«Literatur entsteht in Krisen»

von Rita Jost 13. April 2022

Francesca Melandri gehört zu den meistgelesenen italienischen Schriftstellerinnen der Gegenwart. Im Interview erklärt sie, warum es nur gute und schlechte Literatur gibt, wie Nelson Mandela ihr Schreiben geprägt hat und warum sie nicht glaubt, dass Bücher die Welt verändern. Am Berner Lesefest Aprillen spricht sie über politische Literatur.

In der Schweiz sind die drei Bücher ihrer «Vätertrilogie» Bestseller geworden. Meine kleine Umfrage unter lesenden Bekannten hat ge­zeigt, dass viele «Über Meereshöhe» Ihr bestes Buch finden. Können Sie sich erklären weshalb?

Alle meine drei Bücher haben offensichtlich ihre Fans. Das jedenfalls darf ich aus den Rückmeldungen schliessen, die ich erhalte. «Über Meereshöhe» ist eine kürzere, einfachere Geschichte, viele denken vielleicht auch, eine etwas weniger anspruchsvolle als «Eva schläft» und «Alle, ausser mir». Aber sie ist voller Leidenschaft. Vielleicht ist sie deshalb für manche der Favorit.

Das Buch behandelt die blutigen Jahre des italienischen Terrorismus Ende der Siebzigerjahre. Wie kam es in Italien an?

Es gewann einige Preise. Ich denke also, gut.

Ich weiss nicht, ob ich mich als politische Autorin bezeichnen würde.

Sie sind eine erfolgreiche politische Autorin. Welche Lektüre hat Sie selbst geprägt?

Vorweg: Ich bin nicht sicher, ob ich mich selber als politische Autorin bezeichnen würde. Meine Bücher erzählen vom Leben. Von der Gesellschaft, in der die Menschen leben. Sicher, das umfasst auch die Politik. Aber da spielen auch noch viele, viele andere Aspekte mit. Insofern würde ich sagen: Ich interessiere mich für Politik nur als Phänomen, das Menschen prägt, beeinflusst und etwas bewirkt in ihrem Leben. In diesem Sinne war Nelson Mandelas Autobiografie «Long Walk to Freedom» prägend. Sie behandelt nicht nur die Geschichte eines grossen Politikers des 20. Jahrhunderts, sie zeugt auch von einer unglaublich warmen und klugen Sicht auf die Menschheit.

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Alle drei Bücher der «Vätertrilogie» spielen vor dem Hintergrund politischer Umwälzungen. In «Eva schläft» geht es um den Freiheitskampf im Südtirol, in «Alle ausser mir» um die koloniale Vergangenheit Italiens in Abessinien. Wie schreiben Sie, und vor allem: Wie recherchieren Sie?

Ich schreibe am Computer und drucke nie etwas aus. Beim Recherchieren notiere ich mir alles von Hand. Besonders, wenn ich Interviews mit Zeitzeugen führe. Am Schluss habe ich immer jede Menge Schachteln mit Notiz­büchern … Bis jetzt hat mich das Verfassen von Romanen immer dazu gebracht, eine gewisse Zeit an den Orten zu verbringen, an denen meine Geschichten spielen, aber vor allem ist 
es für mich wesentlich, sehr vielen Zeitzeugen zuzuhören. Während des Schreibprozesses mache ich mich auf die Suche nach persönlichen, privaten Erzählungen. Ich brauche verschiedene Stimmen, und dieser Prozess endet erst kurz vor Fertigstellung der ersten Fassung. Schreiben und Materialsammeln erfolgen gleichzeitig.

Sollten Politiker*innen Ihre Bücher lesen?

Ich weiss es nicht, Sie sollten das nicht mich fragen. Ich hatte in Berlin kürzlich eine Einladung ins Schloss Bellevue zum Kaffee mit dem deut­schen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Wir hatten ein sehr gutes Gespräch. Er ist ein guter Zuhörer.

Geschichte ist generell geprägt von ungelösten Problemen.

Alle drei Bücher betreffen die Geschichte Italiens und ihre leid­vollen Auswirkungen, die bis in die Gegenwart reichen. Schwerer Stoff. Wollen die Leute in Italien das lesen?

Gibt es denn so etwas wie «die Leute», wenn wir über Literatur sprechen? Literatur ist eine Kunstform, die eine extrem individuelle Begegnung zwischen zwei Welten schafft: die des Schreibenden und jene des Lesenden. Ein Buch zu lesen ist sehr privat, sehr persönlich, es ist eine Eins-zu-eins-
Kommunikation. Was ich von meinen Leser*innen in Italien sagen kann: Sie lassen sich ein auf diese Konversation.

«Unsere Gegenwart explo­diert gerade, weil die Verarbeitung nicht funktioniert hat», meinten Sie einst in einem Interview. Es ging dabei zwar nicht um den Ukrainekrieg. Aber gilt das auch dort?

Der Krieg in der Ukraine ist unsere Gegenwart. Künftige Generationen werden entscheiden, welche Bedeutung dieser Krieg historisch hat. Aber ganz generell: Geschichte ist geprägt von ungelösten Problemen. Diese produzieren immer neue Konflikte. In Krisen und Konflikten entsteht Literatur. Aber das heisst auch: Friedliche Gesellschaften schreiben nicht Geschichte.

Wenn wir heute noch ‹Krieg und Frieden› lesen, dann weil wir die exakte Sprache Tolstojs bewundern.

Kann politische Literatur die Welt verändern?

Für mich gibt es nur zwei Arten von Literatur: gute und schlechte. Das Thema eines Buches ist nicht wichtig. Menschen verändern die Welt – nicht Bücher. Klar, Menschen werden geprägt durch die Erfahrungen. Und einige davon können dank Literatur gemacht werden. Aber Literatur ist nichts ohne das gelebte Leben. Es sind nicht die politische Botschaften aus Büchern, die in den Köpfen bleiben. Es sind die kleinen Einsichten, die wir in den Büchern über das menschliche Wesen erlangen. Wenn wir heute noch «Krieg und Frieden» lesen, dann nicht, weil wir Napoleons Feldzüge verstehen wollen, sondern weil wir die exakte Sprache von Leo Tolstoj bewundern, der die Menschen auf diesem Planeten beschreibt.

Nach der Trilogie der Väter: Wird es auch eine Trilogie der Mütter geben?

Das denke ich nicht. In Italien sagen wir «di mamma ce n’è una sola». Es gibt nur eine Mutter. Einige sagen: zum Glück.