Als Pflegefachfrau beschäftigt mich gerade, was wahrscheinlich viele Pflegekräfte zurzeit beschäftigt: Die Nicht-Umsetzung des Volkwillens für bessere Arbeitsbedingungen im Pflegeberuf. Mit 61 Prozent Ja-Stimmen wurde die Pflegeinitiative im November 2021 angenommen.
Zum Ärger derjenigen, die den Appell an das Parlament unterschrieben haben (dazu gehöre auch ich), will die Nationalratskommission die Anliegen der zweiten Etappe der Initiative nur abgeschwächt umsetzen: Keine verbindliche Regelung für den Personalschlüssel, keine Reduktion der Höchstarbeitszeit, nur beschränkte Zuschläge für Dienstplanänderungen oder Nacht-, Sonntags- oder Feiertagsarbeit.
Aus meiner Sicht mangelt es den Politiker*innen an Weitsicht, besonders, wenn man die erste Etappe der Initiative miteinbezieht. Im ersten Teil wurde beschlossen, kantonale Förderbeiträge an die Pflegestudierenden zu vergeben. Personen, die bestimmte Kriterien erfüllen und sich das Studium nicht leisten können, soll mithilfe von Finanzbeiträgen eine Ausbildung ermöglicht werden.
Geld in die Ausbildung zu investieren, wenn die Arbeitsbedingungen nicht verbessert werden, ist verbranntes Geld.
Dank des Kantönligeistes gibt es aber mindestens 26 verschiedene Voraussetzungen, um als Kandidat*in für den finanziellen Zustupf zu gelten. Im Kanton Aargau reicht es 25 Jahre alt zu sein – in Bern muss man hingegen 27-jährig sein, um für eine Ausbildung an der Höheren Fachschule unterstützt zu werden. An der Berner Fachhochschule ist die Finanzierung der Förderbeiträge noch gar nicht geklärt. Und in Zürich kann bereits ein Gesuch an den Kanton für die Förderbeiträge ausgefüllt werden. Swiss Nursing Students, der nationale Verband der Pflegestudierenden, hat letztes Jahr eine Zusammenfassung erstellt, welche Regelungen in den jeweiligen Kantonen gelten.
Aber was bringt eine Erhöhung der Abschlüsse, wenn die Berufseinsteiger*innen nicht im Beruf bleiben? Geld in die Ausbildung zu investieren, wenn die Arbeitsbedingungen nicht verbessert werden, ist verbranntes Geld. Immer wieder verlassen Pflegende desillusioniert den Beruf – auch solche, die erst seit kurzem den Abschluss gemacht haben. Für mich geht die Rechnung der Kommission nicht auf, wenn Kosten eingespart werden sollen, indem die Arbeitsbedingungen nicht verbessert werden.
Problematisch wird es zudem, wenn Pflegende die Bedingungen so akzeptieren, wie sie sind und Teil eines Systems werden, das Menschen in ein Burn-out treibt. Als ich in der Langzeitpflege an manchen Tagdiensten als diplomierte Fachperson alleine für 40 Heimbewohner*innen die Verantwortung tragen musste, wurde mir gesagt: Wenn du das nicht schaffst, ist deine Arbeitsorganisation das Problem.
Als alleinige Fachperson, die nebst Verrichtung der Grundpflege als einzige einem Sterbenden Morphin verabreichen darf, Notfälle und Todesfälle betreut, das Tagesgeschäft organisiert und alle Medikamente verabreichen muss, bin ich also das Problem im System.
Dass Menschen zu den aktuellen Bedingungen nicht mehr in der Pflege arbeiten wollen, ist aus meiner Sicht völlig legitim. Die einen wählen den Ausstieg, andere hoffen, in einer Leitungsposition etwas verändern zu können oder dem System zumindest nicht mehr ganz so arg ausgeliefert zu sein.
Ein Beispiel aus den sozialen Medien: Eine Geschäftsleitung echauffierte sich darüber, dass eine Bewerberin für eine Pflegedienstleitungsstelle beim Vorstellungsgespräch sagte, sie wolle nicht mehr in der Pflege tätig sein. Die Kommentare zum Post kamen prompt: So eine Aussage sei eine Frechheit. Die Person sei im falschen Beruf. Die Person sei faul und «wolle doch nur einen Bürojob».
Ich weiss aus Erfahrung: Dass eine Leitung so etwas beim Bewerbungsgespräch sagt, ist purer Selbstschutz. Als Leitungsperson denkt man sich: Toll, nun kann ich endlich etwas verändern. Die Realität holt einen jedoch schnell ein.
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Nehmen wir als Beispiel Tanja. Sie macht die Pflegedienstleitung in einem Pflegeheim. Oft kommt sie morgens zur Arbeit und hilft zuerst drei Stunden in der Grundpflege aus, weil ein*e Mitarbeiter*in krank ist und kein Ersatz gefunden werden konnte. Dadurch bleiben ihre Führungsaufgaben liegen, sie verpasst Termine.
Von ihren Vorgesetzten kommt der Druck, Zimmer zu belegen, denn jedes leere Zimmer kostet Geld. Tanja soll Eintritte liefern, am besten mit möglichst hohen Pflegestufen, alle betreut von möglichst wenig Personal. Der Verwaltungsrat will schwarze Zahlen sehen. Sie ist für Personalführung und Pflegequalität zuständig und trägt die ganze Verantwortung.
Von der Basis kommt hingegen der Druck, dass die Arbeitsbelastung zu hoch sei. Tanja kann es verstehen, denn sie weiss: Als Leitungskraft, die viel administrative Arbeiten erledigen muss, wird sie trotzdem in die Statistik am Bett eingerechnet, was den Personalschlüssel verwässert. Tanja will ein offenes Ohr haben für die Mitarbeitenden und ist oft spät abends noch erreichbar, denn auch da weiss sie: Wenn sie den Rückhalt durch das Team verliert, wird alles zusammenbrechen.
Pflegende leben nicht von Luft, Liebe und Selbstaufopferung, sondern von gerechten Arbeitsbedingungen.
Leider habe ich erlebt, dass Führungspersonen unter der enormen Arbeitslast vergrault wurden. Leitungen, die viel in der Pflege gearbeitet haben, weil sie das Team und die Pflegebedürftigen nicht hängen lassen wollten, wurden vor die Tür gestellt, weil sie die geforderten Zahlen nicht geliefert haben. Andere wurden gar nicht erst eingestellt, weil sie zu viel Lohn verlangt haben. Andere wurden vom Pflegeteam nicht akzeptiert, weil sie zu wenig in der Pflege eingesprungen und stattdessen ihren Führungsaufgaben nachgekommen sind.
Am System Pflege muss sich drastisch etwas ändern. Es braucht dringend menschenwürdige Konditionen und Pflegende dürfen sich nicht gegenseitig Vorwürfe machen und Missstände als «Gejammer» abtun. (Im Mobbing untereinander sind Pflegende nämlich auffallend begabt, trotz des vermeintlich sozialen Beruffeldes).
Pflegende leben nicht von Luft, Liebe und Selbstaufopferung, sondern von gerechten Arbeitsbedingungen.
Solange sich das Hamsterrad weiterdreht, werden auch immer wieder Pflegende aus dem Beruf aussteigen, befürchtet unsere Kolumnistin. (Illustration: Sarah Blaser)
