Oh Body, oh Soul

von Christoph Reichenau 29. September 2021

Wer in den Herbstferien nicht wegfährt, erhält im Schlachthaus Theater und in der Reitschule ein reichhaltiges Bühnen- und Leinwandprogramm zum Thema Geschlecht, Leib und Seele, Identität – individuell, sozial, wirtschaftlich. Die feministischen Theater- und Performancetage vom 1. bis 16. Oktober versprechen viel und verlangen einiges vom Publikum. Umso wichtiger, dass wir hingehen.

Man kämpft mit einem unhandlichen, riesigen Flyer, mehrfach gefaltet, und sucht den Durchblick. Ist das Papier geöffnet, nimmt ein vielfarbiges, wenig aufschlussreiches Bild die Vorderseite ein. Die Rückseite ist über und über bedruckt mit Hinweisen zu einem Dutzend Theaterstücken und 10 Filmen, die in 16 Tagen zu sehen sind. Die Bühnen stehen im Schlachthaus Theater und im Frauenraum der Reitschule, die Leinwand ist jene im Kino der Reitschule. An diesen drei Orten finden vom 1. bis 16. Oktober die feministischen Theater- und Performancetage «OH BODY» statt. Geboten wird eine geballte Ladung an Problematisierung, Reflexion, Geschichte zum Thema Geschlecht, LGBTQIA+, Identität, Individualität, Respekt, Toleranz, Mikro- und Makroaggressivität.

An der Premiere vom 1. Oktober führen Ernestyna Orlowska und Daniel Klingen Borg im Schlachthaus ein Tanzduett für eine grosse Frau und einen kleinen Mann auf. Dieser kleine Unterschied (ein anderer kleiner Unterschied) stellt das herkömmliche Verhältnis von (grösserem) Mann und (kleinerer) Frau auf die Probe und zur Debatte, ohne dass Worte gewechselt werden. Der Titel «Should I Do The Man’s Part» endet ohne Fragezeichen und stellt uns so schon zu Beginn vor eine Frage. Und mit grösseren und kleineren Fragen geht es zwei Wochen lang weiter.

Ausgelotet wird eines der grossen gesellschaftspolitischen Felder unserer Zeit. Und dies nicht ausschliesslich hinsichtlich der Identität jedes Menschen, nicht allein zum Thema Körper und Seele,  sondern ebenfalls mit Bezug auf die harten sozio-ökonomischen Verhältnisse (wie im Film «Les Travailleuses de la Mer» von Carole Roussopoulos oder «Atlantique» von Mati Diop).

Schade finde ich, dass das spannende und gewiss lehr- und anregungsreiche Festival ausgerechnet in den Herbstferien stattfindet, die wegen der Pandemie dieses Jahr noch mehr als sonst zum Exodus aus der Stadt führen könnten. Der Zeitraum ist bewusst gewählt: Allen, die sich Ferien nicht leisten können oder wollen, soll etwas Besonderes geboten werden. Hoffentlich geht die Absicht auf. Von Bühnen Bern und auch vom Schlachthaus ist indes zu erfahren, dass der Kartenverkauf bisher verhalten gewesen sei. Wenn nun wegen der Herbstferien noch mehr Plätze leer bleiben würde, wäre dies doppelt schade: Für den thematischen Effort und für das ökonomische Ergebnis.

 

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