Schreiberinnen und Schreiber brauchen fleissig sinnlose Worthülsen. Wir hoffen im eben angebrochenen Jahr auf Besserung, sind aber skeptisch. Gorillamännchen lärmen um Eindruck, Einfluss und Sex zu ernten. Wir Menschen versuchens mit grosskotzigen Imponierfloskeln.
Ergebnisoffen. Erklärung: ohne vorher bestimmtes Ziel. Gibt es ergebnisgeschlossene Diskussionen? Vielleicht in Nordkorea. Wenn alle gleicher Meinung sind, braucht’s keine Diskussionen. Das Blähwort ergebnisoffen ist was für Leute, deren Texte Flatulenzen haben.
Gewinnwarnung. Weniger Gewinn als versprochen, verwandt mit dem Minuswachstum. Warnt die Firma vor einem bedenklich hohen Gewinn? Nein, umgekehrt: Das Geschäft läuft so mies, dass kein Gewinn oder gar ein Verlust zu erwarten sind. Die Steigerung der Gewinnwarnung ist die Verlustfreude.
Gorillamännchen lärmen um Eindruck, Einfluss und Sex zu ernten. Wir Menschen versuchens mit grosskotzigen Imponierfloskeln.
Synergien nutzen. Durch Zusammenarbeit oder Kombination ein besseres Ergebnis erreichen. Achtung Arbeitnehmer: Wenn Synergien draufsteht, ist meist Abbau gemeint. Die Chefs kennen noch andere gefährliche Wörter: Restrukturierung, Bündelung, Verschlankung. Und am Schluss sagt der Boss: «Sehen Sie die Freistellung als Chance.»
Seele baumeln lassen. Im «Schloss Gripsholm» von Kurt Tucholsky steht: «Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele.» Ach, hätte er das doch nie geschrieben. Stattdessen «Wir atmeten tiefenentspannt» oder «Wir lasen die Börsenkurse». Aber sowas hätte Kurt T. sicher nie verfasst. Und nun baumelt sie halt, die Seele, und wirbt für Wellnesshotels, Luftmatratzen und Vollkasko-Versicherungen.
Zeitfenster. Limitierte, vorgegebene Zeit. Wieder so ein aufgeblasener Begriff, mit dem Einfaches verkompliziert wird. «Die Lehrerin hat ein Zeitfenster von 45 Minuten, um den Zweitklässlern das Lesen beizubringen.» Immerhin gestehen wir dem Zeitfenster unfreiwillige Komik zu. «Durchs Zeitfenster erblicken wir die Unendlichkeit.» Das ist zwar hochtoupierter Quatsch, tönt aber eindrucksvoll.
Warum müssen die Medien uns im Jö-Modus beschreiben. Auf Papi reimt sich Lapi, auf Mutti Spaghetti, auf Grosi gar nichts.
Wording. Wortlaut, Schreibweise. Werberinnen und Corporate Designer glauben entdeckt zu haben, dass ein Wort einprägsamer wird, wenn man es falsch schreibt. Beispiele: PayPal, SwissPass, EasyRide. Oder peterstEIGER.
Papi-Tag. Papi ist verwandt mit Mutti und Grosi. Er hat die Pampers in der Hand, sie den Nuggi, und es, das Grosi, hat einen Kuchen gebacken. Warum müssen die Medien uns im Jö-Modus beschreiben. Auf Papi reimt sich Lapi, auf Mutti Spaghetti, auf Grosi gar nichts.
Lecker. Schmeckt gut. Ein Wort, das uns die Expats aus D eingebrockt haben. Unterdessen auch als lecker Fondue und lecker Bordeau gebräuchlich.
Minuswachstum. Niedergang, Verlust. Ein Euphemismus, Schönsprech vom Feinsten. Die Steigerung heisst stark negatives Wachstum. Ein bisschen Literatur: Bei Georg Orwell gabs im Buch «1984» ein Wahrheitsministerium. Es erklärte Fakes zur Wahrheit. Das gibts jetzt, 2026, tatsächlich.
Zeitnah. Bald. «Aufstehen» ruft die Mutter, «du musst zeitnah in die Schule.» Zeitnah ist ein Füll- und Blödwort. Da gibt es ein elegantes Vier-Buchstaben-Wort: bald. Stattdessen glauben die vielen Zeitnah-Freunde, dass sie mit diesem Sieben-Buchstaben-Wort viel wichtiger und drängender daherkommen. Liebe Füllwortfans: Es stimmt nicht.
Journal B unterstützen
Unabhängiger Journalismus kostet. Deshalb brauchen wir dich. Werde jetzt Mitglied oder spende.
Nachhaltig. Dauerhaft, beständig. Ein Begriff, den Werber, Schwurblerinnen und all jene verwenden, die irgendwas schön grün aussehen lassen wollen. Vorkommen: überall, wirklich überall.
Proaktiv. Vorher was tun oder denken. Aber wenn ich vorher was mache, bin ich ja nicht mehr proaktiv, sondern aktiv. Eignet sich vorzüglich, um auszudrücken, dass man sowohl vorausschauend, wie auch eine Macherin ist. Postaktivisten sind Männer, die erst nachher was machen. Postaktivistinnen sind Pöstlerinnen.
Wie erfrischend, dass die lieben Tiere uns nachmachen. Weil sie nicht so gut reden und schreiben können, versuchen sie nonverbal zu beeindrucken. Der Elefant macht grosse Ohren und trompetet. Der Hund bleckt die Zähne und zieht die Lefzen hoch. Der Schwan faucht und vermiest Kindern den Seespaziergang. Zum Schluss nochmals zurück zu uns Menschen. Wir imponieren durch Muskeln (Männer). Oder durch körperliche Vorzüge (Frauen). Der Kolumnist, 80, weiss: Das Alter limitiert nachhaltig die Wirkung.
Aufs neue Jahr mal wieder ein paar Worthülsen aussortieren? Unser Kolumnist macht 18 Vorschläge. (Foto: David Fürst)
