«Häbet nech am Bänkli» ist darstellende Kunst

von Jessica Allemann 26. September 2012

Der Bär genauso wie der YB-Fangesang, sie beide gehören zu Berns immateriellem Kulturerbe.

Mit der Ratifizierung des Unesco-Übereinkommens zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes im Jahre 2008 hat sich die Schweiz dazu verpflichtet, ein Inventar der lebendigen Traditionen in der Schweiz zu erarbeiten und periodisch zu aktualisieren. Nun ist die definitive Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz online in Form einer multimedialen Bibliothek einsehbar. Sie soll nebst der Inventarisierung und Dokumentation auch Instrument zur Anerkennung dieser Traditionen, zur Sensibilisierung der Bevölkerung und zur Aufklärung über den Wert der Traditionen sein.

Liste weckt Emotionen

Durch den Bund mit dem nötigen Wissen ausgestattet, haben sich die Kantone aufgemacht und Vorschläge für die Liste der lebendigen Traditionen gesammelt. «Jeder Kanton ist dabei auf seine eigene Weise vorgegangen», sagt David Vitali, Leiter der Sektion Kultur und Gesellschaft des Bundesamtes für Kultur. «Es gab 26 verschiedene Prozeduren, die zu diesen kantonalen Vorschlägen geführt haben.» Manche Kantone haben Ideen aus der Bevölkerung gesammelt, andere haben Expertenrunden einberufen, und wieder andere Kantone haben ihre Kulturinstitutionen beauftragt. Auf diese Weise wurden knapp 400 Vorschläge gemacht, welche durch eine Gruppe von Expertinnen und Experten vorwiegend aus wissenschaftlichen Bereichen wie zum Beispiel der Ethnomusikologie oder der Volkskunde und von Vertreterinnen und Vertretern der beteiligten Institutionen auf 167 Listeneinträge heruntergebrochen wurden. Die Veröffentlichung dieser definitiven Liste habe eine «unerhörte Flut von Reaktionen» ausgelöst.

«Das Thema spricht jede und jeden mitten im Herzen an.»

David Vitali

So hätten viele das Ergebnis der Initiative von Bund und Kantonen gelobt, manche haben weitere Ideen eingebracht oder auf Traditionen hingewiesen, die in ihren Augen vergessen wurden, wie zum Beispiel die Thuner «Ausschiesset und Fulehung». Daran liesse sich erkennen, wie sehr das Thema mit Emotionen behaftet sei. «Das Thema spricht jede und jeden mitten im Herzen an», sagt Vitali. «Jede Person, die sich mit der Liste auseinandersetzt, fühlt sich in irgendeiner Weise betroffen und reagiert auf irgendeine Weise, weil sie viele Traditionen kennt oder selber lebt.»

Berner Bär ist schwierig fassbare Tradition

Der Berner Bär steht ebenfalls auf der nationalen Liste. Jedoch sind nicht Finn und seine zottelige Bärenfamilie gemeint, sondern vielmehr des Bärs identitätsstiftende Symbolkraft für die Stadtbernerinnen und Stadtberner. «Der Bär ist ein Brennpunkt der Berner Identität und ein tief verwurzeltes Brauchtum», sagt Vitali. Dabei sei der Berner Bär «im Handling» keine einfache Tradition. Gibt es ja weder eine klare Trägerschaft als Ansprechpartnerin noch genaue Praktiken zur Pflege dieses immateriellen Kulturerbes, «jeder nimmt sich vom Bären das, was ihn interessiert und interpretiert dessen Bedeutung für sich selber neu».

Kanton Bern hat eigene Liste

Die im Rahmen der Erhebung des immateriellen Kulturguts der Schweiz erfassten Berner Traditionen sind in einer eigenen Liste versammelt. Im Auftrag des Kantons Bern erarbeitete das Kurszentrum Ballenberg mit dem Archiv Mémoires d’Ici und einer Expertenrunde eine Liste von rund 200 lebendigen Traditionen. Gruppen, Vereine und Verbände, welche im Kanton Bern immaterielles Kulturerbe pflegen, wurden motiviert, ihre Traditionen einzureichen. 95 Anträge wurden daraufhin nach Kriterien wie mündlicher Überlieferung, Art der Tradition, Präsenz und schliesslich nach der Dauer ihres Bestehens geprüft. «Eine Tradition musste mindestens schon 15 Jahre gepflegt werden, um in die Liste aufgenommen werden zu können», erklärt Michel Wyss, zuständiger Projektleiter beim Amt für Kultur des Kantons Bern. So seien einige jüngere Traditionen weggefallen. Zum Beispiel ein Silversterschwimmen im Moossee, das eine Gruppe von Männern seit knapp 10 Jahren veranstaltet. Die meisten Einträge haben aber die Kriterien erfüllt und sind nun auf der Liste des Kantons einsehbar.

Grosse Feste mit besonderer Bedeutung

Eine Runde mit Experten unter anderem aus den Bereichen Volksmusik, Handwerk und mündliche Traditionen hat in einem zweiten Schritt eine Auswahl von zwanzig Bräuchen gemacht. Diese wurden als Vorschläge für die nationale Liste eingereicht, nicht ganz die Hälfte davon haben es auf die Liste geschafft.

«Zu einem Stadionbesuch gehört ein Bier, eine Wurst und ‹Häbet nech am Bänkli› singen.»

Aus der Liste der lebendigen Traditionen des Kantons Bern

Grossanlässe wie der Zibelemärit oder das Unspunnenfest wurden ebenso auf die Liste gesetzt wie kleine Traditionen wie zum Beispiel die Wässermatten des Oberaargaus (genossenschaftlich organisierte Wiesenbewässerung und Düngung). «Es wurden grosse Feste auf die Liste gewählt, weil sie durch ihre Grösse eine besondere Bedeutung und Relevanz haben, es ging aber auch darum, in den 20 Vorschlägen die Vielfältigkeit des Kantons mit seinen unterschiedlichen Regionen widerzuspiegeln», erklärt Wyss.

Stadtberner Traditionen: YB-Fangesänge

Die lebendigen Traditionen der Stadt Bern sind nebst dem identitätsstiftenden Berner Bär der Zibelemärit, das Eiertütschen auf dem Kornhausplatz und das mitternächtliche Anstossen auf dem Münsterplatz an Silvester, die Berner Fasnacht – alle laufen sie unter der Kategorie «Gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste». Die einzige ausschliessliche Stadtberner Tradition, welche nicht unter das Feiern fällt, hat dennoch einen eher fröhlichen Bezug: Als «darstellende Künste, traditionelle musikalische, theatrale oder tänzerische Ausdrucksweisen» tauchen auf der kantonalen Liste das YB-Lied «Häbet nech am Bänkli» auf. Dieses gehöre (so die Begründung auf der Liste) seit Jahrzehnten ebenso zu einem Stadionbesuch wie das Bier und die Wurst. Wyss hat gerade diese Eingabe besonders gefreut, «diese Eingabe kommt direkt aus dem urbanen Feld und ist genauso eine lebendige Praxis wie das Alphornblasen».

Lücken werden geschlossen

Die einzelnen Traditionen stünden in keiner Konkurrenz, weder innerhalb der Berner Traditionen noch zu den anderen kantonalen Traditionen, betont Wyss. «Die Liste ist nicht bewertend und es gibt auch kein spezielles Label für die Traditionen auf der Liste.» Man wolle mit der Auflistung vielmehr das meistens ehrenamtlich geleistete Engagement durch Anerkennung honorieren und die Gesellschaft für das Thema lebendige Traditionen sensibilisieren. Und: «Für uns ist klar, dass die Liste Lücken aufweist. Die möchten wir laufend schliessen.» Alle vier Jahre soll die Liste überarbeitet werden. «Die Liste ist nicht ich Stein gemeisselt, da fällt vielleicht eine Tradition irgendwann raus und eine andere wird aufgenommen.» Vielleicht das Silversterschwimmen im Moossee, «wenn sie durchhalten», fügt Wyss an und lacht.