Bern ist überall

Auch hier in Spanien macht man es jenen, die noch an der guten alten Zeitung hängen, nicht gerade leicht. Spätestens seit der Pandemie gibt es ausserhalb der Städte praktisch keine Möglichkeit mehr, die gedruckte Presse zu kaufen. Wer auf der Autobahn durch Spanien fährt, kann sich auf keiner Raststätte mehr mit Zeitungen eindecken. Auch nicht, wer eines der riesigen Einkaufszentren besucht.

Weil aber besonders die Sonntagszeitungen mit grossem Aufwand und mit viel Sorgfalt gedruckt werden, nahm ich es auch am letzten Wochenende auf mich, in das nahe Städtchen zu fahren, um dort, die für mich zur Seite gelegten Zeitungen «El Pais» und «La Vanguardia» abzuholen. Es war aber kein gewöhnliches, sondern wegen des auf den 12. Oktober fallenden Nationalfeiertages ein sogenannt „langes Wochenende», was bedeutete, dass das attraktive historische Städtchen Morella touristisch überflutet wurde und dass ich deshalb weit weg vom Zeitungsladen parken musste. Es kostete mich zu Fuss 15 Minuten hin und 15 Minuten zurück. Aber was tut man nicht, wenn es sonst im Umkreis von mehr als 30km keine andere Möglichkeit gibt, zu den geliebten Blättern zu kommen?

Vergleichsweise besorgniserregend waren aber die  Schwierigkeiten, einen Kiosk zu finden, die ich vor wenigen Tagen im Zentrum der sonst so schönen Stadt Valencia hatte. Unser Hotel befand sich direkt an dem grossen Platz beim Rathaus, aber dort wurden Marktstände aufgebaut und die in Valencia beliebten Blumenverkäuferinnen öffneten gerade ihre Häuschen, von den verschiedenen Kiosken, die ich mit ihren bunten, auf das Trottoir ausufernden Auslagen von Zeitungen und Zeitschriften jeder Art in bester Erinnerung hatte, keine Spur mehr. Sie waren seit dem vorangegangenen Besuch allesamt verschwunden. Als ich schon zwei Seitengassen vergeblich danach abgesucht hatte, fragte ich einen Mann nach einem Zeitungsladen. Un kiosco? fragte er zurück und verwies mich an eine Dame mit einer Einkaufstasche, mit der er gerade gesprochen hatte. Diese winkte mir freundlich zu, führte mich in eine dritte Seitengasse und zeigte auf die nächste Kreuzung. Dort vorne links befinde sich eine Bäckerei und auch ein Kiosk, sagte sie. Sie wünschte mir auch noch einen schönen Tag, aber fündig wurde ich erst, als ich durch eine vierte Seitengasse zu einer verkehrsreichen Durchgangsstrasse gelangte.

Der Inhaber dieses Kioskes war noch gerade mit einer Kundin in ein Gespräch über das Wohlergehen seiner Mutter verwickelt, aber als er definitiv und abschliessend versichert hatte, mit dem vermaledeiten Knie gehe es wohl weiter bergab, aber sonst sei seine Mutter insgesamt im Altersheim sehr gut aufgehoben, und die Kundin ihre Zeitschrift aufgerollt von der kleinen Verkaufsfläche nahm, wo sich auch der Teller für das Wechselgeld befand, konnte ich meine Zeitungen zum Bezahlen dort hinlegen. Natürlich fragte ich dann noch, ob mein Eindruck, dass in Valencia die Zeitungskioske am Verschwinden seien, zutreffe? Und ob! sagte der Kioskmann und fügte noch hinzu: Spätestens in einem Jahr sei er auch nicht mehr hier.

Um Gottes Willen! dachte ich. Wenn das bloss gut kommt! Ist es möglich, dass das Bedürfnis, sich seriös zu informieren, weiter schrumpft? Dabei sind es in meinem Fall überhaupt nicht nur die Berichte und Reportagen, die mir als unentbehrlich erscheinen. Es gibt mindestens ein halbes Dutzend, wenn nicht mehr Frauen und Männer, auf deren Kolumnen, Glossen und Meinungsbeiträge ich mich immer freue und ohne deren Gesellschaft ich mir richtig beraubt vorkäme, helfen mir diese klugen Köpfe doch beim Einordnen und beim Ertragen der Fluten von schwierigen bis unerfreulichen Nachrichten und Informationen.

Ich bin auf ihren fundierten Überblick, auf ihre nachvollziehbaren Gedankengänge, auch auf ihre Ehrlichkeit im Umgang mit der Gegenwart angewiesen, manchmal auch auf ihren Trost. Ohne sie würde ich mich einsam fühlen wie ein ausgesetztes Kind und ich kann beim besten Willen nicht verstehen, warum es nicht allen so geht. Ein Leben ohne Zeitungen? Nein! Nein! Bitte nicht. Und nein, es ist kein Widerspruch, dies im Journal B zu behaupten. Bei längeren Artikeln sind die Netzversionen einfach kein vollwertiger Ersatz. Weil ich zu zwei Tageszeitungen auch elektronischen Zugang habe, weiss ich es genau: Auf dem Bildschirm fehlt mir die Übersicht und die Einordnung und ich lese zweifelsfrei alles ein bisschen flüchtiger, wenn nicht sogar sprunghaft.

Würde mich sehr wundern, wenn das nur mir so ginge.

Und fast wie an eine Drohung erinnere ich mich an ein Zeitungsinterview, in welchem sehr sachkundig vorausgesagt wurde, dass sich die Menschen in Zukunft politisch nicht mehr auf Grund ihrer Lebensanschauung oder auf Grund ihrer ideologischen Vorlieben und Überzeugungen unterscheiden würden, sondern nur noch durch den Grad ihrer Informiertheit. Kurz gesagt hiess es da, es wird die geben, die sich informieren und diejenigen, die dies nicht tun. Die Populisten und die Populistinnen lassen grüssen. Wenn die Kioske und mit ihnen die gedruckten Zeitungen weiter verschwinden, weiss ich jetzt schon, dass nicht nur ich mich, sondern wir uns alle auf der Verliererseite befinden.

Und was hat Guillermo Marti Ceballos damit zu tun?

Der 1958 in Barcelona geborene Künstler entdeckte früh in seiner Laufbahn grosse, mit Farbe lustvoll umgehende Künstler wie Van Gogh und Gauguin. Später auch Matisse und schliesslich Macke und Kirchner. Als ob es heute nicht zur Entwicklung jedes Künstlers und jeder Künstlerin gehören würde, sich mit den ganz Grossen auseinanderzusetzen, wenn auch nur, um dann weiterzugehen. Dass Guillermo Marti Ceballos von seinen Vorbildern nicht mehr loskommt ist zwar offensichtlich, es handelt sich dabei aber um einen sehr verbreiteten Makel und immerhin hat er noch einen, wie mir scheint, ziemlich ansprechenden Zeitungsleser gemalt, bevor dieser vielleicht für immer verschwindet.

Ach, schönes Katalonien!

Von dieser Region Spaniens war hier schon öfter die Rede. Das Dorf, in dem ich mich befinde, gehört zwar zu Valencia, aber die Grenze ist nah und im Ferienmonat August fehlt es nicht an Sommergästen aus den Vorstädten von Barcelona. Barcelona selbst muss weiterhin gespenstisch leer sein, denn die vorpandemischen Millionen von Touristen bleiben weiterhin weg. Nicht mal die Souvenirläden bei Gaudis Sagrada Familia seien geöffnet. Wenn man sich das vorstellt! Im lauten Barcelona alles still und ruhig, die Strassen leer und ein grosser Teil des Gastgewerbes in Konkurs.

Auch um die Unabhängigkeitsbewegung scheint es ruhiger geworden zu sein und es würde mich sehr wundern, wenn sich der Abgang von Messi nicht als weiteres Zeichen des Anfangs vom Ende der Illusionen entpuppte. Was so vielen Aussenstehenden an der katalanischen Politik der letzten Jahre missfiel, waren ja nicht die zum Teil gerechtfertigten Forderungen, sondern der von populistischen Politikern angestachelte Suprematismus. Spanier wurden als zurückgeblieben verlacht, das Land selbst als Diktatur bezeichnet. Den in diesem «vertrottelten» Spanien erfolgsverwöhnten Katalanen wurde von der Politik ein Selbstverständnis und ein Selbstbewusstsein vermittelt, das sich mit der Realität nur beschränkt zu decken vermochte, aber trotzdem zu dem unilateralen Handeln und mit den bekannten Folgen, in die Illegalität führte. Ausser Spesen nichts gewesen.

Dass sich dieser politische Nachtflug zeitlich mit der glorreichsten Phase des FC Barcelona deckte, kann nicht ohne Bedeutung sein. In einem weiteren, für Spanien entscheidenden Bereich, zelebrierte und feierte Katalonien seine fussballerische Überlegenheit, als hätte man sich damit etwas kaufen können.Wie sehr der Club, der von sich selber sagt, er sei mehr als ein Club, dabei von Messi abhängig war, wird sich zeigen, sicher ist, dass für den Superstar die Kasse nicht mehr reicht und dass er, und nicht etwa der Startrainer Guardiola über 600 Kisten machte.

Inzwischen ist Katalonien auch als Wirtschaftsmotor hinter Madrid zurückgefallen  und auf einer Fahrt vor ein paar Tagen durch die zauberhaft schöne Gegend von Terra Alta  im südwestlichen Teil Kataloniens ist mir im Nachhinein plötzlich bewusst geworden, dass ich keine der sonst überall so gut sichtbaren Fähnchen und Flaggen der «independistas» gesehen habe oder wenigstens sind mir keine solchen aufgefallen. Nicht entgangen ist mir dagegen, dass man hier keine weiteren Windmühlen will und auch, dass die  Olivenhaine und Rebberge einen sehr gepflegten Eindruck machten.

Und was hat Anselm Kiefer damit zu tun?

Ebenfalls in Katalonien gibt es, so traurig wie das ist, offenbar noch immer Leute, die brennende Zigarettenstummel aus dem Wagenfenster ins ausgedörrte Gebüsch am Strassenrand schmeissen. Eine solche Kippe soll auch den fürchterlichen Brand bei Cap de Creus, in der Nähe der französischen Grenze ausgelöst haben. Besonders im Vergleich zu andern Ländern am Mittelmeer leidet Spanien in diesem Sommer aber weniger als auch schon an unkontrollierbaren Waldbränden. Nichtsdestotrotz, sind die Bilder, die einen von solchen erreichen, immer schmerzhaft anzusehen und erinnern einen unweigerlich an Anselm Kiefer. Steht man vor Kiefers grossen Bildern, reingesogen in die Tiefe dieser verwüsteten Gesichter unserer Erde, erfüllt von dem Verlangen, etwas zu tun, ohne genau zu wissen was und wie, erahnt man wie unheimlich die Möglichkeiten der Kunst sein können. Was ist Kunst, wenn nicht das, was Kiefer malt?

Ein solches Bild ist auch Montsalvat, das im Museum für Gegenwartskunst in Barcelona zu sehen ist. ( MACBA )

Bekanntlich bezieht sich Kiefer gerne auf vergangene Katastrophen und bereits erlittene Gräuel, bleibt zu hoffen, dass sich seine monumentalen Werke nicht auch als zukunftsträchtig erweisen.

Da wäre man also wieder in den schönen spanischen Bergen, aber woran denkt man andauernd?

An die Aare!

Ich kann ihr bedrohliches Brummen hören, als sässe ich auf der Münsterplattform, wo ich mich so oft an ihrem sonst sanften Rauschen erfreue. Möge sie inzwischen zur Besinnung gekommen sein. Klar wird aber einmal mehr, dass auch das Wasser zu dem Reichtum gehört, den der liebe Gott so ungerecht verteilt. Dort dieser Überfluss und hier ist das Bewässern des Gemüsegartens schon wieder ein äusserst schwieriges Unterfangen. Die Quelle gibt einfach täglich weniger her. Und die Kühe, die hier ausserhalb des Dorfes auf einer Anhöhe in malerischer Eintracht in der prallen Sonne liegen, sind zwar am Wiederkäuen, man fragt sich aber, worauf sie da so zufrieden rummahlen. Vermutlich Futter aus dem Sack, denn sie liegen auf ausgetrocknetem, steinigem Boden. Zwar gibt es Thymian, Lavendel, Ginster und jede Menge verbuschter Steineichen, aber wirklich grün Grün ist da nichts. Ich habe diese lieben Kühe dort oben schwer im Verdacht, sie träumten vom schönen Simmental, wo ich noch vor wenigen Wochen bei Boltigen eine Herde von ihren rot-weissen Artgenossen gesehen habe, die bis zu den Flanken im Klee standen und die mir vorkamen, als würden sie baden in der grünen Pracht. Büschelweise schlangen sie das saftige Gras in sich hinein. Ich sehe es jetzt noch in ihren gierigen Flotzmäulern verschwinden und ich sehe jetzt noch, wie sie vor Freude mit ihren Schwänzen um sich schlugen wie übermütige Hunde.

Die Kühe hier, das sei auch angefügt, haben dafür noch ihre Hörner, aber wer weiss wie lange sie ihre 50 bis 60 Liter Wasser noch bekommen, die auch genügsame Rinder täglich brauchen.

Bei anhaltender Trockenheit kann man zwar auf ein mögliches Gewitter hoffen, was sich aber als zweifelhafter Segen erweist, sobald auch Hagel niedergeht.

Und ja, da war auch noch diese für die Schweiz so ausserordentliche Europameisterschaft mit dem Viertelfinal gegen Spanien.

Für wen ich sei, hat mich ein Freund aus Lenzburg per Mail gefragt. Er hatte wohl Zweifel an meiner Loyalität. Aber natürlich war ich für «uns»! Es fiel mir während des Spieles auch leicht, für «uns» zu sein, denn die Kommentatoren am spanischen Fernsehen hatten einmal mehr nicht die geringste Mühe, in der ersten Person Mehrzahl zu reden, als ob sie selbst auf dem Spielfeld stünden. Einer von ihnen war zwar der legendäre Aussenverteidiger Camacho, dem wir dieses «wir» nicht übel zu nehmen wollen, war er doch auch schon Trainer der Spanischen Nationalmannschaft. Überrascht hat mich übrigens, dass man hier die ominöse rote Karte allgemein als ein Geschenk betrachtete. «Dank einem Engländer haben wir gewonnen.» sagte ein Nachbar. Auffallend war auch, dass man, anders als früher, die Schweiz plötzlich als Gegner ungewohnt ernst nahm.

Gesehen habe ich das Spiel in einer Taverne, die bei einem kleinen Balkon den herrlichen Ausblick über die Hügelrücken dieser von Dürre und Abwanderung geplagten Gegend frei gibt. Ein einziger Gast sass mit der an einem Ohr herabhängenden Schutzmaske mit dem Rücken zum Fernseher. Alle andern fieberten mit wie eh und je und als mir auffiel, dass in diesem Lokal, in welchem ich schon seit 35 Jahren Fussballspiele mitverfolge, vor allem ältere Herren sassen, kapierte ich schnell, dass ich auch einer von ihnen geworden bin.

Ich werde diese EM aber in guter Erinnerung behalten. Natürlich auch wegen des Spiels der Schweizer gegen Frankreich, vor allem aber, weil sehr oft wirklich guter Fussball gespielt wurde. Da war zum Beispiel dieser erste Ansturm der Engländer im Final. Als sie mit einem Affenzahn ausschwärmten und anrauschten wie eine Sturmfront, um dann prompt ihre Kiste zu machen, wurde eine so unglaubliche Energie frei, dass ich meinte, jeder Spieler habe gerade dann und dort, mindestens eine Schachtel Cornflakes verbrannt, so gewaltig war der Ansturm. Und wie ich dann mit den Italienern litt! Mein Gott! Sind die noch nie in einem Tor gestanden? Wissen die nicht, wie riesengross so ein Kasten ist! Ein Scheunentor!

Ja, zuschauen ist nicht schwer. Aber schön. Wie oft konnte man sich freuen, dass sich die Spiele entfalteten wie Dramen, dass es hin und her ging wie am Schnürchen und den Jungs dazu immer wieder überraschende Spielzüge einfielen, die verblüffen und entzücken wie Kunststücke. Und wenn es chlepft und tätscht vor dem Tor, auch schon das Jubeln losgeht, der Ball dann aber plötzlich unter dem am Boden liegenden Torwart zu sehen ist, der niederging wie eine Tipp-Kick-Golie. Wie gern ist man da dabei. Fussball kann so schön sein.

Und was hat Vivian Suter damit zu tun?

Mit der EM nichts, aber wohl mit dem Unwetter.

Als in den Zeitungen von ihr eine grosse Ausstellung in Madrid angekündigt wurde, wunderte ich mich, dass ich diesem Namen noch nie begegnet bin. Die Künstlerin stammt zwar aus Argentinien, hat aber in jungen Jahren in Basel Kunst studiert und einen berühmten Schweizer geheiratet. Leben und arbeiten tut sie heute in Guatemala mitten im Dschungel. Als ein gewaltiger Regensturm ihr das Atelier mitsamt ihren Leinwänden verwüstete, hängte sie sie diese auf wie Wäsche zum Trocknen und entdeckte für sich und ihre farbenreiche, grossformatige Malerei eine schöne und durchaus sinnvolle Ausstellungsform.

Es war noch in den sehr winterlichen Februartagen, dass ich es auf einem Spaziergang zur Stauwehr genoss, doch tatsächlich wieder mal den Geruch nach Stall und Mist in der Nase zu haben.

Als befände ich mich in Hinterschwendi im Emmental und nicht mitten unter anderen Spazierenden mit ihren in Mäntelchen gehüllten Hunden unter einem mehrspurigen Eisenbahnviadukt mitten in der Stadt. Es roch nach dem Grauvieh – gemäss eines Infoblattes Basil und Brundt mit Namen – das dort hinter dem Areal der ehemaligen Brauerei Gasser manchmal beim Weidegang zu sehen ist. Gleich nach dem Lorrainebad begegnete ich dann drei jungen Damen, die gerade in Badeanzügen aus der eisigen, grauen Aare stiegen. Eine von ihnen hatte schon zu einem Tuch gegriffen und trocknete sich damit die Haare, als ich sie sagen hörte: It’s just the first minute! After that it’s great! Ich fand das eine ziemlich unverfrorene Behauptung und zwar im wahrsten Sinne des Wortes!

Aber es passiert immer wieder: Man kann es sich kaum erklären. Anstatt blau erstarrt, fröstelnd und zerknirscht, wenn nicht sich sogar schüttelnd vor Kälte, steigen sie putzmunter und lachend, sogar strahlend ans Ufer.

Für normale Menschen ist die Aare zwar noch weit davon entfernt, in vertretbarem Rahmen geniessbar zu sein, aber mittlerweile tragen die meisten Hunde keine Mäntelchen mehr und die Schritte ihrer Herrchen und Frauchen haben sich wieder verlangsamt. Auf der Münsterplattform kann man sich sogar an die Sonne setzen und dem Rauschen der Aare und dem angenehmen Pegel der Gespräche lauschen. Man kann wieder hören, wie munter geredet und erzählt und gelacht wird und wie die zusammenprallenden Kugeln der aus dem Winterschlaf erwachten Boule- oder Pétancspieler die schwirrenden Stimmen punktieren. Man kann sich sogar der Gewissheit hingeben, dass der Frühlingauch in diesem Jahr nicht ausbleiben wird.

Sollte man aber auch noch in einer Zeitung blättern, kann es passieren, dass man bei einem Bild erschrickt. Es ist das Bild eines jungen Mannes, dessen eigenartig vom Gewicht der Welt unberührten Züge einen ziemlich kalt lassen könnten, wäre er nicht einer der reichsten und mächtigsten Menschen aller Zeiten.

Und was hat Giovanni Bellini damit zu tun? Der vom grossen Bellini verewigte venezianische Doge Leonardo Loredan war zweifellos auch einer der mächtigsten Männer seiner Zeit, aber er schaut doch etwas vertrauenswürdiger und weniger entrückt in die Welt hinaus als der ihm sonst sehr ähnlich sehende Herr Zuckerberg.

Unten an der Aare begegnete ich einer Mutter mit einem Kind an der Hand und einem zweiten Kind im Wagen. Als ich sie überholte, sagte sie gerade: Regarde! C’est plein de corbeaux. Und tatsächlich wimmelte es dort von Krähen. Mindestens zwei Dutzend pickten emsig an der Uferböschung im Schnee herum. Nur ein paar Schritte weiter fielen meine Augen auf ein sehr trauriges Liebesgedicht. Jemand hatte es an den Pfosten in der Mitte des ehrwürdigen Altenbergsteges geklebt. Die beiden letzten Zeilen lauteten:
 
Dass Du ein Herz und eine Seele
zerbrichst

Die in dicken schwarzen Lettern ausgedruckten Zeilen hingen genau dort, wo man die Aare sehr gut überblicken kann. Aber auch genau dort, wo man ihre Wucht spürt, mit der sie anrauscht und mit der sie, nachdem sie bis ins Oberland hinauf Anlauf genommen hat, ohne vernehmbares Murren und widerstandslos üble Gedanken und allgemein giftige Energien aufnimmt und abführt, weit über das Lorrainebad und die Stauwehr hinaus bis wer weiss wohin.
Oh, es ist schön, wieder in Bern unterwegs zu sein.

Es ist schön durch die Lauben oder auf dem Gitterost über den rauschenden Stadtbach die Kramgasse hinunter und auf die Münsterplattform gehen zu können. Gerade hat dort unter den Schuhen noch der gefrorene Schnee geknirscht und aus dem Lift war ein Kind geeilt und hatte mit ausgestreckten Wollhandschuhen gerufen: «Es schneielet».
Noch während ich überlegte, wie sich dieser freudige Ausruf eventuell übersetzen liesse, machte sich die Versuchung bemerkbar, auf die verschneite Mauer einen Wunsch für das neue Jahr zu schreiben. Stattdessen formte ich einen Schneeball und noch einen. Dreimal zielte ich nur vom Turm des Münsters beobachtet auf einen der kahlen Kastanienbäume, aber nur einmal traf ich den Stamm.
Und im Schweller war wieder mal einer der seltener gewordenen Schwäne zu bewundern. Der Nachwuchs war auch vorhanden. Beträchtlich kleiner und noch grau gefiedert war dieser Jungschwan auf der jetzt braunen Aare schwerer auszumachen. Aber beide steckten wiederholt ihre langen Hälse ins Wasser. Auf einer nahen Kiesbank taten derweil drei Fischreiher und eine Möve so, als wäre ihnen das egal.
Vereinzelt und spärlich sind auch noch Touristen anzutreffen. Weil offensichtlich auch weiter geheiratet wird, konnte eine asiatische Besucherin auf dem Münsterplatz sogar eine stolze Braut fotografieren. Wie der Schwan steckte diese in edlem Weiss, lachte und sagte nach dem zweiten Schnappschuss gutgelaunt, wie es sich für den besonderen Tag gehört: «Das choschtet de öppis!»  «E Füfliber,» hörte ich darauf jemanden sagen. «Nume e Füfliber?» dachte ich. Diese Braut sieht doch aus wie mindestens eine Million Dollar. Und seit Tagen steht auf der Klappe des Briefkastens bei der Post: Nur Liebesbriefe! Ich liess mich aber nicht beirren. Ein schönes Buch hatte ich bekommen und was mich auf Papier erreicht, soll auch im neuen Jahr auf Papier verdankt werden.
Ja, es ist schön, wieder in Bern unterwegs zu sein.

Und was hat Flor Garduño damit zu tun?
Um sich Bilder dieser mexikanischen Fotokünstlerin anzuschauen, ist eigentlich kein Vorwand zu gering.
Aber gegenwärtig wären Bilder von ihr in der Galerie Bischoff im Progr zu sehen. Sogar erstaunlich aktuelle Bilder. Weil mir dann im Netz noch dieser Vogel Klein vor die Augen kam,  erinnerte ich mich erst an die Krähen an der Aare, aber auch noch an eine Krähe, die ich durch die verlassene Laube der Postgasse habe spazieren sehen. Natürlich war es nur eine  Saatkrähe, die eben einen Müllsack aufgepickt hatte, aber ihr aufrechtes Stolzieren war definitiv dasjenige eines sehr kleinen, aber sehr würdigen Monsieurs in einem schwarzen Frack gewesen.

Nach meinem vorangegangen Beitrag, in welchem ich unter anderem meine Hilflosigkeit gegenüber der Spanischen Politik beklagte, erreicht mich doch tatsächlich die vorwurfsvolle Reaktion einer geschätzten Kollegin.
Die Kollegin schreibt, sie könne meine Haltung als Person zwar verstehen, aber als Schreibende hätten wir auch die Pflicht, uns der Gegenwart zu stellen und «erlahmtes Interesse» finde sie eine verantwortungslose Ausrede, die sie nicht gelten lassen könne.  Umso mehr, als sie Spanien überhaupt nicht kenne und sehr gerne gelesen hätte, was dort gerade passiert.
Was bleibt mir also anders übrig, als vor meiner Rückreise nach Bern noch einmal zur Feder zu greifen?
Sicher ist, auch in Spanien kommen und gehen die Zugvögel wie eh und je, aber die Geier fliegen tief und während hier im Dorf die Steinböcke ihr Unwesen auf die Spitze treiben, wird das Land, das letztes Jahr noch mehr Touristen willkommen hiess, als es Einwohner und Einwohnerinnen hat, gerade ziemlich erhudelt.
Völlig unverändert ist der freundliche, sogar herzliche  Umgang der Menschen. Beim Einkaufen wird man auch in diesen Krisenzeiten mit typisch spanischer Liebenswürdigkeit bedient; es wird auch weiter viel gelacht und viel geredet, bloss in der U-Bahn von Barcelona soll es still geworden sein. Dort werden die Passagiere angeblich über Lautsprecher aufgefordert, wegen der  Ansteckungsgefahr in den vollbesetzen Zügen zu schweigen.
Wenn auch nicht im öffentlichen Verkehr, wird dagegen weiterhin endlos viel über Fussball geredet. Und zwar mit der gleichen Ernsthaftigkeit wie eh und je und auch noch immer mit jener vermeintlichen Objektivität, mit welcher die Experten jedes  Resultat erklären zu können meinen, als hätten sie es vorausgesehen. Nichts ist in Spanien derart unter Kontrolle wie der Fussball und bei Länderspielen am Fernsehen, wie eben zweimal gegen die Schweiz, schrecken die Kommentatoren weiterhin nicht eine Sekunde vor dem Wörtchen «wir» zurück. Ebenso hemmungslos wie ironiefrei sagen sie:  «Wir spielen überlegen» «Wir dürfen dieses Spiel jetzt nicht aus der Hand geben» oder «Wir haben verdient gewonnen, weil wir besser waren!» Und dies alles einfach so, ohne Sternchen und nix. Am Radio wird dagegen oft und gerne über die offensichtlich lebensnotwendigen und anscheinend von allen normalen Menschen konsumierten Serien geredet, denn vor allem wenn es um deren Privatleben geht, wird von den Schauspielerinnen und Schauspielern gesprochen, als wären sie jedermanns bestvertraute Freunde und Bekannte. Und überhaupt nicht selbstverständlich: Nach wie vor fliesst der Strom recht zuverlässig aus den Steckdosen, dort wo es Zugang gibt, funktioniert das Internet und weiter wird täglich in schweren, orangeroten Behältern das Gas angeliefert, mit welchem man kocht und vielerorts auch heizt.
 
Knapp ist dagegen noch immer das Wasser. Die Versteppung schreitet entsprechend voran und vielerorts geht sie Hand in Hand mit der Entvölkerung weiter Gebiete des Landes. Kaum befahrene Strassen verbinden die nur noch spärlich bewohnten legendären Spanischen Dörfer, während die Städte wuchern und wachsen. Dort gibt es in den Kirchen weiterhin zahllose Menschen, die vor ihren verehrten Heiligen niederknien und beten. Niemand beklagt sich hier über schlecht besuchte Gottesdienste. Anders verhält es sich mit der ebenso legendären wie populären  spanischen Bar, eigentlich einer Mischung zwischen Beiz, Café, Schnellrestaurant, Kiosk und Spielsalon, von welchen es in Spanien mehr geben soll als im übrigen Europa insgesamt. Sie werden unterschiedlich gemieden und auch von den Behörden je nach Region unterschiedlich in ihrer Funktion eingeschränkt. Bis Ende des Jahres werden Tausende ihre Türen nie mehr öffnen.
 
Von der Pandemie relativ unbeeinträchtigt, scheint sich der Drogenhandel zu halten, wenn auch nicht ohne Zwischenfälle. Frühmorgens am ersten Oktober soll eine Drohne mit 4 kg Haschisch an Bord in Ceuta abgestürzt sein und ein Kurier, der von Marokko her die Grenze zu dieser Spanischen Exklave auf afrikanischem Boden schwimmend zu überwinden versuchte, hat sich mit 30 kg am Leib der gleichen Substanz offensichtlich derart überladen, dass er ohne die Hilfe der marokkanische Marine ertrunken wäre. Undurchsichtig ist die Rolle der gleichen Marine bei dem Ansturm der Flüchtlinge auf die kanarischen Inseln, von welchen man gerne vergisst, wie weit südlich und wie nahe vom Festland diese sich befinden. Bei der Bewältigung dieser durch Corona verschärften neuen Flüchtlingswelle ist der Spanische Staat offensichtlich einmal mehr überfordert. Für Schlagzeilen sorgen vor allem die Quarantäne in improvisierten Zeltlagern, wenn auch moniert wird, hinter dem Versagen bei der Versorgung der Ankömmlinge stecke möglicherweise die Absicht, abzuschrecken. In den Zeitungen schreiben übrigens auch hier sehr fleissig nordamerikanische Professoren und Professorinnen bestes bekannter Universitäten lange Artikel mit relativ wenig überraschendem Inhalt und in den hier ebenfalls sehr beliebten Interviews mit italienischen Philosophen, zeigt sich vor allem, dass es noch immer viele Zeitungsleute gibt, die noch nicht gelernt haben, dass eine Frage nur dann eine Frage ist, wenn sie kurz ist.
 
Viel geschrieben wird gegenwärtig auch über die vielen Konzessionen, welche die Regierung machen muss, um sich an der Macht zu halten. Sehr umstritten ist dabei eine Schulreform, die sprachpolitisch den katalanischen Separatisten entgegenkommt, auf deren Stimmen Präsident Sanchez paradoxerweise angewiesen ist. Und im Baskenland, wo ehemalige Mitglieder der ETA, wenn sie ihre Strafen abgesessen haben, bei der Freilassung weiter als Helden gefeiert werden, ist es die ultra-nationalistische Partei BILDU, welche bei der anstehenden Abstimmung über das Budget der Regierung notwendige Stimmen zusichert. Undurchsichtig ist, zu welchem Preis diese Unterstützung gekauft wurde. Für die Generationen, welche den ETA-Terror mit seinen über 800 Todesopfern miterlebt haben, sind die neusten Hafterleichterungen offenbar nicht nachvollziehbar. Seit Jahren beklagen die Angehörigen die langen Reisen beim Besuchen der mit Absicht über ganz Spanien verteilten Inhaftierten, worauf die  Angehörigen der Opfer antworten, sie würden gerne eine achtstündige Busfahrt auf sich nehmen, wenn sie damit ihre toten Väter und Mütter oder Kinder besuchen könnten.
 
Für viele Spanier und Spanierinnen ist es ebenso unverständlich, warum gerade jetzt in diesen schwierigen Zeiten über die Monarchie in Frage gestellt werden muss. Als Aussenstehender könnte man tatsächlich den Eindruck bekommen, bei dem amtierenden König handle es sich um einen Despoten. Und insgesamt hat man als Aussenseiter immer mal wieder den Eindruck, alles was in der Politik passiere, sei gar nicht wahr und die zum Teil sehr unerfahrenen Politiker und Politikerinnen seien lediglich am üben, denn wie sonst würden sie in einer Zeit, in welcher immer mehr Leute gegen die Verarmung kämpfen, sich selbst und den Staatsangestellten allgemein Lohnerhöhungen gewähren?
Und was hat José Manuel Ballester damit zu tun?
Wer kennt nicht die aufgeräumten Bilder von Ursus Wehrli? Ballester macht auch Ordnung, aber indem er die Bilder ausräumt. Er entfernt die menschlichen Figuren aus Klassikern. Zurück bleib anstatt Las Meninas ein leerer Königspalast, ein Abendmahl ohne Gäste, leere Landschaften, leere Wälder, leere Strassen, was alles sehr gut passt in diese Zeit. Fehlt bloss noch das Bild einer leeren Kasse.

 

 

Schon ist es wieder eine ganze Weile her, dass ich an dieser Stelle die Gurkenprobleme erwähnte, die ich in meinem Pflanzblätz hier in den Spanischen Bergen zu konfrontieren hatte. Was ich damals nicht erwähnte, ist die Tatsache, dass ich gleich neben den in diesem Jahr aus naheliegenden Gründen sehr spät gepflanzten Gurken ein rundes Salatbeet angelegt hatte, und zwar ohne mir dabei viel zu überlegen. Bald führte um dieses inzwischen längst abgeerntete Beet aber ein fest ausgetretener Pfad, denn ausser den Problemen mit den Gurken, galt es auch den Zustand der Welt im Allgemeinen und denjenigen der Spanischen Politik im Besonderen zu konfrontieren. In der mich dabei immer neu befallenden Hilflosigkeit hatte ich begonnen, verloren in meinen Gedanken, wie ein Esel am Göpel, endlose Runden um dieses Beet zu drehen. Auch stellte ich bald einmal fest, dass ich immer öfter Zeitungsartikel nicht mehr von Anfang an oder nicht wirklich zu Ende las. Mein Interesse und meine Neugier erlahmten. Dabei hätte ich in meiner mittlerweile gar nicht mehr so freiwilligen Selbstisolation sehr wohl Zeit und Musse gehabt, mich mit den Purzelbäumen auseinanderzusetzen, die das Tagesgeschehen in Madrid und Barcelona und im Rest des Landes unablässig schlug, um beispielsweise hier in diesem Blog darüber zu berichten.

Aber das ewige Gezänke, die peinlichen Auftritte , die verlogenen Drohungen, überhaupt die überholte spanische Rhetorik der Rechten gegen die Linken und der Linken gegen die Rechten, die so nichts zu tun hat mit der Suche nach Lösungen für die wirklichen Probleme. Es war nicht nur fürchterlich, es schien sich alles endlos zu wiederholen und um sich selbst zu drehen. Dazu kam, dass ich mich bei einer ganzen Reihe von Politikern und Politikerinnen immer wieder fragte, um Gottes Willen, wo kommen die her? Wie kommen die dorthin, wo sie sind? Wer hat die nur gewählt? Kein Wunder, dass die Kolumnen von namhaften Autoren und Autorinnen, die ich seit Jahren in El Pais und in La Vanguardialese, nur so strotzen von Exkursen über Scham und Fremdscham, über verpasste Chancen, über moralische Katastrophen und über eine sehr düstere Vision für die Zukunft dieses stolzen Landes Spanien. In meiner zeitweisen Abkehr von der Aktualität habe ich aber eine literarische Entdeckung gemacht, über die ich unbedingt berichten muss.

Per Zufall, einfach so, habe ich auf SRF eine Lesung gehört, die mich auf der Stelle in Beschlag nahm. Lesen tat Hanspeter Müller-Drossart und ich muss zugeben, anfänglich befürchtete ich, weil dies so oft geschieht, er würde sich vielleicht mit seiner Vorlesekunst vor den Text schieben. Ich hatte mich aber gründlich geirrt. Selbst auch Autor, muss Müller-Drossart sofort geschnallt haben, dass der Text in seinen Händen keine Interpretation und schon gar keinen eitlen Schabernack benötigte. Diese Sätze stimmen und klingen, und zwar so überzeugend, dass man sie einfach vorlesen kann und das tat er meisterlich gekonnt, indem er seine Stimme immer mehr mit dem Gelesenen verschmelzen liess und er als Interpret eigentlich verschwand. Ein grösseres Kompliment kann man einem Schauspieler beim Vorlesen wohl kaum machen.

Und das Buch? Es heisst Bayass und der Autor ist Flavio Steimann. Es ist eines jener Bücher, bei denen man sich sofort fragt, wo hat der Autor diese Geschichte bloss her, denn die ist so wahr, so nah, dass sie unmöglich erfunden werden konnte. Hätten diese Leute nicht gelebt, könnte er unmöglich so viel über sie wissen, denn eine solche Fülle an stimmigen, historisch überzeugenden Details gäbe kein Archiv der Welt her und nicht mal in 1000 Stunden liessen sie sich recherchieren. Man denkt sogar, der muss das alles miterlebt haben, obschon das zeitlich gar nicht möglich wäre. Und es wäre absurd, hier die Geschichte nachzuerzählen und zu behaupten, dieses Buch sei gut geschrieben. Das wäre ebenso unsinnig wie die «Suite Vollard» von Picasso zu beschreiben und zu behaupten, sie sei gut gezeichnet. Dieses Buch ist genau so geschrieben, wie es seine innere Natur und seine eigenen Gesetze verlangen, nämlich auf seine ganz eigene und einzig mögliche Art. Wollte man dennoch die Qualität seiner Prosa fassbar machen, müsste man diese mit einem sehr edlen Wein vergleichen, bei dem man zweifelsfrei spüren kann, dass seine tief verwurzelten Elemente ineinandergreifen und sich so vorteilhaft zu einem runden Ganzen formen, dass man sich etwas Bekömmlicheres gar nicht vorstellen kann. Der Rest ist Kunst.

Und was hat Margaret Bourke-White damit zu tun? Man vergisst gegenwärtig so leicht, wie viel Bewundernswertes an Kultur und Kunst aus den Vereinigten Staaten kam und kommt. Und Margaret Bourke-White war entschieden eine grosse Fotografin, die als Reporterin der US-Army mit den ersten Fotos eines befreiten Konzentrationslagers über Nacht weltberühmt wurde, der wir aber auch sehr witzige Bilder der Freiheitsstatue zu verdanken haben. Und genau dahin führt die Geschichte von Steimann, die nachzuerzählen sich hier völlig erübrigt. Erwähnt sei lediglich eine Überfahrt auf dem Immigrantenschiff «Liberté», die so einfühlsam und genau dargestellt wird, dass man als Hörer bei einem Sturm einmal beinahe selbst ein komisches Gefühl in der Magengegend zu bemerken vermeint. Und übrigens: Auf diesem Schiff soll es auch Leute gegeben haben, die glaubten, bei der Freiheitsstatue handle es sich um eine übergrosse Darstellung der Jungfrau Maria. Auch so kann man sich irren in Amerika.

 An dieser Stelle habe ich zuletzt berichtet, dass ich in meinem Gemüsegarten in den Spanischen Bergen den Gurken gut zugeredet habe. Weil sie unter den besonderen Umständen sehr spät im Jahr gepflanzt wurden, wollten sie nicht richtig gedeihen. Es hat genützt. Inzwischen habe ich Gurken mehr als genug. Aber sind diese Gurken vielleicht dumm. Wirklich! Es ist je fast härzig, wie sie ihre feinen Fühler ausstrecken und nach Halt suchen und wie mit kleinen Händchen nach der aufgespannten Schnur greifen. Manchmal ringeln sich diese dazu gedachten Triebe aber um den eigenen Stängel. Der berühmte Baron lässt grüssen. (Siehe: Wer einmal lügt…).
Leider muss ich aber jetzt meine Ernte immer mal wieder mit einem Steinbock, und wie mir scheint, seit ein paar Tagen auch mit einem frechen Dachs teilen.Während der Steinbock vor allem auf Salat steht, hat es der Frechdachs auf die in diesem besonderen Jahr auch sehr spät reifenden Tomaten abgesehen.
Natürlich passiert auch sonst Weltbewegendes in Spanien. Der alte König im Exil, der FC Barcelona im freien Fall und nicht zuletzt die zweifelhafte Ehre, in Sachen Pandemie etliche europäische Statistiken anzuführen. Eine Nachbarin meinte dazu nüchtern, in etwas müsse ihr Land doch auch einmal Spitze sein dürfen. Wobei ich gestehen muss, dass meine allgemeine Skepsis gegenüber dem realen Wert von Statistiken immer noch zunimmt. Was soll man denken, wenn man zum Beispiel liest, 17% (vielleicht waren es auch nur 14%) der Spanier würden dem amerikanischen Präsidenten für seinen Umgang mit der Pandemie gute Noten erteilen. Woher wissen die das und warum werden sie dazu gefragt? Vermutlich wollen diese Befragten vor allem ihre Unzufriedenheit mit ihrer eigenen Regierung ausdrücken.
Für den Zeitungsleser ist es allerdings alles andere als erbauend, zur Kenntnis nehmen zu müssen, wie unbedarft seine Mitmenschen sein können. Viel hat sich diesbezüglich über die Jahrhunderte offensichtlich kaum geändert. Neulich wurde im Zusammenhang mit einer Demonstration gegen die aus gutem Grund neu erlassenen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit in der Zeitung La Vanguadia der grosse spanische Satiriker Quevedo zitiert. Schon vor mehr als 300 Jahren behauptete dieser, alle, von welchen man vermute, sie seien Idioten, seien es und die Hälfte aller, bei denen man es nicht vermute, seien es auch. Von der anderen grossen Spanischen Zeitung «El Pais», die ich in diesen besonderen Zeiten digital abonniert habe, bekam ich neulich eine freundliche Mailnachricht, in welcher man mir und allen anderen Abonnenten aufrichtigen Dank aussprach. So erfuhr ich, dass «El Pais», dieses Weltblatt mit einer publizistischen Vormachtstellung in sämtlichen spanischsprechenden Gebieten auf vier Kontinenten, sich mit 120 000 digitalen Abonnenten glücklich schätzen muss. Spanien allein zählt über 40 Millionen Einwohner und die wichtigste Zeitung geniesst eine derart beschämend kleine Verbreitung. Das macht Angst. Als müsste man sich darauf einstellen, dass die wesentlichen Informationsquellen am Versiegen sind.
 
Und was hat Chaim Soutine damit zu tun? Wir leben einmal mehr in schmerzhaft ungerechten und schmerzhaft schwierigen Zeiten. Grosse Teile der spanischen Bevölkerung eint schon jetzt nur noch der Schmerz über den Verlust von in mangelhafter Betreuung verstorbener Angehörigen, aber auch der Schmerz über den Verlust von Arbeit und Würde. Und nichts ist ausgestanden. Der Schmerz wird weiterwachsen. Und Soutine ist ein Meister des Schmerzes.Dem Schmerz am eigenen Leib, aber auch dem Schmerz einer fürchterlichen Kindheit zum Trotz, schuf Soutine ganz grosse, wenn sehr oft auch schmerzhafte Kunst. In dem Bild “Le Pâtissier de Cagnes,” porträtierte er den Küchenburschen Remi Zochetto aus Céret, einer kleinen Stadt am Fuss der französischen Pyrenäen. Eigentlich spricht das Bild für sich, aber dennoch möchte ich erwähnen, dass dieser Junge das rote Taschentuch genau dort festhält, wo im Bauch des Künstlers ein Magengeschwür wucherte, an welchem er sein Leben lang litt und an welchem er auch starb. Natürlich ist Soutine ein Künstler, den man kennt, dem man in grossen Museen immer wieder begegnet ist, dass ich mittlerweile aber weiss, wie bedeutend dieser Chaim Soutine wirklich ist und welch unglaubliches Schicksal er gelebt hat, verdanke ich dem Roman «Soutines letzte Fahrt» von Ralph Dutli. Gracias.

Und dann ist man doch schon seit einem Monat wieder in Spanien. Hat sogar einen Garten angelegt, wenn auch in ziemlich bescheidenem Rahmen. In diesem Jahr wird es weder Kartoffeln noch Zwiebeln zu ernten geben. Aber immerhin ernte ich schon Salat und Zucchetti und ein paar Tomaten sind am Reifen, so munzig, wie sie auch noch sind. Bei den Gurken sieht die Sache schon unsicherer aus.
Ich war gerade dabei, dem einen Stängel mit ein paar etwas schlaffen Blättern dran gut zuzureden, als die Nachbarn aus Katalonien auftauchten und zwar diesmal mit einem Hund. Es war an dem bis jetzt heissesten Tag des Sommers. Ich wollte der Gurke gerade noch gut zureden: Du schaffst das, wollte ich sagen, ihr seid eine äusserst widerstandsfähige, robuste Truppe, viel zu spät eingepflanzt, überhaupt nicht nach Fahrplan, ich weiss, aber die Nachbarn und auch der neue Hund wollten angemessen begrüsst sein und natürlich bestätigten wir uns gegenseitig, dass wir in eigenartigen Zeiten lebten. Tiempos muy raros.

Während die Nachbarin eine Maske trug, hatte der Nachbar diese nur an einem Ohr angehängt. Er lobte mir freundlich den Garten und meinte dann, dass es in diesem Jahr wegen der Pandemie mehr Sommergäste als üblich im Dorf haben werde, denn Reisen ins Ausland seien ja fast unmöglich. Auch sie hätten für diesen Juli eigentlich eine Reise geplant, Thailand wäre an der Reihe gewesen. Glücklicherweise hätten sie aber im März, noch vor dem Ausbruch der Pandemie, Kenia besucht, und er sei im Februar in Chile und Argentinien durch Patagonien gefahren. Und immer mit der an einem Ohr herunterhängenden Maske fügte er noch hinzu, Gott sei Dank hätten sie im Januar noch ein paar Tage in Rom verbringen können.

Klar, sagte ich, weil ich mich gedrängt fühlte, auch etwas zu sagen, Rom sei immer für eine Reise gut, aber eigentlich war ich in Gedanken noch immer bei meinen Gurken, welchen ich unbedingt noch nahe legen wollte, dass sie sich keine Sorgen machen sollten, kein Mensch erwarte von ihnen wieder so eine Überproduktion wie letztes Jahr. Nein! Nein! Ein paar wenige saftige Exemplare würden reichen, aber ohne Gurken sei ein Gazpacho eben doch nicht wirklich ein richtiger Gazpacho.
Mein Nachbar tätschelte dann den Hund und als er sagte, dieses liebe Tier hätten sie im April bei sich aufgenommen und schon sei es ein Mitglied der Famile, dachte ich, hoffentlich wird es das auch bleiben, wenn es ans Buchen der nächsten Flüge geht, denn Thailand wartet und Tausende der Hunde, die in Spanien während der Ausgangsperre über geschäftstüchtige Onlinehändler Besitzer gefunden hatten, um diesen einen Vorwand zum Verlassen ihrer Wohnung zu liefern, wurden nur Wochen später wieder ausgesetzt.

Und was hat Erwin Wurm damit zu tun?

Erwin Wurm ist einer der ganz wenigen Künstler, denen das Verdienst zukommt, der Gurke in der Kunst ihren angemessenen Platz verschafft zu haben. Die Gurke im öffentlichen Raum wie in Salzburg. Herrlich ballt sich da der österreichische Witz. Der an die Wand gestellte Lastwagen hat mir aber auch schon immer gut gefallen.

 «Von unserem Bericht hoffen wir, dass er nicht allzu sehr missfallen haben möge, sollten wir den Leser jedoch bloss gelangweilt haben, so halte man uns zugute, dass es nicht mit Absicht geschehen ist.»
So endet nach mehr als 700 Seiten das Buch, das man ungern aus den Händen gibt und dem man im Regal einen ganz besonderen Platz zuweisen wird. Es ist ein Buch, das man vorerst aber noch ein paar Tage rumliegen lässt, weil es bei der Lektüre eine besondere Aura entwickelt hat, weil es lebendig geworden ist, weil es nachwirkt, weil die in ihm aufgegriffenen Themen in einem weiterwuchern.
Es ist eines jener Bücher, von welchen man noch bei den unpassendsten Gelegenheiten schwärmen möchte, aus welchem man Geschichten nacherzählt und zwar so betroffen, als hätte man sowohl die dargestellten Niederträchtigkeiten als auch die erhabenen Momente alle selbst erlebt.
Und ja, es ist eines jener Bücher auf die in diesen besonderen Zeiten immer wieder verwiesen worden ist, weil es sich vor einem historischen Hintergrund entfaltet, in welchem nicht nur eine legendäre Hungersnot, sondern auch der katastrophale Ausbruch  der Pest in Mailand während des Dreissigjährigen Krieges eine Rolle spielen.
Zum ersten Mal begegnet bin ich dem Buch, als ich mir von sachkundiger Seite die herausragenden Werke der italienischen Literatur empfehlen liess.
Es handelt sich um «Die Verlobten» von Allesandro Manzoni.
Unter all den Fragen und Gedanken, die dieses grosse Buch auch noch nach der Lektüre anstiess, beschäftigte mich unter anderem plötzlich die Tatsache, dass zwei sehr unterschiedliche Romanfiguren in Anbetracht von bestimmten Umständen, allen Beteiligen beteuerten, man solle sich keine Sorgen machen, man habe Geld genug und werde für das Nötige aufkommen. Man habe Geld genug!
Das waren noch Zeiten, als es reiche Männer und Frauen gab,  – in einem Fall handelt es sich um eine Witwe – die sagten: Geld habe man genug. Geld ist kein Problem. Vermutlich hat es noch nie so viele Menschen wie heute gegeben, die mehr als genug Geld haben, aber dass jemand sagt: Keine Sorge, Geld habe man genug! Das hört man eher selten. Das wäre heute wohl unschick oder gar dumm. Ich weiss es nicht. Es ist trotzdem schön, zu lesen, Geld habe man genug.

Und was hat Urs Stoss damit zu tun?

In der Zeitung sah ich ein Bild des  Sechseläutenplatzes in Zürich an einem Samstagnachmittag. Erst traute ich meinen Augen nicht und dachte: Aber diese über den Platz verteilten Figuren, diese Distanz haltenden, isolierten Menschen, die kenne ich doch. Sogar in genau diesen Farben habe ich das schon gesehen.
Dann erinnerte ich mich an die Bilder von Urs Stoss, die ich, wenn sie an der Münstergasse in der Galerie Krebs ausgestellt worden waren, immer gerne gesehen habe und immer stehen geblieben bin, um sie eingehend zu betrachten, weil es Bilder waren, auf denen so vieles zu sehen war. Es sind kunstvolle Wimmelbilder voller Geschichten. Moderne Kunst wie gemacht für Kindsköpfe wie mich. Aber nie hätte ich gedacht, dass ein gefragter Berner Künstler in seinen Bildern einen ganz besonderen Zustand der Welt so genau vorwegzunehmen wusste.

Einer der dümmsten Menschen, die ich je kennengelernt habe,  war von Beruf Journalist und zwar mit Starstatus. Wenn ich schreibe, schreibe ich für Millionen, pflegte er zu sagen. Was er privat allerdings an weltanschaulichen Ungeheuerlichkeiten absonderte, ging auf keine Kuhhaut. Auch sonst ist man zwar oft genug gezwungen, zu erkennen, wie eingeschränkt die sogenannten Eliten in ihrem Denken sein können, dass man sich mit solchen Äusserungen aber in heikle Bereiche begibt, ist auch klar. Ist man selbst wirklich gescheit genug, um anderen ihre Dummheit vorwerfen zu dürfen?
Ohne Zweifel ein schwieriges Kapitel, aber was soll man tun, wenn die Emotionen ins Spiel kommen, wenn man sich derart für dumm verkauft vorkommt, dass man sich mit dem ausgestreckten Zeigefinger quer durch die Küche stürzen muss, um mit einem heftigen Knopfdruck dem ärgerlichen Gespräch am Radio ein Ende zu bereiten?
Schon mehrmals war es schlicht nicht mehr auszuhalten.
Da fragte tatsächlich zum hundertsten Mal eine Journalistin einen Korrespondenten: Was hat das für Folgen? Mein Gott, weil man wissen will, was etwas für Folgen hat, hat man doch die verdammten Nachrichten eingeschaltet. Was hat das für Folgen? Alles hat Folgen! möchte man schreien. Wozu fragen Sie dann noch! Egal welche schlimmen Entwicklungen in welchem Bereich auch immer es zu vermelden und zu beachten gibt, ob in der Türkei, in den USA, in China, in Indien, in Italien, in Australien oder in Afrika, in der braven Schweiz fragt am braven Schweizer Radio eine brave Schweizer Stimme ganz brav und absolut überflüssig: Was hat das für Folgen?
Und warum?
Weil brav befolgt wird, was irgend ein fehlgeleiteter Vorgesetzter oder meinetwegen ein «Vorgesetzter mit Sternchen» befohlen hat. Mir, dem Hörer wird nämlich beleidigenderweise eine Konzentrationsspanne von etwa einer halben Minute zugetraut und deshalb muss wie von oben herab verschrieben, jede Information mit meistens dilettantisch improvisierten Zwischenfragen zerstückelt und zerdrückt werden wie die Banane für den Kinderbrei mit dem Löffel.
Wollen die mich ausgerechnet in diesen wirren Zeiten noch zum Fernseher machen?

Und was hat Paul Klee damit zu tun?

Eigentlich nichts, aber seit ein paar Tagen ist die Münsterplattform wieder geöffnet und was dies für die Bewohner der Unteren Stadt bedeutet, ist kaum zu überschätzen. Die Plattform ist für viele der einzige Balkon, der einzige Garten und ein Kraftort dazu. Auf der Plattform kann man sehen, dass die Aare weiter ziemlich gelassen und grün wie immer daherkommt, auf der Plattform kann man sich von ihr berauschen lassen und auf der Plattform kann man sich auch vergewissern, dass sie weiter wie eh und je unbekümmert in die Welt hinausfliesst.
An der Ansicht, die Paul Klee möglicherweise von der damals gerade neu gebauten Kirchenfeldbrücke aus gezeichnet hat, ist vor allem ausserordentlich, dass er gerade mal 12 Jahre alt war.

Weil ich an dieser Stelle schon öfters direkt aus Spanien berichtete, will ich dies auch jetzt tun, obschon ich nicht vor Ort bin. Ich fühle mich dazu auch durchaus berechtigt, träumte ich doch neulich tatsächlich, ich hätte mich mit Quim Torra, dem Regionalpräsidenten von Katalonien getroffen und wir hätten uns so gut unterhalten, als wären wir schon immer die besten Kumpels gewesen.
Ein Teil von mir ist also offensichtlich auch jetzt in Spanien.
Als mich ungefähr vor zwei Wochen von dort die ersten Nachrichten erreichten, die schon Schlimmes befürchten liessen, rief ich deshalb einen Freund an. Ich erreichte ihn in einem Reisebus unterwegs in Andalusien. Der Empfang war mässig, aber ich erfuhr, dass offensichtlich schon alle Museen geschlossen und alle Veranstaltungen abgesagt worden waren. So auch der Stierkampf in der berühmten Arena von Sevilla, der ein Höhepunkt des Reiseangebotes hätte sein sollen.
Als mich mein lieber spanischer Freund dann fragte: «Tambien lo teneis?» Also, ob wir «es» in der Schweiz auch hätten, und ich darauf wissen wollte, was er meine, sagte er: «Hombre, el bicho». Er fragte also nach dem «Beast», wie das Virus in Spanien, wie ich mittlerweile weiss, offensichtlich allgemein genannt wird und das ihnen auf ihrer Reise überall einen Strich durch die Rechnung machte.
Natürlich wunderte ich mich über seine Frage und gleichzeitig begann ich zu erahnen, was sich mir alsbald bestätigen sollte: Es ist überhaupt nicht so, dass sich Leute, die in normalen Zeiten kaum eine Zeitung aufschlagen und sich eigentlich nur mässig für Politik und den allgemeinen Gang der Welt interessieren, in Krisenzeiten plötzlich anfangen, sich ausführlich zu informieren.

Dieser Verdacht bestätigte sich mir gleich darauf auch hier in der Schweiz in der Apotheke, die ich mittlerweile längst nicht mehr selbst aufsuche.
Aus guten Gründen gab es dort bereits eine Abschrankung, um ein Gedränge vor dem Ladentisch zu verhindern, was die wartenden Kunden und Kundinnen nicht daran hinderte, sich vor der Abschrankung auf kleinstem Raum so dicht zusammenzuballen, als hätte noch kein Mensch je von den ersten, einfach zu treffenden Vorsichtsmassnahmen gehört.
Einen ähnlichen Grad an katastrophaler Uninformiertheit gab es in Spanien im besonders stark betroffenen Madrid, als die ersten Massnahmen verschärft werden mussten. Schulen und Läden wurden geschlossen, aber der Wissensstand der Bevölkerung war offensichtlich noch immer so tief, dass dies viele der Betroffenen als Aufforderung verstanden hatten, sich wie im Urlaub in ihre Zweitwohnungen – und davon gibt es in Spanien vorzugsweise am Meer sehr viele – zurückzuziehen, ohne zu bedenken, dass sie damit «el bicho» erst richtig im ganzen Land verteilten.
Es kann wohl sein, dass ich mich irre, aber ich meine in diesen Tagen gelernt und verstanden zu haben, dass dies auch in noch schlimmeren Krisenzeiten und ganz bestimmt in nicht so fernen Kriegszeiten ähnlich gewesen sein muss. Im Nachhinein ist es leicht zu meinen, man hätte doch von dem Ausmass der Sinnlosigkeit, des Schreckens und der Verbrechen «gewusst haben müssen». Jetzt lese und höre ich von Menschen, die schon heute «davon» nichts mehr wissen wollen oder auch einfach nicht noch mehr ertragen können, weil sie, wie unsere Nachbarn in Italien, schon so viel Leid und Elend miterleben mussten. 

 
Und was hat Peter Iseli damit zu tun?
Freundlicherweise hat er mir völlig absichtslos dieses Aquarell mit dem mittelalterlichen Pestarzt zukommen lassen, das mir auf Anhieb so gut gefiel, dass ich es als Anlass nahm, wieder einen Blog zu schreiben, damit auch andere es sehen könnten. Als ich Peter Iseli fragte, ob ich das Aquarell verwenden dürfe, sagte er von ihm aus gerne, aber er wolle niemanden verletzen.
Wen meinst du denn, könntest du damit verletzen? fragte ich. Er wisse es auch nicht, aber heute sei das jederzeit möglich. Er wolle einfach kein Missverständnis verursachen und schon gar nicht, sich über jemanden lustig machen. Ach komm, sagte ich, gerade jetzt dürfen wir doch den Humor nicht verlieren.
Vielleicht, dachte ich danach, machen wir ja gerade eine Erfahrung durch, welche die Dünnhäutigkeit, mit welcher man sich noch vor wenigen  Monaten über alles und nichts entrüsten konnte, einem etwas gestärkten Selbstbewusstsein weicht. Vielleicht muss auch die eine oder andere Prioritätenpyramide wenn nicht neu aufgebaut, so doch überdacht werden. Es sind vielleicht tatsächlich Zeiten, die uns daran erinnern, dass wir tatsächlich als Schicksalsgemeinschaft alle im gleichen Boot sitzen und wir nicht jeden und jede, bloss weil er oder sie eine von uns abweichende Sicht auf die Welt hat, über Bord werfen sollten.

Jetzt ist er also da, der heisse Herbst in Katalonien. Sein Einfluss auf die spanischen Wahlen wird gigantisch sein. Die Erfahrung lehrt….
Könnte gut sein, dass sich die progressiven Kräfte die Haare noch einzeln ausreissen werden, sollten sie die Mehrheit, die sie jetzt gehabt hätten, verlieren. Die im ganzen Land ununterbrochen ausgestrahlten Bilder von brennenden Strassen und von Steine werfenden Vermummten spielen den falschen in die Hand.
Bei allem Verständnis für die Ursachen des Konfliktes, kann man als Aussenseiter nicht aufhören, den Kopf zu schütteln. Die alten Zweifel am erhofften Segen der Unabhängigkeit bleiben bestehen und die schon jetzt gigantischen Widersprüche wachsen in den Himmel. Als wäre das Land im Krieg. Dabei ist Kataloniens Exportwirtschaft zu 80% von Spanien abhängig.
Persönlich kann ich den «newspeak» nicht mehr hören. Obschon sie das Wort total pervertiert haben, können die führenden Politiker und Politikerinnen der Unabhängigkeitsbewegung keinen kurzen Satz mehr sagen, ohne mindestens zweimal «democratic» dranzuhängen. Und alle reden immer wie selbstverständlich vom «Volk», dabei hatten sie von diesem Volk noch nie  eine bewiesene Mehrheit hinter sich. Einem nicht separatistischen Bürger muss das sehr schief vorkommen.
Einmal mehr erweist es sich auch, dass im Niemandsland der Illegalität nicht gut sein ist. Dort ist niemand wirklich zuhause, ausser vielleicht das Monster der Gewalt. Man vergisst leicht, dass die Zivilisation nicht durch Gesetze möglich wurde, sondern durch ihr Einhalten. Sicher: Wo es Gesetze gibt, gibt es auch gute und schlechte Gesetze, deshalb kann ziviler Ungehorsam durchaus eine für die Gesellschaft gewinnbringende Funktion haben. Aber wenn die Regierung eines Landes oder einer Region, also die Gesetzgeber selbst zum zivilen Ungehorsam aufrufen, dann wird es glitschig. Das kann ins Auge gehen. Die Geister, die man hier ruft, können sich bekanntlich leicht gegen einen selbst drehen. Aber in Katalonien ist sich Präsident Torra seiner Rolle als Zauberlehrling nicht bewusst.
 
Und was hat Oriol Maspons damit zu tun?

Er heisst nicht nur wie der populäre, zu 13 Jahren Gefängnis verurteilte ehemalige Vizepräsident Oriol Junqueras, er war selbst auch Katalane. Trotzdem fällt es einem schwer, in seinen grossartigen Bildern Katalonien als eine von Spanien unterscheidbare Kultur zu sehen. Natürlich ist er in Paris bei Cartier Bresson und anderen Grossmeistern der Fotografie in den Fünfzigerjahren durch eine internationale Schule gegangen, aber auch so, wer es nicht weiss, könnte ihn für einen nichtkatalanischen Spanier halten. Sicher ist, Maspons war offensichtlich einer jener Fotografen mit einem direkten Draht zum Lieben Gott, der ihnen ganz genau sagte, wann sie auf den Auslöser zu drücken hatten. Dass dieser Liebe Gott beim Bild der beiden Hunde die gegenwärtigen Ausschreitungen vorausgesehen hätte, ist nicht anzunehmen.   

 

Es soll hier von der politischen Aktualität in Spanien die Rede sein. Jetzt steht nicht nur die Urteilsverkündigung im Prozess gegen die Vertreter und Vertreterinnen der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung an, jetzt stehen auch noch Wahlen bevor.  Die vierten in vier Jahren. Und schon gibt es in meinem Bekanntenkreis Schlaumeier, die lauthals verkünden, also diesmal würden sie sicher nicht noch einmal wählen gehen. Allerdings muss auch ich zugeben, dass mich das anlaufende Wahlkampfspektakel nur sehr beschränkt zu interessieren vermag. Es kommt sogar vor, dass es mich peinlich berührt und ich mich abwende. Am Radio sprach gestern ein Kommentator von «Infantilismus», was sich ziemlich genau mit meinen Eindrücken deckt. Es ist, als ob dieses Land nicht gewaltige Probleme hätte. Bei vielen Spaniern und Spanierinnen kann man sich aus Schweizer Sicht kaum vorstellen, wie sie es mit ihren Einkommen zum Monatsende schaffen. Auch die schwerwiegende Entvölkerung weiter Teile des Landes ist als Thema wieder verschwunden. Dafür führen die favorisierten Sozialdemokraten als Hauptargument für ihre Wahl die Erfahrung an, die sie als Übergangsregierung in Madrid angeblich sammeln konnten, während sie in Wirklichkeit wie gestört in der ganzen Welt rumjetteten, um sich für die Medien aufzuspielen, anstatt die Hausaufgaben zu machen. Nämlich die Wahlen zu verhindern. Ob sich der vorausgesagte Sitzgewinn für sie bewahrheitet, steht in den Sternen. Sicher ist, dass jetzt auf den Putz gehauen wird, dass es einen richtig anödet. Da es hier parteipolitisch noch keine Grüntöne gibt, geht es vor allem um Rot und Schwarz, um links und rechts wie vor hundert Jahren. Hier die Guten, da die Bösen. Sogar über das Grab des Ex-Diktators, das eigentlich ein Mausoleum ist,  wird noch immer gestritten. Und ohne  Beleidigung, ohne Ehrverletzung geht nichts. Immer die andern sind korrupt. Immer die andern lügen und stehlen! Als wäre man auf verschiedenen Planeten und nicht in der Schicksalsgemeinschaft einer Stadt, einer Region, eines Landes. Keiner bedenkt, dass er oder sie bei der sich aufsplitternden Parteienlandschaft früher oder später eine Hand ausstrecken muss, dass es möglicherweise ohne Koalition wieder nicht geht. Weil es nur darum geht, an die Macht zu kommen, gibt es null Bewusstsein für die Tatsache, dass die Probleme des Landes nur gemeinsam gelöst werden können.
Und was hat Nicolas Bouvier damit zu tun?
Überall, ausser bei den Spanischen Wahlen, redet man über das Klima, über unsere Reisegewohnheiten und über die Konsequenzen des Massentourismus.
Da erinnert man sich gerne an den grossen Schweizer Reiseschriftsteller aus Genf, der seinen Nebenberuf des Ikonographen mit der gleichen Ernsthaftigkeit wie den des Reiseschriftstellers ausübte.
Er tauchte in die Archive wie in die unberührten Landschaften, die er auf seiner ersten grossen Reise mit seinem «Dopolino» unternahm. Er grub sich durch dicke Folianten mit der gleichen Neugier, mit der er Städten und Menschen begegnete und förderte dort ebenso Kostbares zu Tage wie unterwegs in Lappland oder Afghanistan. Also auch da ein Entdecker. Auf die Bilder von Maria Sybilla Merian hat er immer wieder besonders gern zurückgegriffen, denn sie war ihrer Zeit in jeder Beziehung, ganz besonders aber künstlerisch weit voraus.

Also, zurück in den Spanischen Bergen.
Vor wenigen Tagen habe ich mir im nahen Städtchen die Zeitungen gekauft und als ich in einem Café darin zu lesen begann, erinnerte ich mich wieder an meinen Freund und Kollegen Guy Krneta. Insbesondere an zwei Sätze aus seinem letzten Mail. Er würde sich sehr freuen, wenn ich hier an dieser Stelle wieder über Spanien schreiben würde. Man dürfe das Journal B nicht unterschätzen.
Das hat er wirklich geschrieben.
Ich las allerdings gerade einen Artikel, der nur bedingt mit Spanien zu  tun hatte, und noch bevor ich ihn fertig gelesen hatte, kam aus einem Laden neben dem Café eine Frau mit einem Schuh in der Hand auf den Mann am Nebentisch zu. Die Frau war vielleicht um die 60 Jahre alt, war sehr geschmackvoll gekleidet, machte einen aufgestellten Eindruck und fragte: Gefällt dir dieser Schuh?
Es war einer dieser Stoffschuhe mit Schnursohle, die man, glaube ich, auch auf Deutsch  «Espadrilles» nennt. Ohne den Schuh auch nur anzuschauen, sagte der Mann: Von dieser Sorte hast du zuhause doch schon eine ganze Menge! Nein, sagte die Frau, der ist anders, worauf der Mann sagte: Aber du hast doch schon so viele Schuhe.
Weil die Frau dann sagte, sie habe ihn nicht gefragt, wie viele Schuhe sie besitze, sondern, ob ihm dieser Schuh hier gefalle, schaute ich von meiner Zeitung auf, und es entging der Frau nicht, dass ich zugehört hatte und dass ich lachen musste. Sie schaute mich an und fragte: Sind Sie auch so? Nein, nein, behauptete ich, und während sich die Frau wieder dem Schuhladen zuwandte, sagte der Mann am Nebentisch: Sie müssen wissen, dass niemand so viele Schuhe besitzt wie meine Frau.
Oh, sagte ich, ausser vielleicht Frau Marcos, von den Philippinen, erinnern Sie sich? Sie soll 6000 besessen haben.
Der Mann schüttelt den Kopf und sagte: Mi mujer tiene mas! Meine Frau hat mehr!
Ich las dann den angefangenen Artikel zu Ende, in welchem die in Madrid weilende schwedische Erfolgsautorin Camilla Läckberg unter anderem behauptete, die Männer seien eine Rasse für sich, die sich den Frauen überlegen fühle. Hier war es also wieder: «Die Männer». Also der Mann am Nebentisch und ich? Oder ich und dieser Präsidentenfreund, der sich in seiner Zelle umgebracht haben soll und noch ein paar andere? Oder ich und Putin? Oder ich und diese italienischen Politiker und der ganze Rest? Oder ich und Neymar?
Wie käme ich dazu, fragte ich mich, so verallgemeinernd von «den Frauen» zu reden? Als ob alle Frauen in einem einzigen Korb Platz fänden? Nein, Frau Läckberg, dachte ich dann, ich hielt mich nie für klüger als Sie. Nie im Leben. Jedenfalls bist jetzt nicht. Aber seien Sie beruhigt, wandte ich mich in Gedanken dann weiter an sie, kürzlich musste ich nach der Lektüre eines Interviews in der gleichen Zeitung auch Frau Siri Hustvedt meine bis dahin unbeschränkte Bewunderung entziehen, meinte diese doch behaupten zu müssen, die Männer – wieder dieses «die Männer» – liebten zwar die Schönheit der Frauen, aber sie würden es nicht mögen, wenn diese zu aller äusserlichen Attraktivität auch noch intelligent seien.
Ich habe nicht nur selten etwas so Unintelligentes gehört, ich fühlte mich auch richtig beleidigt, denn diese Aussage unterstellt mir eine Dummheit, mit der ich nun wirklich nicht unwidersprochen zu leben gewillt war.
So viel zu Frau Läckberg.
Und was hat das mit Joan Brossa zu tun?
Könnte gut sein, dass es hier in unserem «Bern ist überall-Blog» mit diesem grossen katalanischen Poeten und Künstler wirklich weiter geht, aber mit der spanischen Politik, zu welcher Guy Krneta von mir wieder etwas lesen möchte, geht es etwa so, als liefe alles auf quadratischen Rädern. Es läuft einfach nicht rund. Seit neun Monaten hat Spanien eine Übergangsregierung, vielleicht stehen sogar Neuwahlen an. Und dies in der Zeit, in welcher die Urteile im Prozess gegen die Verantwortlichen der illegalen katalanischen Unabhängigkeitsbestrebungen bevorstehen. Könnte gut sein, dass der Herbst heisser wird als der heisse Sommer. Ganz sicher wird die Reise holperig.

Übers Wochenende finden die Solothurner Literaturtage statt. Bereits im Vorfeld wollen Medien «klaffende Lücken» im Programm ausgemacht haben. Statt das Interesse darauf zu richten, was ein Publikum erwartet und welchen selbst erklärten Ansprüchen die Programmierung zu genügen hat, wird ein Skandalon herbeigeschrieben.

Das Vorgehen ist bekannt. Bei jeder grösseren Preisverleihung findet es mittlerweile statt: Die Auswahl sei fragwürdig, Renommiertere und Gewichtigere seien übergangen worden. Ganz ins Leere läuft der Vorwurf nie. Es liegt in der Natur einer Auswahl, dass sie Wenige berücksichtigt und Viele übergeht.

Das Elend der Literaturkritik

Ja, die Literaturkritik hat heute einen schweren Stand. Redaktionen werden verkleinert, der Platz schrumpft. Kritiken würden nicht gelesen, behaupten die Chefs und berufen sich auf Klickzahlen. Versucht sich das Feuilleton nun Aufmerksamkeit zu verschaffen, indem es wie die Politberichterstattung skandalisiert, auf Personen spielt, angebliche Missstände aufdeckt, Konflikte schürt? Oder fühlt sich eine Kritikerin, ein Kritiker schlicht in der Eitelkeit verletzt, wenn eine unabhängige Jury anders entscheidet, als er oder sie das gerne hätte?

Dabei ist es ja gar nicht so, dass die verbliebenen Festangestellten an Präsenz verloren hätten, im Gegenteil. Sie schreiben heute für Zentralredaktionen, welche im einen Fall die Regionen Bern, Basel, Zürich, Winterthur, im anderen St. Gallen, Luzern, Zug und den Aargau bis nach Basel abdecken. Gesamtleser*innenzahl in beiden Fällen je um die 600’000. Ausserdem sitzen sie in Jurys, moderieren Literaturveranstaltungen (u.a. an den Solothurner Literaturtagen) oder äussern ihre Meinung in Literatursendungen am Schweizer Fernsehen.

Es soll über jene geredet werden, die fehlen

Üblicherweise ist es der Kritiker des «Tages-Anzeigers», der den Ton angibt. Diesmal übernahm die «Aargauer Zeitung» die Methode. Kritikerin Anne-Sophie Scholl traf die Geschäftsführerin der Solothurner Literaturtage Reina Gehrig zum Interview. Ein «konfrontatives» Gespräch sollte es sein. Die «Konfrontation» bestand darin, die Geschäftsführerin sich rechtfertigen zu lassen, warum bestimmte Namen im Programm nicht auftauchten. Da stecke eine gewisse Systematik dahinter, unterstellte die Kritikerin. Die Geschäftsführerin wies (einmal mehr) darauf hin, dass die Literaturtage anders als andere Festivals nicht von einer künstlerischen Leitung kuratiert werden. Strenge Richtlinien gibt es nicht. Es werde diskutiert und zwar innerhalb einer zehnköpfigen Programmkommission, die alle zwei Jahre wechselt.

Machtstrukturen im Literaturbetrieb

 Damit gab sich die Kritikerin jedoch nicht zufrieden. Sie beauftragte die nach Solothurn nicht eingeladene Autorin Corinna T. Sievers, über «Machtstrukturen im Literaturbetrieb» zu schreiben. Die Nichteingeladene sollte nun öffentlich begründen, warum sie «zwingend» hätte eingeladen werden müssen und aus welchen systemischen Gründen das leider nicht der Fall sei. Ein desaströser Auftrag. Und erstaunlich, dass ihn Sievers, vermutlich noch unter Zeitdruck, angenommen hat.

Doch mit den Literaturtagen scheint sie sich nicht weiter befasst zu haben. «In Entscheider-Positionen» sässen «nur 20 Prozent weibliches Personal» zitiert sie eine nicht genannte Studie bzw. die Autorin Nina George: «Alte, weisse Männer» verstopften Jurys und Fördergremien. Zwei Klicks hätten genügt, um auf der Website der Literaturtage festzustellen, dass die Solothurner Programmkommission aus 5 Frauen und 5 Männern unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Sprachen besteht (ja, bezüglich Hautfarbe gibt es Nachholbedarf).

Medienpräsenz als Ticket für Solothurn

Eine andere Studie komme zum Schluss, dass «männliche Literaturkritiker zu 76 % Bücher männlicher Autoren» besprechen würden und Literaturkritikerinnen ihrerseits wiederum zu 52 % Männer. Das erscheint alles, auch wenn ohne Quellenangabe, plausibel. Ein bisschen irritierend ist allerdings, dass die Autorin ausgerechnet ihre eigene hohe Medienpräsenz und die zweier Kolleginnen anführt, um aufzuzeigen, mit welcher dringlichen Berechtigung sie nach Solothurn hätte eingeladen werden müssen: «…Spiegel-Bestsellerliste, Lobeshymnen in Zeit, FAZ, NZZ… SRF 52 beste Bücher…». Soll da einer unabhängigen, paritätisch besetzten Programmkommission etwa mit männlich dominierter Medienresonanz Eindruck gemacht werden?

Eingerahmt werden Sievers zusammengeklaubte Zitate durch die rührige «Geschichte» einer 22-jährigen «Lena oder Lara», die am Literaturinstitut in Biel studiert habe, sich von einem «Verleger» einreden lasse, «wirklich begabt» zu sein und sich von diesem, «weil es ja für irgendwas gut sein muss, eine Frau zu sein», auch mal die Hand aufs Knie legen lasse. Offenbar kennt Corinna T. Sievers weder jüngere Autorinnen, die in Biel studiert haben, noch die in Kleinverlagen organisierte ums Überleben kämpfende Schweizer Buchbranche. So werden ihre «grundsätzlichen» kulturpolitischen Überlegungen entlarvend zur Vorabend-Soap.

Leerstellen – aber bei wem genau?

Und wie es sich für die herdengetriebenen Medienschaffenden gehört, nimmt ausgerechnet der «alte weisse Mann» vom «Tages-Anzeiger», Martin Ebel, der seit Jahren Sendeplätze und Jurys «verstopft», den Ball auf: «Was die Programmkommission dieses Jahr zusammengestellt hat», schreibt er, sei «voller schwer erklärbarer Leerstellen». Schwer erklärbar ist das Verfahren, wie es Reina Gehrig im Interview schildert, eigentlich nicht, aber offenbar schwer begreifbar für einen Literaturkritiker, dessen Alltag darin besteht, seinerseits das Gros der literarischen Produktion auszublenden. – Der Germanist und Literaturvermittler Benjamin Schlüer kontert auf Twitter: «Wenig überraschende, aber billige Kritik am Programm der @SOLiteraturtage von Martin Ebel: Einige wichtige Autorinnen würden übergangen – diese Behauptung passt ironischerweise wie die Faust aufs Auge, wenn man Ebels Liste von Rezensionen ansieht…».

Ein Kritiker muss naturgemäss ausblenden. Dass er sich dann aber nicht freut, bei einem Festival mit möglicherweise übersehenen Dingen konfrontiert zu werden, sondern die Machthebel in Gang setzt, um sich darin bestätigt zu sehen, das einzig Relevante nicht verpasst zu haben, zeugt doch von einer ziemlichen Ignoranz.

On est partis avant l’aube.  On a quitté Aigle, il devait être quoi ? 5 h, 5h15 ? Je m’en rappelle parce que j’ai voulu choper un croissant à la gare, et que le magasin était encore fermé.  Du coup comme j’avais l’estomac vide, ça m’a un peu brassé dans les virages en montant, j’ai presque vomi à la sortie du Sépey. Mais qu’est-ce que vous voulez, ces expulsions de réfugiés, on est bien obligés de les faire tôt le matin. D’abord ça nous permet de profiter de l’effet de surprise : même s’ils sont souvent un peu stressés, ces gaillards, y en a toujours un ou deux qui sont en train de roupiller quand on débarque, et ça nous facilite la tâche. Et puis quand c’est toute une famille qu’il faut embarquer pour les mettre dans l’avion, ça te permet de choper tout le monde en une fois, plutôt que de devoir encore aller chercher les gamins à l’école ou chez la logopédiste ou Dieu sait où.  

On s’est donc pointés sur le coup des 6 heures devant la porte de l’appartement de cette famille de  – c’était des quoi d’ailleurs, ceux-là ? Des Yézidites, ou Yézédines, je sais pas comment on dit exactement, mais pas venus directement de Yézédinie en tout cas, vu que c’est en Géorgie qu’on devait les expédier par vol spécial- bref, leurs origines n’étaient pas très claires, mais ils venaient en tout cas d’un pays arabe à voir leurs figures…- on s’est donc pointés là, devant leur porte, avec ordre d’emmener toute la smala manu militari à l’aéroport de Cointrin dans la matinée.  

On était une quinzaine en tout avec les collègues de Lausanne, dont trois femmes pour s’occuper de la mère et des gamins, ça devait bien se passer. En plus on était à Leysin – moi j’adore Leysin, c’est vraiment une station sympa pour aller skier avec les enfants, et puis y a ce restaurant tournant – le Kuklos, qu’il s’appelle- qui est quand même super- bref, ça devait se passer comme ça se passe en général avec les familles – le serrurier ouvre la porte, on entre en gueulant pour leur faire un peu peur et puis ensuite on leur parle gentiment s’ils se montrent coopératifs-  sauf que les Yézidites ou Yéditiens, je sais de nouveau plus comment on dit, ont fait des histoires. Le père s’est tailladé les bras avec un couteau. La mère s’est mise à nous traiter de tous les noms. Les gamins ont commencé à se cacher sous les lits ou dans les armoires. Impossible de leur mettre le grappin dessus. Nous on a l’habitude, bien sûr, on n’en a régulièrement des qui se roulent par terre en suppliant, en nous disant qu’on les tuera là-bas ou Dieu sait quoi, on n’écoute même plus. Mais là il fallait les voir s’agiter, on ne savait plus comment en faire façon. On aurait dit que leur dernière heure était venue alors que tout ce qu’ils avaient à faire c’était de retourner tranquillement chez eux et de régler leurs problèmes une fois pour toutes, même si leurs gamins avaient chopé l’accent vaudois. On n’aurait pas attaché les adultes, fait un peu la grosse voix devant les gosses, et puis bouclé les valises à leur place, c’est clair qu’on y serait encore.

Une fois toute la bande enfermée dans les fourgons, le chef a appelé le Conseiller d’Etat, à Lausanne.   «The job is done » il lui a dit en voulant crâner un peu (y en a deux ou trois comme ça à la Police Cantonale). Mais Monsieur Leuba n’a pas compris -le réseau n’est pas toujours très bon à la montagne- alors le chef a repris : « on a fait le boulot, monsieur le Conseiller d’Etat » et à voir sa tête, j’ai compris que le grand vizir l’avait félicité.  Là-dessus les collègues de Lausanne ont pris la route pour emmener les Yédzini à Cointrin et nous, ceux du poste d’Aigle, on est allés boire un café. Franchement, on ne l’avait pas volé celui-là.  Et puis moi j’ai pris un sandwich au jambon en plus de mon renversé, j’avais pas envie de me trouver de nouveau mal dans la descente. Eh ben le pire c’est que je l’ai regretté, parce que juste avant le Sépey j’ai dû demander au collègue de s’arrêter et je suis allé rendre tripes et boyaux derrière un entrepôt de l’office des routes. Comme quoi, qu’on soit à jeun ou pas dans les virages, cela ne change pas grand-chose.

…Et puis le soir j’ai demandé à ma femme si elle savait où c’était la Yézidite.
Elle savait pas non plus. On a voulu chercher un moment sur Internet mais on s’est découragé et on a fini par commander un truc en ligne, chez Zalando.  

http://petitiondavrishiyan.strikingly.com/

Beim Betreten der Ausstellung im Kunstmuseum erinnerte ich mich sofort an einen Kollegen, der die Künstlerin Miriam Cahn einmal getroffen hat und erzählte, dass diese schon in jungen Jahren sehr genau gewusst habe, wer sie war und was sie wollte. Daran, ob er sie möglicherweise als «aggressiv» geschildert hatte, konnte ich mich nicht mehr erinnern, sicher ist aber, dass «Aggression» die treffende Bezeichnung für das Gefühl ist,  das mir beim Betreten des Saales entgegenschlug. Schon nach ein paar wenigen ersten Blicken auf die mächtig auftrumpfenden, wildbunten Gemälde an den Wänden musste ich mich in den ersten Nebenraum flüchten, wo eine Seelandschaft hing, die mich nicht auf der Stelle zwang, meinen Blick abzuwenden. Diese Landschaft strahlte sogar so etwas wie Ruhe aus, wenn wahrscheinlich auch eine trügerische. Aber ich war dankbar, dass ich mich dort auf eine Holzbank setzen und mich sammeln konnte. Geflohen bin ich vor aufdringlichen Verstümmelungen und Verzerrungen, die so brutal und direkt auf mich einstürzten, dass ich sofort überfordert gewesen war und, ausser dem Empfinden von Aggression, meine Gefühle nicht mehr einordnen konnte. Plötzlich hatten mich riesige, plakative Fratzen angestarrt, als wollten sie mich als Museumsbesucher verhöhnen. Waren das Bilder, die das Publikum beschimpfen wollen oder sollen? Was hast Du Dir gedacht du spiessiger Sack! Du hast wohl Erbauung und Besinnung gesucht im Musentempel! Irrtum! Gigantischer Irrtum! Falsche Adresse! Ätsch! Bätsch!
Was ich gesehen hatte, zeugte zweifellos von schier grenzenlosem Mut zur Darstellung einer sehr persönlichen und äusserst intensiven Wahrnehmung der Welt. Da war in diesen groteskfarbigen Fratzen und Figuren auch noch eine ebenso grenzenlose Wut auf diese Welt, und ich war wirklich froh, dass ich mich setzen und in diese Landschaft schauend, mich beruhigen konnte. Erst dort auf dieser Bank bemerkte ich, wie verstört ich wirklich war. Ja, dachte ich, ich bin aufgewühlt, verunsichert, klein gemacht, enttäuscht, vor den Kopf gestossen. Viel mehr kann Kunst gar nicht können, als so schnell, so viel auszulösen. Dann dachte ich, viel mehr darf Kunst aber auch nicht müssen, sonst sind wir ja mitten im Krieg. Und schliesslich dachte ich, jetzt schaue ich mir alles noch einmal in Ruhe an, aber bitte, sagte ich mir eindringlich, mit kühlem Kopf und mit etwas mehr Distanz, sonst kannst du gleich nachhause gehen.
     

Weil mich der Kondukteur im Matten-Lift leicht verwundert anschaute, als ich auf seine Frage, ob ich das Billet wolle, mit «Ja» antwortete, sagte ich: «Wer weiss, wie lange es die noch gibt.» Die Münsterplattform lag dann ziemlich verlassen da, nicht mal ein Spatz war zu sehen, alles grau, auch die Aare floss ziemlich grau ins neue Jahr hinein, aber in der Englischen Anlage war jemand in einer roten Jacke unterwegs und vor der Balustrade über der Stützmauer sah ich am nassen Boden erst einen wohl an Silvester verwendeten Aufklebeschnauz, also einen Papierschnurrbart, und dann nicht weit davon entfernt, fast leuchtend, ein kleines Herz aus roter Alufolie.
Die Aare war übrigens nicht nur grau, sie war auch so mager, dass sie nicht das leiseste Rauschen zu bieten hatte. Weitergehend fragte ich mich, ob es wohl stimme, dass im Russischen, wie ich gerade bei Benjamin gelesen hatte, «rot» und «schön» ein Wort ist, bis ich in einem entlaubten Busch hinter der Mauer über der Mattentreppe plötzlich sah, wo sich die Spatzen versteckten. Da sassen vielleicht 40 oder sogar 60 Spatzen in diesem kahlen Busch. Gut, vielleicht waren es nicht 60, aber 50 bestimmt. Genau konnte ich sie nicht zählen, denn vom Münster her war immer wieder der Flügelschlag einer Taube zu hören, der sie alle aufschreckte und durcheinander flattern liess, bevor sie sich wiederum nur kurz in dem Busch niederliessen. Vielleicht weil Sonntag war, gab es kaum Passanten und für einmal auch keine Touristen. Nur an der Kreuzgasse führten ein Mann und eine Frau ihre Hunde spazieren. Und auch an der Gerechtigkeitsgasse kamen ein Mann und eine Frau durch die Laube, die beide kleine struppige Hunde an einer Leine führten.
Diese Hunde trugen beide ein grünes Mäntelchen und waren sehr lebhaft, gingen aber artig bei Fuss neben ihren Besitzern. Ich war nicht sicher, ob es Terriers waren und nahm mir vor, zuhause nachzusehen. Während ich bemerkte, dass der eine der Hunde leichter, vielleicht auch jünger als der andere war, tauchte weiter unten bei der Bushaltestelle noch ein Hund mit einem ebenfalls grünen Mäntelchen auf. Er sah eher mopsmässig aus, hatte lange Haare und kürzere Beine, versetzte die beiden anderen Hunde dennoch in Aufregung. Sie hatten an ihren Leinen zu ziehen begonnen und einer hatte sich mit einer Drohgebärde dem andern zugewandt und ich hörte, wie die Halterin sagte: Ruhe, Zora! Zora! Ruhe! Und dann sagte sie noch: Du muesch dr Küdu nid massregle, das tüä mir scho mache. Ohne zu wissen wozu, merkte ich mir diese Wörter: Du muesch dr Küdu nid massregle, das tüä mir scho mache, und gleichzeitig fiel mein Blick auf einen kleinen Fetzen Papier auf dem Laubenboden. Es war ein bedruckter Kleber, der von Schuhabdrücken schon braun und dreckig war, aber buchstabensüchtig, wie ich bin, musste ich wissen, was dort gerade noch lesbar draufstand und bückte mich. TRAUMA & GEWALT stand da. Beim Abbiegen von der Gerechtigkeitsgasse in das Antoniergässchen sah ich mich dann ganz plötzlich einer Plakatwand gegenüber und auf dem ersten Plakat, das ich bewusst wahrnahm, stand: NÄCHSTER HALT NIRWANA. Es ging um irgend einen Lehrkurs, und gleich daneben stand ebenso gross: UNSEREN BODEN SCHÜTZEN, eine Aussage, die ich schon eher einordnen und auch verstehen konnte.
Zuhause angekommen, suchte ich, sobald ich meine Sachen abgelegt und die nassen Schuhe ausgezogen hatte, nach einem Buch der Hunderassen, in welchem ich meine Vermutung bestätigt fand. Bei «Zora» und «Küdu», muss es sich um Fox-Terriers gehandelt haben. Bevor ich das Buch wieder auf das Regal stellte, hatte ich das Billet des Mattenlifts zwischen die Seiten gelegt. Elektrischer Personenaufzug Matte-Plattform AG –  Fr. 1. 20 steht auf dem kleinen Stück Papier.

Und was hat Maria Tackmann damit zu tun?

Anlässlich der Ausstellung Cantonale Berne Jura zeigte die 1982 in Wattenwyl geborene Künstlerin im Kunstmuseum Thun eine Installation aus Materialien, die sie auf Spaziergängen in einem Quartier von Paris gefunden hat und zum Teil weiter bearbeitete. Es sind zerbrochene Bodenplatten und Backsteine dabei, auch Scherben, Bruchstücke aus Holz, Metall und Plastik. Weil mir diese sogenannte Bodenarbeit sehr gefallen hat, habe ich mich gefragt, was ich denn so mitbrachte, von meinem letzten Spaziergang in Kopf und Hosentasche? Es sind auch nur Fetzen und Fragmente, aber immerhin verweisen sie auf die verwischten Spuren des Lebens in unserer Stadt.

Un conte de Noël

von Antoine Jaccoud 19. Dezember 2018

Y avait Meriton qui scrollait régulièrement l’écran de son Samsung pour regarder la photo d’une Mercédès qu’il convoitait peut-être, ou avait vendu à un cousin. C’était difficile à dire. C’était une belle bagnole en tout cas. Y avait Endrit qui était allé voir la fille de la sœur de sa tante, la belle Blerta, pour lui faire comprendre qu’il l’épouserait bien l’été prochain et que 350 invités dans la grande salle de l’hôtel Eros sur la route de Prizren ce serait le minimum. Y avait Agon qui était allé voir son père qui agonisait à Ferizaj et qui se disait qu’il eut mieux valu qu’il meure maintenant plutôt qu’à Noël – période durant laquelle il aurait du mal à revenir au bled à cause de son boulot dans une grande surface. Y avait aussi Kushtrim dont la mère se remettait gentiment d’un AVC à Lipjan après deux mois passés à l’hôpital central de Pristina -celui que, personnellement, je vous déconseillerais si vous pouvez choisir. Y avait Jeton, enfin, qui s’était fait faire une coupe de cheveux style mercenaire russe en poste dans le Dombass et qui trouvait ça beau. Bref, c’était un vol normal entre Pristina et Genève comme il y en a tous les matins. Une partie de la tête était encore au pays, l’autre déjà à Yverdon, ou à Lausanne, tandis que sur la gauche les Alpes bernoises commençaient à percer vaillamment la mer de brouillard et que les crêtes du Jura étaient encore un peu à la traîne sur ce point.  On en était là lorsque le steward en gilet noir annonça la collecte de l’UNICEF pour les enfants victimes de la polio, « les derniers » précisa-t-il. Ce fut alors comme si tous se réveillaient, oubliaient leur smartphone, leurs soucis, leurs petites affaires et leurs projets. Meriton donna une pièce de 5 francs. Endrit jeta un billet de 10 euros dans le sac plastic marqué du logo de l’UNICEF. Agon donna tout ce qui lui restait de monnaie en euros, ce qui eut pour effet d’alourdir considérablement le réceptacle de la collecte. Kushtrim mit 20 balles sans sourciller. Et Jeton, oui, celui qu’on aurait bien vu dans une tranchée, en treillis et une AK 47 à la main, sortit de sa poche une pièce de 2 francs suisses. Je tenais mon conte de Noël. Sauf que c’était du vécu. A l’arrivée à Genève, alors que tous se levaient dans une joyeuse cohue pour attraper leurs bagages, un de ces gaillards m’aida encore à mettre mon manteau, tirant sur la manche mal dépliée, corrigeant les épaules, ajustant la capuche. Tel un frère. La meilleure partie de la Suisse, je me dis, c’est le Kosovo.

Zuerst einmal ist es eine ungeheure Erleichterung: da geht in einem grossen europäischen Land der einheimische untere Mittelstand auf die Strasse und protestiert und tut das für einmal nicht gegen die Ausländer und in nationalistischen Tönen, sondern der Protest geht dorthin, wo er hin soll: gegen die Mächtigen, diejenigen, die mit ihren politischen Entscheiden dafür verantwortlich sind, dass es ihnen, den Menschen, die auf die Strasse gegangen sind, so dreckig geht. Dass Macron es nicht –  oder jedenfalls nicht in diesem Mass –  verdient hat, zur Symbol- und Hassfigur einer Elite zu werden, die sich um die Interessen der Benachteiligten foutiert, ist dabei nur ein kleiner Schönheitsfehler. Viel schwerer wiegt, dass die Gilet Jaunes zwar klassische linke Anliegen auf die Strasse tragen, von der Linken aber nichts zu hören ist. Wer sich einmischt ist dafür Marine Le Pen, die sich als „Gilet jaune“ der ersten Stunde bezeichnet und sich also Chancen ausrechnet, die Kraft dieses Protestes auf ihre Mühlen zu lenken. Nach der Erleichterung könnte der Schrecken folgen, dass auch dieses Volk sich gegen rechts wendet.
Die Gilets dieser Bewegung sind nicht rot und sind nicht braun, sie sind gelb, haben also keine politische, sondern eine Warnfarbe. Das ist ja auch der ursprüngliche Zweck dieser Gilets: sie sind obligatorisch in jedem französischen Auto dabei und werden bei einem Unfall angezogen, um eben darauf hinzuweisen und zu warnen: Achtung, hier hat sich ein Unfall ereignet.
Und dass bei so vielen Franzosen und auch andern Bewohnern Europas das Geld so knapp geworden ist, dass sie nicht den Klimawandel und ein mögliches Ende Welt, sondern das Ende des Monats fürchten müssen, das ist tatsächlich ein Unfall, zu dem gehört, dass er nicht einfach passiert ist, sondern verursacht wurde – durch Politik. Die wirtschaftliche Produktivität und der gesamtgesellschaftliche Reichtum sind in den letzten Jahrzehnten stets gestiegen, gleichzeitig wurde die Verteilung immer ungleicher. Das ist der Unfall, auf den die Gilet Jaunes hinweisen. Und wir können nur hoffen, dass sie auch weiterhin gegen die Politik demonstrieren, die diesen Unfall verursacht hat und noch immer verursacht.

Da liest man also in der Zeitung von einem Füllfederhalter der Marke Montblanc, der 1.5 Millionen Euros kostet. Auch ein Bild ist da. Am Deckel des Füllers klebt eine Spinne, die natürlich in alleredelsten Materialen, das Gerät mit einem Netz überzieht, das symbolisch für jenes Gewebe steht, das auch durch die Schrift, durch Wörter und Sätze entsteht.
Nun ist ein Füller ja nicht irgendetwas, habe ich doch gerade jetzt auch einen in der Hand. Diese Buchstaben hier schreibe ich mit einer Rotring Art-Pen. Ich glaube, sie kostete mich etwas um die 25 Franken.
In der gleichen Zeitung (La Vanguardia) sehe ich im Zusammenhang mit einem Bericht aus Yemen das Bild eines unterernährten Kindes auf einem Spitalbett. Es trägt nur eine Windel, seine Gelenke stehen hervor, seine Glieder sind dünn, dünn, einfach wahnsinnig dünn und zerbrechlich. Der Blick des Kindes aus den grossen dunkeln Augen ist herzzerreissend, es kostet mich Mühe, meinen Blick nicht von seinem abzuwenden. Es tut weh, denn es ist nicht leicht, die eigene Hilflosigkeit in Anbetracht eines solchen Verweises auf den Zustand der Welt zu ertragen. Ich tue es. Zwinge mich, das Bild zu sehen und mir zu überlegen, was es mit mir zu tun hat. Gleichzeitig wird mir bewusst, dass es anders als hier in Spanien vermutlich keine mitteleuropäische Tageszeitung mehr gibt, die mir ein solches Bild zumuten würde. Eine schweizerische schon gar nicht! Und ich frage mich, ob das gut ist, ob das nicht auch eine Art von Zensur bedeutet?
Und was hat Meindert Hobbema damit zu tun?
Gerade dort, wo uns kommerzielle Medien, die sich ja verkaufen müssen, so oft vor der Realität zu schützen versuchen, dort hat die moderne Kunst – in Wort und Bild – sicher einen ihrer edleren Aufgabenbereiche gefunden. Kunst kann uns zur Konfrontation zwingen. Jemand der dies beispielhaft und sehr erfolgreich tut, ist die englische Künstlerin Jenny Saville. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, wurde letzte Woche ein Bild von ihr für rund £ 10 Millionen versteigert, in London versteht sich! Da es sich um den höchsten Preis handeln soll, der je für das Werk einer lebenden Künstlerin oder eines lebenden Künstlers bezahlt wurde, wäre es durchaus gerechtfertigt gewesen, dass es hier in meinem letzten Blog aus Spanien mit Jenny Saville weiterginge. Aber Presse und Berichterstattung ist das eine, Kunst ist etwas anderes. Es widerstrebt mir, ein Bild zur Betrachtung aufzuschalten, das ich nicht gerne anschaue, obschon ich es als meine Pflicht betrachte, die Realität wahrzunehmen. Keinesfalls möchte ich mich zum Kunstkritiker aufspielen und über die Künstlerin Saville oder ihre Bilder ein Urteil fällen. Aber Bilder, deren Kraft mir sofort ins Auge springen, in die ich mich aber nicht vertiefen, die ich also nicht genauer betrachten möchte, stellen mein Verständnis von Kunst infrage. Sollte Kunst nicht so sein, dass man sie sehen will, ausgiebig und immer wieder? Wie zum Beispiel die berühmte, auch in London beheimatete Allee von Hobbema? Hat man dieses Bild je wirklich und ganz gesehen? Möchte man sich nicht immer wieder in diese Situation hineinbegeben? Da kann man lange über diesen Himmel staunen, zu Ende gesehen hat man ihn nie!

J’ai peur qu’avec cette pétition lancée pour offrir un pavillon suisse à l’Aquarius, je parle de ce bateau qui erre en Méditerranée avec des migrants dessus, eh bien j’ai peur que cette action crée un appel d’air comme on dit, c’est à dire une sorte de signal positif à l’endroit des migrants, une manière d’encouragement en quelque sorte, une véritable invitation à venir chez nous pour s’y installer durablement et que, dès lors, fort de ce signal, davantage encore de migrants veuille migrer en direction de chez nous alors qu’ils sont déjà des dizaines, voire des centaines de milliers, voire des millions à se ruer dans nos contrées pour quémander qui des soins, qui du travail, qui encore une Audi A4 gris métallisé et un smartphone neuf; oui, je le dis sans ambages, j’ai peur que cette pétition exigeant que le pavillon suisse flotte sur le mât de cet Aquarius convoque littéralement ces migrants chez nous alors que nous n’avons tout simplement pas la place pour les accueillir sans parler des tracas et des soucis sans fin auxquels nous sommes journellement confrontés à l’échelle de notre propre communauté. On objectera probablement à ces arguments de simple bon sens que cet Aquarius ne peut pas aborder directement chez nous puisque notre pays n’est pas exposé à un contact direct avec la mer. Je reconnais bien volontiers cette évidence topographique indéniable mais je veux rendre ceux et celles qui mettront de tels arguments dans la balance qu’avec cet appel d’air les migrants dès lors stimulés dans leur désir de se rendre chez nous pourraient tout simplement se mettre en tête de creuser des canaux leur permettant de relier la mer aux lacs de notre pays, par exemple entre Sète et Yverdon, ou encore entre Marseille et Walenstadt, à moins qu’ils ne choisissent tout bonnement de se déplacer à pied jusqu’à ceux de nos lacs qui font office de frontière avec l’étranger, tel le Lac Léman ou le lac de Constance, et, une fois arrivés sur les berges de ceux-ci, se jeter à l’eau une nouvelle fois, ou alors se servir de pédalos voire de paddles, afin d’aborder nos rivages pour ensuite nous envahir avec la claire intention finale de nous remplacer dans nos églises, nos vignes, nos ongleries, nos spas puis, pourquoi pas, nos lits. On le voit, une telle perspective ne peut que nous encourager à dire non à une demande aussi insensée. Que flotte notre étendard sur les cimes, les casernes et les hôtels garnis, mais pas sur l’Aquarius. 

Spielt Philosophie für das Leben eine Rolle, hat sie Einfluss auf unser Handeln?  Sogar für die Beantwortung ethischer Fragen, so vermute ich, hat die Philosophie kaum ein Gewicht. Wer wird schon durch die Lektüre philosophischer Texte zum Vegetarier?

Noch viel weiter von der Wirklichkeit praktischen Handelns scheint die Frage entfernt, ob die Welt letztlich nur aus Materie besteht, und sich alles, was existiert, mit Hilfe von Physik erklären lässt. Nun gibt es ziemlich viele Leute – und an den Universitäten sind sie vielleicht sogar in der Mehrheit – die davon überzeugt sind, es gebe in der Welt letztlich nichts als Materie und Physik. Im philosophischen Fachjargon gesprochen heissen diese Leute übrigens Naturalisten. Selbstverständlich gibt es im akademischen Diskurs auch die Gegenposition. So beispielsweise beim amerikanischen Philosophen Thomas Nagel mit seinem Buch Geist und Kosmos, das folgenden langen Untertitel trägt: Warum die materialistische, neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist.

Im deutschen Sprachraum ist Markus Gabriel nicht nur der jüngste Philosophieprofessor, sondern auch die prominenteste Stimme derjenigen, die die Physik als Welterklärungsformel in ihre Schranken weisen wollen. Für ihn erklärt die Physik gar nichts mehr, sobald es um den menschlichen Geist und seine Erzeugnisse (Gedichte, Staaten, Gerichtsurteile) geht. Um etwas über den Menschen zu erfahren, sollten wir seiner Meinung nach nicht unbedingt nur Romane, sondern auch die neusten Fernsehserien wie zum Beispiel Westworld anschauen.

Soweit so gut, könnte man sagen. Sollen die Philosophen und wer dazu Lust hat, sich um die Philosophie kümmern, und die anderen schauen sich direkt Westworld an, und am Ende des Tages sind das einfach zwei verschiedene Sorten von Freizeitbetätigung. Oder ist diese Sicht zu einfach und vielleicht sogar grundsätzlich falsch?
Der Philosoph Markus Gabriel gibt hierauf eine irritierend eindeutige Antwort.  Er hat ein Video einer Japanreise auf Youtube gestellt, und im Gespräch mit, wie ich annehme, japanischen Philosophiestudenten sagt er dort Folgendes (auf Englisch natürlich):  „Der Naturalismus ist das Problem des 21. Jahrhunderts, nicht Terrorismus. Und ich denke, dass viele Leute in Regierungs- und Verwaltungspositionen Naturlisten sind. Aber der Naturalismus ist pure Ideologie. Naturalismus ist so gefährlich wie der Klimawandel. Ich denke, er ist die grösste intellektuelle Krankheit unserer Zeit.“
Wir müssen davon ausgehen, dass der Klimawandel eine Bedrohung für unsere Zivilisation bedeutet. Denkt Gabriel also, der Naturalismus sei eine Bedrohung für unsere Zivilisation?  Aber wie kommt er zu einer solchen Meinung? Kommt es daher, dass der Philosoph, das, was ihm am liebsten ist, das Philosophieren nämlich, masslos überschätzt und ihm deshalb in selbstherrlich, selbstverliebter Weise eine Bedeutung zuspricht, die es niemals hat?

Oder hat der brillante Philosoph da einfach über die Länge von  ein paar Sätzen hinweg die Zügel schiessen lassen, angeheizt von irgend einem japanischen Schnaps oder Tintenfischgericht? Oder habe ich ihn missverstanden, meint er es gar nicht so drastisch? Oder aber – und das ist für mich die beunruhigendste Deutung – bin ich blind für die Gefahr, die von Menschen ausgeht, die denken, es gebe im Grunde nur Materie und Physik?

Und wer gibt mir die Antwort auf diese Fragen? Ich versuche es einmal mit einer Email an Markus Gabriel und gebe, falls ich vom vielbeschäftigten Professor eine Auskunft erhalte, hier wieder Bericht.

Ja, Katalonien ist noch da, nicht weit von hier, und noch beherrscht das Unabhängigkeitsthema Land und Leute, aber aus dem angekündigten heissen Herbst wird wohl nichts. Wegen der vielen Einsprachen hat das Höchste Gericht Spaniens den Prozess gegen die angeklagten und zum Teil in Untersuchungshaft weilenden Politiker und Politikerinnen ins neue Jahr hinein aufgeschoben. Der amtierende Katalanische Präsident hat schon vorgewarnt, dass man eine Verurteilung nicht akzeptieren würde. Wie genau sich dies äussern wird, hat er allerdings nicht verraten.

Was Restspanien betrifft, ist es dem Berichterstatter eher peinlich, sich hier auch noch über die mit gefälschten akademischen Lorbeeren geschmückten Lebensläufe so vieler Politiker und Politikerinnen auszulassen. Gab es nicht mal diese menschliche Erfindung der Scham? Und gäbe es in diesem Land nicht Probleme, die die volle Aufmerksamkeit der Politik verdienten? Als ich neulich hörte, wie ein Nachbar beim Kartenspiel vor der Taverne auf dem Dorfplatz sagte: «Jetzt stellen sie einander ihre Universitätsabschlüsse in Frage», kam es mir vor, als hätte sich im Ton seiner Stimme die weit verbreitete Verachtung für die Politiker und Politikerkerinnen abermals gesteigert.

Und weil der amtierende sozialistische Präsident in Madrid so sozialistisch gar nicht ist, trifft er sich auch noch mit diesem Monsieur aus dem Wallis der FIFA und bringt die WM 2030 ins Gespräch. Brot und Spiele könnte man sagen. Sicher ist, der Lack der neuen Regierung war schneller ab, als es die schlimmsten Pessimistinnen vorauszusagen gewagt hätten. In den ersten 100 Tagen gab es 100 Fettnäpfchen und keines wurde ausgelassen. Wie leicht ist es doch, den Waffenexport in kriegführende Länder zu geisseln, wenn man in der Opposition ist. Einmal an der Macht sind in diesem von Arbeitslosigkeit geplagten Land die Stimmen der Betroffenen plötzlich doch wichtiger als die hochgehaltenen Ideale. Etwas verblüfft stellt man deshalb fest, dass da eine Regierung angetreten ist, die zwar für Spanien eine spektakuläre Frauenmehrheit zu bieten hat, die sich sonst ethisch und moralisch aber bei weitem nicht so klar von ihrer gestürzten Vorgängerin abhebt, wie man erhofft hatte.

Und was hat Wolfgang Mattheuer damit zu tun?

Präsident Sanchez spricht von einer WM in Spanien und YB spielt in der Champions League und Wolfgang Mattheuer hat mit seiner Lithografie eines der wenigen beachtenswerten Kunstwerke geschaffen, die es meines Wissens zum Thema Fussball gibt. Gut, es hat nichts mit dem Massenphänomen Fussball zu tun, aber auch hier ist der Ball rund und er fliegt so hoch über die Welt, als wäre es der Mond. Eigentlich eine herrliche Szene, wenn auch nur mit drei Zuschauern. Leicht erkennbar ist aber auch, dass hier ein Meister am Zeichnen war. Wolfgang Mattheuer war denn auch nicht irgendwer. Als Mitbegründer der Leipziger Schule ist er mitverantwortlich für die wenigen künstlerischen Impulse, die von der DDR über ihr Ableben hinaus wirksam blieben.

Le jour où

von Antoine Jaccoud 13. September 2018

Certains se sont débarrassés de leurs vêtements pour courir nus dans la rue.

Un est descendu dans sa cave et a commencé à ouvrir une bouteille après l’autre invitant ses voisins à boire avec lui.

Des couples, qui n’en finissaient pas de s’engueuler depuis des années, se sont quittés en quelques secondes.

D’autres – hommes et femmes, hommes et hommes, femmes et femmes, hommes et bêtes, enfin – qui se regardaient depuis des lustres sans oser se parler, se sont jeté l’un sur l’autre et se sont aussitôt promis un amour éternel.

Des scènes d’amour physique ont commencé d’avoir lieu un peu partout dans les parcs, dans les rues voire sur les places publiques.

Des bègues ont cessé de bégayer. Des hypochondriaques se sont mis à siffler comme des pinsons.

Des crucifix ont été arrachés (mais d’autres ont surgis dans les bras de certains désespérés). Des mosquées sont tombées (mais d’autres ont poussé sous l’impulsion de certains désespérés). Des panneaux publicitaires à la gloire des marchands de lunettes et des compagnies aériennes ont été jetés au sol. Des spas et des fitness ont été endommagés.

Des automobiles, électriques pour la plupart, ont été renversées.

Les employés des offices des poursuites et des centres de placement ont quitté leur poste de travail, annonçant en partant à ceux et celles qui attendaient leur tour d’être maltraités qu’ils pouvaient rentrer chez eux et dormir sur leurs deux oreilles.

Des migrants ont été invités à manger la fondue. Des prostituées ont reçu des baisers sur les joues. Des abattoirs ont été ouverts libérant des vaches et des porcs sautant comme des cabris.

C’était en 2035, lorsqu’on a su que la lutte contre le réchauffement climatique – enfin, ce simulacre de lutte, avait définitivement échoué.

 

Selon le  journal Earth System Dynamics, on devrait savoir dès 2035 de manière à peu près certaine si la planète pourra être encore sauvée ou si le climat sera définitivement hors de contrôle. https://www.earth-syst-dynam.net/9/1085/2018/

Willi Schmid, langjähriger Lektor des Zytglogge Verlags, Träger des Berner Sisyphus-Preises und Mitgründer der Solothurner Literaturtage, wird am 8. September neunzig.

Zu diesem Anlass haben Anina und Ursina Barandun, zusammen mit Bernhard Schlup (Gestaltung), ein Buch herausgegeben: Originaltexte, frisch geschrieben für Willi Schmid, als Privatdruck, den er anstelle eines grossen Festes ausgehändigt bekommt. Das Buch enthält Texte u.a. von Maja Beutler, Peter Bichsel, Beat Brechbühl, Ernst Burren, Yla Margrit von Dach, Urs Frauchiger, Gret Haller, Franz Hohler, Helmut Hubacher, Peter von Matt, E.Y. Meyer, Francesco Micieli und Markus Michel.

Willi Schmid war Chemiker, in leitender Position, als er seine sichere Existenz aufgab und Lektor beim kleinen Zytglogge Verlag wurde. Er prägte die Schweizer Literatur in den folgenden Jahrzehnten massgeblich. Er entdeckte und förderte unter anderem Gerhard Meier und war mit etlichen Autorinnen und Autoren eng verbunden, selbst wenn deren Bücher gar nicht im Zytglogge Verlag erschienen. Willi Schmid war eine Instanz, als Freund, Leser, Förderer. Nach seiner Pensionierung als Lektor wurde er Bio-Winzer am Mont Vully, oberhalb von Vallamand.

In seinem Beitrag schreibt Peter Bichsel: «Irgendwie hast Du der Schweiz das Lesen beigebracht und Deinen Autoren das Schreiben. Und dies nicht als Literaturpapst oder wortgewaltiger Kritiker, sondern als Mentor, als geduldiger Begleiter und stiller Geniesser. Du hast mit der Literatur Dich selbst gerettet und uns alle auch».

Das erwähnte Buch ist in einer Auflage von 70 Stück erschienen und kann nicht käuflich erworben werden. Journal B veröffentlicht hier die Beiträge von Guy Krneta und Samuel Moser.

 

Guy Krneta / Der Hintertriebene

Wenn ich jemandem erkläre, was den Beruf des Lektors ausmacht, erzähle ich von Willi Schmid. Ich weiss natürlich, dass Willi Schmid nicht der Prototyp des Lektors ist. Dass er eher die seltene Ausnahme, der Ideal-Lektor ist, den es eigentlich nur in der Erzählung gibt. Und ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich Willis Tätigkeit auch nur aus der Erzählung kenne. Es ist nie dazu gekommen, dass wir zusammen an einem Buch gearbeitet haben. Ich habe mir immer gewünscht, dass es dazu käme. Weil Willi, wie ich mir vorstelle, der Lektor wäre, den ich mir wünschen würde. Ich hätte gerne für und mit Willi ein Buch geschrieben. Da ich von Kolleginnen und Kollegen weiss, die das zu ihrem Glück getan haben. Und die dank Willi Bücher geschrieben haben, die es ohne ihn, seine Aufmerksamkeit, seine Neugier und Kritik nie geben würde.

Wenn ich erkläre, was den Beruf des Lektors ausmacht, sage ich: Willi Schmid hat mit seinen Autorinnen und Autoren gearbeitet, bevor die überhaupt wussten, dass er mit ihnen an einem Buch arbeitet. Er ging mit ihnen spazieren, hat sich mit ihnen unterhalten, ihre frisch geschriebenen Texte gelesen und ihnen vielleicht gezeigt, wie daraus ein Buch werden könnte. Wenn das Buch dann fertig war, ging er damit zum Verlag. Und meistens, nehme ich an, hat der Verlag das Buch in dieser Form übernommen. Ein Lektorat war ja kaum mehr nötig.

Was mich an dieser Arbeitsform immer fasziniert hat, ist das leicht Hintertriebene. Ich weiss nicht, wann Willi all die Bücher lektoriert hat, von denen sein Verlag und sogar seine Autorinnen und Autoren noch gar nichts ahnten. Er muss eine grosse Narrenfreiheit besessen haben, die heute in vielen Verlagen, in der Literaturszene überhaupt oft fehlt. Weil angeblich das Geld fehlt zum gemeinsamen Spazieren, Sich-Unterhalten und ziellos Lesen. Vielleicht hat es ja schon damals gefehlt. Und Willi hintertrieb seinen Verlag, seine Autorinnen und Autoren nachts, am Wochenende, unbezahlterweise womöglich.

So stelle ich mir das vor. Und ich erzähle es allen, die Willi nicht kennen, die nie mit ihm zu tun hatten, nie mit ihm an einem Buch gearbeitet haben, in der Hoffnung, dass sein Vorbild des Hintertreibens weiter wirkt.

Guy Krneta ist nach seiner allerersten Lesung beim Offenen Block an den Solothurner Literaturtagen 1988 von Willi Schmid angesprochen worden und hält sich seither für mit ihm befreundet.

 

Samuel Moser / Traumberuf Willi

Es stimmt nicht, dass früher in allen Büchern auf der Rückseite des Titelblattes oder zuhinterst irgendwo stand: «Lektorat Soundso». Ich habe nachgeschaut. Aber in meiner Erinnerung ist es so. Und dann stimmt es sicher auch nicht, dass «Soundso» immer Willi Schmid war. Dass Willi Schmid alle Bücher, die ich las, lektoriert hat. Willi möchte ich diese Herkulesarbeit auch gar nicht zugemutet haben – den Büchern dagegen eigentlich schon.

Es ist nicht so gewesen, aber es muss so gewesen sein.

Ich kenne selbstverständlich andere Lektoren. Oder ich kannte andere, denn heute gibt es sie ja kaum noch. Jedenfalls nicht solche, wie Willi einer war. Wie Willi einer ist. Willi wurde mir zum Inbegriff des Lektors. «Lektor» und «Willi» sind zwei Bezeichnungen für ein und dasselbe. Nicht deckungsgleich zwar, denn ich wünschte und wünsche mir überhaupt nicht, dass der eine im andern aufginge und verschwände. Aber im Kern sind sie eines.

Früher oder wohl doch ein bisschen später, als ich ein zweites Mal lesen lernte und nicht mehr Polizist, Lokomotiv- oder Kranführer werden wollte, wollte ich Lektor werden. Nicht Autor und nicht Verleger. Und Kritiker schon gar nicht. Weshalb kann ich post festum nur spekulieren. Ich glaube ja nicht, dass ich damals so dachte wie heute. Möglicherweise erfinde ich jetzt die Gründe, und sie haben damals wie heute, sicher jedenfalls heute, wenig mit dem tatsächlichen Beruf eines Lektors zu tun.

Immerhin lassen die Gründe von heute mich immer noch träumen.

Trotz der Lehre vom «Tod des Autors», von der ich mittlerweile nicht mehr so überzeugt bin oder nicht mehr auf diese Art überzeugt bin, wie ich es einmal war, glaube ich, dass ich Lektor werden wollte, um dem Autor nahe zu sein. Dem Autor als Autor. Dem Autor und seinem Text im Augenblick, wo er noch sein Text ist. Und doch schon nicht mehr nur sein Text. Dieser Augenblick scheint mir aufregend. Der Augenblick, in dem er ihn aus der Hand gibt oder gerade begonnen hat, ihn aus der Hand zu geben. Der Funke zwischen Gottes und Adams ausgestreckten Fingern. Augenblick der Einheit und Trennung, der Einheit von Einheit und Trennung. Ein Augenblick der Zartheit und der Härte, des Loslassens und des Losreissens. Augenblick des Abschieds und der Emanzipation. Ein mythischer, ein religiöser Augenblick beinahe, genau und unfassbar zugleich, dämmernd zwischen Nacht und Tag. Augenblick der Scheidung und Entscheidung. Der Krise und der Kritik. Der Kritik jedoch vor der Publikation, nach der der Text im Literaturbetrieb dann aufgerieben wird, wo das Urteilen oft mehr seiner Klassierung und Kastrierung dient als seiner Entfaltung. «Halbprivat» könnte man das Verhältnis zwischen Autor und Lektor in diesem Moment nennen. Und wenn der Ausdruck ans Krankenwesen erinnert, ist das nicht falsch. Es geht mir jedenfalls um den schwachen Text. Horaz hat in seiner Ars poetica geschrieben, dass der Kritiker viel besser vor der Publikation eines Werkes als danach seine Arbeit verrichten sollte. Um die Stärken des Textes zu fördern, nicht um seine eigenen zu zeigen. Natürlich ist das eine andere, eine zweite Art der Kritik, und sie kann die des öffentlichen Diskurses nicht ersetzen. Aber ich stelle doch mit leichtem (und frohem) Erstaunen fest, dass ich mich, bevor ich selber Kritiken zu publizieren begann, offenbar mehr für die zweite Art interessierte, die des Horaz eben. Ich hoffe, wenn ich heute die Wahl hätte, würde ich mich immer noch für sie entscheiden. Oder wieder für sie entscheiden nach vielen Erfahrungen mit der ersten Art der Kritik.

Als ich Lektor werden wollte, kannte ich Willi Schmid noch nicht. Das heisst, ich kannte Willi, bevor ich ihn kannte. Auch ihn habe ich erfunden. Zumindest war da die Idee von ihm. Sie hatte nur noch nicht zu ihrem Bild gefunden.

Ich wollte also nicht Lektor, ich wollte Willi werden. Jetzt weiss ich auch, weshalb ich es nicht geworden bin. Willi kann man nicht werden. Nur Willi konnte es. Und auch er hat es nur gekonnt, weil er es nicht können musste. Deshalb erscheint mir auch die Klage über das Verschwinden der Lektoren unangemessen. Es kann nicht verschwinden, was es nie gegeben hat. Nur Willi gibt es.

Untröstlich bin ich nicht, dass ich es nicht geschafft habe, Willi zu werden. Hätte ich es denn schaffen können? Wo kein Gelingen möglich ist, gibt es auch kein Scheitern. Nur ein unerfüllter Traum bleibt ein Traum.

Samuel Moser ist Literaturvermittler, Herausgeber und Literaturkritiker und Präsident der Stiftung Robert Walser Biel, die den Robert-Walser-Preis verleiht.

Oh Afrika

von Gerhard Meister 5. September 2018

Im Kaufleuten in Zürich fand eine Podiumsdiskussion statt unter dem Titel Wer ist schuld am Elend Afrikas? Auf dem Podium diskutierten, geleitet von einem Journalisten des Tagesanzeigers, ausgewiesene Fachleute.

Auf der einen Seite war David Signer, der Afrika-Korrespondent der NZZ, auf der anderen Tina Goethe von Brot für alle. Zwischen diesen beiden sass, auch von seinen Positionen her oft in der Zwischenlage Mohomodou Houssouba, Schriftsteller und Dozent am Afrika-Institut in Basel. Der grosse Saal des Kaufleuten war bis auf den letzten Platz besetzt. In einer der reichsten Städte der Welt kamen fünfhundert Leute, um zu hören, wer schuld hat daran, dass in Afrika die Mehrheit der Leute bitterarm ist.  Erstaunlich dieses Interesse für Afrika, von dem oft gesagt wird, sein Schicksal interessiere hierzulande nicht. Aber der Saal war voll. Fünfhundert Leute hatten Platz genommen und wollten wissen, wer ist schuld an dieser in so vielen Fällen tödlichen Armut. Aber genauso war es natürlich nicht. An den Reaktionen auf die Statements auf dem Podium liess sich klar erkennen, jede und jeder hatte schon seine Vorstellungen mitgebracht davon, wo die Schuld liegt für Afrikas Elend und applaudierte, wo auf dem Podium gesagt wurde, was der eigenen Meinung entsprach oder protestierte, wenn es dagegen ging. Sie kennen Afrika nicht, rief beispielsweise eine Afrikanerin im Saal zu Signer, der sich seit Jahrzehnten mit Afrika auseinandersetzt und heute in Dakar lebt.

Jeder, der Zeitung liest oder vielleicht schon einmal ein entsprechendes Buch gelesen hat, kann die Gründe aufzählen, die für Afrikas Elend verantwortlich gemacht werden: der Kolonialismus, die ungerechten, sprich: ausbeuterischen Handelsbeziehungen zu den reichen Ländern, dann die unfähigen, korrupten afrikanischen Regierungen und die schwachen, rechtsunsicheren Staaten, die damit einher gehen. Und je nach politischer Einstellung und Weltbild sind es dann eher die externen Gründe, die zählen, kurz: im linken Weltbild sind Europa und die reichen Länder schuld am Elend und Afrika das Opfer von Kolonialismus und Ausbeutung oder dann sind, im rechten Weltbild, die Afrikaner selber schuld, dass es ihnen nicht besser geht.

Und genau nach diesem Muster lief es dann auch auf diesem von Fachleuten besetzten Podium, jedenfalls im Fall von David Signer, dem Afrika-Korrespondenten der NZZ. Natürlich leugnet Signer weder Kolonialismus noch billigt er – wenigstens auf Nachfrage – die Geschäftspraktiken von Glencore im Kongo, aber verantwortlich für das Elend sind die afrikanischen Regierungen. Symptomatisch sein Statement, mit dem er in der Werbung für die Veranstaltung angekündigt wurde: Der eigentliche Skandal hinter dem Flüchtlingsdrama im Mittelmeer ist nicht die «Abschottung Europas», sondern die Gleichgültigkeit der afrikanischen Regierungen gegenüber dem Exodus. Woher das Bedürfnis, eigentliche und uneigentliche Skandale voneinander zu unterscheiden, wenn nicht daher, ein Weltbild zu haben, in dem klar zwischen dreckigen Händen und sauberen Westen unterschieden werden kann?

Signer nannte dann noch einen weiteren Grund für Afrikas Unterentwicklung: Die afrikanische Kultur sei antikapitalistisch und sozialistisch auf Solidarität ausgerichtet, also: wer Geld hat, muss es verteilen und hat deshalb, wenigstens in der Logik kapitalistischen Denkens, keinen Antrieb, welches zu verdienen. Schade, ging aus dieser Feststellung keine Diskussion hervor darüber, wie Afrika uns möglicherweise helfen könnte, aus dem Zuviel an Kapitalismus und Egoismus, in das wir hineingeraten sind, wieder hinaus zu finden.

Den Standpunkt der Linken vertrat Tina Goethe, weniger dogmatisch als Signer insofern, dass sie keine globalen Urteilsprüche verkündete, aber doch verengt im Blick, den sie ausschliesslich auf die Verantwortung des Westens gerichtet hielt. Symptomatisch hier: Auf die Frage, wie sie die Politik der Chinesen in Afrika beurteile, beurteilt sie nicht die Chinesen, sondern die Europäer ( die Chinesen sind nicht schlimmer als die Europäer, früher waren diese noch schlimmer).

Dass es Europa besser machen könnte, wie Goethe behauptet, das bezweifelte auch Signer nicht. Allerdings, ob es viel ändern würde. Goethe wurde mit folgendem Statement vorgestellt:

Noch immer ist Afrika vor allem billiger Rohstofflieferant. Die Gewinne daraus fliessen am Fiskus vorbei auch in die Steueroase Schweiz. Nur ein Bruchteil der vielen Milliarden, die den Ländern als Steuereinnahmen verloren gehen, investiert die Schweiz in Entwicklungszusammenarbeit.

Tatsächlich stellt sich die Frage: bedeutet mehr Entwicklungszusammenarbeit auch wirklich mehr Entwicklung? Wer glaubt noch, dass Afrikas Probleme allein mit Geld gelöst werden können?  Was passiert, wenn ein Staat wie der Kongo die Milliarden, die ihm jetzt entgehen, an Steuern einnehmen könnte? Wieviel davon würde den Bürgerinnen Bürgern zugute kommen, wieviel verschwinden in privaten Taschen?

Gegen den Fatalismus, der bei der Beschäftigung mit dem Thema aufkommen kann, wies der Dritte in der Runde, Mohomodou Houssouba, darauf hin, dass es immer ein Wahl gibt und also Handlungsräume bestehen, hier in Europa ebenso wie dort in Afrika. Ein wahres Wort, aber kein wahrer Trost im Wissen, wie schlecht diese Handlungsspielräume seit Jahrzehnten genutzt werden.

In Katalonien hat sich die Lage etwas beruhigt, wenn sich  die Parallelwelten auch weiter munter um sich selbst drehen. Sommerzeit ist aber auch Lesezeit! Sogar für ganz dicke, weltberühmte Bücher mit Bernbezug!

Sehr lange ist es nicht her, dass ich in der Diskussion nach einer Lesung aus meinem Buch «Mut zur Mündigkeit»  meiner Meinung Ausdruck gab, ausser in sprachlichen Belangen, sei es nicht unbedingt die Aufgabe von Autoren und Autorinnen sich zu gesellschaftlichen Problemen und politischen Konflikten in aller Welt zu äussern.  Darauf machte mich ein Mann nicht unfreundlich darauf aufmerksam, dass ich selbst hier in diesem Blog im Journal B gerade über die katalanische Unabhängigkeitsbewegung geschrieben hätte.

Er hat natürlich recht, denn er konnte nicht wissen, dass ich mich nicht als Autor, sondern als Betroffener äusserte. Ich wohne zwar nicht in Katalonien, aber seit vielen Jahren verbringe ich sehr viel Zeit in der Nähe der katalanischen Grenze. Und wie ich möglicherweise auch schon angeführt habe, müsste ich mich allein schon wegen des vielen guten Rotweins aus katalanischen Kellereien, den ich hier schon getrunken habe, zu einer Meinungsäusserung berechtigt fühlen dürfen.

Gegenwärtig gibt es aber gar nicht so viel zu berichten. Der Konflikt muttet so vor sich hin. Bestimmt hat der Regierungswechsel in Madrid für etwas Entspannung gesorgt, aber um nicht vergessen zu werden, zündet der flüchtige Ex-Präsident regelmässig seine Rauchpetarden und die allgemeine Bereitschaft zur Selbsttäuschung scheint ungebrochen. Die Parallelwelten drehen sich absolut unabhängig voneinander munter weiter um sich selbst. Für diejenigen, die sich nicht vorstellen können wie weit die Wahrnehmung gesellschaftlicher Realitäten auseinanderklaffen können, ein kleines Bespiel:

Uns ist allen vertraut, dass bei einer Demonstration auf dem Berner Bundesplatz Veranstalter und Polizei die Teilnehmerzahl unterschiedlich einschätzen. Die einen reden von 25 000 und die andern vielleicht von 15 000. Sogar noch grössere Unterschiede können vorkommen. Wenn aber die Veranstalter einer Demonstration gegen Madrid von 200 000 Teilnehmern reden und sich die offizielle Schätzung der Polizei auf 7000 beschränkt, dann weiss man, dass man sich in Katalonien befindet.

Und was hat Hermann Albert damit zu tun?

Unabhängig von Kataloniens Parallelwelten ist Sommerzeit auch immer Lesezeit und weil am kommenden Berner Literaturfest auch die Neuausgabe in «Die andere Bibliothek» von Johann David Wysses Der Schweizerische Robinson gewürdigt werden soll (zurecht!), bin ich immer wieder mit dem Lesen von diesem tausendseitigen Brocken beschäftigt. Deshalb suchte ich nach einem schönen Bild mit einem Buch und von allen Bücher-Bildern, die ich gesammelt habe, hat Hermann Albert (Deutscher Maler und Hochschullehrer, geb. 1937) eines der schönsten zu bieten. Ich weiss zwar nicht mehr, woher ich es habe, kenne auch seinen genauen Titel nicht, aber was die Darstellung des Lesethemas betrifft, ist dieses Bild eine sehr  saubere Sache. Es ist schlicht, es ist  sommerlich und dazu ist es auch noch zentriert und reduziert, denn für die Welt und ihre komplexe Vielfalt steht oder liegt hier nur das aufgeklappte Buch!

Lesen Sie wohl!

An diesen sommerlichen Tagen kommen sie wieder massenweise, und man hat allen Grund, sich zu fragen, was das eigentlich alles für komische Fotografen und Fotografinnen sind, fotografieren sie doch meistens nur genau jene Motive, die sie vermutlich schon in dem Werbeprospekt abgebildet gesehen haben, der sie überhaupt dazu veranlasste, an dem populären Kongress der Digitalfotografie in unserer Altstadt teilzunehmen.

Sicher ist, dass sie aus allen Ecken der Welt kommen und sich mehrheitlich in geführten Gruppen zu ihren bevorzugten Motiven bewegen. Viele sind auf das Fotografieren von Brunnen spezialisiert, aber fast noch zahlreicher sind die Spezialisten und die Spezialistinnen der Kirchenfotografie. Sogar der kunsthistorisch eher unspektakulären Kirche Peter und Paul kommt definitiv mehr Aufmerksamkeit zu als den am Rathausplatz auch vorhandenen Zeugen ortstypischer Architektur. Und wenn sich die Kirchenfotografen und die Kirchenfotografinnen, natürlich immer aufgehoben in ihren Arbeitsgruppen, vom Rathaus her durch die Kreuzgasse schieben und plötzlich vor dem in diesen Tagen oft herrlich blauen Himmel den Turm des Münsters vor ihren Augen aufragen sehen, dann schnellen wie auf Kommando restlos alle Arme in die Höhe und an den hochgereckten Kameras bleibt kein einziger Klickfinger ungekrümmt.

Sitzt man aber auf der Plattform und lässt sich dort von der gerade ziemlich fett  über die Schwellen tretenden Aare berauschen, kann man beobachten, dass sich auch viele Fotografen und Fotografinnen weiterhin der Kunst des Selbstporträts verschrieben haben. Dort stellen sie sich vor den Ausblick auf den Gurten, fahren ihre Stangen aus und lächeln sehr unterschiedlich fotogen in ihre Objektive. Für das hell herausragende Blatt an dem Kastanienbaum über mir, das mich schön die längste Zeit fasziniert, scheint sich dagegen niemand zu interessieren. Auch das herrliche Muster oben auf der Sandsteinmauer aus Flechten und Vogeldreck, in welchem auch einzelne Sandkörner funkeln wie Edelsteine, fotografiert kein Mensch.

Und was hat Antoni Tàpies damit zu tun?

Es ist verflixt! Denn gerade an Katalonien wollte man ja einmal nicht erinnert werden, aber oben auf der so wunderbar gemusterten Balustrade sieht ein Vogelschiss auch in seiner Oberflächenbeschaffenheit nun in Gottes Namen halt einfach so aus wie von dem grossen katalanischen Künstler hingemalt: Direkt aus der ockerbraunen Tube auf die weisse Grundierung gedrückt. Und wie selbstverständlich ist auch etwas Kohlenschwarz dabei. Eine Farbkombination 100% typisch Tàpies!

Und übrigens, falls Sie nach dem Spiel gegen Serbien auch stolz sind auf unsere überragenden Spieler mit kosovarischem Hintergrund noch dieser Hinweis:

Letzten Frühling sind Guy Krneta und ich im Rahmen des Projektes Kosovo is everywhere über den ganzen Balkan hinunter in unseren «Kanton Kosovo» gefahren. Sollte es Sie interessieren, wie es uns auf diesem wilden Balkan ergangen ist, gibt es in einer neuen Reihe online sehr günstig einen Bericht dazu.