörner funkeln wie Edelsteine, fotografiert kein Mensch.

Und was hat Antoni Tàpies damit zu tun?

Es ist verflixt! Denn gerade an Katalonien wollte man ja einmal nicht erinnert werden, aber oben auf der so wunderbar gemusterten Balustrade sieht ein Vogelschiss auch in seiner Oberflächenbeschaffenheit nun in Gottes Namen halt einfach so aus wie von dem grossen katalanischen Künstler hingemalt: Direkt aus der ockerbraunen Tube auf die weisse Grundierung gedrückt. Und wie selbstverständlich ist auch etwas Kohlenschwarz dabei. Eine Farbkombination 100% typisch Tàpies!

Und übrigens, falls Sie nach dem Spiel gegen Serbien auch stolz sind auf unsere überragenden Spieler mit kosovarischem Hintergrund noch dieser Hinweis:

Letzten Frühling sind Guy Krneta und ich im Rahmen des Projektes Kosovo is everywhere über den ganzen Balkan hinunter in unseren «Kanton Kosovo» gefahren. Sollte es Sie interessieren, wie es uns auf diesem wilden Balkan ergangen ist, gibt es in einer neuen Reihe online sehr günstig einen Bericht dazu.

Mit einem Tweet brachte der Basler «Tageswoche»-Journalist Renato Beck das Dilemma auf den Punkt: «Wurde mir schon lange nicht mehr so bewusst, dass ich als Stimmbürger Spielball der Lobbys bin, wie bei der Casino-Abstimmung».

Auf der einen Seite standen die heutigen Spielcasinos mit Steuersitz in der Schweiz. Auf der anderen die internationalen Online-Geldspielanbieter, die bisher unreguliert in der Schweiz agierten und ihr Geschäft ausbauen wollten.

Die Ausgangslage für Stimmbürgerinnen und Stimmbürger war wenig attraktiv. Und viele, die sich sonst zu Wort melden, hielten sich diesmal zurück. Man konnte sich eigentlich nur die Finger verbrennen. Entsprechend gering war auch die Stimmbeteiligung.

Doch in den Nischen wurde gestritten. Mit einer Verbissenheit, die kaum noch Bezug nahm auf die Argumentation des Gegenübers. Dabei handelte es sich bei den GegnerInnen eigentlich um politische FreundInnen. Für einmal hielten sich die Frontlinien nicht an die üblichen Blöcke und Gräben. Das Geldspielgesetz wurde zur Glaubensfrage: Wie hältst Du’s mit der Freiheit im Internet?

Wer stand wem gegenüber?

Die Ausgangslage konnte auch anders begriffen werden: Auf der einen Seite stand ein in einem bürgerlich dominierten Parlament ausgeschacherter Kompromiss, hinter den sich die Spielsuchtprävention (Fachverband Sucht), die Kulturschaffenden (Dachverband Suisseculture) und die SP stellten.

Auf der anderen Seite gab es eine unheilige Allianz aus Wirtschaftsliberalen und Netzliberalen, die sich auf einmal bedenklich nahe kamen. So versteckten sich die Jungliberalen hinter den Argumenten der Grünen und kämpften gegen Netzsperren – als ob sie deswegen mit Unterstützung der internationalen Geldspiellobby das Referendum ergriffen hätten. Während sich umgekehrt ExponentInnen der Grünen für einen globalisierten Geldspielmarkt einsetzten und behaupteten, die staatlichen Abgaben würden sogar höher, wenn internationale Anbieter zugelassen würden. Die Grünen als Globalisierer?

Doch die Antwort auf die Frage, wie nicht-lizenzierte Anbieter im Netz ausgeschlossen werden können, blieben sie schuldig. Dabei war dies einer der Hauptpunkte, die mit dem neuen Gesetz geklärt werden mussten. Warum nämlich sollte sich jemand um eine Lizenz bemühen und hohe Abgaben zahlen, wenn die illegale Konkurrenz kaum Nachteile hätte?

Sie könnten sich ein Online-Werbeverbot für Illegale vorstellen, schlugen die Grünen vor – was übrigens so auch im Gesetzesentwurf stand. Oder sie schlugen den Eingriff in Suchmaschinen vor – als ob sich google von den Grünen den Algorithmus manipulieren liesse.

Kulturförderung und Lotteriefonds

Kulturverbände, vorne weg der Dachverband Suisseculture, sprachen sich für den Gesetzesentwurf aus, da es – je nach Kanton – um beträchtliche Kulturfördermittel ging. Die grosse Euphorie unter Kulturschaffenden brach allerdings nicht aus. Zum einen bremste die Aussicht, mit der einschlägigen SVP-Werbeagentur in einen Topf geworfen zu werden. Diese war von den bürgerlich dominierten Kantonen an Land gezogen worden und buchstabierte brav ihre Trivialsymbolik und farbliche Einfalt durch – nur dass diesmal keine Schafe ausgeschafft, sondern Spielplätze geschlossen wurden. Zum anderen stellten sich auch unter Kulturschaffenden etliche die Frage nach der Verhältnismässigkeit staatlicher Eingriffe im Netz.

Vollends verdreht wurde die Sache seitens der GegnerInnen, als den Kulturschaffenden auf einmal «Eigennutz » vorgeworfen und gar suggeriert wurde, die Kunst lebe auf Kosten der Spielsüchtigen.

Hoffentlich, ist dazu zu sagen, setzen sich Kulturverbände für die Interessen ihrer Mitglieder ein – wie es auch Gewerkschaften tun, denen kaum «Eigennutz» vorgeworfen wird, wenn sie gegen Stellenabbau und Lohnkürzungen kämpfen.

Und das neue Gesetz schreibt so deutlich wie das alte fest: «Die Verwendung der Reingewinne zur Erfüllung öffentlich-rechtlicher gesetzlicher Verpflichtungen ist ausgeschlossen». Dass dennoch einige Kantone einen beträchtlichen Teil ihrer regulären Kulturförderung über den Lotteriefonds finanzieren, ist hingegen Realität.

Mögen sich die KritikerInnen von gestern nun mit aller Vehemenz in den einzelnen Kantonen dafür einsetzen, dass Kulturbudgets erhöht und Lotteriefondsgelder nicht mehr gesetzeswidrig für Staatsaufgaben verwendet werden. Der Zeitpunkt wäre jetzt gekommen.

Die Internet-Religiösen

Wirklich interessant am Abstimmungskampf war nur die Auseinandersetzung um die Zugangs- oder Netzsperren, wie sie von den GegnerInnen polemisch genannt wurden. Ja, es gab viele technische Details zu lernen und es traten zum anderen völlig unterschiedliche Geisteshaltungen zutage. Auf der einen Seite jene, die das Netz, mit fast schon religiösem Eifer, zum sozial-utopischen Raum erklären, auf der anderen jene, die es schlicht als technische Infrastruktur begreifen, bei deren Gebrauch Regeln gelten.

Die Frage jedenfalls, wie sich der Nationalstaat im Internet verhält, während riesige private globale Monopole den Platz beherrschen, wird uns nicht zum letzten Mal beschäftigt haben. Und es wäre den Grünen vieleicht geraten, in dieser Sache näher an der Parteibasis zu operieren und sich nicht Sätze ins Programm schreiben zu lassen, die besser zu den verschwundenen Piraten passen.

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass sich Manager und Managerinnen gerne auf ihren Schreibtischen sitzend fotografieren lassen?

Wie kommen die dazu?

Als wäre ein Schreibtisch nichts Besonderes und als gäbe es keine Stühle!

Aber dies nur nebenbei.

Und übrigens: Wussten Sie, dass es jetzt Bioplastik gibt?

Und können Sie sich darunter etwas vorstellen?

Vielleicht Wohlfühlplastik?

Auch dies nur nebenbei, denn obschon einen ja so vieles wundert, wenn nicht stört oder gar belästigt, gilt es von einem herrlichen Ausflug nach Genf zu berichten. Dort leben offensichtlich nicht nur halbseidene Figuren des internationalen Kapitals, nicht nur spanische Ex-Prinzessinnen und katalanische Politikerinnen, die Reissaus nehmen vor der Justiz, dort leben auch ganz normale Leute. Für ein paar Stunden war ich unter ihnen, ging mit ihnen an den See, begleitete sie beim Einkaufen, besuchte eine Schule, lernte von ihnen, was der Wind in ihrer Stadt für eine Rolle spielt und dass ihnen der Montblanc etwa das bedeutet, was uns in Bern Eiger, Mönch und Jungfrau. Beides sind herrlich weisse Fixpunkte, wenn nicht Orientierungshilfen  in ihrer und unserer sonst so urbanen Welt. Wiederholt war ich auch in dem kleinen, herrlich schrulligen «Musée de la porcelaine et de l’argenterie».

Dass es in Genf eigentlich auf keiner Liste und in keinem Tourismusprospekt ein solches Museum gibt, ändert nichts an der Tatsache, dass es für mich verdammt viel Wirklichkeit besitzt, denn immerhin habe ich dort nicht nur die Dame an der Kasse, die gleichzeitig auch als Sekretärin des Direktors amtet, kennengelernt, ich könnte auch über den Direktor selbst einige bis weit ins Private hinein reichende Geschichten erzählen. Und nicht zuletzt habe ich dort die Bekanntschaft von Élise gemacht! Sie ist nicht nur fachkundige Sachbearbeiterin im «Musée de la porcelaine et de l’argenterie», sondern auch zweifache Mutter. Dass sie auch noch das ziemlich spurlose Verschwinden ihres segelnden Ehemannes auf hoher See verarbeiten muss, ist der eigentliche Hintergrund der wunderbar alltäglichen Geschichte, die ich gelesen habe und die Laurence Boissier in dem Roman «Rentrée des classes» erzählt.

Bei der Lektüre auf Französisch hat mir die Tatsache geholfen, dass Laurence Boissier eine Kollegin von «Bern ist überall» ist, neben der ich schon in Lausanne und in Zürich, sogar schon in Chur auf der Bühne gestanden bin und deshalb ihre Stimme und ihre ganz besondere, eindringliche verlangsamte Art ihre Texte vorzulesen im Ohr hatte. Aber auch ohne diese Erfahrung sei das wunderbare Buch allen ans Herz gelegt, die zwischendurch das Bedürfnis empfinden, ein bisschen i ds Wäutsche abzuschweifen.

Und was hat Victor Vasarely damit zu tun?

Mathilde, die kleine Tochter von Élise zieht sich unter der Last des Verlustes des geliebten Vaters gerne in ihren Kleiderschrank zurück. Da sie, wie schon ihr Name sagt, die Mathematik, aber auch die Geometrie liebt, ist Vasarely ihr Lieblingsmaler und sie behängt die Wände ihres Rückzugsortes im Innern des Schrankes mit dessen Bildern. Dort hat sie sich auch einen Arbeitsplatz für die Schulaufgaben eingerichtet, und für eventuelle Besuche des Bruders gibt es als Sitzgelegenheit einen Stapel Telefonbücher.

Und noch etwas zu Vasarely: Wussten Sie, dass mindestens eines seiner Werke jeder kennt? Vasarely ist nämlich der Schöpfer des Logos der Marke Renault.

Aber auch dies nur nebenbei.

Laurence Boissier: Rentrée des Classes, erschienen 2017 im Verlag art&fiction, Lausanne

Von Alex Tschäppät gibt es vermutlich viele Anekdoten in dieser Stadt. Und ich wünschte mir, ein Verlag käme auf die Idee, die Anekdoten zu sammeln und herauszugeben.

Es gibt sicher auch hämische und böse Anekdoten über ihn oder wenig schmeichelhafte. Die würde ich, glaube ich, nicht ins Buch aufnehmen, selbst wenn sie ihn menschlich zeichneten. Doch die Fülle an Anekdoten würde zumindest eines zeigen: Alex Tschäppät war einer, über den gesprochen wurde – nein, über den erzählt werden musste.

Alex Tschäppät war mehr als ein Stadtpräsident. Er war eine volkstümliche Figur. Er selber sagte von sich, er sei einer, den man anfassen könne. Pedro Lenz ist auch einer, den man anfassen kann. Oder Peter Bichsel. Beiden ist das Angefasst-Werden eher unangenehm. Aber sie müssen auch nicht wiedergewählt werden.

Alex Tschäppät mochte seine Rolle, er war gross in seiner Rolle, sie passte ihm ausgezeichnet. Und ja, er fasste auch selber an. Er hielt sich nicht immer an die Gepflogenheiten und forderte damit andere auf, sich ihrerseits nicht immer an die Gepflogenheiten zu halten. Das ist für einen Stadtpräsidenten ausserordentlich.

Wenn ich besagtem Buch eine Anekdote beisteuern sollte, wäre es folgende: «Bern ist überall» erhielt von der «Stiftung zur Förderung der Bernischen Mundartdramatik» einen grossen Preis. Genauer: Die Stiftung löste sich auf und vermachte uns das gesamte Stiftungskapital von Fr. 50’000.-

Die Stiftung war der Stadt Bern beigesellt und der Kultursekretär war von Amtes wegen Stiftungsratsmitglied. Für eine Preisverleihung reichte das Stiftungskapital nicht mehr aus, also wurde entschieden, uns den Preis bei einem sowieso geplanten Auftritt in der Stadt Bern zu überreichen. Ein solcher fand im Rahmen eines Jubiläums der Hochschule der Künste (HKB) statt. Leider waren bis auf Christoph Reichenau alle Stiftungsratsmitglieder an dem Abend verhindert. Dieser sollte nun als Kultursekretär den festlichen Akt vollziehen.

Vor dem Auftritt gab es, wegen des HKB-Jubiläums, ein Nachtessen, bei dem auch Alex Tschäppät zugegen war. Während des Essens erfuhr ich, dass Christoph Reichenau krankheitshalber ausfiel. Also ging ich zu Alex Tschäppät und fragte ihn, ob er es übernehmen könnte, uns diesen Preis zu überreichen. – Was er denn mache müsse, fragte er. – Er solle eine kleine Rede halten, sagte ich, wie er es ja gewohnt sei. – Aber er müsse uns doch auch was überreichen können, wendete er ein. Das überzeugte mich. Ich fragte einen HKB-Mitarbeiter, ob er mir einen Briefumschlag besorgen könnte, mit einem Stück Karton drinn, für den Stadtpräsidenten.

Nach unserem Auftritt stieg der Stadtpräsident auf die Bühne und stoppte den Schlussapplaus. Er freue sich, hier in diesem Rahmen eine freudige Botschaft überbringen zu können.

Alex Tschäppät war in Form. Er hielt eine Rede, zu der er sich im Moment auf der Bühne inspirieren liess. «Bern ist überall» kannte er, von der «Stiftung zur Förderung der Bernischen Mundartdramatik» hatte er bisher noch nicht allzu viel gehört. Am Schluss überreichte er uns diesen dicken Umschlag. Wir bedankten uns förmlich. Und schenkten ihm eine Zugabe.

Mit welcher Lockerheit und welchem Understatement die Stadt Bern Kulturpreise in der Höhe von Fr. 50’000.- verleihe, sei einzigartig, zeigten sich anschliessend einige HKB-Studierende beeindruckt. Das habe Stil.

Und wieder denke ich an Katalonien. Weil ich aber auf der schon sommerlichen Münsterplattform sitze und mich während des Notierens dieser Zeilen in mein Notizbuch von der heftig angeschwollenen Aare berauschen lasse, ist immerhin ein Bernbezug gegeben.

Ich denke an Katalonien, weil es auf der Plattform gerade wimmelt von Polizei. Auf dem Münsterplatz steht wieder hoher Besuch an. Eben erst war auch der spanische Aussenminister da. Er soll mit Ignazio Cassis über die beiden Damen gesprochen haben, die vor der spanischen Justiz nach Genf geflohen sind.

Wie man mit ihnen umgehen sollte, weiss ich wirklich nicht, aber beide hatten mich am entscheidenden Tag bei der TV-Übertragung aus dem katalanischen Parlament in Staunen versetzt. Mir ist unvergesslich, wie sie scheinbar absolut unberührt von der Tatsache, dass die gesamte Opposition, das heisst, die Abgeordneten mehrerer Parteien geschlossen das Parlament verlassen hatten, in völlig unaufgeregtem Ton, ruhig und sachlich erörterten, wie das provisorische Grundgesetz einer neuen Republik zu verstehen und umzusetzen sei.

Die juristischen Beistände, also die Juristen und Juristinnen, die der Präsidentin des Rates beizustehen haben, hatten sich schon aus dem Staub gemacht, nachdem ihr Hinweis, dass man den gesetzlichen Rahmen verlassen habe, auf taube Ohren gestossen war.

Ich wusste nicht, ob ich diese Frauen, die hier seelenruhig, als würden sie an einem Elternabend die Organisation eines Sommerlagers für ihre Kinder und nicht einen Staatstreich besprechen, bewundern oder bedauern sollte. Ich weiss auch noch genau, dass ich unfähig war, den Gesichtsausdruck von Frau Rovira zu deuten. In Anbetracht der möglichen Folgen ihres Diskurses als Sprecherin der separatistischen linken Partei ECR kam mir das Gesicht dieser Frau so reglos vor, dass ich sie für todesmutig hielt. Oder aber für naiv, denn mir war völlig klar, dass man, sollte der Coup nicht gelingen, für so etwas «i d’Chischte chunnt».

Und ich muss zugeben, als ich Marta Rovira ein paar Wochen später am Fernsehen weinen sah, tat sie mir einerseits zwar leid, aber andererseits fand ich es nicht mehr nur naiv, sondern hanebüchen, wenn nicht frech, dass sie behauptete, sie würde für ihre Ideen verfolgt.  Ich meine «frech», wie verwöhnte Kinder frech sein können, die immer noch eins drauf geben und nachher beleidigt sind, wenn Vater oder Mutter die angedrohte Strafe tatsächlich vollziehen.

Und was hat Pole Lehmann damit zu tun?

Auch Pole Lehmann wird gerne als «naiv» bezeichnet. Aber anders als in der Politik ist Naivität in der Kunst, in welcher es bekanntlich weder Vorschriften noch Gesetze gibt, völlig unerheblich und ganz sicher kein Qualitätskriterium. Auch sicher ist, dass es in der Werkschau im Tramdepot Burgernziel, die noch bis am Sonntag, den 29. April dauert, sehr viel zu sehen und einen sehr verspielten, äusserst produktiven und amüsanten Berner Künstler (wieder-) zu entdecken gibt.

Wie oft habe ich schon von flexiblen Arbeitszeiten reden gehört, das Wörtlein „Flexibilität“, wie oft drang es schon an mein Ohr. Und natürlich weiss ich, was „flexibel“ bedeutet: biegsam, anpassungsfähig. Und warum muss etwas biegsam sein oder anpassungsfähig? Offensichtlich deshalb, weil es nötig ist. Ein Ast biegt sich im Wind und bricht nicht. Schön. Aber die Frage stellt sich doch: wie steht es um die Flexibilität des Windes? Könnte nicht auch der Wind sich anpassen an den Ast und ein bisschen weniger heftig wehen oder seinen Luftstrom um den Ast herumbiegen, so dass der selber sich nicht biegen muss? Warum kann der Wind eigentlich nicht Rücksicht nehmen auf das Bedürfnis des Astes, nicht ständig flexibel zu sein? Warum bläst der einfach stur weiter, obwohl diese Flexibilität und ständige Anpassungsbereitschaft eine ziemlich anstrengende Angelegenheit sind?

Und wie steht es in der Arbeitswelt? Wer biegt sich dort und wer bleibt stur? Ist es etwa das arme Ästlein der globalisierten Wirtschaft, das sich dem scharfen Wind beugen muss, der ihm von der Sturheit der Arbeitnehmenden entgegenschlägt?  Wie ist es denn, wenn die Angestellten auf ihrem Feierabend oder freien Sonntag beharren und in ihrer Sturheit die Flexibilität partout nicht aufbringen wollen, sich jederzeit über ihr Handy zu biegen, um abzuchecken, ob der Vorgesetzte ihnen vielleicht jetzt gerade eine Mail geschrieben hat? Ist der Vorgesetzte dann etwa bereit, sich an die Sturheit seiner Angestellten anzupassen? Bringt er die nötige Flexibilität auf und wartet geduldig auf seine Antwort?

Solange es als naturgegeben erscheint, wer im globalisierten Kapitalismus die Ästlein sind, und woher der Wind bläst, dem sie sich zu biegen haben, solange also die Rollen zwischen Sturen und Flexiblen so einseitig verteilt bleiben, erlaube ich mir meinerseits die Sturheit, das Wörtlein „Flexibilität“ in die Ecke der ideologischen Kampfbegriffe zu stellen, mit denen eben dieser Kapitalismus seine Herrschaft behauptet.

Wiederum sei an dieser Stelle auch dem katalanischen Drama gedacht. Sollte hier schon behauptet worden sein, diese Tragödie sei längst zur Farce verkommen, möchte man jetzt rufen: «Höret uf!» Mich beschäftigt nämlich, was ich neulich gehört habe: Sie machen alle weiter bis es «chlepft u tätscht» und danach greifen sie sich an den Kopf und tun so, als wüssten sie nicht, wie es so weit kommen konnte!
Natürlich ist es weiterhin spannend, zu beobachten, wie beide Seiten sich in der jeweiligen Realität einigeln und sich selbst betrügen, gleichzeitig befürchtet man aber Schlimmes: Die Flaggen stehen auf Sturm, und  Land ist keines in Sicht!
Vielleicht sollten alle Beteiligten mal von der Münsterplattform runterschauen können!
Dort ist nämlich zu sehen, dass der Kies, den die Aare letztes Jahr angeschwemmt hat und den die fleissigen Bagger dort unten im «Schweller» zu einem gewaltigen Berg angehäuft hatten, dass dieser Kies mittlerweile abtransportiert worden ist! Wer weiss wohin, aber es ist einmal mehr bewiesen: Berge können sehr wohl versetzt werden, aber nur mit Fleiss und Geduld!
Und jetzt, da die No-Bilag-Initiative glücklicherweise vom Tisch ist, noch ein Wort zu den so oft gelobten und als staatstragend bezeichneten Informationssendungen unserer sogenannten Qualitätsmedien.
Ja, sie leisten zweifellos sehr viel gute Arbeit, es würde mir überhaupt nicht schwer fallen, zum Beispiel von einem halben Dutzend Radio-Reportagen aus aller Welt zu berichten, die ich alle mit grossem Gewinn angehört habe, aber leider ist da auch noch das alte Problem: Die Satzfrage! Es kann nicht oft genug wiederholt werde! Satzfragen zeugen selten von Neugier und Sachkenntnis. Satzfragen sind Verlegenheitslösungen. Die Satzfrage wird gestellt, weil aus Mangel an einer echten Frage, auf Gesichertes zurückgegriffen werden muss.
Dazu kommen auch noch jede Menge absolut künstliche und gekünstelte Fragen. Gerade neulich wollte ich mein Radio wieder mal auf die Gasse hinaus schleudern. Und zwar mit allergrösster Wucht und ohne erst das Fenster zu öffnen! Gerade noch rechtzeitig erinnerte ich mich daran, dass diese Dinger ja einen Knopf haben, mit welchem man sie zum Schweigen bringen kann. Aber mein Ärger war gigantisch! Der Tod, Mord! Sogar Massenmord, Kriegsgräuel, Totschlag, Staatsbetrug werden vermeldet und was wird gefragt?
Es wird gefragt: Hat das Konsequenzen? Und zwar nur, weil ein Vorgesetzter oder jedenfalls irgend ein Schlaumeier der Firma, vorschreibt, den Bericht des Korrespondenten oder der Korrespondentin mit Fragen zu unterbrechen. Gefragt wird also stellvertretend für mich, den Zuhörer, aber ich werde für einen Volltrottel gehalten! Sonst würde hier doch nicht gefragt werden, hat das Konsequenzen? Immer fragen sie, weil ihnen aus Mangel an Sachkenntnis keine bessere Frage einfällt, hat das Konsequenzen?
Natürlich hat das Konsequenzen! Alles hat Konsequenzen und weil mich dort, wo Weltbewegendes passiert, die Konsequenzen interessieren, höre ich doch Radio! Hat das Konsequenzen? Dem sagt man Tappen im Dunkeln oder Stochern im Nichts! Und was immer behauptet wird: Ein Gespräch entsteht so sicher nicht! Das ist ein Abfragen ohne Sachkenntnis! Und das ist einem sogenannten Qualitätsmedium unwürdig!
So!

Und was hat Konrad Klapheck damit zu tun?

Gerade gestern las ich ein Interview mit Helmut Hubacher, einem der ganz Grossen der Schweizer Politik. Er sagte nicht nur, dass er weiter schreibe und publiziere, er sagte auch, dass er dies mit der Schreibmaschine tue, weil er mit dieser am besten denke. Da fiel mir die berühmte «Schreibmaschine» von Konrad Klapheck ein. Diese Ikone der modernen deutschen Klassik haben schon viele geliebt und bewundert, möge sie uns allen beim Denken weiterhelfen.   

Die Annahme von Minarett-Verbotsinitiative, Ausschaffungsinitiative und Masseneinwanderungsinitiative waren Schocks für die aufgeklärte, urbane Schweiz. Zurecht warf sich die unterlegene Seite vor, die Kraft der Symbolpolitik unterschätzt und zu wenig mobilisiert zu haben.

In der Zwischenzeit hat sich einiges getan. Die Zivilgesellschaft hat sich auf die Hinterbeine gestellt und zum Teil neu organisiert. Bündnisse und Organisationen sind entstanden wie Operation Libero oder Schutzfaktor M, die sich ausserhalb eines von Rechts definierten Links-Rechts-Schemas verorten und für eine offene, vielfältige, demokratische Schweiz auf Grundlage der Menschenrechte kämpfen.

Die Kulturschaffenden sind aufgewacht

Auch die Kulturschaffenden sind aufgewacht. Viele, die noch vor wenigen Jahren eine politische Positionierung vermieden, melden sich dezidiert und kreativ zu Wort: Künstlerinnen und Künstler jeden Alters, aus allen Sparten der U- und E-Bereiche.

Den Turnaround bildete die fremdenfeindliche, pseudo-ökologische Ecopop-Initiative. Das absurde Ansinnen, nationale Ökobilanz durch Zuwanderungsquoten zu verbessern, wurde an der Urne deutlich versenkt. Die künstlerischen Aktionen im Vorfeld waren vielfältig und kamen von den Künstlerinnen und Künstlern selber, mehr als von ihren (nach wie vor etwas zögerlichen) Institutionen. So waren es beispielsweise die Ensemble-Mitglieder des Zürcher Schauspielhauses, die Abend für Abend vor den Vorhang traten, um vor den verheerenden Auswirkungen der Initiative für das Schweizer Kunstschaffen zu warnen.

Es folgte die Durchsetzungsinitiative, mit der die SVP ihre schlampig formulierte, grundrechtswidrige Ausschaffungsinitiative nach neuem Gusto totalisieren wollte. Das Engagement der Zivilgesellschaft und der Kulturschaffenden war noch um ein Vielfaches stärker als bei Ecopop. Bemerkenswert ist vor allem, dass die grundsätzlichen Aspekte – die Verhältnismässigkeit und die rechtliche Ungleichheit von BürgerInnen mit unterscheidlichen Pässen in der Schweiz – breit diskutiert wurden. Bei der Ausschaffungsinitiative hatte die Argumentation noch nicht gegriffen. Von künstlerischer Seite waren es vor allem Songs und Spoken-Word-Beiträge, die im Netz breit geteilt wurden.

Und nun No-Billag

Bei der No-Billag-Initiative nun meldeten sich KünstlerInnen aller Couleurs zu Wort. Etliche, die bisher gehadert hatten, argumentierten auf einmal mutig und persönlich. Auch hier ging es nicht einfach um partielle Interessen (welche Künstlerin und welcher Künstler in diesem Land lebt schon wesentlich oder hauptsächlich von SRF-Einnahmen?). Es ging vielmehr wiederum um Grundsätzliches, um bedrohte Vielfalt, den demokratischen Diskurs, die kaputtgesparte und von politischen Milliardären aufgekaufte Vierte Gewalt, den Service Public und nicht zuletzt das Dogma der flächendeckenden Privatisierungen.

Die No-Billag-Initiative wird als jene Initiative in die Geschichte eingehen, für die bisher die meisten frei produzierten Filme (mit  Null- oder Kleinstbudgets) hergestellt wurden. Die Kreativität war unglaublich, fast schon überbordend und verdiente eigentlich eine eigene mediale Würdigung.

Wie weiter?

Wesentlich ist jetzt, das Wort nicht gleich wieder den Verlierern der Abstimmung zu überlassen. Die SRG, die freien lokalen Radio- und Fernsehstationen, der Service-Public insgesamt sind gestärkt worden. Zu den Verlierern gehören beispielsweise der Verband Schweizer Medien, namentlich Pietro Supino, Peter Wanner und Markus Somm, aber auch NZZ-Chefredaktor Eric Gujer. Dies gilt es bei weiteren Verhandlungen rund um die Online-Aktivitäten von SRG zu bedenken. Die SRG muss jetzt jene politische Rückendeckung erhalten, die ihr ermöglicht, eine taugliche zukunftsgerichtete Online-Strategie zu entwickeln. Und: Öffentliche Medienförderung über Radio und Fernsehen hinaus gehört ins neue Gesetz.

Schliesslich: Auf Siegerseite stehen unter anderem die Kulturschaffenden, die sich mit enormem kreativem Einsatz in den Abstimmungskampf geschmissen haben. Wenn nun die Verlierer mit ihren Abspeck-Phantasien Gehör finden sollten, ist Kulturabbau jedenfalls ein No-Go. Es gilt SRF 2 Kultur und das Radio generell zu stärken. Die SRG soll angehalten werden, ihren leistungsvertraglich vereinbarten  Kulturproduktionsauftrag weiter auszubauen.

So vieles gäbe es zu berichten. Zum Bespiel aus Wien. Dort habe ich seit langem wieder einmal ein paar Tage verbracht. Sollte eine kleine, winterliche Bestandesaufnahme aus der Hauptstadt unserer östlichen Nachbarn und Nachbarinnen von Interesse sein: Ein Klick genügt.
Aber first things first: Um Gottes Willen nicht etwa die Abstimmung verschwitzen!
Bis Freitag kann man den Gang an die Urne mit einem kleinen Spaziergang durch den Garten des Erlacherhofes verbinden.

Und jetzt haben wir also Besuch aus Katalonien. Anstatt sich vor Gericht, wo sie vorgeladen war, zu verantworten, zieht es eine der prominentesten Exponentinnen der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung vor, sich vorerst mal ein bisschen in Genf abzusetzen. Angeblich mit dem hohen Ziel, den gegenwärtig ziemlich traurig vor sich hinmottenden Konflikt zu internationalisieren. So wie das von anderen schon in Belgien versucht wird. Rein gefühlsmässig geht das aber irgendwie nicht ganz auf. Sollten sich internationalisierte Regionalkonflikte nicht von selbst aufheben oder wenigstens ihrer Widersprüchlichkeit bewusst werden?
Die besagte Politikerin ist aber auch bekannt für die Forderung, aus Katalonien eine feministische Republik ohne Grenzen zu machen. Ob man gegen Grenzen ankommt, indem man neue errichtet, ist auch so eine Frage. Nicht ganz überraschend ist allerdings, mit welcher Vehemenz sich die spanische Öffentlichkeit auf den Widerspruch stürzt, dass die selbstdeklarierte antikapitalistische Systemgegnerin, deren Partei auch das Geld abschaffen möchte, ausgerechnet in der erzkapitalistischen Schweiz und nicht in Venezuela, wohin sie angeblich auch Kontakte pflegte, Schutz sucht.
Es wird sogar behauptet, es sei gar kein Land denkbar, welches das System stärker verkörpere als die Schweiz, und es gebe keine grössere Heuchelei, als am Genfersee bei Sonnenuntergang Marx zu zitieren. Schliesslich sei die Schweiz das System schlechthin. Um diesen Widerspruch noch weiter auszuleuchten, zeichnet beispielsweise in El Pais ein Kommentator wieder mal ein Bild unseres Landes,  das mit unserer Eigenwahrnehmung nicht weiter auseinanderklaffen könnte.
Wir seien nichts als ein einzig Volk von fragwürdigen Grössen des Sportes, von Mafiosos, von afrikanischen Diktatoren, von korrupten Bänkern, die hier auf ihre Begnadigung warteten, von Waffenhändlern und Schiebern, von allgemeinen Zuhältern, von Erdölsatrapen, von Kriegsherren jeder Art, von Drogenkartellisten, von falschen Gotteskardinälen und jetzt auch noch von Justizflüchtlingen wie Frau Anna Gabriel!
Und kein Wort von Heidi!
Kein Wort von Schellenursli!
Kein Wort von Vreni Schneider!
Nichts von den verantwortungsbewussten Staatsbürgern und Staatsbürgerinnen, die verglichen zu den Spaniern und Spanierinnen relativ früh aufstehen, ziemlich fleissig zur Arbeit gehen, sich vielleicht sogar über das Zeitgeschehen informieren und sich zu einem Gespräch über Politik hinreissen lassen, es in der Regel auch ziemlich normal finden, nicht nur ihren Müll selbst zu entsorgen, sondern auch, dass den eher weniger Privilegierten ein halbwegs anständiges Leben zusteht. Nichts davon, dass man im allgemeinen nicht dem Irrtum erliegt, der Weg zum Glück führe über die Lotterie oder über den Erfolg des lokalen Fussballclubs!
Gut, man darf uns sehen wie man will, aber ein bisschen was muss man da ja schon dagegenhalten.

Und was hat Fernand Léger damit zu tun?

Ein Lob der Arbeit kann nie schaden!
Dazu kommt, dass ich dies in dem schönen Eckkaffee auf der Münsterplattform schreibe, wo vor dem Kälteeinbruch die Baumpfleger und Baumpflegerinnen der Stadtgärtnerei in ihren roten Sichtwesten mich an das Bild «Les constructeurs» erinnerten. Wie jedes Jahr stellten sie ihre Warnschilder auf und stiegen mit Scheren und Sägen über lange Leitern in die kahlen Kastanienbäume hinauf, um sich tagelang um deren Beschneidung zu kümmern. Wie die Bauarbeiter auf dem Bild schienen sie dabei ihre Arbeit so ernst zu nehmen und so gerne zu verrichten, dass man am liebsten selbst mitgeholfen hätte.

Auch hier geht es um eine gewisse Initiative. Mir scheint, man redet diesbezüglich sehr viel vom Fernsehen und eher wenig vom Radio.

Darum die Frage: Lesen Sie in der Zeitung immer auch den Wirtschaftsteil? Ich persönlich, das muss ich zugeben, lese diesen eher selten, obwohl ich eigentlich weiss, dass das fahrlässig ist. Wo fängt denn fast alles an, wenn nicht mit dem Stutz?

Höre ich aber das Wirtschaftsmagazin Trend auf SFR 4 News?

Ja, sehr oft, beispielswese beim Kochen! Und immer mit Gewinn! Was ich dort gerade gestern wieder alles erfahren und gelernt habe! Da sind offensichtlich sehr motivierte Leute am Werk, die auch gute Köpfe zu Wort kommen lassen. Soweit ich das beurteilen kann, alles auf hohem Niveau!

Und was hat das mit Ilja Jefimowitsch Repin zu tun?

Soll jemand behaupten, dieses auch in seinen Ausmassen grosse Bild der Wolgaschlepper habe nichts mit Wirtschaft zu tun! Das war für Hunderttausende einmal ein Beruf, sogar noch für den Grossvater von Maxim Gorki. Und dieses Bild zwingt einen, sich zu fragen, wer denn heute in unserer Gesellschaft die Wolgaschlepper seien und wer sich um sie kümmere? Sicher ist, gäbe es sie so noch heute, wären sie vermutlich schwarzer Hautfarbe und würden einen Teil ihres spärlichen Verdienstes nach Nigeria schicken. Und zwar unter Entrichtung sehr hoher Gebühren. Warum dem so ist, und was man dagegen tun könnte, gerade darum kümmerte man sich im Wirtschaftsmagazin Trend. Wenn das nichts ist?

Möglicherweise geht es Ihnen ähnlich: Irgendwie gibt das neue Jahr schon rein zahlenmässig mehr her. Achtzehn fühlt sich einfach besser an als siebzehn. Siebzehn ist niemand gerne. Aber Achtzehn! Da ist doch auch für ein Jahrhundert schon mal was Fassbares!

Entsprechend gibt es schon literarische Entdeckungen zu vermelden. Zuerst Puschkin. Las endlich mal «Eugen Onegin», und weil ich danach sehen wollte, wie bei Herrn Puschkin Geschichten in Prosa gehen, habe ich in dem Reclambändchen «Der Posthalter» sehr schöne, klare und gerade Geschichten gefunden. In «Der Schneesturm» werden da die Liebenden durch einen Schneesturm am Abhalten der klandestinen Hochzeit gehindert. Russischer geht es wirklich nicht. Aber auch «Der Sargmacher» ist grossartig. Einfach und doch virtuos. Der Sargmacher lädt nämlich alle seine Toten ein und dann kommen sie! Zwar nur im Traum, aber eben doch! Dann bin ich auch noch wieder bei Gogol gelandet, wo alles noch fantastischer und verrückter wird. Nabokov soll gesagt haben, bei Gogol sei das ganze Personal irgendwie geistesgestört. Da ist nicht nur was dran, auch das ist wieder sehr russisch!

Da redet jetzt auch das Volk mit und zwar ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, und die Natur wird nicht mehr realistisch eingesetzt, jetzt wird der Nachthimmel beschworen und sogar ein Teich hat viel zu sagen. Und Kleider machen vielleicht Leute, aber in «Der Mantel» ist mindestens ein Kleidungsstück selbst ebenso lebendig wie die Leute. Aber nicht genug: In dem Buch, in dem ich Gogol las, befand sich noch eine Novelle von Boris Lawrenjew, bei der ich wirklich so bald nicht wieder aufhörte zu staunen. Der Titel ist « Der Einundvierzigste» und Lawrenjew erzählt darin vom Russischen Bürgerkrieg, genauer gesagt von einer Scharfschützin. Sie war eine der wenigen Frauen in der Roten Armee. Als sie mit ihrer Abteilung hinter die Fronten gerät, verfehlt sie das 41. Opfer. Es ist ein junger Offizier, der sich mit einem weissen Tuch am Gewehr ergibt und gefangen genommen wird. Er soll dem Stab zum Verhör übergeben werden. Die Scharfschützin wird mit seiner Bewachung betraut. Man befindet sich auf einem tödlichen Treck in der kirgisischen Wüste, gerät an den Aralsee, und schliesslich endet sie mit ihrem Gefangenen allein auf einer Insel, die es heute wohl nicht mehr gibt. Mit einem angeschwemmten Kahn wollte man die Reise verkürzen, gerät aber in einen Sturm, zwei Soldaten ertrinken und die Bewacherin endet mit ihrem Gefangenen in Eis und Schnee. Alles ziemlich russische, aber auch biblische Dimensionen. Natürlich wurde diese heroische Novelle noch zu Sowjetzeiten verfilmt, allerdings am Kaspischen Meer, denn einen Sturm hätte der Aralsee längst mich mehr hergegeben. Sicher ist, bis jetzt hätte meine Lektüre nicht kräftiger ausfallen können und ich bin sicher, es gibt ein gutes Jahr.

Und was hat Alice Bailly damit zu tun?

Man könnte sagen, das Bild «Intermission», das 1922 in Paris oder Genf entstanden ist, sei so etwas wie die zeitgenössische Rückseite von Krieg und Elend, woran es im Russischen Bürgerkrieg wahrlich keinen Mangel gab. Aber eigentlich soll hier nur auf eine grosse Künstlerin verwiesen werden, umso mehr als gerade dieses Bild gegenwärtig im Kunstmuseum Bern im Rahmen der Sammlung Hahnloser gesehen werden kann. Es hängt dort etwas versteckt in einer Ecke, hat man es aber entdeckt, freut man sich über den kecken Blick dieser selbstbewussten jungen Dame in Schwarz.

Der Film «Die Vierte Gewalt» von Dieter Fahrer ist ein Requiem auf die Tageszeitung. Ausgehend vom Umzug seiner betagten Eltern ins Heim, denkt Fahrer über den Medienwandel nach. Darüber, wie es den «Journis» wohl dabei ergehe, jenen, «die Macht haben und doch häufig machtlos sind». Ob sie «Piloten des Wandels» seien oder eher «Passagiere» – einem Zitat folgend von Ludwig Hasler, das am Anfang des Films steht.

Ein Leben lang den «Bund» abonniert

Fahrers Eltern waren besondere Zeitungsleser, vielleicht auch typische. Sie hatten den «Bund» ein Leben lang treu abonniert. Er scheint ihre hauptsächliche Lektüre gewesen zu sein und gab ihnen auch im hohen Alter Gesprächsstoff, stiftete also Gemeinschaft und Sinn. Zudem war der Vater ein begabter Zeichner, der Zeitungsartikel ausschnitt und sich von ihnen zu Tagesskizzen anregen liess. Die Mutter verwendete die Zeitung auch, um Bohnen zu rüsten und Kartoffeln zu schälen. Und die Söhne brauchten die Zeitung im Wald, um Feuer zu entfachen.

Fahrer begibt sich in den journalistischen Alltag und schaut unterschiedlichen Redaktionen über die Schulter. Die Aufnahmen sind eindrücklich und machen deutlich: Den Beruf der Journalistin und des Journalisten gibt es so nicht mehr. Der Auftrag, den sich die vier Redaktionen geben oder von dem sie meinen, dass er ihnen gegeben sei, ist komplett verschieden. Die Tätigkeiten sind kaum mehr vergleichbar.

Neugierde und Unvoreingenommenheit

Die Rolle des Dinosauriers kommt dabei dem «Bund» zu, bei dem Stellenabbau, Spardruck und Büroraumverknappung tägliches Brot sind. Ein paar Aufrechte scheinen unablässig ihr Handwerk und ihren Ethos des Journalismus zu verteidigen. In Online-Seminarien werden sie auf die nicht hinterfragbaren Notwendigkeiten des «Systems» eingeschworen. Neugierde und Unvoreingenommenheit seien nach wie vor Antrieb seiner Tätigkeit, sagt Lokalreporter Marc Lettau sinngemäss in die Kamera. Dabei versprüht er wenig Enthusiasmus.

«Native Ads» als Geschäftsmodell

Enthusiasmus ist die Sache von «Watson», einem Online-Medium, das einen Grossteil seines Umsatzes mit «Native Ads» erzielt. Hier herrscht begriffslose Geschwätzigkeit: «Wir surfen wie schon gefilterter», sagt Rafaela Roth, Leiterin Team Reporter, über ihre «Generation». Wenn der Medienwandel zur «Generationenfrage» erklärt wird, erübrigt sich jede weitere Auseinandersetzung. Sieger der digitalen Revolution ist, wer technisch auf dem aktuellen Stand ist.

Mit ihren «anwaltschaftlichen» Reportagen praktiziert Roth immerhin eine Art linken Boulevard. Nebenan fischt die Kollegin Madeleine Sigrist im «Ressort Spass» Filme aus dem Internet und bemüht sich, «die Seite gut zu füllen». Und Chefredaktor Maurice Thiriet zeigt bei seiner «Blattkritik» wie frisch vom Marketing-Seminar, welches «Teaserbild» ihn «nicht wirklich reingezogen» habe.

In einer späteren Einstellung lobt Olaf Kunz, verantwortlich für «Native Advertising» bei «Watson», die gute Arbeit der Redaktion. Im Bereich «Native Ads» könne ihnen niemand das Wasser reichen. Die «Glaubwürdigkeit» gegenüber Werbekunden sei gross, da die gesponserten Beiträge als «Teil des Gesamtprogramms» wahrgenommen würden. Noch schreibt «Watson», wie en passant zu erfahren ist, keine schwarzen Zahlen und wird von AZ-Medien-Verleger Peter Wanner finanziert. Doch scheint die Nachfrage nach Formaten, welche die Grenzen zwischen Journalismus und Werbung gezielt verwischen, gross zu sein und das bisherige Angebot zu übersteigen.

Glaubwürdigkeit gegenüber wem?

Einen anderen Begriff von Glaubwürdigkeit finden wir beim «Echo der Zeit» von Radio SRF. Seit Jahr und Tag gibt es die Sendung parallel zu den gedruckten Zeitungen und der Medienwandel hat hier kaum Spuren hinterlassen. «Ich bin kein Meinungsmacher, meine Aufgabe ist es, ein Thema so zu vermitteln, dass sich der Hörer ein eigenes Bild machen kann», sagt Moderator Samuel Wyss im Film. In Umfragen wird «Echo der Zeit» von Hörerinnen und Hörern regelmässig eine sehr hohe Glaubwürdigkeit attestiert. Dies ist nicht zuletzt eine Folge der stabilen Finanzierung durch die Öffentlichkeit. Sollte die «NoBillag»-Initiative am 4. März angenommen werden, änderte sich die Situation dramatisch. Darauf weist Dieter Fahrer hin, allerdings erst im Nachspann.

Wie Phönix aus der Asche

Im zweiten Teil des Films gibt’s Hoffnung, in Form von «Project R», der Vorstufe zur mittlerweile gestarteten Online-Zeitung «Republik». Der Film begleitet die Gründer Constantin Seibt und Christof Moser zu ersten informellen Treffen mit ähnlich gesinnten Kolleginnen und Kollegen. «Ich glaube, Haltung ist eine der wichtigsten Waren, die man heute verkaufen kann… Alle möglichen Leute haben zwar diese und jene Parole, aber sie haben keine Haltung», sagt Seibt zur Intention seines Projekts. Die «Republik» hatte zu diesem Zeitpunkt erste zugesagte Gelder und stand vor ihrem schliesslich fulminant verlaufenen Crowdfunding.

Wie Dieter Fahrer den Auszug aus den Berner «Bund»-Büros im Gegenschnitt zum Einzug der «Republik» ins Zürcher Hotel «Rothaus» zeigt, ist zugegebenermassen polemisch. Aber es ist eine sinnige Polemik, da die beiden Vorgänge ursächlich miteinander verbunden sind. Beide sind Folgen des Abbaus der Publizistik bei «Tamedia», dem grössten privaten Medienhaus des Landes. Bei der «Republik» sehen wir Journalistinnen und Journalisten, die nicht länger auf dem sinkenden Schiff ausharren wollen, beim «Bund» den Vollzug der Management-Entscheide aus Zürich.

Das Sterben erfolgt in Raten

«Wenn eine Zeitung stirbt», sagt Constantin Seibt in Fahrers Film in einem Ausschnitt aus der «Deville Late-Night-Show», «dann spart man normalerweise vorher und alle arbeiten wie wahnsinnig und versuchen die Lücke zu füllen. Dann wird die Zeitung immer grauer und dünner und immer jämmerlicher. Und wenn sie dann stribt, dann haben alle das Gefühl, sie ist zurecht gestorben, weil sie schlecht war.»

Erodiert ist das bisherige Finanzierungsmodell der Tageszeitung zuerst durch Abwanderung der Kleininserate ins Internet, heisst es im Film. «Tamedia» habe das Geschäft durch Zukauf der entsprechenden Plattformen zwar ins Haus zurückgeholt, sei aber nicht bereit, Gewinne daraus wieder der Publizistik zur Verfügung zu stellen. Spätestens hier drängte sich ein Interview mit «Tamedia»-Verwaltungsratspräsident (und Mitinhaber) Pietro Supino auf, dessen Familie sich 2016 beispielsweise 34 Millionen Franken an Dividenden auszahlen liess. Leider fehlt dieses Interview im Film.

Der Film leistet viel, er kann nicht alles leisten

Auch andere Aspekte des Medienwandels kommen zu kurz oder nicht vor: Die Übernahme der ökonomisch angeschlagenen Zeitungen durch Christoph Blocher – ein Szenario, das über Basel hinaus nächstens Graubünden, Biel, Schaffhausen und anderen Regionen blühen könnte. Oder die Frage, was der Medienwandel, neben den Folgen auf die journalistische Arbeit, für Politik und Kultur bedeutet (eigentlich auch für Wirtschaft und Sport). Überhaupt die Frage, was es mit dieser «Vierten Gewalt» auf sich hat: Warum unabhängige Medien notwendig sind für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft.

Ein Film kann nicht alles leisten. Dieter Fahrers Film leistet viel. Er zeigt die «Journis» als «Passagiere des Wandels» und – im Fall der «Republik» – auch als «Piloten», die versuchen den Steuerknüppel in die Hand zu bekommen.

Darüber hinaus zeigt der Film, wie fundamental sich die journalistische Praxis durch die Digitalisierung verändert und verändert hat. «Bund»-Redaktor Marc Lettau klagt, «wissen und googeln» sei dasselbe geworden. – «Bund»-Chefredaktor Patrick Feuz hält entgegen, dass die journalistische Qualität durch den Medienwandel gesteigert worden sei. Früher habe es gereicht, nach einer Pressekonferenz ins Büro zu gehen und aufzuschreiben, was an der Pressekonferenz gesagt wurde. Heute wüssten die Leute das Wesentliche schon, wenn der Journalist zu schreiben anfange. Das zwinge ihn, mehr zu sagen zu den Hintergründen. Das sei auch, was Qualitätsmedien ausmache. Und wofür es nächstens wieder eine Kundschaft gebe, die bereit sei zu zahlen.

Für «Watson» schliesslich ist das Internet eine grosse Fundgrube, in der es wühlen und die Funde frisch aufbereitet dem Internet wieder zur Verfügung stellen kann. So auch Aufnahmen von Webcams aus der ganzen Welt, in denen kaum etwas Aussergewöhnliches zu entdecken ist. Unbearbeiteter Alltag, der auch Dieter Fahrer fasziniert. Und den er zunehmend in den Film einfliessen lässt, vielleicht als Gegenbild zu den «Breaking News».

Gute Nacht

Fahrers Eltern bilden die Klammer für den Film. Sie dienen als persönlicher Zugang des Filmemachers zum Thema und sorgen für Emotionalisierung der womöglich etwas papierenen Sache. Damit überspannt der Filmemacher den Bogen nach meinem Geschmack an einer Stelle: Da, wo er seine mittlerweile hoch betagten Eltern ein Abendlied singen lässt vor dem (definitiven) Zu-Bett-Gehen. Die Szene ist fragil und berührend. Doch berührt mich hier die Vertrautheit der beiden Menschen, der Versuch, Würde und Zuneigung zu bewahren. Das hat mit Zeitungssterben nichts zu tun. Und auch der Schlenker zum Schluss, dass man jetzt nicht mehr wisse, wo die Todesinserate erscheinen sollten, wirkt aufgesetzt. Längst ist das Internet auch ein digitaler Friedhof mit entsprechenden kommerziellen Angeboten. Und gerne übernehmen boomende lokale Gratisanzeiger die bei älteren Menschen beliebte Rubrik.

Alles in allem hat Dieter Fahrer mit «Die Vierte Gewalt» einen wichtigen Beitrag zur Zeit geschaffen, einen bild- und zugkräftigen Film. Der uns Anlass sein kann über das Verschwinden von Öffentlichkeit in der Öffentlichkeit zu reden – über NoBillag hinaus.

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«Die Vierte Gewalt» von Dieter Fahrer hat seine Premiere an den Solothurner Filmtagen und zwar am Samstag, 27. Januar um 18.00 Uhr im Landhaus sowie am Dienstag, 30. Januar um 17.45 Uhr in der Reithalle.

Der Kinostart erfolgt am 8. Februar.

In Bern findet bereits am Mittwoch, 7. Februar im cineClub eine Voraufführung mit dem Medienjournalisten Nick Lüthi statt. Sowie eine Parlamentariervorführung in Zusammenarbeit mit «Cinésuisse» und «Bern für den Film» am Dienstag, 27. Februar ebenfalls im cineClub mit Nationalrat Matthias Aebischer.

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Zur Transparenz: Guy Krneta wurde während der Produktion des Films «Die Vierte Gewalt» von Dieter Fahrer kontaktiert. Es bestand der Plan, Teile seines Theaterstücks «In Formation» (Zürcher Schauspielhaus, 2016/2017) in den Film zu integrieren. Dieser Plan wurde später fallen gelassen. Stattdessen erscheint die komplette Aufzeichnung von Krnetas Stücks nun als «Bonus-DVD» zu Fahrers Film.

Es ist nicht etwa so, dass mich Katalonien nicht weiter beschäftigen würde. Wie so oft in diesem Jahr in diesem Blog.

Aber liesse ich mich hier beispielsweise über die spanische Justiz aus, die ja doch ziemlich unbeholfen vorzugehen scheint, wer würde dann vermelden, dass an den Kastanienbäumen auf der Münsterplattform kein Blatt mehr übrig bleibt? Wer würde den hölzernen Reitpferden gedenken, die jetzt verlassen und frierend dort neben dem Sandkasten stehen, wo auch nur noch ein paar rote und gelbe Plastikspielsachen an vergnügte Kinder erinnern? Und wer erwähnte die verlorene Taube unter einem der leeren Bänke? Wer die eingenebelte Sonne, die sich wie ein weisser Leuchtknopf am Himmel versteckt?

Und wenn ich hier wiederum nur davon berichten würde, wie viele Politiker und Politikerinnen in Katalonien eigenartigerweise weiterhin nicht den Mund aufmachen können, ohne allem, was sie sagen, paradoxerweise auch noch drei oder viermal das Wort «demokratisch» beizumischen wie Essig und Öl an den Salat, wer würde dann unserer Aare die Beachtung schenken, die sie verdient? Wer würde den stolzen Schwan erwähnen, der aufrecht vor der Englischen Anlage dümpelt, als würde er die wieder aufgenommenen Aushubarbeiten vor den Schwellen überwachen? Immerhin geht es hier um die Ablagerungen des Jahres und die stammen nicht einfach so von irgendwo. Was hier ausgebaggert wird, das wurde von Eiger, Mönch und Jungfrau, von der Blüemlisalp, vom Niesen und der Grimsel herunter angeschwemmt! Immerhin!

Wiederum hat sich nämlich eine riesige Insel gebildet, auf welcher die gelben Maschinen rumsurren und dieses Geröll schon mal für den Abtransport ins neue Jahr aufhäufen.

Noch rauscht sie leicht, die abgemagerte Aare, und wenn man die Ohren spitzt, hört man auch noch das Gerassel der Ketten, mit welchem bis vor kurzem die rostigen alten Ungetüme von knatternden und ratternden Baggern ihre geleerten Schaufeln zurück ins Wasser haben sausen lassen.

Und wenn ich hier weiter nur gegen einen doch uneuropäischen und undemokratischen katalanischen Wohlstandsseparatismus anschreiben würde, wer nähme sich dann die Mühe, zu vermelden, dass unsere Bären jetzt schlafen? Wie es weiter oben beim alten Tramdepot dreisprachig auf einer Tafel steht. «L’ourse Ursina hiverne dans une tanière dans le parc».

Und wer würde berichten, dass schon kurz nach der Untertorbrücke die Biber einen weiteren stattlichen Baum zu Fall gebracht haben, der jetzt bis zu der Krone in der Aare liegt? Auch die dort mit den Bären im Winterschlaf träumenden Weidlinge der Wasserfahrer müssen doch erwähnt werden. Ebenso die Krähe, die im seichten Wasser rumstolzierend und aufbegehrend etwas sehr Undurchsichtiges treibt. Und unbedingt, dass zwei Entenpaare, der Kälte zum Trotz, den Altenbergsteg mindestens so vergnügt und mindestens so synchron unterqueren wie die ranken Aareschwimmerinnen im Sommer.

Und wenn ich mich immer weiter nur mit diesem so demokratischen Katalonien rumschlagen würde, wer würde dann die Schafe erwähnen, denen man beim Weitergehen unweigerlich begegnet? Und die schöne, graue Tirolerkuh, die sich zwischen der alten Brauerei Gasser und dem Lorrainebad durch die Jahre frisst, hat sie nicht mindestens das gleiche demokratische Recht wie das arme undemokratisch unterdrückte Katalonien, einmal in einem Blog im Journal B erwähnt zu werden?
Doch! muss man da sagen. Doch! Dieses Recht muss man dieser gediegenen Stadtkuh einfach einmal zugestehen.

Und was hat Henry Rousseau damit zu tun?

Ginge man noch weiter, der hier schon fast schlafenden Aare entlang, käme man zwar auch noch bei ein paar im Dreck grunzenden Schweinen vorbei, unweigerlich aber auch zu unserer im Sommer so herrlich tosenden, jetzt aber still auf die nächste Schneeschmelze wartenden Stauwehr. Und eine ebensolche hat der «Douanier» wie Henry Rousseau auch genannt wird, so wunderbar gemalt, es könnte wirklich grad die unsere sein.

Dazu kommt – das muss auch noch gesagt sein – dass es sich jederzeit lohnt, besonders aber in der zur Melancholie verleitenden vorweihnächtlichen Zeit, in aller Ruhe ein paar Bilder von diesem Rousseau zu betrachten.

Sie bergen allesamt ein Geheimnis, das sich am ehesten an den malerischen Details erahnen lässt. Diese unglaubliche Liebe zur Kunst! Dieser Fleiss! Diese grenzenlose Geduld! Sie sind Ausdruck des unverkennbaren Bedürfnisses, etwas Schönes, etwas Wahres, etwas Wertvolles zu schaffen. Rousseau meint es immer Ernst! Und um dieses Ziel zu erreichen, war diesem sehr edlen Monsieur kein Opfer zu klein.

In diesem Sinne schon jetzt die allerbesten Wünsche für die kommenden Festtage und für das neue Jahr.

La Syrienne et son petit

von Antoine Jaccoud 23. November 2017

J’ai chaud.
Ma chemise blanche me serre.
J’ai grossi depuis ce congé-maladie forcé.Quand j’étais garde-frontière, je bougeais davantage. Je mangeais certes pas mal de sandwiches mais je bougeais davantage.

Je me demande à quelle heure le Président va interrompre l’audience.
On ne va quand même pas demander cinquante fois à la Syrienne si elle avait mal, si elle saignait, à quelle heure exactement elle a perdu les eaux, et si son vagin avait commencé à se dilater.
Un peu de respect pour la pudeur de cette femme quand même.
Bien sûr qu’elle avait mal, bien sûr qu’elle saignait, bien sûr qu’elle avait perdu les eaux.
Et c’est à peu près certain que son vagin s’était dilaté.
Je connais la question. Ma femme aussi elle est passée par là.  A deux reprises même. Une fois pour Ryan, et une fois pour Melissa.
Sauf que ma femme, elle est du Toggenburg, elle n’est pas d’Alep.
Et puis ma femme je l’aime, tandis que la Syrienne je ne l’aime pas, ou en tout cas j’ai ordre de n’avoir aucune empathie à son égard.  C’est une migrante, pas une femme sur le point de donner la vie.
Alors une migrante qui a mal, qui saigne, qui a perdu les eaux et dont le vagin s’est dilaté, tu ne la regardes pas, ou si tu la regardes, c’est comme une bête, comme une chienne, comme une moins-que-rien que tu vas te dépêcher de fourguer aux collègues de Domodossola pour qu’ils  s’en occupent, et surtout pour que son petit naisse chez eux et pas chez nous.
Non pas qu’ont ait le droit du sol en Suisse, mais si une de ces migrantes fait son petit chez nous, elle va vouloir l’allaiter et le lécher et Dieu sait quoi encore, et ce sera encore une excuse pour traîner chez nous.

Ouf, le Président a suspendu l’audience jusqu’à demain.
Je vais pouvoir rentrer chez moi
J’ai hâte de retrouver ma femme et mes enfants.
Dans ces moments, avoir le soutien de sa famille, c’est important.

Ergibt sich in einer sehr vielschichtigen historischen Entwicklung ein Interessenkonflikt zwischen zwei oder mehreren Parteien, kann es vorkommen, dass sich eine Partei aus Mangel an überzeugenden Argumenten darauf versteift, den eigenen Interessen zuwiderlaufende Fakten aus der Diskussion zu verbannen. Da lese ich in einer Zeitung zum Beispiel, was einem gewissen Monsieur nachgesagt wird: Der Monsieur habe «die unheimliche Fähigkeit, offenkundige Tatsachen in Abrede zu stellen». Trotzdem schaffte es dieser Monsieur, in eines der bekanntesten Häuser in Washington einzuziehen. Ein Grund, warum er dies geschafft hat, liegt darin, dass dieser Monsieur zwar die Lüge zur Tugend erhob und allen das Blaue vom Himmel herab versprach, aber die Emotionen, die er damit weckte, waren für viele absolut echt und real und offensichtlich beliebter als trockene Tatsachen. Und wer meint, Träume und Hoffnungen seien ohne Bedeutung, bloss weil sie sich auf Unwahrheiten stützen und sich nicht erfüllen lassen, kann nicht nur in den USA, sondern auch in England und in Katalonien erkennen, dass dem nicht so ist. Vermutlich gilt es, sich von der Vorstellung eines öffentlichen Ringens um Vernunft und Wahrheit zu verabschieden. Die Emotion, genauer gesagt, das Gefühl, wie marginal auch immer, selbst irgendwie impliziert, betroffen und dadurch Partei zu sein, überstrahlt und negiert die pickelfestesten Fakten. Kommt noch die Aussicht dazu, möglicherweise das identitäre Selbstwertgefühl zu steigern, ist der Zug abgefahren und die Meinung gemacht.
Zu diesem Schluss komme ich unter anderem auf Grund meiner Gespräche mit katalanischen Nachbarn, die ich während meines  langen Sommers in Spanien geführt habe. So vermessen wie das auch klingen mag, wann immer ich versuchte, sie in ein Gespräch zu verwickeln, bemerkte ich, dass die meisten fast nichts wussten oder meinten, mir Neuigkeiten überbringen zu müssen, von welchen ich schon Tage zuvor gelesen hatte. Auf die Frage, warum sie eigentlich für die Unabhängigkeit sei, antwortete mir einmal eine Bekannte: Weil sie schon immer dafür gewesen sei! Die Antwort fiel nicht etwa so kurz und so knapp aus, weil sie meinte, für mich würde das reichen. Nein, ich hatte nachgehakt und weiss es genau: Da war nicht mehr! Sie strahlte und lachte, denn ihr reichte das vollkommen. Sie wusste auf welche Seite sie gehörte.
Bei einem andern katalanischen Nachbarn, mit welchem ich fast täglich ein paar Worte wechselte, fiel mir plötzlich auf, dass er eigentlich über die dramatischen Entwicklungen sprach, als wäre es ein Fussballspiel. Als grosser Fan des FC Barcelona hatte er schon manchen Triumph feiern können und war überzeugt, dass sich der Präsident seiner Regionalregierung plötzlich als Lionel Messi der Politik entpuppen und aus dem unmöglichsten Winkel das vermeintlich unmögliche Siegestor schiessen würde. Und sollte mein Nachbar aus nächster Nähe selbst gesehen haben, dass dieses Siegestor aus einer zweifelsfreien Abseitssituation geschossen wurde, würde er wütend werden und absolut parteiisch über seinem Kopf mit den Fäusten fuchteln und das Gegenteil behaupten. Wie das im Fussball ja gang und gäbe ist.
Was es aber bei diesem Spiel wirklich zu gewinnen oder zu verlieren gibt, darüber schien er nie nachgedacht zu haben. Musste er auch nicht. Denn man kann Argumente so verkürzen, dass am Schluss nur noch eine Fahne oder eben, Farben übrig bleiben. Farben, zu denen man sich bekennt, die auf Zugehörigkeit verweisen und die damit alles sagen, weil es mehr nicht zu sagen gibt. Wie beim Fussball. Hier ist die eigene Mannschaft und dort der Gegner!
Sicher ist deshalb, dass man das bunte Wehen der katalanischen Fahnen weder verharmlosen noch romantisieren sollte. Die Fahnen sind vielleicht ein Geschenk für Pressefotografen und Fernsehjournalistinnen, aber sie sind ganz bestimmt nicht Ausdruck eines «fröhlichen Patriotismus» wie im «Spiegel» jemand mit einem grossen Namen meinte schreiben zu müssen. Vielmehr ist die Fahne die geistige Verkürzung schlechthin und kommt besonders jenen entgegen, die eigentlich keine Ahnung haben, worum es geht. Schlimmer ist nur noch der Holzhammer. Wer sich seine Sympathien für solche populistischen Auswüchse nicht verkneifen kann, dem sei ans Herz gelegt, sich einen Bundesplatz in Bern mit Tausenden in Schweizerfahnen gehüllten Jugendlichen vorzustellen.
Wem da nicht graust!
Und was hat Maruja Mallo damit zu tun?
Ich begegnete dieser spanischen Malerin in einer grossen Bildreportage in «El Pais». Maruja Mallo hiess eigentlich Ana María Gómez González, wurde 1902 in Galicien geboren, führte ein ziemlich spektakuläres Leben und starb1995 in Madrid, nachdem sie auf verschiedenen Kontinenten so ziemlich alles getan hatte, was Frauen damals nicht hätten tun dürfen.
Das Bild der Traube stach mir sofort ins Auge. Aha, dachte ich, ein weiterer Beweis, dass entgegen der katalanischen Propaganda, aus Spanien auch Gutes und Schönes kommen kann.

Di Siubrigi im Gosovo

von Guy Krneta 13. Oktober 2017

D Martina u dr Ruedi hei nid viu Fründe. Werum o? Si hei sich. U si sy sich säuber gnue. Beidi schaffe viu. Ching hei si nid. Het sech so ergä. Hätt sech o angers chönnen ergä. – Si heig sech drmit abgfunge, seit d Martina. – U o dr Ruedi seit, ihm fääu eigentlech nüt. Ab und zue dänk’r scho, chly e grössere Fründeskreis wär no schön. Aber was söu’s?

Si heig prueflech viu mit Lüt z tüe, seit d Martina. U mit viune vo dene wett si itz privat nid o no müesse z tüe ha. – U dr Ruedi seit, i däm Nöibougebiet, wo si wohni, läbi d Lüt ender so wi si: zrüggzoge. En Usnahm syge vilech Ismailjs. Mit ihm, em Ismailj, tüeg’r gärn ab und zue es Wort wächsle. Wen ihm dä vrzeu, win’r itz grad syg zrüggcho usem Gosovo, nach sächs Wuche, grossi Familie, zwo Hochzyte vo zwene Neffe, hunderti vo Gescht.

Das müessi ruuschendi Fescht sy, wo die fyri i däm Gosovo, seit dr Ruedi. U de dänk’r aube, dass’r das eigentlech o no mau wett erläbe. Sone Hochzyt i däm Gosovo. – Aber me chönn sech ja nid säuber zure Hochzyt i Gosovo ylade, seit ihm de d Martina. – U är seit ihren aber: Wart itz mau. I kenne dr Ismailj.

Wüu es syg scho so: Nächschts Jahr fyri är u d Martina ihri Siubrigi. U da heig’r sech scho überleit, win’r das söu aagah. Im Vrglych zu däm, wo dr Ismailj aube vrzeu, syg syni Hochzyt mit dr Martina doch en ender troschtlosi Aaglägeheit gsi. U vilech, heig’r tänkt, chönnt me das mit ere Siubrigen im Gosovo korrigiere.

Drum heig’r dr Ismailj druf aagschproche, seit dr Ruedi, wi itz das wär. We men aus öper, wo nid usem Gosovo chömm, sone Hochzyt oder besser Siubrigi Hochzyt im Gosovo würd dürefüere. Dr Ismailj syg Füür u Flamme gsi. – Är ungerschtütz ne, är übernäm das, organisier ihm di Hochzyt. U de heig’r ihm grad vrzeut vo zwene Cousins, wo dr eint drvo würd ds Catering übernäh u dr anger ds Hotel zur Vrfüegig schteue, für d Gescht us dr Schwyz. – Auso mit Gescht us dr Schwyz rächni är eigentlech nid. Aber är hoff natürlech uf Gescht usem Gosovo. – Kes Problem, heig ihm dr Ismailj gseit, är organisier ihm o d Gescht. U de heig’r dr Ismaij gfragt, öb’r ihm vilech chönnt en Offerte mache. U dä heig gseit, ja klar.

Das syg es Fescht gsi, seit dr Ruedi. So öpis heig är i sym Läbe no nie erläbt. Hunderti vo Lüt. U kultivierti Lüt. Nid eifach es Besüfnis wi bi üs. U guets Ässe. – U d Martina seit: Das heig sech über Tage härezoge, di Hochzyt. Auso Siubrigi Hochzyt. So heig si dr Ruedi no gar nie erläbt wi i däm Gosovo. Da syg ufblüejt.

U dr Ruedi seit: En Offerte vom Ismailj heig’r zwar nie übercho. Am Schluss aber, wo aui Rächnige syge zaut gsi, heig är müesse säge. Sones ruuschends Fescht im Gosovo, mit Catering u Hotel u hunderte vo Gescht. Das choscht itz o nid meh aus we me bi üs vilech z zähte höch mitenang ir Peiz göng ga Znacht ässe. U z zähte höch mitenang Znacht ässen ir Peiz, syg ja no lang kes ruuschends Fescht. Das meini nume Schwyzer, wo no nie im Gosovo gfyret heige.

Jetzt ist es also passiert. Die katalanische Republik ist ausgerufen, der Präsident hat die Unabhängigkeit erklärt, und schon sehr nahe am Abgrund, hat er sie auch gleich aufgeschoben. Hier wollte man es wohl allen Recht machen, und wie so oft wird niemand damit glücklich sein. Die Unsicherheit ist gross, das Misstrauen wächst, es regiert das Chaos.

Ziemlich unerklärlich ist für einen Aussenstehenden, wie die katalanische Regierung dazu kommen kann, auf Grund einer illegalen und in jeder Beziehung fragwürdigen Abstimmung mit dem fast DDR-würdigen Resultat von 90% Ja-Stimmen solche drastischen Schritte einzuleiten.

Es ist kaum verfehlt zu behaupten, dass in Katalonien alles schief lief und weiter schief läuft, ausser dass man es für ein paar Tage auf die Weltbühne geschafft hat, wenn paradoxerweise auch nur dank dem Fehlverhalten der überreagierenden spanischen Polizisten.

Wegen der nicht bedingungslos ausgerufenen Republik wird sich diese Regierung auch kaum mehr lange halten können, neben der mangelnden Mehrheit im Volk wird auch die Mehrheit im Parlament zerbröckeln. Da wollte der radikale Teil ganz entschieden mehr als eine vorläufig aufgeschobene Unabhängigkeit! Nun ist alles offen, noch kann Schlimmes passieren, sicher ist jedoch, der Grat ist überschritten, die Luftschlösser stürzen ein, und es kann nur noch abwärts gehen, der unilaterale, illegale Weg entpuppt sich einmal mehr als eine Sackgasse!

Fragt man sich, wie es so weit kommen konnte, würde ich in abgekürzter Form anführen, dass die kulturelle und ökonomische Vorherrschaft innerhalb Spaniens von der Politik falsch bewirtschaftet wurde. Man hat mit diesem «Bessersein» erst ein Gefühl der Überheblichkeit geschürt und dann eine Aversion gegen das «imperiale» Spanien gezüchtet, die man schliesslich während den paar letzten Jahren mit Pauken und Trompeten, mit Flaggen und Fahnen, aber auch in den subventionierten Medien und vor allem in den Schulen in einen anachronistischen, oft an Hass grenzenden Nationalismus verwandelte. Alles Gute kommt von oben und alles Schlechte selbstverständlich aus dem Kabinett des Teufels in Madrid.

Anstatt auch die rationale Seite zu entwickeln, anstatt die absolut berechtigten Argumente gegen den Nationalstaat Spanien zu diskutieren und zu postulieren, schürte man in der eben doch noch sehr jungen, unerfahrenen Demokratie die Emotionen, schreckte dabei weder vor Lügen noch unhaltbaren Versprechen zurück. Das nennt man, glaube ich, Populismus.

Dass mit sehr fragwürdigen Interpretationen des Rechtes auf Selbstbestimmung der Völker, mit einer sehr fragwürdigen Interpretation des armen Wortes, des missbrauchten Wortes «Demokratie» eine Stimmung des Aufruhrs erzeugt wurde, scheint unbestritten.

Vor dem Tag des Referendums folgte dann noch der Aufruf zum Ungehorsam, was, wie man weiss, wenn er von Seiten einer politischen Instanz kommt, sehr gefährlich werden kann.

Ob mit dem Referendum gegen die Verfassung verstossen wird, ist demjenigen, der, wie es hier offenbar wird, eine neue, parallele oder alternative Legalität schaffen will, natürlich egal. Ebenso wenig stösst er sich daran, dass die Gesetze zum Vollzug der Unabhängigkeit nach dem Referendum unter geradezu grotesker Missachtung des juristischen Rahmens durchgeboxt wurden. Die Kräfte, die sich in eine neue, in ihre eigene Legalität begeben wollen, hindert das keinesfalls daran, dieses Vorgehen, dieses Mittel zum Zweck, als legitim zu betrachten. Für den Zuschauer ein kaum noch nachvollziehbares Vorgehen, aber wie ich bei einem Kommentator gelesen habe: So funktioniert ein postmoderner Staatsstreich. Dass er nicht gelingen kann, wird jetzt offensichtlich.

Natürlich beinhaltet dieses Vorgehen auch die Beschuldigung der Manipulation der Justiz von Seiten der Regierung in Madrid. Dabei wird vergessen, dass gerade diese, in den Augen der Katalanen «manipulierten» Richter und Richterinnen und diese «franquistische, faschistische» Guardia Civil in den letzten Jahren massiv gegen die Partei und die Mitglieder der amtierenden Regierung vorgegangen sind. Zu behaupten, es seien ihre Handlanger, geht irgendwie nicht auf, denn die Gewaltentrennung ist gewährleistet und Spanien ist nicht Venezuela, übrigens eines der wenigen Länder mit offenen Sympathien für das Vorgehen der katalanischen Regierung.

Und was hat Josep Bestit i Carcasona damit zu tun?

Dieser 1939 in Barcelona geborene Maler hat eine ganz besondere und aussergewöhnliche katalanische Tradition zu einem seiner Themen gemacht.

Das Bild Castellers stellt fünf Männer dar, die sich auf dem Rücken anderer Männer und Frauen zusammen bereit machen, dass auf ihrem Rücken das nächste Stockwerk einer Burg aus Menschen, einem sogenannten «Castel» gebaut werden kann, auf welches wiederum, jetzt schon leichtere «castellers» steigen werden und dies bis in schwindelerregende Höhen, um es mit einer bekannten Formulierung zu sagen, von sieben, acht und sogar neuen Stockwerken!

Ich habe dazu ein Bild im Netz gesucht, weil ich diese Tradition bewundere.

Wenn ich sehe, wie kleine Buben und Mädchen an den Hosenbeinen ihrer Väter hochkraxeln wie an einem Kletterbaum und sich mutig und in völliger Sicherheit, dass ihnen nichts passieren kann, dort oben auf die Spitze des Turmes stellen, als wären sie Wetterhähne, kriege ich regelmässig Gänsehaut. Ich kann nicht aufhören, die Fähigkeiten und den Gemeinsinn, der dies ermöglicht, zu bewundern. Ich glaube, man kann darin auch sehr positive, prägende Kräfte der katalanischen Kultur erkennen. Menschenschlösser sind keine Luftschlösser, trotzdem ist es vielleicht gar nicht so vermessen, in der Tatsache, dass diese Burgen zwar nicht auf Sand gebaut werden, trotzdem aber in sich selbst zusammenfallen und einstürzen müssen, sobald sie aufgerichtet sind, ein Sinnbild der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung zu erkennen.

Schoggigupf

von Guy Krneta 29. September 2017

Lüt, wo sy wägg gsi, chöme zrügg u vrzeue, wi nätt Lüt amnen angeren Ort syge, wi gaschtfründlech. U wi woou me sech dert füeu, wo d Lüt so gaschtfründlech syge. Wi deheime.

Aber dert, wo d Lüt deheime sy, hei d Lüt nid ds Gfüeu, müesse gaschtfründlech z sy, für sech wi deheim chönne z füele. Deheim bruucht’s ke Gaschtfründschaft. Di bruucht’s nume dert, wo me nid deheimen isch. Deheimen isch me dert, wo’s ke Gaschtfründschaft bruucht, für sech chönne z füele wi deheime.

Für angeri isch deheime dert, wo si chöi rede wi si wei. Auso wi si glehrt hei z rede. Wo si Wörter chöi bruuche, wo si glehrt hei aus Ching. O we’s Wörter sy, wo angeri vilech vrletzen oder usschliessen oder diskriminiere. Wi ds Wort «Mohrechopf». Es git ke Grund, werum e runde Schoggiüberzug übermne wysse Schuum söu «Mohrechopf» heisse. «Schoggigupf» wär e rächte guete Begriff u ender fasch no chly schwyzerischer. Aber nei, es mues umbedingt «Mohrechopf» sy, we me sech deheim no wott chönne füele wi deheime.

Ender hör’r uuf Mohrechöpf z produziere, het dä Produzänt us Waltenswil ir Solothurner Zytig gseit, aus dass’r dä Name würd ändere. Wi we ds Ändere vo Produktnäme ir Wirtschaft nid gang und gäb wär. Was ig aus scho a Firmenäme ha müesse vrgässe, dr «Bankverein» und d «Swissair» sy nume d Schpitze vom Ysbärg. U was i umgekehrt a Produktnäme ha müesse lehre, wo’s mr würklech d Zungen umchehrt, wen i sones Marketingunwort am Kiosk mues säge: Wi «Kit Kat» oder «Twix» oder «Balisto».

Aber für üse Winkuried z Waltenswil lohnt sech dr Kampf für ds Wort «Mohrechopf». Gemäss em Blick vrdien’r uf ei Schlag zwänzgtuusig Franke meh im Monet. Söu no einisch öper säge, dass sech Ziviucourage ir Schwyz nid tüeg uszale.

Di angeri Produzäntin, wo sech weigeret ihrem Schoggigupf en angere Name z gä, schtammt us Loufe. U ir Basuländische Zytig het si behouptet, ds Wort «Mohrechopf» chömm gar nid vo «Mohre», auso Farbige, sondern vo «Moore», auso Wiudsöi. U bezeichni d Lüt im Loufetou, im Schwarzbuebeland. Wüu’s dert so viu Wiudsöi gäb. U dene Schwarzbuebe syg’s nämlech glych, we men ihri Chöpf symbolisch am Kiosk vrchouf. Di beschwäri sech nid.

Auso dass e Soumoore e Sousou isch, weiss i, u o dass e Moorerei nüt Rassistischs isch, sondern e Souerei oder Schweinerei. Aber we di Frou im Schwarzbuebeland rächt hätt, müesst dr Mohrechopf im Schwarzbuebeland erfunde worde sy. U öb’r das tatsächlech isch, so wi d Meringue z Meiringe auso z Ängubärg – das nachezwyse, dörft nid so eifach sy. U vrmuetlech isch’s eifach chrützfaudsch, was di Frou behouptet. Aber bringe mr das Wort haut mau i d Schnabuweid vo SRF 1, de wüsse mr’s.

Wi gseit, i chönnt guet mit eme «Schoggigupf» läbe. U i vrschta ehrlech gseit nid, werum sech di Produzäntinnen u Produzänte so aaschteuen u meine, si vrlüüri ihres Deheime, we si das unnötige Wort würde häregä, wo gar nüt vo däm bezeichnet, wo’s drfür scheit.

Aber die, wo hie deheime sy, wei säge, wi me hie zu wasem z säge het. U si wärde bissig, we nen angeri, wo o hie deheime sy, säge, si chönnte chly fründlecher sy oder eifach nid rassistisch. Wüu deheimen isch me dert, wo me cha sy, wi me wott. Win e Moore.

(Audio-Blog für RaBe-Info)

Es klingt wie ein Grimmsches Märchen: Ein armer Bauernbub wird von seiner Mutter in die grosse weite Welt geschickt, um sein Glück zu machen, und am Schluss wird er König im eigenen Land. NZZ, 20.2.2011

Wie kleine Buben saßen diese Woche die ehemaligen Befehlshaber der kosovarischen Rebellenarmee UÇK im Salon einer Privatvilla in der Hauptstadt Pristina. Der Hausherr Behgjet Pacolli hatte sich endlich bereit erklärt, mit seiner Minipartei das Bündnis der Politiker mit Kriegsvergangenheit im Parlament zu unterstützen. Damit könnte Kosovo drei Monate nach den Wahlen eine Regierung mit dem UÇK-Haudegen Ramush Haradinaj an der Spitze bekommen. Süddeutsche Zeitung, 7.9.2017

Der künftige Aussenminister verstehe die Politik als «die Kunst des Betrugs und der Manipulation», schreibt «Koha Ditore», die einzige unabhängige Zeitung des Landes. Tagesanzeiger, 11.9.2017

Pacolli ist stolz über die erweiterte «Swiss Connection»: «Die Schweiz ist das Synonym für Demokratie und Toleranz. Dies müssen wir kopieren. Ich bin glücklich, dass wir das, was wir in der Schweiz gelernt haben, hier umsetzen können.» SRF News, 17.9.2017

Pacolli ist mit einer Russin verheiratet. Die drei gemeinsamen Kinder besuchen Schulen im Tessin. Süddeutsche Zeitung, 7.9.2017

2011 ließ Pacolli inmitten der Hauptstadt Pristina, am Mutter-Teresa-Boulevard unweit des zentralen Skanderbeg-Platzes, das luxuriöse Swiss Diamond Hotel errichten. Wikipedia

Auch im Tessin, wo er sich in den achtziger Jahren niederliess, sorgt er immer für das Gute: Über eine wohltätige Stiftung lässt er Ferienlager und Hilfsprogramme für Kinder aus Oststaaten organisieren. NZZ, 20.2.2011

Er gründet im Jahr 2006 eine eigene Partei, lässt sich als reichster Albaner des Planeten feiern, prunkt mit seinen Bauprojekten in Russland und Kasachstan oder seinen guten Verbindungen zu Libyens Staatschef Muammar al Gaddafi. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.10.2016

Daneben entwickelt der Mann mit Privatjet auch Tourismusprojekte in Zentralamerika und Florida und daneben eine nach seinem Lieblingskomponisten Vivaldi benannte Kosmetiklinie. NZZ, 20.2.2011

Pacolli und Thaci haben eine gemeinsame Lieblingsfeindin: Carla Del Ponte. Sie verdächtigt Thaci seit Jahren, in den Organhandel im Rahmen der organisierten Kriminalität verwickelt zu sein – ein Vorwurf, der kürzlich von Dick Marty wieder aufgenommen wurde. Als einstige Chef-Anklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs verfolgte Del Ponte Pacolli wegen Verdachts auf Korruption und Geldwäscherei. NZZ, 20.2.2011

Er sei schon immer den Mächtigen nahegestanden, behauptet der Oligarch. So habe er dem jugoslawischen Führer Tito als Adjutant gedient – und ihn “sogar nackt” gesehen. Süddeutsche Zeitung, 7.9.2017

Von 1999 bis 2002 war er mit Anna Oxa, der berühmten italienischen Popikone mit albanischen Wurzeln verheiratet und geriet so ins Visier der italienischen Klatschpresse. Aargauer Zeitung, 22.11.2011

Er liebt die Camouflage ebenso wie den exaltierten Auftritt, er mag das Bild der offenbarten Bescheidenheit genauso wie den testosterongeschwängerten Jubel. Die Zeit, 23.12.2010

Holt er die Schweizer Geiseln aus Libyen zurück? Behgjet Pacolli trifft in Kürze den libyschen Machthaber Muammar Gaddafi und will bei ihm ein gutes Wort für die beiden in Tripolis festgehaltenen Schweizer Geiseln einlegen. 20minuten, 22.1.2010

Neben Albanisch kann er auch die deutsche, englische, französische, italienische, serbokroatische, russische und spanische Sprache. Wikipedia

Im Januar 1999 liess Del Ponte bei einer Hausdurchsuchung jede Schublade seiner Luganeser Firma Mabetex leeren. Das war der Anfang der Mabetex-Affäre, die nicht nur in der Schweiz juristische, sondern auch in Moskau politische Wellen schlug. NZZ, 20.2.2011

Pacolli: «Manchmal, wenn ich sehe, was in Kosovo alles gebaut und entwickelt worden ist, vergesse ich, dass ich in Kosovo bin – und fühle mich wie in der Schweiz.» SRF News, 17.9.2017

Drei Jahre später musste auch die Genfer Staatsanwaltschaft, die Pacolli wegen Geldwäscherei im Visier hatte, die Untersuchung einstellen. NZZ, 20.2.2011

Seine Claqueure verherrlichten ihn damals als reichen Onkel aus Lugano, der den armen Landsleuten helfe. Heute wird er nur noch mit umstrittenen Privatisierungen und Korruption in Verbindung gebracht. Die Öffentlichkeit nimmt ihn oft als gefährliche Witzfigur wahr. Süddeutsche Zeitung, 7.9.2017

Wer das Vergnügen hatte, einmal mit ihm zu reisen, wie der Schreibende, lernt einen schillernden Menschen kennen. Die Zeit, 23.12.2010

 

Königstage kommen unangemeldet. Plötzlich sind sie da. Man unterbricht das Hacken im Gemüsegarten, schaut mit grossen Augen um sich, schaut in den blauen Himmel, spürt in der Frische des Morgens die Wärme der aufgehenden Sonne, hört die Vögel, das Summen einer Biene und fragt sich: Ist das möglich? Kann die Welt bei allem, was man liest und hört und am Fernsehen sieht, so schön sein?

Mal abgesehen vom mittlern Osten, von Florida, Mexiko und Korea, möchte ich ja nicht behaupten, ich würde wirklich verstehen, was hier in Spanien gerade abgeht, aber ich bin immerhin ziemlich nahe dran. Und wenn ich ein paar Schritte aus dem Dorf rausgehe und hochsteige, müsste ich eigentlich nach Katalonien hinüber sehen können. Auch gehören grösseren Teile dieser in Aufruhr geratenen Region definitiv zu meinem Leben hier. Allein, wenn ich an all den katalanischen Wein denke, den ich in diesem Sommer getrunken habe! Schon deshalb müsste mir eigentlich alles klar sein.

Stattdessen kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Es gehe steil bergab, und zwar ohne Bremsen, sagt ein landesweit bekannter Kommentator. Man verfolgt mit Hochspannung, wie sich eine Regierung auf Biegen und Brechen immer näher an einen Abgrund manövriert, den sie Unabhängigkeit nennt, und wie eine andere Regierung verzweifelt versucht, die Verfassung hochzuhalten, ohne die ganz dicken Knüppel aus dem Sack zu holen. Man hört auch, zwei Züge würden aufeinander zurasen, wobei der katalanische Präsident behauptet, das mache nichts, denn die beiden Züge würden sich auf zwei unterschiedlichen Geleisen befinden.

Das wird sich am mittlerweile schon ominösen 1. Oktober zeigen, an welchem die Abstimmung stattfinden soll, obschon wohl niemand ganz sicher weiss, ob dem wirklich so sein wird. Ein Sprung ins Nichts ist es in jedem Fall und die Tatsache, dass man das Datum des programmierten frontalen Zusammenpralls in Spanien wie ein Fussballresultat schreibt, könnte irreführend sein. Bei diesem 1:O wird es nur Verlierer geben.

Der Oktober ist natürlich gemacht für Revolutionen, aber der voraussehbare Schaden wird gigantisch sein. Als Schweizer kann man sich bei aller Sympathie für das Anliegen, das gewählte, illegale Vorgehen sowieso nicht erklären und gibt denen recht, die darauf verweisen, dass unilaterale Abspaltungen im heutigen Europa einfach nicht mehr gehen. Auch fragte man sich, wer soll das alles wieder aufräumen? Wie soll verhandelt werden, wenn sämtliches Geschirr zerschlagen ist? Und verhandeln wird man müssen!

Und was hat Santiago Ruiseñol damit zu tun?

Erstens ist er Katalane und zwar einer derjenigen, die den Spanischen Modernismus weltberühmt machten, und zweitens malte er wunderbare Gärten.

Der anfangs des letzten Jahrhunderts zweifellos auch an einem Königstag gemalte Garten in Mallorca ist farblich nicht nur ein modernistisches, sondern anders als die meisten seiner andern Werke, ein sehr modernes Bild. Auch gibt es darin diesen befreienden Blick auf das blaue Meer, und blau ist die Hoffnung.

Sur l’école publique

von Antoine Jaccoud 1. September 2017

Tu n’aimes pas voir tes enfants rentrer déçus de l’école parce que le prof n’avait rien à leur dire sur ce qui leur fait peur, comme les attentats, les menaces de guerre ou le réchauffement climatique.

Tu n’aimes pas voir tes enfants avoir mal au ventre parce que leur prof a annoncé qu’il ne tolérerait pas les ratures dans les cahiers.

Tu n’aimes pas apprendre qu’un prof leur a expliqué que les G (ceux qui ne sont pas en filière maturité) n’avaient pas droit aux correspondants allemands  parce que les appartements de leurs parents étaient trop petits.

Tu n’aimes pas entendre ces profs raconter, à la deuxième bière, l’hémorragie de burn out chez leurs collègues.

Tu n’aimes pas entendre ces mêmes profs confier, à la  troisième bière, qu’une période de travail se compose pour eux de 20 minutes de « police » et 20 minutes d’enseignement.

Tu n’aimes pas penser que les flics ont des espaces pour parler de leurs problèmes mais pas les profs.

Tu n’aimes pas constater que les profs semblent totalement vulnérables et démunis face aux parents dès lors que ceux-ci leur posent des questions, ou les embêtent (ce qui arrive de plus en plus souvent).

Tu n’aimes pas que ces mêmes profs semblent ignorer qu’ils passent une bonne partie de leur temps à naturaliser les inégalités sociales, c’est à dire, aussi, les inégalités devant les maths, ou le français, ou la vie en général.

Tu n’aimes pas te dire que l’appellation « Grande Muette » semble aujourd’hui mieux convenir à l’école qu’à l’armée.

Tu n’aimes pas que les destinations des voyages de classe ressemblent à s’y méprendre à l’offre d’easy jet.

Tu n’aimes pas, et ça, ça te rend vraiment vénère, que les banques et les importateurs d’automobiles deviennent aujourd’hui des partenaires pour la conception et le financement des manuels scolaires – d’ailleurs, tu trouves qu’on n’aurait pu t’en informer.

Et puis tu n’aimes pas vraiment dire du mal de l’école publique mais parfois c’est difficile.

Zum Glück ist Kurt W. Zimmermann, «Weltwoche»-Kolumnist und Chefredaktor des österreichischen «Schweizer Journalist», masslos eitel.

Er hat zwar ein seltsames Journalismus-Verständnis. So schrieb er neulich in einem Werbenewsletter: «Nach langen Jahren der Unverbindlichkeit haben wir Journalisten wieder zu unserer Kernkompetenz zurückgefunden: Man mag uns nicht. Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg!»

Als ob Zeitungen gekauft würden, weil «man» die Journis nicht mag. Aus Sicht von Blochers geschützten Werkstätten sieht die Welt allerdings anders aus.

Auch analytisch ist Zimmermann kein Hirsch.

So schreibt er in seiner heutigen «Weltwoche»-Kolumne: «Blochers neue Titel werden logischerweise einen eher konservativ-bürgerlichen Kurs steuern. Aber eine publizistische SVP-Kampfbrigade werden sie nicht. Unternehmer Blocher ist nicht so blöd, seine Kunden zu vertreiben. Man muss die Geschichte psychologisch sehen. Christoph Blocher, inzwischen 77-jährig, ist komplett zeitungsverrückt.»

Ein Blick nach Rapperswil zeigt, wozu lokale Gratiszeitungen politisch in der Lage sind: Dort stellen die «Obersee-Nachrichten» von Bruno Hug nach einer mehrjährigen Hetzkampagne gegen die lokale Kinder- und Jugendschutzbehörde (Kesb) mittlerweile den Stadtpräsidenten.

Aber Zimmermanns Eitelkeit ist unschätzbar.

So hat er einst bestätigt (wir hatten mitgerechnet), dass Markus Somm für seinen Anteil an der «Basler Zeitung» eine halbe Million Franken bezahlt hat.

In einer Beilage der «Basler Zeitung» Anfang Jahr gab Zimmermann bekannt, die Auflage der BaZ betrage noch 45’000. Womit er offiziell bestätigte, dass es Somm geschafft hat, seine LeserInnenzahl zu halbieren.

Und nun schreibt Zimmermann in seiner heutigen «Weltwoche»-Kolumne, Blocher habe für die 25 Gratiszeitungen des Wiler Zehnder-Verlags 35 Millionen Franken bezahlt.

Blocher wird später dementieren. Aber wir haben uns die Zahl gemerkt.

Im Schweizerischen Bundesbrief zeigt sich das Freiheitsstreben unserer Vorfahren. Was mag Robert Grass dazu bewogen haben, ausgerechnet dieses Dokument auszuwählen für sein Experiment, das er 2012 an der ETH durchführte? Folgte er einer Laune? Dachte er an die PR-Wirkung und den Widerhall in den Medien? Fand er es einfach lustig mit diesem in der Schweiz von einem Heiligenschein umgebenen Text zu hantieren? Wie auch immer, er und seine Kollegen schafften es, den Bundesbrief in DNA abzuspeichern.  
DNA, es spricht viel dafür, wird in wenigen Jahren Silizium als Speichermedium für digitale Daten abgelöst haben. Die Vorteile liegen auf der Hand. In DNA lassen sich auf dem gleichen Platz unendlich mehr Daten abspeichern. Ausserdem ist DNA viel langlebiger als die heutigen Speichermedien. Noch nach Tausenden und Hunderttausenden von Jahren ist DNA lesbar – wie es prähistorische Knochenfunde beweisen.

Wir werden also unsere Texte, Fotos und Filme in jener Substanz speichern, in der auch unsere eigenen Erbinformationen aufgezeichnet sind. Das ist unsere Zukunft. Hier die Sequenz, die bestimmt, wer ich bin, dort die andere, in der festgeschrieben ist, wie meine Ferienfotos aussehen. Beide Mal die gleichen Aminosäuren, der gleiche molekulare Aufbau, einmal enthalten in meinen Körperzellen, einmal in einem Gerät auf meinem Schreibtisch.

Das Team um Seth Shipman undn George Church von der Harvard Medical School in Boston hat nicht mit dem Bundesbrief gearbeitet. Sie nahmen das Schwarzweiss-Foto einer Hand und ein Pferd, festgehalten auf einer historischen Filmsequenz aus dem Jahr 1887. Wie der Spiegel vor einem Monat meldete, gelang es den Forschern, das Foto und den Film in der DNA von Bakterien abzuspeichern. Bakterien, die noch leben. Langfristiges Ziel sei es, „dass Zellen mit diesem Verfahren ihre eigenen Entwicklungsprozesse im Erbgut aufzeichnen“. Was immer das jetzt genau heisst. Jedenfalls soll das dann für medizinische Zwecke genutzt werden können.

Die Zukunft sieht also anders aus. Hier die Sequenz, die bestimmt, wer ich bin, dort mein Ferienfoto, aber beides am gleichen Ort, in mir dri,  in meiner DNA. Und dazu noch der Bericht davon, wie sich meine Zellen entwickeln und der Bericht, was ich esse und der Bericht, wie viel ich mich bewege. Nun, letzteres gibt es jetzt schon in Form eines Schrittzählers (zur Zeit noch ausserhalb des Körpers angebracht), den ich aber vielleicht schon bald auf mir tragen muss, damit mir meine Krankenkasse einen Rabatt auf meine Prämien gewährt. Den Schrittzähler kann ich meinem Hund um den Hals binden und ihn so einem professionellen Hundesausführer überlassen, aber wie soll ich die Aufzeichnungsapparaturen austricksen, die in mir drin stecken? Und dort vielleicht hineinkommen, ohne dass ich das will? Zum Beispiel über das gesunde Müesli, dass ich jeden Morgen zu mir nehme? (Obwohl ich Müesli hasse, aber die Krankenkasse zwingt mir dieses Müesli auf, mich diesem gesunden Müesli zu verweigern, würde meine Prämien in noch unerträglichere Höhen steigen lassen.) Die codierte DNA ist dort in die die besonders gesunden roten und blauen Beeren eingebaut, gelangt in Speichel und Magensäfte, passiert die Wände meiner Zellen, impft die Doppelhelix in ihrem Kern mit einer Sequenz, die dann Auskunft gibt über mich. Möglicherweise in Form eines miniaturisierten Senders  Auskunft darüber, wo ich mich gerade aufhalte. Ein Resultat, dass dann sofort abgeglichen wird mit dem, was die Überwachungskameras in den Städten flächendeckend über unsere Wege zu berichten wissen.

Die Digitalisierung auf dem heutigen Stand bietet Überwachungsmöglichkeiten, von denen Diktatoren früherer Zeiten nur träumen konnten. Wie es aussieht, werden bald auch ihre feuchtesten Träume von der Wirklichkeit überflügelt werden.
Der ETH-Professor Grass hat für sein Experiment den Schweizerischen Bundesbrief benutzt, ein Dokument menschlichen Freiheitsstrebens. Entweder ist der Mann so naiv, wie man das Naturwissenschaftlern oft unterstellt, oder er besitzt einen ausgesprochen schwarzen Humor.

Kataloniens Bestrebungen, sich unabhängig zu machen, bleiben hier in Spanien das dominierende politische Thema. Findet das für den 1. Oktober vorgesehene Referendum nun statt oder nicht? Sicher ist es nicht. Darüber, wie legitim es wäre, wird weiter heftig und sehr emotional gestritten. In Anbetracht der Tragweite des Entscheides auf beachtlich tiefem Niveau, ist man als Aussenstehender hier geneigt beizufügen.

Insgesamt eine ziemlich verfahrene Sache! Verfassungskonform ist das Vorgehen der katalanischen Regierung sicher nicht, aber was bedeutet die spanische Verfassung denjenigen, die schon an einer eigenen rumwerkeln?

Wer sich aber über die bestehende Verfassung stellt, begibt sich in sehr gefährliche Wasser. Natürlich wird dieses unilaterale Vorgehen von Madrid bekämpft, ausserhalb von Katalonien stösst es aber auch sonst auf wenig Verständnis. Brüssel und die UNO warnen vor voreiligen Schritten. Mittlerweile hört man auch von Familien, in welchen Diskussionen zu diesem Thema vermieden werden, obschon eigentlich sehr viele, sehr wesentliche Fragen weiterhin ungeklärt bleiben und durchaus auf allen Ebenen diskutiert werden müssten.

Dazu kommt, dass die  Mehrheitsverhältnisse äusserst prekär sind und man würde meinen, derart einschneidende Veränderungen sollten nicht ohne eine Zweidrittelsmehrheit vollzogen werden. Die katalanische Regierung handelt jedoch auf der Basis von nicht einmal 50% der Stimmen und mit einer knappen Mehrheit der Sitze im katalanischen Parlament. Wenn das bloss gut kommt!

Das andere grosse Thema in der spanischen Politik ist der Tourismus. Wehmütig erinnert man sich hier an einen sehr populären Schlager, der vor nicht allzu langer Zeit die Ankunft des zweimillionsten Touristen feierte. Heute ist Spanien bei 80 Millionen pro Jahr!

Natürlich sind diese nicht alle gleichzeitig hier. Trotzdem: Während des Sommers macht dieser Ansturm Spanien zum bevölkerungsreichsten Land Europas. Die Belastung und die Abnützung ist vielerorts entsprechend dramatisch. Besonders Barcelona scheint zu ächzen unter dem anhaltenden Ansturm der Massen. Der Widerstand wächst aber auch auf Mallorca und in touristisch attraktiven Städten wie San Sebastian oder Valencia. Besonders wenn man selbst Tourist ist, ein heikles Thema.

Allerdings befinden wir uns hier in einer von der Abwanderung geplagten Zone, die mittlerweile immer öfter das Lappland Spaniens genannt wird. In dieser Region, die zehn meist küstenferne Provinzen und 1355 Gemeinden Zentralspaniens umfasst, leben gerade mal 7.3 Menschen pro Quadratkilometer. In Manhattan sind es mehr als 27 000. Mein schlechtes Gewissen hält sich entsprechend in Grenzen.

Als Hobby-Gärtner gilt meine Sorge ohnehin eher dem Wetter, welches sich leider vor allem dadurch auszeichnet, dass es entweder gar nicht regnet oder dann so, dass einem wie neulich angst und bange werden kann. Ein Gewitter kann auch hier mit einem Regenbogen enden, viel eher aber mit zerstörten Äckern, mit weggeschwemmter Erde und völlig k.o. geschlagenen Gurken und Bohnen, mit vom Hagel verwundeten Tomaten und mit völlig erhudeltem und zerfetztem Salat. Erst regnete es genau so, wie man es für den Garten gerne hat, dann begann es aber sintflutartig zu giessen und es donnerte, als explodierten Knallfrösche am Himmel, dann war da ein Schlag, als würde eine Eisenfaust eine Panzerscheibe, dann eine ganze Mauer durchschlagen. Wie sich später herausstellte, war das ein Blitz, der in den Kirchturm schlug, dort beträchtlichen Schaden anrichtete und auch noch für mehrere Tage die zu Tode erschrockenen Turmtauben obdachlos machte.

Und was hat Miquel Barceló damit zu tun?

Dieser in Mallorca geborene spanische Maler, Objekt- und Performancekünstler von Weltrang hat möglicherweise das ultimative Bild der Sintflut gemalt. Unvergesslich ist mir, wie ich beim ersten Betrachten dieser eigentlich abstrakten, aber doch greifbar plastischen Wassermassen glaubte, nasse Füsse zu bekommen. Als ich Barcelós Sintflut suchte, begegnete ich noch dem herrlich leichten Bild vier afrikanischer Frauen. Es gefiel mir so gut, dass ich es dem geneigten Leser und der geneigten Leserin auf keinen Fall hätte vorenthalten wollen.