«Kreativität braucht Raum und Begegnung»

von Rita Jost 2. Juni 2020

Sein Auftrag wäre eigentlich, die Generationen zusammenzubringen. Detlef Vögeli vom Berner Generationenhaus ist zwar nun wieder zurückgekehrt an seinen Arbeitsplatz, aber seine Aufgaben sind vorerst ziemlich anders als zuvor. Wie hat er das Auftauchen aus dem Lockdown erlebt?

Detlef Vögeli, die Ausstellung «forever young» im Berner Generationenhau ist seit dem 11. Mai theoretisch wieder offen. Sind die Besucher wieder da?

Die Leute kommen noch sehr spärlich. Wir sind weit unter den Zahlen von vor dem Lockdown. Das verwundert uns aber nicht. Wir hören dasselbe von anderen Veranstaltern. Das Publikum ist noch sehr zurückhaltend und verständlicherweise nutzt es bei diesem prächtigen Wetter jetzt einmal andere Ausgehmöglichkeiten, die lange Zeit nicht mehr möglich waren.

Was war für Sie und Ihr Team die grösste Herausforderung in den Tagen des Lockdown?

Das Schwierigste war die Ungewissheit. Nicht zu wissen, wann können wir wieder Anlässe durchführen. Zuerst haben wir gearbeitet, als könnten wir alles durchführen; aber irgendwann war die Energie weg. Darum freuen wir uns nun, dass der Bundesrat das Versammlungsverbot wieder lockert. Für uns heisst das: wir dürfen wieder Veranstaltungen planen, können wieder Gruppen empfangen. Und wir haben überhaupt wieder einen Planungshorizont.

«Forever young» war kurz vor Ausbruch der Corona-Krise um ein Jahr verlängert worden (bis März 2021). Bereuen Sie nachträglich diesen Entscheid?

Nein, gar nicht. Ich finde den Entscheid rückblickend sogar erst recht richtig. Wir haben die letzten drei Monate «verloren». Und die Wiedereröffnung kommt jetzt für uns eigentlich zu einer Unzeit, weil die Sommermonate nicht die Hauptsaison für Ausstellungen sind. Aber nun können wir loslegen und hoffen, dass wir im Herbst und Winter nochmals etwas aufholen können.

Wie schwierig ist es, im Generationenhaus die Schutzmassnahmen des Bundes einzuhalten?

Es ist eine Herausforderung. Unsere Ausstellungsräume sind relativ eng. Wir haben deshalb umgebaut, und die Kasse vor dem Eingang eingerichtet, so dass die Tickets draussen gekauft werden können. Das entflechtet die BesucherInnen. Wir liessen vorerst auch nur alle zwanzig Minuten vier Personen ein. Auch einige mediale Installationen waren nur beschränkt zugänglich. So mussten wir auch eine Schneise in den Fadenvorhang der begehbaren Videoinstallation bahnen. Dieser Durchschlupf, der den Geburtsvorgang symbolisiert, schien uns psychologisch und vielleicht auch tatsächlich im Moment aus Hygienegründen nicht sinnvoll.
Wir freuen uns nun die Ausstellung ab 6. Juni wieder für grössere Gruppen zugänglich machen zu dürfen – selbstverständlich aber noch immer unter den geforderten Schutzmassnahmen. Auch der Innenhof, die Gänge und die CaféBar des Generationenhaus werden nun wieder öffentlich zugänglich sein.

Welche Veranstaltungen können nun dank den bundesrätlichen Lockerungen im Sommer im Generationenhaus stattfinden?

Wir setzen auf ein sommerliches Programm im Innenhof des Generationenhauses. Eine Sommerbar lädt ab dem 21. Juni mit einem kulinarischen Angebot zum gemütlichen Verweilen im Innenhof für alle Daheimgebliebenen. Wie geplant kann nun auch das Openair des Kino Rex unter dem Motto «Ans Meer!» zu Gast sein. und das Sommerfestival von BeJazz kann im Innenhof stattfinden.

Was hat dieser Lockdown mit Ihnen und Ihrem Team gemacht?

Im Generationenhaus hat es uns unterschiedlich getroffen. Einige waren auf Kurzarbeit gesetzt, die älteren Freiwilligen konnten und durften gar nicht mehr arbeiten, und andere waren im Homeoffice. Meine persönliche Herausforderung bestand darin, als Familie insgesamt 150% Home Office mit zwei Mal Home Schooling zu vereinbaren. Beruflich zeigten sich das Potenzial, aber auch die Grenzen von rein virtueller Zusammenarbeit. Über eine Video-Konferenz etwas im Team zu entwickeln, finde ich ziemlich schwierig.

Warum?

Kreativität braucht einen Raum, Begegnungen, Bewegung, spontane Einwürfe, Reaktionen. Es ist uns in den vergangenen Wochen sehr bewusst geworden, dass ein Treffen auf Zoom nie die gleiche Dynamik haben kann wie eine Teamsitzung in einem Raum, wo man sich sieht und erlebt.

Was haben Sie am meisten vermisst?

Das Publikum und die Rückmeldungen! Die Möglichkeiten, etwas auf die Beine zu stellen. Wir mussten in den letzten Wochen vorwiegend Veranstaltungen absagen: die Museumsnacht, einen erweiterten Ausstellungsraum im Innenhof, das geplante Sommerfest, Public-Viewing zur Fussball-EM im Innenhof. Das war zunehmend frustrierend.

Hat die Erfahrung aus der Coronakrise nun Auswirkungen auf die künftige Arbeit im Generationenhaus?

Wir haben sicher in aller Deutlichkeit gemerkt, dass Anlässe, wie wir sie organisieren, vor Ort erlebt werden müssen. Sie leben von der persönlichen Begegnung und der Erfahrung im Raum; streamen könnten wir sie nicht. Bei einer guten Ausstellung verhält es sich ähnlich wie mit einem Essen in einem guten Restaurant: Bilder und Videos können einem einen Besuch schmackhaft machen, aber das Erlebnis vor Ort nicht ersetzen. Die räumliche Inszenierung macht ja gerade das Erlebnis einer solchen Ausstellung aus. So können verschiedene Sinne angesprochen werden. Und wichtig ist natürlich auch, dass die meisten solche Ausstellungen zusammen mit anderen besuchen und das Erlebte dann noch teilen. Das ist ein Wert, der sich nicht in die virtuelle Welt verlegen lässt.