Im Winter in die Aare

von David Fürst 20. Januar 2026

Winterserie: Abseits der Spur Auch im Winter haben die Fische die Aare nicht ganz für sich allein. Eisbaden trendet, auch in Bern. Was motiviert Berner*innen in die kühle Aare zu springen? Ein Besuch am Marzili-Ufer.

Wer soziale Medien nutzt, kennt die Videos:  Menschen, die im Winter in Eiswasser steigen. Begleitet von speziellen Atemtechniken und Versprechen von mentaler Stärke und Gesundheit. Die Kälte erscheint nicht als Zumutung, sondern als Symbol für Stärke. Vielleicht die Antithese zum Wellness-Hot-Pot-Trend der 2000er-Jahre. In härteren Zeiten, so scheint es, muss mensch sich abhärten können. Sind die Berner*innen auch inspiriert vom Social-Media-Trend oder haben sie andere Beweggründe? Um dies zu beantworten, hat sich David Fürst Anfang Jahr ans Aare-Ufer begeben.

Am 4. Januar liegt noch Schnee auf dem Asphalt beim Bootssteg im Marzili, dort, wo im Sommer die Aareböötler*innen mit ihren Gummiboote anlegen. In einer Ecke steht eine holzgetäfelte Tiny-House-Sauna mit Kaminrohr, aus der Rauch in den blauen Himmel steigt. Die Tür der mobilen Sauna öffnet sich: Drei junge Männer, nur mit Badehosen bekleidet, laufen die zehn Meter hinunter ans Aare-Ufer, Dampf steigt von ihnen auf. Gleichzeitig sind schon ein Dutzend Frauen in der Aare – mit Sonnenbrillen und farbigen Mützen auf dem Kopf. Eine von ihnen erzählt: «Wir machen das schon seit fünf Jahren, immer am Sonntag, die Gruppe wächst ständig.»

Im Sommer wassern hier die Gummiboote aus. (Foto: David Fürst)

Das Aare-Ufer ist auch im Winter ein Hotspot in Bern. Immer wieder kommen Einzelpersonen, Gruppen und Paare zur Aare. Das Ritual ist meistens das gleiche: Kleider ausziehen, Sonnebrille, Mützen bleiben an, das Badkleid haben die meisten schon an und viele tragen Neopren-Schuhe, um die besonders empfindlichen Füsse zu schützen. Dann wird ein Timer gestellt, meistens drei Minuten und die Eisbadenden waten in die Aare. Einige halten die Hände in die Höhe. Andere sind bis zum Kopf im Wasser, dessen Temperatur 5,4 Grad beträgt. Nach dem Bad sind die Wangen rot und die Stimmung gelöst. Einige wirken euphorisch. Ein kleiner Rausch.

 

Chananda Malaika Fuster: Gegenwärtig sein im kühlen Wasser

Um 11:30 Uhr kommt Chananda Malaika Fuster zum Aare-Ufer ins Marzili. Sie ist 29 Jahre alt, Content Creator und Moderatorin. Für sie ist das Eisbaden mehr als Sport oder Selbstoptimierung. Es ist eine bewusste Konfrontation mit sich selbst. Die Kälte fordert sie heraus, zwingt sie, im Moment zu bleiben. «Ich muss ganz im Jetzt sein», sagt sie, «das reduziert Stress und macht den Kopf frei.» Nach dem Bad fühle sie sich wie neu geboren – körperlich belebt, innerlich ruhig. Seit etwa drei Wintern steigt sie regelmässig in die Aare.

Kennengelernt hat sie das Eisbaden in Berlin, wo viele junge Menschen selbstverständlich zum kalten Wasser gehen. Inspiriert von der Wim-Hof-Methode entwickelte sie ihre eigene Routine. Dass die Aare frei zugänglich ist, macht es für sie alltagstauglich, gerade an stressigen Tagen wird das Bad zu ihrem persönlichen Highlight. Am Steg kommt sie schnell mit anderen ins Gespräch, manchmal bringt sie Freund*innen oder Familienmitglieder mit. Nicht immer mit Erfolg.

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Chananda Malaika Fuster badet seit drei Wintern in der kalten Aare. (Foto: David Fürst)

 

 

Foto: David Fürst
Foto: David Fürst
Foto: David Fürst

 

Laura & Lisa: Freundinnenschaft zelebrieren beim Eisbad

Auch Laura, Architektin, 32, geht seit Ende Oktober 2025 regelmässig in die Aare. Am liebsten mit ihrer Freundin Lisa. Ausschlaggebend waren gesundheitliche Erwartungen, mentale Effekte und der Wunsch, den eigenen inneren Schweinehund zu überwinden. Dass sie eine Gruppe von Weggefährtinnen fand, machte den Unterschied. Heute fühle sie sich psychisch und physisch stärker, friere weniger im Alltag und beobachte bei sich selbst mehr Willenskraft. Ursprünglich war es als wöchentliches Bad geplant, kombiniert mit einem gemeinsamen Abendessen mit Freund*innen. Noch brauche es jedes Mal etwas Überwindung, aber genau darauf freue sie sich inzwischen.

Für Lauras Kollegin Lisa Hauk, Sozialarbeiterin, 32, begann alles eher zufällig. Das erste Mal stieg sie ins kalte Wasser, um ihrem Mitbewohner etwas zu beweisen. Eine Gewohnheit sollte daraus eigentlich nicht werden. Doch seit Oktober 2025 geht sie fast jede Woche. Die Kälte lässt sie für ein paar Minuten woanders sein, zwingt die Gedanken zur Ruhe. Sie schläft besser, kommt innerlich an. Besonders stärkt sie die Erfahrung, sich immer wieder neu überwinden zu können. Was geblieben ist, ist nicht nur das Bad selbst, sondern das Ritual danach: gemeinsam Suppe essen, reden, zusammensitzen. Unter der Woche sind sie meist unter sich, an Wochenenden begegnen sie mehr Menschen, andere, die ebenfalls in der Kälte etwas suchen.

laura lisa angezogen
Vor dem Eisbad sind die beiden Freundinnen Laura und Lisa noch dick eingepackt. (Foto: David Fürst)
laura lisa bevor sie in die aare ghene
Foto: David Fürst
laura und lisa kollege wartet am rand mit kappe und dicker jacke
Foto: David Fürst
Foto: David Fürst

 

Leila Yahiaoui: Die Liebe zum Wasser hält das ganze Jahr an

Für Leila Yahiaoui, 29, medizinische Sekretärin im Zentrum für sexuelle Gesundheit, ist das Winterschwimmen vor allem eine Fortsetzung ihrer Liebe zum Wasser. «Ich bin einfach unglaublich gern im Wasser, und damit möchte ich im Spätsommer nicht aufhören», sagt sie. Ihr Wunsch nach Kiemen sei nur halb scherzhaft gemeint. Der Aare-Schwumm ist für sie ein kurzer Reset: Danach fühlt sie sich wacher, motivierter, aufgestellter. Begonnen hat sie im Winter 2020/21, zunächst in einer Gruppe von Freundinnen im Marzili – das Soziale gehörte von Anfang an dazu. Heute, da sie nahe an der Aare wohnt, geht sie meist allein oder gelegentlich mit Mitbewohnerinnen.

Leila Yahiaoui will im Spätsommer nicht mit dem Aarebaden aufhören. (Foto: David Fürst)
Foto: David Fürst
leila
Foto: David Fürst
Foto: David Fürst

 

leila nach der aare
Nach dem Eisbad sorgt ein flauschiger Bademantel für die nötige Wärme. (Foto: David Fürst)

 

Gesundheitliche Wunder verspricht sie sich keine. Erkältungen habe sie nicht weniger als früher. Doch psychisch habe ihr das Winterschwimmen viel gegeben – besonders in depressiven Phasen. «Wenn sonst gar nichts mehr ging, war der Aareschwumm möglich», sagt sie. Er habe ihr kleine Energieschübe gegeben, genug, um weiterzumachen. Diese Erfahrung begleitet sie auch im Alltag: Vor schwierigen Situationen erinnert sie sich daran, dass sie ohne Zögern in vier Grad kaltes Wasser steigen kann. Entlang der Aare ist sie dabei nie wirklich allein – Spaziergänger*innen, Joggende, Saunagänger*innen auf der anderen Seite. Früher wurde sie öfter angesprochen, heute bleibt es meist bei Blicken oder einem kurzen Lächeln.

Das Zitronen-Ritual

Als ich am 8. Januar die kleine Holzsauna im Marzili besuche, treffe ich auf den MMA‑Kämpfer Damian Calambria, der mit seinen Freunden regelmässig eisbadet. Während ich mich draussen abkühle, kommt er auf mich zu und fragt, ob ich sie filmen könne. Sie hätten ein Ritual, das sie später auf Social Media posten wollen.

Die Gruppe schält Zitronen, halbiert sie und träufelt etwas Honig darüber. Dann essen sie die Zitronen und steigen für fünf Minuten ins fünf Grad kalte Wasser der Aare. Es gehe um Abhärtung, sagen sie, darum, den Schmerz bewusst zu spüren. Nach dem Eisbad wärmen sie sich im Auto auf.

Bei meinen Gesprächen am Ufer der Aare ist mir klar geworden, dass alle beim Gang ins Eiswasser unterschiedliche Beweggründe haben. Eine Gruppe junger Männer stieg in die Aare, um sich abzuhärten und dies anschliessend im Internet zu teilen. Lisa und Laura pflegen ihre Freundinnenschaft durch das gemeinsame Eisbaden. Chananda versteht das Eisbaden als persönliche Challenge, während Leila dabei ihre Liebe zur Aare lebt. Alle waren sehr offen und erzählten gerne über das Eisbaden. Auffallend ist, dass alle Protagonist*innen zwar dasselbe tun, jedoch ihre Erfahrung unterschiedlich einordnen. Die Erfahrung des Eisbadens öffnet einen erzählerischen Raum, in dem jede Person ihre eigene Erfahrung und Identität formuliert. Oder, um mit Peter Bichsel zu sprechen: «Sprache kann nie wiedergeben, was eigentlich ist, sie kann Realität nur beschreiben.»

Foto: David Fürst