«Es hat ein gutes Ende genommen»

von Christoph Reichenau 15. September 2022

Nach acht Jahren Erkundung der Herkunft der Werke des Legats Gurlitt, zieht das Kunstmuseum Bern Bilanz. Wer hingeht, braucht Zeit und lernt viel. Auch und gerade, dass trotz nicht völlig geklärter Verhältnisse Lösungen gesucht werden müssen, wenn man seiner Verantwortung gerecht werden will.

«Es hat ein gutes Ende genommen», hätte Cornelius Gurlitt (1932-2014) wohl gesagt, mutmasst Marcel Brülhart auf die Journalistenfrage, wie der Erblasser jetzt den Umgang mit seinem Legat beurteilen würde. Cornelius Gurlitt habe die Washingtoner Grundsätze 1998 zum Umgang mit Raubkunst begrüsst, denen das Kunstmuseum Bern (KMB) gefolgt sei. Der Satz ist sozusagen das stimmige Schlusswort der Medienkonferenz zur Ausstellung «Gurlitt. Eine Bilanz».

Acht aktive Jahre

Gurlitt, der Schwabinger Kunstfund 2013, Cornelius Gurlitts überraschendes Testament 2014 zu Gunsten des KMB, die zahlreichen rechtlichen und politischen Fährnisse einschliesslich Vertrag mit Deutschland und dem Freistaat Bayern, bis im November 2014 der Stiftungsrat des KMB das unter Raubkunst-Verdacht stehende Erbe annahm, eine Sammlung von 1‘600 Werken mit riesigen Fragezeichen doch ohne grossen materiellen Wert. Dann der museumsinterne Aufbau einer Abteilung für Provenienzforschung, zwei Ausstellungen seither (2017 und 2018), Zwischenergebnisse beharrlicher Schwerarbeit im Verborgenen, eingebettet in ein grosses Netz fachlicher Zusammenarbeit über die Landesgrenzen hinaus.

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Vor der Annahme des Erbes, 2014, hatte Journal B geschrieben:
«Wichtig ist Geduld. Es kann lange dauern, bis alles abgeklärt ist. Bis zu dem Zeitpunkt wird die ererbte Sammlung mit dem Makel der besonderen Umstände ihrer Entstehung befleckt sein. Erst wenn der Stammbaum jedes Bildes eindeutig feststeht, erscheint die Integration in die bestehende Sammlung des KMB zulässig. Schliesslich braucht es Grossmut beim Umgang mit Ansprüchen Dritter. Das ist eine Frage der Einstellung. Kann das KMB auf Geld zählen, kann es geduldig und grossmütig sein – dann ist es gut gerüstet, um eine mustergültige museumsethische Leistung zu erbringen. Indem es sich der Geschichte stellt, übernimmt das KMB eine wichtige Rolle und kann international Massstäbe setzen, ja ein Vorbild werden. Dies ist die Chance des KMB, internationale Reputation zu erringen. Es ist ein Grund, einige Millionen zu investieren. Nicht in Stein und Holz. In Sorgfalt und Transparenz.»

Das war vor acht Jahren. Jetzt wird bilanziert, Rechenschaft abgelegt über – politisch gemessen – die Tätigkeit in zwei Amtsperioden. Und man darf sagen: Das KMB hat seine Chance genutzt; es hat Haltung bewiesen und Massstäbe gesetzt.

Viel Interesse, viele Aspekte der Ausstellung

Die Bilanz stösst bei den Medien auf Interesse. Etwa 40 Frauen und Männer folgen der dichten Führung von Kuratorin Nikola Doll (Leiterin der Abteilung Provenienzforschung) und den anschliessenden Erläuterungen Marcel Brülharts, der das Dossier im Stiftungsrat KMB betreut. Die Ausstellung im dafür hervorragend geeigneten Museumstrakt des Ateliers 5 ist in 13 Räume aufgeteilt nach diesen Themen und Fragen: Die Akteure – wer spielt und spricht mit; Raubkunst – Geschichte und Verantwortung; Spurensuche – Kunstwerke als historische Quellen; Max Beckmanns Werke im Legat Gurlitt; Schlaglichter auf Hildebrand Gurlitts Biographie (1895-1956, Vater von Cornelius) in zwei Teilen; die Aktion «Entartete Kunst» 1937; «Entartete Kunst» und Raubkunst; Rehabilitierung (Hildebrand Gurlitts) durch moderne Kunst; kunsttechnologische Untersuchung; Sackgassen der Provenienzforschung; Max Liebermanns Werke im Legat Gurlitt; im besetzten Frankreich erworbene Kunst.

Alles ist verfügbar, transparent. Nachvollziehbar bis in Sackgassen hinein.

Das ist nahrhaft. Es ist nicht einfach, den Überblick zu erreichen und zu behalten, auch wenn die Macher*innen sich Mühe gaben, knapp und konzis zu informieren und die Besuchenden mitzunehmen in ihre Welt der kriminalistischen Erkundung, der technologischen Laborarbeit, der Achtung auf kleinste Markierungen, die zum Teil manipuliert worden sind, um Spuren zu beseitigen und zu verwischen. Von Raum zu Raum changiert der Fokus auf eine Totale, etwa zur Nazi-Ideologie der sogenannt «entarteten» Kunst, oder verengt sich auf einen Teilaspekt, wie zum Beispiel die Präsenz von Beckmanns Werken im Legat Gurlitts.

Eine Biographie im Lauf der Zeit

Spannend und auf drei Räume verteilt sind Erkenntnisse zu Hildebrand Gurlitts Biographie (1895-1956), die der Kunsthändler erstmals 1932/1933 den Anforderungen des Regimes anpasste, dann nach Kriegsende zum Zweck der Entnazifizierung schönte und schliesslich heroisierte, um in der Gesellschaft der Nachkriegszeit – des Wirtschaftswunders – als «Retter der Moderne» der deutschen Kunst Fuss zu fassen. Betrachtet man zu diesem Aspekt Fotos mit Menschen der sogenannt «besseren Kreise» fühlt man sich in Bührles Nähe und spürt die Bedeutung der Kunst als Mittel kulturellen Kapitals und als Distinktion im Kampf um gesellschaftlichen Aufstieg und soziale Anerkennung.

Wer sich die Zeit nimmt, kann sich an Labortischen auf Spurensuche in einzelne Kunstwerke vertiefen oder das Ampelsystem der Provenienz-Kategorien studieren oder, oder… Alles ist verfügbar, transparent. Nachvollziehbar bis in Sackgassen hinein, wo mit Fleiss, Umsicht und Phantasie vorangetriebene Forschungen in einem «dead end» stranden und man sich eingestehen muss, nicht weiter kommen zu können.

Erkenntnisse bleiben oft unvollständig

Genau dies habe das KMB nach Annahme des Gurlitt-Erbes unterschätzt, betonte Anwalt Marcel Brülhart am Ende der Medienkonferenz. Es gebe rund tausend Werke, bei denen trotz intensiver Abklärung nicht alles klar sei und man sich bewusst machen müsse, kaum je mehr herausfinden zu können. Was nun? Abwarten bis sich irgendwo eine Tür zu mehr Information öffne, bedeute die entschiedene Verlängerung des status quo, denn nicht zu entscheiden sei auch eine Entscheidung. Das KMB ist deshalb aus Verantwortungsgefühl zur Haltung gelangt, in diesen Fällen aktiv eine Lösung anzustreben. Eine Lösung, die im Sinne der Washingtoner Grundsätze (1998) fair und gemäss der Theresienstädter Erklärung (2009) innovativ und alternativ sein müsse.

Hildebrand Gurlitt auf einer Fotografie aus dem Jahr 1955. (Foto: Bundesarchiv Koblenz)

Innovativ erscheint der konkrete Umgang des KMB mit sogenannter Fluchtkunst. So bezeichnet die Bergier-Kommission Kunstwerke, die ausserhalb des seinerzeit von den Nazis beherrschen Gebietes, zum Beispiel der Schweiz, von Verfolgten – meist Juden – zur Sicherung ihrer Existenz und Finanzierung der Flucht verkauft wurden. Während der Präsident der Bührle-Stiftung solche Sachverhalte nicht unter die Kategorie der «NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kunstgegenstände» (Erklärung von Theresienstadt) zählt, hat das KMB dazu eine klare Haltung entwickelt. Es unterscheidet drei Gruppen:

  • Lag der Verkaufspreis unter der Hälfte des damaligen Marktpreises, war das Geschäft vertragsrechtlich ungültig; das Werk wird restituiert.
  • Betrug der Verkaufspreis 2/3 des in jener Zeit Üblichen, wird finanzieller Ersatz geleistet.
  • War der Preis korrekt, gibt es nichts zu beanstanden. Steigt der Preis seit jener Zeit soll bei einem Verkauf die Differenz zwischen damals und heute hälftig zwischen dem seinerzeitigen Verkäufer und dem neuen Käufer geteilt werden.

Dennoch muss gehandelt werden

Auf eine Frage gibt sich Brülhart überzeugt, in den Kunstmuseen der Schweiz habe sich seit den Washingtoner Grundsätzen (1998) und der Erklärung von Theresienstadt (2009) viel getan. Das Kunsthaus Zürich und die Stiftung Bührle ausgenommen, habe sich das Problembewusstsein stark entwickelt und ebenso die Bereitschaft, im Einzelfall aktiv angemessene Lösungen zu finden.

Es gebe allerdings keine offizielle Debatte über all diese Fragen – und das Bundesamt für Kultur sei nicht unbedingt geeignet, den Diskurs zu moderieren. Die Einsetzung einer unabhängigen Kommission für NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter – wie dies die Motion von Nationalrat Jon Pult (SP GR) verlangt – begrüsst Brülhart. Die Kommission könnte im Einzelfall tätig werden und Empfehlungen aussprechen, wie in Deutschland die Kommission Limbach.

Ein Fragezeichen bleibt: Wenn die Provenienzforschung eine derart wichtige Aufgabe des KMB war und ist und bleiben wird, weshalb erfolgt ihre Finanzierung bisher ausschliesslich durch Dritte?

Das KMB präsentiert nun fast ein Vierteljahr lang seine Bilanz zum Umgang mit dem Legat Gurlitt. Die Bilanz ist ein grosser Zwischenschritt, der in keiner Weise selbstgerecht erscheint. Im Gegenteil: Zum berechtigten Stolz auf die enorme Arbeit am Erkenntnisgewinn gesellt sich die selbstkritische Einsicht, es werde noch lange so weitergehen müssen, um dennoch kaum je in allen Fällen genug Wissen zu ermitteln, um auf eindeutiger Grundlage Entscheidungen treffen zu können.

Parallel zur Erkundung der Provenienzen hat sich daher die Haltung herausgebildet, dass es nicht hieb- und stichfester – letztlich vor Gericht beweisbarer – Erkenntnisse bedürfe, um eine Restitution in Erwägung zu ziehen. Ja, zur Verantwortung für Gurlitts Erbe gehöre es, ab einem bestimmten Erkenntnisstand aktiv mit den potentiell Berechtigten eine Lösung zu suchen.

Das ist vorbildlich. Ein Fragezeichen bleibt: Wenn die Provenienzforschung eine derart wichtige Aufgabe des KMB war und ist und bleiben wird, weshalb erfolgt ihre Finanzierung bisher ausschliesslich durch Dritte und nicht (auch) durch den Kanton Bern im Rahmen der ordentlichen Leistungsvereinbarung? Man sei in gutem Gespräch mit dem Kanton beantwortete KMB-Direktorin Nina Zimmer eine Frage. Es klang weit weniger überzeugt und offensiv als alles, was in der Ausstellung geboten wird.

16. Oktober 2022-15. Januar 2023.
Ein dichtes und vielfältiges Begleitprogramm.
Eine nahrhafte, erhellende Ausstellungsbroschüre von fast 100 Seiten.
www.kunstmuseumbern.ch