Filme, die der Welt zuhören

von Janine Schneider 12. Januar 2026

Film Das 14. Norient Festival bringt Filme, Künstler*innen und Klänge aus aller Welt nach Bern. Ein Gespräch mit der künstlerischen Co-Leiterin Suvani Suri über Zuhören als ein Weg, die Welt zu verstehen.

Journal B: Suvani Suri, wir führen dieses Gespräch über Zoom, denn Sie leben und arbeiten in Neu-Delhi. Welche Geräusche und Klänge begleiten Sie im Hintergrund?

Suvani Suri: Der Winter macht alles leiser, weil die Ventilatoren und Klimaanlagen nicht laufen. Aber ich halte mich gerade mitten in einem sehr geschäftigen Quartier auf, wo viel gebaut wird. Draussen ist der Abendverkehr zu hören, Strassenverkäufer und die Geräusche vom Markt.

Im Januar reisen Sie nach Bern, weil Sie dieses Jahr zusammen mit Philipp Rhensius die künstlerische Leitung des 14. Norient Festivals verantworten. Wann hat Ihr Interesse für Sound begonnen?

Das Akustische hat mich schon immer angezogen, nicht unbedingt in der Form von Klang oder Tönen – ich war mehr an Stimmungen interessiert. Wenn man in Delhi aufwächst, ist es unmöglich, der Klangkulisse der Stadt zu entfliehen, sie umgibt dich immer. Delhi ist nicht eine Stadt, sondern mehrere. Man wächst also in dieser geschichteten, widersprüchlichen, gleichzeitig intimen und überwältigenden Klangatmosphäre auf, und irgendwann habe ich begonnen, mich damit auseinanderzusetzen. Und was mich dann immer mehr interessierte, war das Zuhören als eine Möglichkeit, die Welt zu verstehen.

In gewissen Kontexten kann Zuhören auch eine Strategie des Überlebens sein. Zuhören ist auf jeden Fall eine situative Praxis

Was verstehen Sie unter Zuhören?

Zuhören ist eine Form der Aufmerksamkeit. Und auch eine ethische Position, im Sinne der Bereitschaft, offen zu sein und berührt zu werden. Es kann auch heissen, sich zu verhören, misszuverstehen, Zweifel, Unbehagen, sogar Ablehnung hervorzurufen. Es geht darum, auch den Unterschieden Aufmerksamkeit zu schenken. Und es heisst, Fragen zu stellen.

Suvani Suri beschäftigt sich in ihrer künstlerischen Arbeit mit Klang, Text und verschiedenen Erzählformaten wie Installationen, Live-Interventionen oder experimentellen Workshops. Sie lebt und arbeitet in Neu-Delhi. (Foto: Dinesh Abiram)

Sie haben mit Ihren Projekten schon in verschiedensten Weltregionen gearbeitet. Hören Menschen in verschiedenen Regionen unterschiedlich zu?

Ich denke, das machen sie, aber nicht auf eine essenzielle Art und Weise. Es geht vielmehr um Lebenserfahrungen. Mich interessiert, wie Zuhören von Infrastruktur beeinflusst wird, von Sprache, Klima, Geschichte. Es gibt Orte, an denen die Menschen sehr viel filtern müssen, andere Orte sind klanglich durchlässiger. In gewissen Kontexten kann Zuhören auch eine Strategie des Überlebens sein. Zuhören ist auf jeden Fall eine situative Praxis.

In diesem Jahr wurden 200 Filme fürs Norient Festival eingereicht – 13 davon zeigen Sie. Wie wählten Sie aus?

Uns interessierte vor allem, wie die Filme der Welt zuhören. Wir haben uns für Filme entschieden, die sich der Frage widmen, wie Klang zu einer Möglichkeit wird, mit Krisen, Zerbrechlichkeit und Macht umzugehen. Filme wie «Gaza Sound Man» oder «The Diary of a Sky» etwa. Dann gibt es auch Filme, die leichter sind, wie «A Stranger in the World» und «Wind». Wir wollten eine Balance zwischen Dringlichkeit und Zärtlichkeit schaffen.

Filmstill von «Gaza Sound Man». © Mohamed Yaghi

Im Festivalprogramm soll es dieses Jahr auch um Brüche, Grenzen und Lücken gehen. Weshalb?

Mich beschäftigt die Frage, wie Kontinuität gestört wird, wie Instabilität entsteht. Brüche können sehr persönlich sein, sie können von Technologie herbeigeführt werden, sie können gesellschaftlich, historisch oder auch ganz körperlich sein. Sound wiederum respektiert Grenzen nicht. Er sickert immer durch, überlagert, schwappt über. Es gibt immer eine Lücke zwischen dem, was gehört wird, und dem, was beabsichtigt ist. Und diese Lücken, Brüche und Risse können sehr aktive Mittler der Veränderung und des Übergangs sein. Sie können eine andere Form der Aufmerksamkeit erzeugen.

Suvani Suri: «Klang kann über verschiedene Perspektiven hinweg verbinden.» (Foto: Dinesh Abiram)

Wo finden wir diese Brüche am Festival?

Zum Beispiel im Film, mit dem wir das Festival eröffnen: «Preemptive Listening». Darin geht es um die Sirene, einen Ton, der in einem Ausnahmezustand entsteht. In einem anderen Film – «Rhythm of a Flower» – geht es um einen klassischen Musiker, der seine Stimme verliert und versucht, eine andere Stimme zu finden, mit der er singen kann.

Man muss etwas nicht unbedingt gleich sehen, um zusammen zu hören

Der Programmteil «Place Poetics» dreht sich um Klanggemeinschaften: von senegalesischem Sabar, indischem Dub bis hin zu Folk. Was macht eine Klanggemeinschaft aus?

Gemeinschaft ist sehr eng mit Kontexten des Zuhörens verbunden. Die Filme, die wir in diesem Programmteil zeigen, kommen aus sehr unterschiedlichen Lebenswelten und erzählen nicht unbedingt dasselbe, sie zeigen aber, dass Zuhören sehr viel mit Beziehung zu tun hat. Klang kann über verschiedene Perspektiven hinweg verbinden. Man muss etwas nicht unbedingt gleich sehen, um zusammen zu hören.

Dieser Text entstand in Kooperation mit der Berner Kulturagenda (BKA).