Mein Vater ist ein alter weisser cis Mann. Ein Boomer.
Kaum habe ich das hingeschrieben, spüre ich ein schlechtes Gewissen. Nicht, weil es nicht stimmen würde. Alles daran stimmt.
Sondern, weil diese Wörter jemanden zusammenschrumpfen lassen, bis nur noch eine Karikatur übrigbleibt. Mein Vater ist keine Karikatur.
Aber von vorne.
Mein Vater und ich sprechen immer mal wieder über Politik. Wenn wir uns zu zweit sehen oder im Beisammensein mit dem Rest der Familie. Es gibt diese Momente, in denen jemand etwas sagt und plötzlich ist da nicht mehr nur der Tisch zwischen uns. Etwas reisst auf. Ein unsichtbarer Spalt, der breiter wird, je länger der Satz im Raum steht. Ich fühle mich fremd und möchte mich distanzieren. Zu viel Unvereinbares, zu viel Generationenunterschied, zu unterschiedlich sozialisiert – zu verschieden in dem, was uns selbstverständlich erscheint.
Manchmal frage ich mich, ob eine Generation überhaupt eine andere erziehen kann, wenn die Welt der Jüngeren längst eine andere geworden ist.
Dabei habe ich gemerkt, wie schwer es ist, aus medial aufgeladenen Diskursen herauszufinden. Ausser meinem Vater und mir beschäftigt sich niemand aus meiner Familie aktiv mit Politik. Aber alle haben eine Meinung. Durch Medien und mit starken Emotionen. Wir schlagen uns gegenseitig mit Worten, Konzepten und Schlagzeilen – als wären wir Feinde.
Manchmal frage ich mich, ob eine Generation überhaupt eine andere erziehen kann, wenn die Welt der Jüngeren längst eine andere geworden ist.
Manchmal frage ich mich das bei Gesprächen wie diesen.
Nur geht es dann nicht um Erziehung, sondern um gegenseitiges Verständnis. Um die Mühe, einander zu übersetzen. Um das Aushalten der Lücken, die zwischen zwei Lebenswelten liegen.
Ich kann das einordnen. Manchmal kann ich es sogar verstehen. Aber ich kann es nicht teilen.
Wenn mein Vater über Politik spricht, höre ich immer die Geschichte mit, die ihn geprägt hat. Er lebt nicht im Vakuum. Da sind seine Lebenserfahrungen als weisser cis-Mann, die Nachkriegsschatten, das Männer- und Frauenbild seiner Zeit. Das Aufstiegsversprechen, bei genügend Fleiss. Das Vertrauen in die freie Marktwirtschaft und den Kapitalismus. Er hat erlebt, dass Pflichterfüllung und Ordnung Halt und Übersicht geben. Er besitzt dieses Vertrauen in Stabilität, und zugleich die Angst, dass zu viel Wandel eine Gefahr sein könnte. Ich kann das einordnen.
Manchmal kann ich es sogar verstehen.
Aber ich kann es nicht teilen.
Und ich?
Ich bin in einer anderen Welt erwachsen geworden. Einer Welt, aufgebaut durch vorherige Generationen, sicherer für privilegierte Menschen, die jedoch auch laut ist, brüchig und politisch geladener denn je. Einer Welt, in der Begriffe wie Care-Arbeit, Transformation, strukturelle Diskriminierung und soziale Gerechtigkeit nicht nur Wörter sind, sondern Erfahrungen. In Gesprächen mit Freund*innen, in den Büchern, die ich lese, und in der sozialen Arbeit, erhalten diese Begriffe Gesichter.
Ich arbeite und lebe mit Menschen, die mitten in diesen Brüchen stehen und sehe, was Systeme tun. Vielleicht braucht es genau darum so viel Geduld, wenn ich mit meinem Vater rede, und vielleicht ist es deswegen auch für viele so schwer auszuhalten, solche Gespräche mit solch einer Dringlichkeit zu führen.
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Wir sprechen oft. Nicht immer gut, manchmal zu laut, manchmal zu ironisch, manchmal erschöpft, manchmal nicht. Aber wir sprechen. Weil Zuneigung womöglich manchmal der einzige Grund ist, warum man sich wirklich zuhört, wenn man politisch weit auseinanderliegt.
Und manchmal führt dieses Zuhören zu Szenen, die mich bis heute begleiten.
Es war damals bei der Konzernverantwortungsinitiative. Ich konnte nicht fassen, dass er dagegen stimmen wollte. Wir sassen dort, mit Biergläsern und dieser Mischung aus Zuneigung und zäher Grundspannung, die solche Gespräche mit sich bringen.
Ich argumentierte, er hörte zu. Ich erklärte, warum Menschenrechte nicht verhandelbar seien. Er verstand es, im Intellekt, irgendwo zwischen Kopf und Herz. Aber ich spürte auch dieses kaum verhüllte «Du bist halt naiv», das zwischen seinen Sätzen mitschwang. Nicht bösartig, eher eine paternalistische Fürsorge. Dieses «ich sehe deinen Idealismus, aber die Welt funktioniert anders, Kind». Am Ende lehnte er sich zurück, seufzte und sagte diesen Satz, der mich bis heute trifft, wie eine Faust ins Gesicht – auch wenn er liebevoll gemeint war:
«Okay. Ich stimme Ja.
Aber nicht, weil du mich überzeugt hast.
Sondern weil du meine Tochter bist.»
Es war ein Sieg, der keiner war.
Ich frage mich was passiert, wenn wir gar nicht mehr sprechen. Wenn wir uns entscheiden, dass unsere Ansichten zu verschieden sind, um sie miteinander auszuhalten. Politisch wie psychologisch führt Schweigen selten zu Klarheit. Es führt zu Tunnelblick. Wer sich nicht mehr aussetzt, wer sich nicht mehr irritieren lässt, verhärtet sich. Andere Meinungen auszuhalten, wird fast unerträglich. Wir hören nicht mehr zu, wir verteidigen nur noch. Wir brauchen eine Form des Sprechens, in der es möglich bleibt, einander nicht als Gegner*innen, sondern als Menschen anzusprechen. Dabei ist es so unglaublich hilfreich und nötig, nicht davon auszugehen, dass mein Gegenüber etwas Böses will.
Wir brauchen eine Form des Sprechens, in der es möglich bleibt, einander nicht als Gegner*innen, sondern als Menschen anzusprechen.
Die Frage aller Fragen: Wie erreicht man überhaupt Menschen?
Diese Szene hat mich gezwungen, etwas zu erkennen. Es kann nicht darum gehen, Überzeugungen aufzuzwingen. Aber wenigstens darum, auf Wesentliches aufmerksam zu machen. Eigene Wahrnehmungslücken sichtbar zu machen. Themen zu öffnen, die wehtun und unbequem sind. Darum zuzuhören, nicht um zu siegen, sondern um überhaupt noch sprechen zu können.
Es gibt Momente, da bewegt er sich einen Millimeter.
Und ich mich auch.
Ein kleines «Hm».
Ein Innehalten.
Ein anderer Blickwinkel.
Vieles bleibt fest.
Vielleicht ist das normal.
Vielleicht ist das menschlich.
Ich glaube mittlerweile, dass sich eine so polarisierte Gesellschaft von diesen kleinen Gesprächen etwas abschauen kann. Von dieser Mischung aus Zuneigung, Ungeduld, Humor, Ratlosigkeit und Hartnäckigkeit.
Unsere Gespräche verändern die Welt nicht.
Aber ohne das Gespräch gäbe es zwischen uns keine Welt mehr.
Unsere Kolumnistin fragt sich: Wie erreicht man überhaupt Menschen? (Illustration: Fabienne Marti)
