Das ewige Eis ächzt, knackt und ploppt. Es quietscht und pfeift. Der Gletscher scheint zu stöhnen unter der Sommerhitze, die das Eis in Bewegung bringt, seinem ewigen Leben ein Ende bereitet. Plätschern. Das Rauschen von Schmelzwasser.
Es sind die Klänge des Anthropozäns, die im gleichnamigen Audiostück von Sarah Heinzmann und Journal-B-Redakteur Noah Pilloud zu hören sind. Das Schmelzen der Gletscher, die Bewegungen der auftauenden Berge, die Photosynthese der schwindenden Moore. «Wir wollten über das Hören einen anderen Zugang zur Klimakrise schaffen», erklärt Noah Pilloud.
Die zwei Journalist*innen, die beide unter Anderem für die Nachrichtensendung RaBe-Info beim Radio Bern arbeiten, gewannen mit dieser Idee im Herbst 2024 den KatalysatOHR Förderpreis der Stiftung Radio Basel. «Klänge des Anthropozän» feiert am diesjährigen Radio- und Podcast-Festival Sonohr Premiere.

Wie ein Plankton auf einem Wal
Für das halbstündige Stück verbrachten Sarah Heinzmann und Noah Pilloud im Sommer 2025 ihre Tage auf verschiedenen Gletschern in der Region Monte Rosa, wanderten zur Lauteraarhütte und zu einem Hochmoor im Misox. Um die Klänge aufnehmen zu können, die von blossem Ohr oftmals nicht hörbar sind, verwendeten sie spezielle Mikrofone, darunter solche für den Gebrauch im Wasser oder solche, die besonders tiefe Frequenzen erfassen können.
Inspiriert wurden sie dabei von Philosoph*innen und Kunstschaffenden, etwa vom Klangkünstler Ludwig Berger, der sich seit Jahren mit der Tonaufnahme geologischer und landschaftlicher Phänomene beschäftigt oder der Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway.
Die Krise hatte wenig mit mir unmittelbar zu tun. Jetzt ist sie wieder näher an mich herangerückt.
Es mache etwas mit einem, den Gletschern zuzuhören, sagen die beiden Macher*innen, «stundenlang über diese Eisriesen zu laufen, wie ein Plankton auf einem Wal». Vorher sei sie vor allem wütend gewesen, wenn es um die Klimakrise ging, erzählt Sarah Heinzmann, «durch diese Recherche hat die Trauer mehr Raum eingenommen. Als ich den Geräuschen des schmelzenden Gletschers zuhörte, sorgte ich mich um ihn, wollte ihn beschützen». Zuhören als eine Form der Fürsorge.

Noah Pilloud wiederum sagt, ihm sei bereits vor der Recherche klar gewesen, wie dringend die Lage sei, «aber die Krise hatte wenig mit mir unmittelbar zu tun. Jetzt ist sie wieder näher an mich herangerückt».
Ächzen und Knarren
Der Klimawandel ist nicht eins zu eins hörbar im Stück. «Die Geräusche, die wir aufgenommen haben, treten jeden Sommer mit dem Schmelzen des Gletschers auf», betont Sarah Heinzmann. Ungewöhnlich und erschreckend sei jedoch, dass sie jedes Jahr früher und stärker einsetzen würden. Auf dem Rhonegletscher, den sie besuchten, konnten sie beispielsweise beobachten, wie innerhalb von zehn Tagen bereits ein ganzer Meter des Eispanzers geschmolzen war.
In dem aufgezeichneten Plätschern, Ächzen und Knarren ist von der dramatischen Geschwindigkeit der Veränderungen nicht zu hören. Umso wichtiger sind die Zitate und textlichen Einschübe, die durch das Hörstück leiten.

Wie Bewegungen im Gestein klingen
Neben den Klängen des Klimawandels kommen im Hörstück auch verschiedene Expert*innen zu Wort: Biologin Barbara Beer spricht von den Mooren in San Bernardino, Matthias Huss vom Schweizerischen Gletschermessnetz GLAMOS, Sozialanthropologe Benjamin Buchan, der sich mit dem Verhältnis von Menschen zu Gletschern beschäftigt oder eben der Klangkünstler Ludwig Berger.
Das Hörstück zeigt auch, welche Rolle Klänge in der Erforschung der Folgen des Klimawandels spielen können. So erzählt Samuel Weber vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos, wie sich mithilfe von Frequenzen die Bewegungen im Gestein des Matterhorns erforschen lassen.
Journal B unterstützen
Unabhängiger Journalismus kostet. Deshalb brauchen wir dich. Werde jetzt Mitglied oder spende.
Noah Pilloud und Sarah Heinzmann haben mit ihrem Hörstück eine gute Balance gefunden zwischen experimentellen Klangaufnahmen und journalistischer Einordnung, zwischen dem Bedürfnis, einfach mal zuzuhören und der Notwendigkeit, das Gehörte mit Expert*innen-Gesprächen und Fakten greifbar zu machen.
Dabei profitierten sie von ihrer Erfahrung im Radiojournalismus – genossen gleichzeitig aber die Freiheit, weg vom Radioduktus zu kommen. «Wir hatten den Luxus, keinen journalistischen Spannungsbogen einhalten zu müssen, auch Dinge auszuprobieren, die etwas schräg im Raum stehen», sagt Sarah Heinzmann.

Wie tönt es aus einem schmelzenden Gletscher? (Foto: Benjamin Buchan)
