Eine Idee beschleunigt die Welt

von Susanne Leuenberger 20. Januar 2022

Ohne Geld läuft nichts. Doch seltsam unfassbar ist dieser Motor der Gesellschaft für die meisten. Das Bernische Historische Museum folgt der erstaunlichen Karriere des «entfesselten Gelds» von der ersten Goldmünze bis zum digitalen Bitcoin.

Ab und zu nimmt es Form an. Aber meist bleibt es blosse Idee, ein Versprechen auf Freiheit und Zukunft, das die Geschichte vorantreibt, für Konjunkturen und Krisen sorgt. Knapp ist es längst nicht mehr: Es entsteht, wenn es gebraucht wird. Wer es hat, mag Freiheit empfinden, wer es nicht hat, dem fehlt es. Die Rede ist von Geld: Doch so allgegenwärtig und machtvoll Geld ist, so schwer ist es zu fassen. Schlagworte wie «Geldschwemme», «Börsencrash» oder «Kryptowährung» fallen in den Nachrichten, doch was wirklich dahintersteckt, verstehen die wenigsten.

Die eruptive Kraft des Geldes

Der Ökonom David Iselin will das ändern: Im Rahmen einer mehrjährigen Zusammenarbeit zwischen dem Bernischen Historischen Museum und der Schweizerischen Nationalbank hat er eine Ausstellung dazu kuratiert. «Das entfesselte Geld» heisst sie, und darin wagen sich Iselin und sein Team an eine breit angelegte Annäherung ans Phänomen. Kein leichter Job, so vielfältig und komplex sind dessen Funktionen und Wirkungen: «Am ehesten würde ich Geld als eine Art Bewegungstechnologie beschreiben, die Waren, Menschen und Zeit bewegt», lautet sein Versuch einer Definition. Geld, fährt Iselin fort, sei «Motor und Dynamit der menschlichen Gesellschaft zugleich.»

Geld habe eine «eruptive, entfesselnde Kraft», die neue Dynamiken in Gang bringe, oft auf einen Schlag. Es sei ökonomisches, aber genauso auch gesellschaftliches Transportmittel, binde und besetze die Menschen aber auch emotional: «Geld betört uns, erregt uns, macht uns aber auch Angst, wenn wir es nicht haben.» All diesen Aspekten hat das Kurator*innenteam in der Ausstellung Raum gegeben. Die Nationalbank gab ihnen dabei freie Hand, wie Iselin betont.

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Entfesselungskünstler

Ausgangspunkt der Ausstellung 
ist die Gegenwart. Zahlenkaskaden zieren die Wände im fensterlosen Hauptraum, flimmernde Bildschirme nehmen die ebenso kühle wie fiebrige Ästhetik von Digital Finance auf. Von hier aus werfen Iselin und sein Team einen Blick zurück auf die erstaunliche Karriere des Gelds von der ersten Goldmünze bis zur spekulativen Zahlenmystik der Finanzwelt heute. Die Ausstellung macht dabei vier zentrale «Entfesselungsmomente» aus. Sie setzt dazu beim lydischen Herrscher Krösus im 6. Jahrhundert vor Christus ein, der als erster standardisierte Münzen prägte. Sie notiert eine weitere Eruption im 18. Jahrhundert, als der schottische Abenteurer und Glücksspieler John Law in Frankreich erstmals Papiergeld in Umlauf brachte.

Dieses war jedoch nicht mit seltenem Edelmetall gedeckt, sondern mit Aussicht auf Erträge in Übersee. Law, den Karl Marx später als «Schwindler und Prophet» in einem bezeichnen sollte, sorgte damit für die erste Spekulationsblase in der Geschichte und fiel in Ungnade. Ein dritter Entfesselungshelfer, auf den die Ausstellung fokussiert, ist der amerikanische Präsident Richard Nixon. 1971 löste er den Dollar vom Gold-Standard und sorgte damit weltweit für den sogenannten «Nixon-Schock». Seither ist das globale Währungssystem nicht länger an ein reales und knappes Gut gebunden – die Ära des ungedeckten Papiergelds begann. Und schliesslich, die jüngste Entfesselung: die Entstehung von Digital Finance, Kryptowährung, in den 2000er-Jahren: ein Geldsystem, gänzlich vom Staat als Wertgarant und von Zentralbanken gelöst.

Damit ist die Ausstellung wieder in der Gegenwart angelangt. Hier kommen auch heutige Expert*innen zu Wort. Die Historikerin Mary O’Sullivan etwa oder der Ökonom und Spezialist für Kryptowährungen Fabian Schär beschreiben die Chancen und Herausforderungen des Gelds aus ihrer jeweiligen Sicht.

David Iselin ist sich bewusst, dass ein Museumsparcours das Wesen und die Funktion des Gelds mitnichten abschliessend erklären kann. «Die Idee ist nicht, dass nun alles verstanden ist. Wer die Ausstellung verlässt, wird vielmehr das Bedürfnis haben, weiter darüber nachzudenken.» Und genau dies ist das Ziel: «Wir wollen die Besucher*innen anregen, über Geld zu diskutieren», sagt Iselin.

Kryptopolitan und Cuba Lire

Gelegenheit dazu gibt die Bar «Chez Dagobert» am Ende der Ausstellung. Hier gibt es zu (alkoholfreien) Drinks wie einem «Kryptopolitan» oder «Cuba Lire» die Möglichkeit, mit Museumsmitarbeiter*innen vor Ort ins Gespräch zu kommen. Und mittwochabends trifft man dort ab Mitte März bis Ende April auf Simon Küffer, auch bekannt unter dem Namen Tommy Vercetti.

Der Musiker und HKB-Dozent beschäftigt sich in seiner Forschung seit über acht Jahren mit dem Phänomen Geld. In der Reihe «Money Talks» wird er mit unterschiedlichen Gästen über den Mammon reden – und dafür sorgen, dass dieser auch kritisch betrachtet wird: «Obwohl Geld das Leben der Menschen seit über 2500 Jahren grundlegend strukturiert und die Gesellschaft in Richtung Zukunft treibt, ist in der breiten Öffentlichkeit relativ wenig Wissen über die Schöpfung von Geld, über Phänomene wie Geldschwemme oder den Finanzmarkt vorhanden. Das verhindert es, dass wir uns kritisch mit unserer Geldgesellschaft auseinandersetzen», meint er.

Dabei sei Geld ja gerade nichts Naturgegebenes: «Es lebt von Akzeptanz. Es lebt davon, dass wir uns in einem System bewegen, das vom Wert des Gelds ausgeht. Doch an sich ist es nichts mehr als eine gegenseitige Einigung darauf, ein geteiltes Vertrauen darauf, dass es gilt.» Wie sehr Geld und Vertrauen, Geld und Macht seit jeher Hand in Hand gehen und wie Geld mit Freiheit und Unterdrückung zusammenhängt, darüber will Küffer ebenso diskutieren wie darüber, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, in der wir den Glauben daran in Frage stellen würden.