Vom Windlassen, dem Jordan und anderen sprachlichen Tabus

von Céline Rüttimann 8. Januar 2026

Who cares? Pflegende lernen gesellschaftliche Tabus mit Fachjargon zu umgehen. Dabei wäre manchmal sprachliche Klarheit hilfreich, findet unsere Kolumnistin.

In meiner ersten Woche als Praktikantin im Spital hatte ich das Gefühl, die Leute um mich herum würden eine fremde Sprache sprechen. Ich lauschte dem Fachgejodel der Ärzt*innenschaft und verstand etwa die Hälfte. Um es mit den Worten eines weissen (toten) Mannes zu sagen: Die Grenzen meiner Sprache waren die Grenzen meiner Welt. Also verbrachte ich viel Zeit damit, Fachsprache zu erlernen. Bald schrieb ich in die Pflegedokumentation: Herr XY äussert Pruritus im Rima ani statt Herr XY juckt es in der Gesässfalte.

Rasch wurde mir klar, dass ich als Pflegefachperson eine spezielle Rolle einnehmen musste: Die der Dolmetscherin. Denn im Spitalalltag schafft die Fachsprache eine Distanz zwischen den kranken Menschen und dem Gesundheitspersonal. Es konnte also passieren, dass mich der Patient nach der Visite fragte, was die Chefärztin denn eigentlich genau gesagt hatte. Ich übersetzte die Fachsprache also adressatengerecht für ihn, wie ein analoger Google-Translate.

Gas? Bin ich eine Kuh? Fragen Sie mich, ob ich furzen muss?

Auch an den euphemistischen Sprachgebrauch zwischen Pflegenden und Patient*innen musste ich mich erst gewöhnen. Es entstanden komische Situationen, weil ich mich streng an das Protokoll der weichgespülten Sprache halten wollte, während sich diverse Patient*innen gegen diese stillschweigende Konvention zu wehren schienen. Als ich einen Patienten danach fragte, ob er denn heute Morgen bereits Stuhlgang gehabt hatte und er verneinte, verlief das Gespräch dann etwa so:

Ich fragte: Hatten Sie Flatulenzen?
Was? Ist das etwas Gefährliches?
Was? Nein, nein, ich wollte nur wissen, ob Sie Windabgang hatten.
Windabgang? Also es ist schon zügig, wenn da die Zimmertür immer auf und zu geht, schon nicht sehr angenehm.
Nein, meine Frage ist, ob Sie schon winden konnten, also, ob da unten Gas rauskommt.
Gas? Bin ich eine Kuh? Fragen Sie mich, ob ich furzen muss? Ja, und wie, aber scheissengehen kann ich nicht.
…ok, ich bringe Ihnen etwas zum Abführen.

Später im Büro schrieb ich in der Pflegedokumentation: Patient äusserte regen Windabgang ab ano. Stuhlgang noch ausstehend.

(Illustration: Sarah Blaser)

Nicht nur Stuhlgewohnheiten, sondern auch andere heikle Themen im Pflegealltag werden sprachlich geglättet und poliert. Eines davon ist der Tod, obwohl er im Pflegealltag ein ständiger Begleiter ist. Irgendwie fällt es mir oft schwer, ihn beim Namen zu nennen. Es ist fast wie bei Lord Voldemort: Du-weisst-schon-wer.

Wenn eine Person gestorben ist, spreche ich meistens von friedlich eingeschlafen. Oft benutze ich auch die Begriffe terminal und Therapieabbruch. Ich muss mir aber immer wieder in Erinnerung rufen, dass viele Angehörige (und auch Hilfskräfte) diese Formulierungen nicht verstehen, was zu Verwirrung führen kann.

Besonders das Wort palliativ ist berüchtigt. Wenn Angehörige oder Pflegehelfende den Begriff hören, denken sie sofort ans Sterben. Palliative Care bedeutet jedoch nur, dass die Linderung einer Krankheit im Vordergrund steht, nicht die Heilung. Eine Person mit einer chronischen Krankheit kann vielleicht nicht mehr geheilt, aber ihre Symptome können gelindert werden und sie kann noch einige Jahre leben.

Es ist fast wie bei Lord Voldemort: Du-weisst-schon-wer.

Es ist verständlich, dass auch Patient*innen Mühe haben, über den Tod zu sprechen, weil sie Angst vor dem Sterben haben. Andere wiederum hegen vielleicht den Wunsch zu sterben, können es aber nicht direkt formulieren. Während Vreni am liebsten ins Wasser gehen möchte, will Heinz über den Jordan gehen. Jospeh möchte das Zeitliche segnen und Annegret hat die Nase voll.

Klarheit wäre in diesem Fall aber besonders wichtig, da die Wünsche der Sterbenden und deren Familien sicher wahrgenommen werden können. Denn ich habe erlebt, dass es den Ärzt*innen, die sich ganz der Sache verschrieben haben gegen den Tod zu kämpfen, gar nicht in den Sinn kommt, dass ihre Patient*innen gar nicht mehr kämpfen wollen.

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Jemand, der sagt, «ich bin müde», wird oft von den Ärzt*innen nicht gehört.
Jemand, der sagt, «ich kann nicht mehr», dem sagen die Angehörigen, «Gib nicht auf».
Das Leben zu verlängern, ist im Spital der erste Weg, den man wählen sollte.
Heilen ist der Auftrag.
Die Ironie ist aber, dass man die, die nicht sterben wollen, manchmal nicht retten kann.
Und die, die sterben wollen, lässt man nicht gehen.

Etwas mehr Klarheit, vor allem, wenn es um heikle Themen wie den Tod geht, ist daher oft nicht verkehrt.