Später Dank

von Christoph Reichenau 2. August 2022

Jede und jeder ist von anderen Menschen geprägt. Oft merkt man das spät. Zwei Personen, die mich mitprägten, sind vor kurzem gestorben. Ein Versuch, zu danken.

In den letzten Wochen sind zwei in der Öffentlichkeit unterschiedlich gut bekannte Personen gestorben, die mir viel bedeutet haben: Carola Meier-Seethaler und Richard Bäumlin. Beide kannte ich persönlich kaum. Aber von beiden habe ich mehr gelernt als von den meisten Personen, denen Nachrufe gewidmet werden. Was ich hier schreibe, erfasst ihre Persönlichkeit, ihre Haltung, ihr Leben bestenfalls ein bisschen. Ich schreibe keinen ordentlichen Nachruf, ich formuliere einen Dank.

Ursprünge und Befreiungen

Carola Meier-Seethaler, 1927 in München geboren, war Philosophin, Psychologin, Lehrerin, Autorin. Eine Philosophie-Professur wurde ihr verwehrt, da dies im Deutschland der 60er Jahre nicht vorgesehen war. Also studierte sie auch Psychologie. Sie heiratete Hans-Ludwig Meier, einen Schweizer Chemiker, der ihr ermöglichte, Mutter von zwei Töchtern und Berufsfrau als Psychologin und Lehrerin zu sein – eine rare Partnerschaft damals und auch heute nicht selbstverständlich. Auffallend, dass Carola Meier-Seethaler dies in ihrem langen Lebenslauf mit einem einzigen Satz erwähnt, kürzer als etwa der Hinweis auf eine Radiosendung.

60-jährig veröffentlichte Carola Meier-Seethaler im Arche-Verlag das Buch «Ursprünge und Befreiungen, eine dissidente Kulturtheorie». Ein feministisches Buch mit tiefen archäologischen, ethnologischen, psychologischen, soziologischen, religiösen Grabungen einer sich selbst als Laie bezeichnenden Autorin. Für Elsbeth Pulver, in jener Zeit die Schweizer Literaturkritikerin, wischte das Werk «Bedenken, Ermüdung, drohende Resignation einfach beiseite; durch nichts anderes als durch Qualität, Differenziertheit und jenen Rest Zukunftshoffnung, ohne den man nicht leben mag.» Pulvers lange, begeisterte Besprechung in den Schweizer Monatsheften trug den Titel «Der Mann – das andere Geschlecht». Er bezieht sich auf Simone der Beauvoirs 1949 erschienenes Buch über die Frauen als anderes Geschlecht (französisch «Le deuxième sexe»).

Dissidente Kulturtheorie

Pulvers Fazit: «Gefragt wird nach den Ursprüngen des Menschen, den Spannungen zwischen Mann und Frau, die man im Schlagwort ‚Geschlechterkampf‘ zusammenfasst; gefragt wird nach der Möglichkeit von Befreiungen aus einem mörderischen und selbstmörderischen Prozess. (…) ‚Ursprünge und Befreiungen‘, geschrieben aus feministischen Ansätzen, ist nicht einfach ein Frauenbuch; das Thema ist der Mensch in seiner Ganzheit, nur dass der weibliche Part dieser Ganzheit – vom weiblichen Standort – heller beleuchtet wird. Mit Grund also verspricht der Untertitel eine ‚dissidente‘ und nicht eine feministische Kulturtheorie; das zweite ist im ersten eingeschlossen, aber damit nicht identisch.»

Meier-Seethaler geht im Buch der Entwicklung nach, die zur Zweitrangigkeit des weiblichen Geschlechts geführt hat. Sie erforscht, wenn ich es richtig verstehe, den frühen Matrizentrismus nicht als Matriarchat, als Herrschaftsform, sondern als unbestreitbar lebenspendendes Zentrum der Gesellschaft, das unter Schmerzen mit jedem neuen Menschen eine neue Hoffnung in die Welt bringt. Sie schildert die Frustration der Männer und setzt die These: Der Mann habe als Patriarch auf seine Frustration reagiert, indem er sich zum Subjekt der Geschichte machte und damit – anders als die Frau – in Gegensatz zur Natur setzte, um diese durch seine Herrschaft zu übertreffen. Seither produzieren Männer, da sie nicht gebären können, ihre Erfindungskraft in Form der Technik. Carola Meier-Seethaler belegt dies mit zahlreichen Beispielen anhand von Bildern und Kunstfiguren.

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Es geht ihr um Anschauung, weniger um Begriffe. Sie schreibt: «Die Trauer des Menschen, die sakrale Bestattung und Beweinung der Toten stellen ebenso markante Bewusstseinsakte dar wie die spätere begriffliche Unterscheidung zwischen toter und lebender Natur. Es entspricht nur unserem rationalistischen Vorurteil, zu meinen, nur diejenigen erwachten zu selbstbewussten Subjekten, die sich, in Begriffen denkend, über das Objekt erheben.» In diesem Sinn wünscht sich Meier-Seethaler einen Streik der Laien gegen die Experten und eine neue, vorurteilsfreie Betrachtung dessen, was war und was ist.

Reziproke Partnerschaft

Carola Meier-Seethaler blickt nicht nur zurück. Sie entwirft als Überwindung des Patriarchats kein Matriarchat, sondern eine «reziproke Partnerschaft». Das ist kein Herrschaftsmodell, keine Über- und Unterordnung, sondern – wie Elsbeth Pulver schreibt, «eine Verwandlung der Gesellschaft von innen her und in allen Bereichen, ansetzend bei einer Selbstkorrektur beider Geschlechter, durch die erstarrtes Rollenverhalten, verfestigte Fehlentwicklungen aufgebrochen werden.» Meier-Seethaler dekliniert die reziproke Partnerschaft in allen sozialen Bereichen durch, auch in der Arbeit zum Überleben und der Arbeit, frei zu gestalten. So wichtig ist dieses Verständnis, dass es umso mehr erstaunt, wie wenig Raum die Autorin den eigenen Erfahrungen mit ihrem Ehemann widmet.

In den dreissig Jahren nach dem bruchstückhaft und oberflächlich geschilderten Riesenwerk «Ursprünge und Befreiungen» hat Carola Meier-Seethaler weitere Bücher veröffentlicht, Vorträge gehalten, Diskussionen geführt. Sie wurde geehrt, in Gremien berufen, in TV-Sendungen wahrgenommen. Ihrem Status zum Trotz blieb sie unbequem. Die Nationale Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin verliess sie 2006 unter Protest gegen eine zu forschungsfreundliche Gesetzesvorlage im Bereich der Reproduktionsmedizin.

Und wenige Monate vor dem Tod wurde ihr der Zugang zu einer Philosophie-Ausstellung verwehrt wegen dieser zwei Sätze: «In meiner emanzipatorischen Position trete ich für die Gleichstellung der Geschlechter auf allen Lebensgebieten ein. Sie ist noch längst nicht erreicht, solange weltweit Frauen aufgrund ihres biologischen Geschlechts diskriminiert, verfolgt und ermordet werden.» Biologisch war das Wort zuviel. Sie hätte es streichen müssen, um nicht Personen vor den Kopf zu stossen, die Frauen aufgrund ihres sozial konstruierten Geschlechts sind. Doch sie weigerte sich – und blieb unpubliziert.

Mit Carola Meier-Seethaler, die sich bei Exit für die Freiheit zu Sterben in Würde einsetzte, ist eine weitere Frau aus der privaten Berner Diskussionsgruppe über philosophisch-politische Fragen gestorben, zu der auch die Psychiaterin Esther Fischer-Homberger, die Schriftstellerin Maja Beutler oder die Literaturkritikerin Elsbeth Pulver gehörten.

Richard Bäumlins Ideengeschichte

Auch dem Staatsrechtler Richard Bäumlin (1927-2022) kann ich nicht gerecht werden. Ich war Mitte der 1960er Jahre einer von vielen Studenten in seinen Vorlesungen und Seminaren. Das war lange vor seiner Zeit als SP-Nationalrat 1979-1989. Bäumlin öffnete mir die Augen zum Beispiel für die vielen Definitionen von «Freiheit», für die Freiheit von etwas im Unterschied zur Freiheit zu etwas oder Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit.

Richard Bäumlin am Rednerpult im Nationalrat. (Foto: CC BY-SA 4.0, Bibliothek am Guisanplatz, Portraitsammlung Rutishauser)

Er führte uns hin zu den Ursprüngen der Staatlichkeit, der Demokratie, der Rechtsstaats, der Verfassung. Die amerikanischen «Federalist Papers», öffentliche Positionsbezüge zu fundamentalen Fragen staatlicher Ordnung, verfasst vor 240 Jahren aus Anlass der US-Verfassung, wurden erörtert. Ein fotokopiertes Kompendium mit Auszügen aus wichtigen Texten der Ideengeschichte, der Staatsphilosophie war am Schluss zerlesen und annotiert. Dass nichts je feststeht, es sei denn auf Zeit, dass alles stets fliesst, habe ich bei Bäumlin gelernt. Ein einmal gestecktes Ziel bewegt und verschiebt sich, wenn man sich ihm annähert. Den berühmten Satz aus dem Roman «Il Gattopardo» von Giuseppe Tomasi di Lampedusa könnte ich zum ersten Mal bei ihm gehört haben: «Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles ändert.»

Alles nur auf Zeit

Überraschend war Bäumlins Hinweis auf den demokratischen Kern von Dürrenmatts 17. Punkt zur Komödie «Die Physiker», die kurz vorher uraufgeführt worden war: «Was alle angeht, können nur alle lösen.» Und mitten im Kalten Krieg war die Leseempfehlung für das Buch «Der Mensch ohne Alternative; von der Möglichkeit und Unmöglichkeit, Marxist zu sein», eine Entdeckung. Der in Oxford lehrende polnische Philosoph Leszek Kolakowski, Jahrgangsgenosse Bäumlins, hatte es gerade eben publiziert.

Was bleibt? Ein Professor, der uns schwierige Texte zumutete, ohne uns schwimmen zu lassen. Einer, der Türen zu Themen, zu Büchern, zu Fragen öffnete. Ein Mensch mit weitem Horizont, zu dessen Rändern er uns mitnahm. Ein unablässig Fragender, der uns weniger belehrte als anregte zu eigenen Gedanken – und zum Tun. Und der uns den Eindruck gab, auf uns komme es an. Alles in der skeptischen Haltung, die Mani Matter, einer seiner Assistenten, so ausgedrückt hat: «louf i am bundeshus sider verby / mues i geng dänke, s’steit numen uf zyt / s’länge fürs z’spränge paar seck dynamit» (dynamit). «Zentrum und Peripherie, Zusammenhänge – Fragmentierungen – Neuansätze» – der Titel der 1992 Bäumlin gewidmeten Festschrift fasst präzis, was ich meine.

Prägungen

Carola Meier-Seethaler und Richard Bäumlin, zwei Menschen neben anderen, die mich mit ihrem Wirken prägten. Unideologisch, offen, zum Diskurs einladend. Selbstbewusst ohne Überheblichkeit versuchten sie, die Welt zu erkunden, ohne sie uns dann von oben herab erklären zu müssen. Viele konnten von diesen und ähnlichen Personen bestimmendes übernehmen und in sich reifen lassen. Oft wurde uns erst viel später bewusst, was wir an ihnen hatten. Selten können wir dafür danken. Dies ist ein Versuch dazu.