«Humor ist die Nummer 1 Bewältigungsstrategie»

von Noah Pilloud & David Fürst 24. November 2022

Sophie und Pit tragen Masken aus Wolle in grellen Farben und posieren vor dem Dead End in Bern. Die beiden Künstler*innen kennen sich seit ihrer Jugendzeit, wo sie sich früh politisierten und seither unregelmässig zusammen Musik machen. Sechs Jahre nach dem «Gaffatape» von Sophie erscheint am Freitag ihr gemeinsames Album «M.R.X».

Journal B: Wie ist dieses Album entstanden?

Pit: Es hat zu tun mit einem Dinosaurier im 6er-Tram und um einen geheimen Plan, den nur wir kennen… Aber das würde den Rahmen des Interviews wohl sprengen. Sophie und ich kennen uns schon seit vielen Jahren und haben schon im berühmten «Rüümli ohne Fenster» zusammen Musik gemacht und ich durfte auch auf dem «Gaffatape» mitarbeiten.

Sophie: Bei uns passte es einfach immer, wenn wir zusammen Musik gemacht haben, das ist nicht bei allen so. In meinem Leben spielt Rap eigentlich nicht eine riesige Rolle, aber als Pit mich gefragt hat, ob wir wieder zusammen Musik machen, sagte ich ja.

Gab es ein bestimmtes Konzept für das Album?

Sophie: Nein, wir haben einfach angefangen uns jeden Donnerstag zu treffen. Ich finde es schwierig, mit einem Konzept zu arbeiten, unsere Tracks entstehen spontan.

Pit: Unsere Köpfe sind das Konzept.

Ich könnte keine Musik machen, die nicht auf politische Themen anspielt.

Sophie: Wir haben uns auch bei den Produzent*innen nicht gross eingemischt. Wir haben allen ihre Freiheit gelassen, so zu arbeiten wie sie wollen. Es ist darum auch kein Sophie & Pit-Projekt, sondern eine Zusammenarbeit von ganz vielen Künstler*innen.

Pit: Es ist nice alles zu vermischen, alles in den kreativen Topf zu werfen und dann kommt dabei etwas richtig Nices raus – vielleicht ein wenig versalzen aber trotzdem schön.

Als erste Single des Albums habt ihr «Petit Loup», einen Solotrack von Walid veröffentlicht. Das Album wurde also mit einem Song, auf dem ihr gar nicht drauf seid angekündigt. Welche Überlegung stand hinter dieser Entscheidung?

Pit: Wir kennen Walid schon lange und wir wollten ihm unbedingt diese Plattform geben auf unserem Album. Ihm war es wichtig, diesen Song endlich veröffentlichen und den Leuten zeigen zu können. Deshalb haben wir den Plan umgestellt, was zugegeben etwas verwirrend war. Ich bin grosser Fan des Songs und seiner Musik. Seine Lieder und seine Geschichte haben mich sehr berührt. Das war übrigens erst der dritte Song, den er aufgenommen hat.

Euer Album heisst «M.R.X.» Was verbirgt sich hinter diesem Akronym?

Pit: Wir haben gerne coole Abkürzungen. Denkt selbst über die Bedeutung nach!

Im Track Tatort bringt ihr Battlerap, der sich aber nicht gegen ein*e Gegner*in richtet, sondern gegen ein System aus Unterdrückung. Langweilt euch Battlerap?

Sophie: Wir setzen uns darin mit Themen auseinander, denen wir im Alltag begegnen. Ich könnte keine Musik machen, die nicht auf politische Themen anspielt.

Illustration: David Fürst

Pit: Das Lied möchte aufräumen. Für mich ist Battlerap oft oberflächlich, es geht darum, wer mehr Hip Hop ist, wer besser ist als der Andere. Deshalb auch die Zeilen: «U du so, chli lost, poste u pose, ig schlami ume mit Tod und Psychose.» Wir wollen dieser Glitzer Rap-Welt ein Stück Realität entgegenhalten und über Themen sprechen, die uns wirklich berühren.

Ist eure Musik eine Art Selbsttherapie oder eher politischer Aktivismus?

Sophie: Ich würde es mir nicht anmassen, unseren Rap als politischen Aktivismus zu bezeichnen. Im besten Fall haben wir einige Menschen politisiert mit unserer Musik. Es stresst mich, dass ich mich mit meiner Musik exponiere. Am liebsten schreibe ich etwas, nehme es auf und höre es dann nicht mehr an – es ist dann weg von mir. Therapie ist es nicht, aber es macht mich irgendwie ganz.

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Pit: Unsere Musik ist oft schwermütig und traurig, aber eigentlich mag ich keine schwermütige Musik. Es gibt tausend Sachen, die ich nicht aus dem Kopf bringe. Durch die Musik kann ich diese Gedanken in einer lustigen Art verwursteln. Humor ist die Nummer-eins-Bewältigungsstrategie.

Eure Lieder sind schwer und die Texte desillusionierend. Haltet ihr hier diesem Inhalt mit lüpfigen Beats entgegen, indem viele Synthis zum Einsatz kommen? Setzt ihr so bewusst einen Kontrast – schwere Themen und fröhliche Beats? 

Pit: Diese Art von Kontrast setzen, zieht mich sehr an. Durch die lüpfigen Beats und schweren Themen, die das Leben angehen, fährt die Musik besser ein. Humor ist für mich extrem wichtig. In schwierigen Gesprächen mit Menschen, die im Scheiss sind, erlebe ich oft Ausbruchsmomente, wenn wir zusammen lachen ab einem absurden Witz. Das rettet uns manchmal.

Sophie: Traurige Beats und traurige Texte wären zu viel. Es ist cool, wenn die Beats «chlepfen», so hören unsere Texte vielleicht auch Menschen, die wir über die Beats erreichen und sich dann aber auch mit den Texten auseinandersetzen. Mit Partybeats läuft unsere Musik dann auch an einer Pirat*innenbar.

Beim Lied «Kheim» hört man im Intro eine rückwärts abgespielte Sprachaufnahme. Wenn man sie wieder umdreht, ist Erich Hess zu hören, wie er Vegi-Würste bewertet. Was hat es mit diesem Easteregg auf sich?

Pit: Das stammt aus der Feder von C. Perkins, der den Beat gemacht hat.

Neben C. Perkins hat vor allem Artbabe vom Hatepop-Kollektiv viele Tracks auf eurem Album produziert. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?

Sophie: Wir haben schon früher mit «Fuchs und Porzellan» gemeinsam gearbeitet, deshalb kennen wir Artbabe schon länger. Die Zusammenarbeit war in Glücksgriff für uns. Ich finde, die Produktionen bringen stilistisch eine hörbare Veränderung. Wir haben zum Beispiel auch mehr mit Autotune gearbeitet.

Das Problem der grossen, uns übergestülpten Systeme ist, dass sie einen mit einem komischen Gefühl der Ohnmacht zurücklassen.

Diesen Eindruck teilen wir. Ausser bei «Touche», da waren wir überrascht, dass das ein Artbabe-Beat ist. Der ist irgendwie überhaupt nicht hatepoppig.

Pit: Das Lied hat eine spannende Entstehungsgeschichte. Das Sample und die Beatskizze stammten von C. Perkins. Artbabe fand das Sample nice, aber hat dann den Beat total umgebaut und einen eigenen Beat daraus gemacht. Ich glaube es ist nicht ein Sample, dass Artabe selber gewählt hätte.

Zurück zum Inhalt des Albums. Ihr arbeitet mit vielen Referenzen, etwa beim Lied «Momo», das sich auf den gleichnamigen Roman von Michael Ende bezieht. Was nehmt ihr aus dieser Geschichte?

Sophie: Wir sind darauf gekommen, als wir gemeinsam im «Gässli» gechillt und uns über Smartphones unterhalten haben. Für mich ist Momo eine Kritik am Geldsystem und Smartphones bringen eine neue Ebene in diese Geschichte: Smartphones sind die neuen Grauen Männer. Die Sozialen Medien rauben uns Zeit, doch sie sind am Ende ein Werbeinstrument für Firmen. Sie bestärken uns im Glauben, Geld sparen und Zeit aufwenden zu müssen, um einem bestimmten Bild zu entsprechen. Momo ist die Retterin, die uns auf die wichtigen Dinge aufmerksam macht.

Foto: David Fürst

Pit: Das Problem der grossen, uns übergestülpten Systeme ist, dass sie einen mit einem komischen Gefühl der Ohnmacht zurücklassen. Man muss partizipieren. Momo ist eine Heldin, die wir brauchen, weil sie komplexe Sachverhalte in eine einfache Geschichte übersetzt. In theoretischen Abhandlungen könnte man das alles auch erklären, mit vielen komplizierten Wörtern. Aber die Hälfte der Menschheit würde es nicht verstehen und ich auch nicht.

Wie wichtig ist in euren Texten im Gegensatz dazu die politische Theorie?

Pit: Wir wurden schon früh politisiert. Unter anderem durch unser Umfeld, wo wir sahen, was mit Menschen passiert, die wegen schwierigen Umständen mit Papieren, der Gesellschaft, oder wenig Kapital und Möglichkeiten in ausweglose Situationen geraten. Wenn du dir das nicht politisch erklären kannst, bist du im luftleeren Raum.

Sophie: Ich ziehe mir nicht so viel politische Theorie rein, aber im praktischen Leben sehen wir vielleicht andere Sachen als andere Menschen. Wenn man politisch sensibilisiert durchs Leben geht, kommt man am Ende auf die Theorie. Für mich erscheint das alles jedenfalls recht logisch.

Dass eure Texte auch aus dem Leben gegriffen sind, merkt man auch an Lines wie «Warte hetmi chrank gmacht, drum hackimer d Hand ab, damiti zumne andere Amt cha.» Bürokratiekritik ist in linker Kunst doch eher rar.

Sophie: In meinem Leben ist sie aber sehr präsent (lacht). Häufig ist es zwar nicht so schlimm, diese Dinge zu erledigen, aber es nervt. In dieser ganzen Bürokratie gehst du als Person verloren. Jedes Mal, wenn ich in diese Büros komme, fühle ich mich entmenschlicht. Ich habe dieses ganze Leben und Erfahrungen und werde darauf reduziert, was diese Leute sehen wollen.

Uns blieb allerdings der Zusammenhang zur Hook bei diesem Lied schwammig.

Sophie: Das ist halt auch so etwas typisch Schweizerisches.

Pit: Der Song ist unser Lied über die Schweiz. Die Hook ist ein Sinnbild für die Schweiz mit den hohlen Bergen und den verwursteten Kälbern.

Illustration: David Fürst

Sophie: Es zeigt auch den Kontrast auf, zwischen der Aussenwahrnehmung – schöne Berge, die Kühe sind immer schwanger – und der Realität der Leute, die hier wohnen und auf dem Amt verrückt werden.

Pit: Die Kühe werden dauerhaft schwanger gehalten und unsere Kinder essen dann ihre Kinder. Eine ultrabrutale Idylle.

Und allen ist es Wurst.

Pit: Genau!