«Es ist höchste Zeit für die Sanierung!»

von Nicolas Eggen 18. Februar 2026

Lorrainebad-Sanierung Am 8. März stimmt die Stadt Bern über die Sanierung eines der ältesten Flussbäder der Schweiz ab. Ein Blick zurück in die bewegte Geschichte der Berner Alternativ-Badi.

Das 1892 erbaute Lorrainebad ist eines der ältesten Flussbäder der Schweiz und muss saniert werden. Stützmauern und Damm weisen Risse auf und das Schwimmbecken wird wegen des trüben, algenreichen Wassers kaum noch genutzt, schreibt die Stadt in der Abstimmungsbotschaft.

Am  8. März stimmt die Stadt Bern über die Sanierung des Lorrainebades für rund 22,3 Millionen Franken ab. Der Plan: Das Becken wieder mit der Aare verbinden, inklusive eines neuen Kinderbadebereichs. Zudem werden Mauern und Infrastruktur erneuert und die Liegewiese aufgewertet. Die Bauarbeiten sollen im Herbst 2027 beginnen und das Lorrainebad im Sommer 2028 deshalb geschlossen bleiben.

Im Lorrainebad schwamm man in den 1940er Jahren in Fäkalien.

Der Stadtrat hat die Sanierungspläne klar angenommen: 64 Ratsmitglieder waren für die Sanierung, 6 waren dagegen. Alle Parteien mit Ausnahme der SVP haben sich für die Vorlage am 8. März ausgesprochen.

Soweit die Ausgangslange. Ein Blick zurück in die «doch recht leidvolle Geschichte des Lorrainebades» lohnt sich aber. So bezeichnet nämlich Catherine Weber vom Quartierverein Läbigi Lorraine die Geschichte des Bades gegenüber Journal B.

Das Lorrainebad war schon ein «echtes Flussbad»

Ursprünglich wurde das Schwimmbecken schon mal von der Aare durchströmt. 1949 wurde das Becken vollständig getrennt und seither mit Grundwasser gespiesen. Die Gründe werden im Abstimmungsbüchlein aber nicht an die grosse Glocke gehängt: «Wegen schlechter Wasserqualität der Aare wurde es schrittweise von der Aare abgetrennt»,  heisst es dazu lediglich.

Catherine Weber verweist auf eine vom Quartierverein Läbigi Lorraine veröffentlichte Dokumentation zur Geschichte des Lorrainebades. Darin werden Zustände beschrieben, die aus heutiger Sicht schlicht unvorstellbar sind: Das Abwasser der Stadt wurde damals einfach ungefiltert in die Aare gelassen. «Dies hatte zur Folge, dass das Aarewasser in der Lorraine ab 1926 vollends zur städtischen Kloake wurde. Beim Blutturm ergoss sich der Dreck von fast allen Quartieren in die Aare, im Lorrainebad schwamm man in den 1940er Jahren in Fäkalien – gemeinsam mit riesigen Wasserratten», heisst es dazu in der Dokumentation des Quartiervereins.

Ins trübe Wasser des Schwimmbeckens wagen sich nur noch die Wenigsten. (Foto: David Fürst)
Für den Umbau bleibt das Bad im Sommer 2028 geschlossen. (Foto: David Fürst)

Dass das Abwasser der Grund für die Trennung des Beckens war, bestätigt auch Historiker Martin Lüthi von der Uni Bern: «Die Haushalt- und Industrieabwässer flossen völlig ungeklärt in die Aare.» Eine Abwasserreinigungsanlage sei erst n der zweiten Hälfte des  20. Jahrhundert gebaut worden. 1957 gab es den Beschluss durch eine Volksabstimmung und 1967 folgte die Inbetriebnahme, erklärt der Historiker auf Anfrage.

Läbigi Lorraine: «Wir mussten da als kleiner Quartierverein so Einiges erkämpfen»

Doch auch die jüngere Geschichte des Lorrainebades hat es in sich: «Wir mussten da als kleiner Quartierverein so Einiges erkämpfen», erzählt Weber, die von 2000 bis 2008 auch für das Grüne Bündnis (GB) im Berner Stadtrat politisierte.

Die Lorrainebad-Ente des Quartiervereins kam wieder zum Einsatz, zeigte jetzt aber neu zwei kleine Zähne.

Die Stadtregierung versuchte in der Vergangenheit immer wieder Eintrittsgebühren einzuführen, ist in der Dokumentation des Quartiervereins zu lesen. Im 2002 tauchte demnach sogar das Gerücht auf, innerhalb der Stadtverwaltung denke man laut darüber nach, aus Spargründen das Lorrainebad ganz aufzugeben. Als Reaktion lancierte der Verein Läbigi Lorraine, die mittlerweile legendären Lorrainebad-Ente-Kleber, mit der Aufschrift: «Lorrainebad bleibt!»

Auch die städtische Politik wurde wegen den Gerüchten um die Lorrainebad-Schliessung aktiv. Durch politische Vorstösse wurde im 2004 das Bad trotz Spardruck überraschenderweise punktuell renoviert. Zudem setzte die Stadt einen Vorstoss um, der aus einer Idee des Quartiervereins entstanden war: Ein Teil der bisher von Schafen genutzten Nachbarwiese konnte nun als Spiel- und Liegewiese gebraucht werden: «Wir hatten uns vor Jahren intensiv für die Liegewiese neben dem Bad eingesetzt. Das hat sich sehr gelohnt und ist ein kleiner aber feiner Meilenstein», blickt Weber auf diese Zeit zurück.

Die Idee, das Lorrainebad privat betreiben zu lassen, sorgte im Quartier für Widerstand – und die bissige Ente zum Symbol gegen die Privatisierung. (Foto: David Fürst)

Dann im Jahr 2021, schlug der Gemeinderat im Rahmen eines Sparprogramms vor, das Freibad Lorraine ab 2022 nicht mehr selbst zu betreiben, sondern als reines Flussbad an Private zu verpachten. Auch gegen die Privatisierung formierte sich erneut Widerstand. Die Lorrainebad-Ente des Quartiervereins kam wieder zum Einsatz, zeigte jetzt aber neu zwei kleine Zähne: «Lorrainebad bleibt öffentlich!» lautete nun die klare Forderung.

Eine von Läbigi Lorraine ins Leben gerufene Petition setzte sich mit über 10’000 Unterschriften für den Erhalt als öffentliches, kostenloses Bad ein. Der Quartierverein wandte sich auch mit einem offenen Brief an die Behörden. Im September 2021 lehnte der Stadtrat die Privatisierungspläne schliesslich ab.

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«Wir sind sehr froh und auch ein wenig stolz darauf, dass alle Bestrebungen von Abreissen bis Privatisieren verhindert werden konnten», sagt Weber zur bewegten Geschichte des Lorrainebades.

Kosten im Vergleich zur Marzilibad-Sanierung «bescheiden»

Seither plant die Stadt Bern das Lorrainebad zu sanieren. Die Abstimmung am 8. März geht aus einem jahrelangen Planungsprozess hervor. Zuerst sollte nur eine Teilsanierung durchgeführt werden, jetzt doch eine teurere, umfassende Sanierung.

Im Zuge städtischer Sparmassnahmen wurde das derzeitige Projekt überprüft, Einsparungen ergaben sich jedoch nicht, heisst es im Abstimmungsbüchlein im Abschnitt zu den Kosten. Zwar wird das Garderobengebäude am Uferweg nur saniert statt ersetzt, doch die baulichen Mängel am Freibad sind grösser als ursprünglich angenommen.

So soll das sanierte Bad daherkommen. (Visualisierung: Stadt Bern)

Auf die Kosten angesprochen sagt Weber: «Wenn man früher oder laufend immer wieder saniert hätte, wäre es nicht so teuer geworden wie jetzt.» Sie weist aber auch auf die Sanierung der Fusswege ausserhalb des Bades hin, die müsse man sowieso, unabhängig vom Lorrainebad machen.

«Aber angesichts der Tatsache, dass man über Jahrzehnte nur das Notwendigste saniert und repariert hat, ist der Betrag – etwa im Vergleich zum Marzili – doch eher bescheiden», gibt Weber zu bedenken. Zur Erinnerung: Die Marzilibad-Sanierung kostet rund 67 Millionen Franken, also etwa dreimal so viel wie die Lorrainebad-Sanierung.

Sogar Transport über Floss und Seilbahn wurden diskutiert

Auf die Kritik angesprochen, das Bad hätte schon früher oder laufend saniert werden müssen, verweist der Stadtbaumeister Thomas Pfluger auf Anfrage unter anderem auf die aufwändige Baustellenerschliessung.

Das Lorrainebad ist nur über zwei Fusswege erreichbar, die für schwere Baustellen-Transporte ungeeignet sind. Deshalb wird für die Bauarbeiten der Uferweg vom Altenberg her verbreitert. Die Baustellenerschliessung ist für einen erheblichen Teil der Kosten verantwortlich: Knapp 7 der gesamthaft 22,3 Millionen sind gemäss Baukostenplan nur für die «Vorbereitungsarbeiten (inkl. Baustellenerschliessung)» vorgesehen. Stadtbaumeister Pfluger erinnert aber auch daran, dass der verbreiterte Uferweg «nach Abschluss der Arbeiten wieder in den Ursprungszustand zurückzuversetzen ist.»

Alles was sonst noch angedacht ist, kann ja später unabhängig vom Bad umgesetzt werden.

Weiter sei für «die Ertüchtigung des Mitteldammes eine Trockenlegung erforderlich», erklärt Pfluger. Diese grösseren baulichen Massnahmen möglichst erst nach dem Lebensende der betroffenen Bauteile durchzuführen, sei laut dem Stadtbaumeister «für die Optimierung der Lebenszykluskosten daher besonders relevant».

Um das Problem der Baustellenerschliessung zu lösen, hatte die Stadt übrigens auch kuriose Massnahmen diskutiert: «Wir haben unter anderem den Materialtransport via Floss über die Aare geprüft», sagte Pfluger im Juni gegenüber dem «Bund». Sogar ein Transport via Seilbahn sei zur Diskussion gestanden. Beide Varianten wurden verworfen.

Nun gibt es keine weiteren Verzögerungen

Zuletzt wies der Stadtrat im Oktober 2025 einen Rückweisungsantrag der GFL ab. Dieser forderte, dass die ebenfalls geplante Renaturierung der südlich angrenzenden Wiese gemeinsam mit der Sanierung des Bads ausgeführt wird. Diese Renaturierungspläne werden nun nicht in Kombination mit der Sanierung des Bads durchgeführt und sollen später realisiert werden.

Catherine Weber vom Quartierverein Läbigi Lorraine ist froh, dass die Sanierung nun bald beginnen soll und es keine weiteren Verzögerungen gibt: «Es ist höchste Zeit! Darauf warten wir wirklich schon sehr lange. Alles was sonst noch angedacht ist, kann ja später unabhängig vom Bad umgesetzt werden.»

Im Planungsprozess konnte sich auch der Quartierverein einbringen: «Es gab runde und eckige Tische mit dem Sportamt und dem Tiefbauamt, auch der Dialog Nordquartier wurde einbezogen, auch die Leute von der Buvette», erklärt Weber.

Dabei sei schnell allen klar geworden, dass der urtümliche Charme des Bades erhalten bleiben muss: «Also keine Lounge-Badi à la Letten in Zürich», so Weber. Der einzige kleine Wermutstropfen bei der geplanten Sanierung: «Es wird keine fette Karpfen mehr im Becken geben».