Übers Anfangen

von Jovana Nikic 18. März 2024

Kolumne Jeder Anfang ist schwer. Und manchmal scheitert es schon am Wollen, wie unsere Kolumnistin immer wieder feststellen musste.

Als ich mich letzte Woche damit auseinandersetzte, eine Kolumne zu schreiben, überfiel mich – überflutet von Informationen und Gedanken über Kriege, über die grossen und kleinen Vorfälle überall auf der Welt und über alle möglichen bekannten und unbekannten Menschen – eine Schreibblockade.

Doch der Gedanke über das Beginnen, das Anfangen, liess mich nicht los. Mit meinem Talent zum Prokrastinieren brainstormte ich vor mich hin. Ganz in Ruhe, denn ich hatte ja noch sieben Tage Zeit. Aus diesen sieben wurden drei, und nun sitze ich hier.

Doch wie fange ich an? Wie fängt irgendetwas an?

Die Menschheit streitet sich seit Anbeginn der Zeit darüber, was zuerst war: Huhn oder Ei, Adam und Eva oder der Urknall? Es geht noch aktueller: Wie begann der Krieg in der Ukraine oder in Israel? Über eines jedoch sind sich alle einig: Alles hat irgendwo einen Anfang.

Diese Stadt ist eine Stadt wie jede andere, ein Resultat vieler Anfänge.

Die Stadt Bern hat irgendwann angefangen zu existieren. Doch über die Geschichte Berns weiss ich nicht viel. Lediglich, dass sie alt ist, Brände erlebte, einmal im Jahr zur Weindegustation auf dem Münsterplatz einlädt, die Truppen von Napoleon beherbergte und das Münster verdammt alt ist. Doch diese Stadt ist eine Stadt wie jede andere, ein Resultat vieler Anfänge.

Ich war, wie mein Geschichtslehrer sicher unterschreiben würde, eine «tragende Säule des Unterrichts» und brachte ihm und dem Fach Geschichte sogar Interesse entgegen, was ja in einem Gymnasium voller pubertierender Quacksalber doch Mangelware ist. Die Ursachen und Wirkungen in der Geschichte interessierten mich, dies ganz im Gegensatz zu meinem miserablen Abschneiden in anderen Fächern.

Mein Nicht-Entschluss zum Wollen, das Nicht-Beginnen, wurde zum Beginn des Scheiterns.

Mein Scheitern begann damals wie heute damit, wenn ich nicht einmal anfangen konnte, etwas zu wollen. So erhielt ich beispielsweise für Vektorgeometrie eine Zwei, obwohl ich das sicher auch hätte lernen können – wenn ich denn beschlossen hätte, es zu wollen.

Meinem Mathelehrer würde ich jedoch widersprechen, dass diese Note Ausdruck schwachen Vorstellungsvermögens sei. Vielmehr scheiterte ich am Anfangen, am Sichhinsetzen und dann zu lernen. Genau das war mein Problem. Lernen impliziert, dass etwas getan wird. Doch ich scheiterte bereits davor. Mein Nicht-Entschluss zum Wollen, das Nicht-Beginnen, wurde zum Beginn des Scheiterns. Beginnen, oder eben auch das Nicht-Beginnen, gibt dem Scheitern, dem Erfolg, Krieg und Frieden erst eine Grundlage.

Doch spielt es im Krieg für die Sterbenden und ihre Angehörigen eine Rolle, wie es begann? Ändert der Grund etwas an der Zwei in meinem Zeugnis? Macht es einen Unterschied,  wer sich wann dazu entschied, Bern zu gründen?

Die Summe aller Anfänge, diese Reihe von Entscheidungen, prägen die Welt.

Sachverhalte, Städte oder auch unsere eigene Leistung, so denke ich, sind immer eine Kumulation von vielen kleinen Anfängen. Die Summe aller Anfänge, diese Reihe von Entscheidungen, prägen die Welt. Viele dieser Anfänge sind gewollt, aktive Entscheidungen für einen Beginn. Auch Anfänge beginnen nicht einfach!

Diese Kolumne hat hier ihren Anfang, die erste Ausgabe hier ihr Ende. Doch ich werde immer wieder aktiv beschliessen zu beginnen.