Mehr als ein Vorsatz

von Yannic Schmezer 16. Januar 2026

Winterserie: Abseits der Spur Ins Gym gehen kann Spass machen, ist unser Autor überzeugt. Glauben Sie nicht?

Ratgeberjournalismus hat um die Jahreswende Hochkonjunktur. Landauf, landab wird wieder vorgeschlagen, geraten, und nahegelegt. Besonders hoch im Kurs: Die körperliche Fitness. Doch weshalb gehen Sie trotzdem nicht ins Gym*? Weshalb vermögen Heerscharen sich die Finger wund schreibender Journalist*innen Sie nicht davon abzuhalten, das frisch gekaufte Fitnessabo schon ab Februar im Portemonnaie hinter der Cumulus-Karte zu verstecken, nur um beim wöchentlichen Einkauf jeweils schmerzlich an die eigene Inkonsequenz erinnert zu werden?

Auch dieser Artikel wird Ihnen die Last, eine nachhaltige Gymroutine zu entwickeln, nicht abnehmen. Doch eines kann ich Ihnen versprechen: Im Gegensatz zu meinen Ratgeberkolleg*innen bin ich tatsächlich der Überzeugung, dass der Besuch im Gym – Achtung – Spass machen kann. Sie werden deshalb in diesem Text weder dem Verb «quälen» begegnen, noch wird Ihnen vorgebetet, weshalb Krafttraining schon ab dem zarten Alter von 30 Jahren unerlässlich ist.

(Foto: David Fürst)

Nun mögen Sie das Wort «Spass» vielleicht nicht unmittelbar mit dem Heben schwerer Gewichte assoziieren. Und im ersten Augenblick ergibt das auch Sinn: Weshalb sollte man in seiner Freizeit freiwillig das tun, wofür sich die Maurerin gut bezahlen lässt? Abgesehen davon, dass einem auch die körperliche Tätigkeit auf der Baustelle Spass machen kann, gibt es einige gute Gründe, weshalb Sie sich im Gym wohler fühlen könnten als auf dem Fussballplatz.

Ein unbeschreibliches Gefühl.

Grund Nummer eins: Musik. Und ich meine nicht die Klagverbrechen (im schlimmsten Fall von Radio Energy) aus den bassbelasteten Lautsprechern in der Fitness-Kette, sondern die über Jahre sorgfältig kuratierte Playlist, die Sie zu Beginn jedes Trainings via Bluetooth auf die eigenen Kopfhörer beamen. Dann abtauchen in den Tunnel und los geht’s. Oder aber das Training bietet Gelegenheit, das neue Album der Lieblingskünstlerin endlich einmal komplett durchzuhören (Hand aufs Herz: zu Hause würden Sie das nicht tun). Und vielleicht entdecken Sie ja auf halbem Weg sogar einen Song, der Sie durch die letzten Reps** pusht. Ein unbeschreibliches Gefühl.

(Foto: David Fürst)

Grund Nummer zwei: Wachstum. Von links verschrien, von rechts verklärt und nirgends so gut messbar wie im Gym. Ohne eine Debatte über «die Natur des Menschen» vom Zaun brechen zu wollen, kann doch relativ nüchtern festgestellt werden, dass die Perspektive, in etwas im weitesten Sinne besser zu werden, einen gewissen Reiz hat. Klar, Sie können auch im Fussballspiel besser werden. Aber glauben Sie mir: Wenn Sie sich wochen- oder monatelang an Ihrem ersten Klimmzug abrackern und es Ihnen dann nach einem zermürbenden Arbeitstag endlich gelingt, das Kinn über die zuckerrohrdicke Metallstange, die Sie bisher immer nur von unten betrachtet haben, zu heben, dann vertreibt das anschliessende Endorphin-Feuerwerk jeden schlechten Gedanken.

(Foto: David Fürst)

Grund Nummer drei: soziale Interaktionen nach Bedürfnis. Das Gym ist in erster Linie zum Sportmachen da. Sie werden also mit niemandem sprechen müssen, wenn Sie das nicht wollen. Handkehrum gibt es eine nicht unbeachtliche Anzahl Personen, die das Gym als Dorfplatz (miss)verstehen, weshalb der belanglose Schwatz oft nur einen Blickkontakt entfernt liegt. Bisweilen ergeben sich daraus wirklich bereichernde Gespräche oder sogar Freundschaften.

Es gibt eine nicht unbeachtliche Anzahl Personen, die das Gym als Dorfplatz (miss)verstehen.

Das alles klingt gut, aber Ihnen fehlt die Disziplin regelmässig das Gym zu hitten***? Dann versuchen Sie es doch mit einem Gruppenkurs. Oder mit Hyrox. Letzteres hat jüngst nicht nur die deutsche Sprache um ein Wort bereichert, das zugleich ein «X» und ein «Y» enthält (gemäss ChatGPT gibt es davon nur deren 110, wobei Nichtmediziner*innen die wenigsten davon geläufig sein dürften), sondern stellt auch eine gemeinschaftliche und wettkampforientierte Möglichkeit dar, Ausdauer und Kraft, wahlweise in Zweierteams, auf den Prüfstand zu stellen, ohne sich dabei dem Risiko bleibender Rückenschäden (siehe Crossfit) auszusetzen.

(Foto: David Fürst)

Natürlich gibt es noch weitere Gründe, weshalb das Gym auch für Sie eine Option sein könnte. Um der zu Recht in Verruf geratenen Textgattung der Listicles nicht noch einen weiteren Artikel hinzuzufügen (mit drei Gründen bin ich schon gefährlich nahe dran) verzichte ich aber auf weitere Aufzählungen. Stattdessen überlasse ich es Ihnen, die Freude am Gym nach Ihrer hoffentlich baldigen Anmeldung – oder von mir aus vorerst im Probetraining – selber zu erforschen.

*Fitnesscenter sagen übrigens nur Menschen, die ihr Wissen über solche Einrichtungen ausschliesslich aus Fernsehbeiträgen und Zeitungsartikeln beziehen

**Wiederholungen einer Übung

*** to hit the gym = ins Gym gehen

Alle Fotos wurden von David Fürst im Gym Fit Club Bern aufgenommen.