Stur, selbstsicher, schwindelfrei

von Rita Jost 30. November 2021

Die Geschichte der «Frauen am Berg» ist schlecht dokumentiert. Das Alpine Museum arbeitet sie nun auf. Im «Fundbüro für Erinnerungen» sind Objekte und Geschichten von Gipfel­stürmerinnen wie Heidi Lüdi versammelt.

Heidi Lüdi sollte eigentlich einen Wikipedia-Eintrag haben: Sie wurde 1984 als erste Frau in den Akademischen Alpenclub Bern aufgenommen, sie nahm an Frauenexpeditionen zum Dhaulagiri und zum Ama Dablam teil, sie leitete die Zweitbesteigung des Cholatse, war Gründungsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Gebirgsmedizin. Und doch: Im Gegensatz zu vielen männlichen Alpinismuslegenden ist sie ausserhalb der Bergsteigerszene praktisch unbekannt. Bergpionierinnen wie sie haben kaum Spuren hinterlassen in den Geschichtsbüchern.

Die Berner Ärztin mit Ostschweizer Wurzeln nimmts mit Achselzucken. Wirklich ärgerlich findet die heute 74-Jährige nur, wenn Menschen immer noch denken, Frauen seien in den Bergen weniger ausdauernd, virtuos und unerschrocken als Männer. Oder wenn jemand ihren Mann fragt, ob er sich denn getraue «nur mit einer Frau» Andengipfel zu besteigen. Da wird sie richtig wütend: «Gahts eigetlich no?»

«Gnagleti Bärgschueh!»

Das Mädchen Heidi Lüdi wuchs in den Fünfzigerjahren in einer fortschrittlichen Familie im sanktgallischen Flawil auf. Ihre Eltern behandelten sie nicht anders als ihre Brüder. Sie ging aufs Gymnasium, war Mitglied der Jugendorganisation des Schweizer Alpen-Clubs (JO-SAC), durfte Gebirgskurse besuchen, ging z Bärg. Der Vater, selber ein begeisterter Berggänger, freute sich über die Leidenschaft seiner Tochter. Die Mutter besorgte ihr das nötige Schuhwerk. «Gnagleti Bärgschueh!» Heidi Lüdi schüttelt heute entsetzt den Kopf, «da rutschte ich ja aus auf den Steinen.»

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Aber weder Nägel an den Schuhen noch abschätzige Kommentare von JO-Leitern konnten der jungen Frau die Begeisterung nehmen. Sie war jung, selbstbewusst und vom Bergbazillus infiziert. Und blieb es auch als junge Medizinstudentin in Bern. Dem Akademischen Alpenclub Bern (AACB) konnte sie aber vorerst nicht beitreten, der war damals noch reine Männersache. «Die dachten – und einige sagten es unumwunden – Frauen haben in den Bergen nichts verloren. Die machen bloss ein Gstürm. Die sollen an Versammlungen singen und in den Hütten kochen, aber nicht klettern.» Heidi Lüdi schüttelt wieder den Kopf und erzählt, wie sie das Aufnah­megesuch beim AACB dann doch stellte. Und schliesslich – dank Fürsprache von Albert Eggler, dem bekannten Berner Himalaya-Expeditionsleiter – als erste Frau aufgenommen wurde.

Abgefrorene Fingerkuppen

Bergsteigerinnen müssen stur und selbstsicher sein, sagt sie heute, ohne Panik und Eifersucht. Ja, Schwindelfreiheit und Kondition seien auch wichtig. «Und natürlich Glück» schiebt sie nach. Vor allem, wenn man alt werden will.

Sie selber hat Bergkameradinnen verloren. Bei ihrer ersten grossen Expedition 1974 – «gleich nach dem Staatsexamen» – kam ihre Freundin, die Fotografin Eva Isenschmid, in einem Schneesturm am Peak Lenin im Pamirgebirge ums Leben. Auch Heidi Lüdi überlebte die Tour nur knapp. Sie wurde stark unterkühlt gerettet, mit abgefrorenen Fingerkuppen. Das grosse internationale Treffen in der Sowjetunion, an dem 200 Bergsteigende aus der ganzen Welt teilnahmen, endete dramatisch: 13 tote Bergsteiger *innen liessen in der Eishölle ihr Leben.

Von dieser Expedition gibt es eindrückliche Bilder aus der Kamera ihrer Kollegin. Eva Isenschmids Tante hat sie dem Alpinen Museum geschenkt. Sie sind nun im Fundbüro für Erinnerungen zu sehen. Nebst Ausrüstungsgegenständen wie einem Helm, einem Schlafsack, Stirnlampen von Heidi Lüdi. Auch einige T-Shirts von Expeditionen gibt es da, etwa jenes der ersten Frauenexpedition auf den Annapurna mit dem Aufdruck «A woman’s place is on top».

Die Kletterwand in der Garderobe

Trotz tragischem Ausgang ihrer ersten grossen Expedition: Heidi Lüdi ging weiter z Bärg. Sie bestieg Gipfel in Nepal, Afrika, Alaska, den Anden. Oft mit ihrem Mann, einem französischen Topkletterer, den sie auf einer Expedition in Peru kennengelernt hatte, aber auch immer wieder mit anderen internationalen Top-Bergsteigerinnen. Ihre Begeisterung für das Hochgebirge ist bis heute ungebrochen. Auch wenn sie aus gesundheitlichen Gründen die Berge im Moment bloss vom Wohnzimmerfenster aus geniesst. Von dort aus hat sie einen weiten Blick auf die Alpen. Fotos mit eisigen Gipfeln und strahlenden Gipfelstürmerinnen sucht man an ihren Wänden aber vergebens. «Warum auch?» fragt Heidi Lüdi. «Wir haben die Berge ja vor der Nase.» Dafür gibt es – in der Garderobe! – eine vier Meter hohe Kletterwand. Das sei aber «mehr ein Gag» ihres Mannes. Sie selber sei mit ihren 1 Meter 55 ja immer «zu kurz fürs reine Klettern» gewesen. «Aber», sagt die Medizinerin, «man kann sich bei Rücken- oder Achselschmerzen dranhängen.»

z Bärg im Gantrisch

In diesem Jahr haben beide das allerdings nicht oft gemacht. Sie und ihr Mann haben etliche Operationen hinter sich: Knie, Rücken, Hüfte. «Auch wir werden alt,» stellt sie fest, «es hat keinen Sinn sich aufzulehnen.» Auf ganz grosse Touren gehe sie wohl nicht mehr. Aber dass sie noch etwas z Bärg gehen kann, das hofft sie schon. Im nahen Gantrischgebiet locken noch einige Skitouren.