Ein Tram fährt einen Traum durch die Stadt

von Christoph Reichenau 11. Dezember 2020

«Gang wäg, Chummer vo dr Wäut» steht bis Anfang Januar auf einem roten Tram. Das Theaterfestival «auawirleben» spricht uns damit aus dem Herzen und bringt etwas Kunst in die Stadt. Worum geht es? Journal B hat mit Isabelle Jakob und Nicolette Kretz vom Festivalteam gemailt.

Journal B: Wir genau sieht das Tram aus und bis wann fährt es?

Isabelle Jakob: Es sieht aus wie auf dem Bild und fährt bis Anfang Januar durch Bern.

Steht nur der eine Satz auf dem Tram?

Ja. Der Satz «Gang wäg, Chummer vo dr Wäut» steht auf Berndeutsch, Englisch (als Webseite), Chinesisch und Arabisch auf dem Tram. Dazu gibt es am Tramende und am Tramanfang einen QR-Code, der einen auf die Seite www.goawaysorrow.world verlinkt.

 Wie bezieht man den Satz auf das Theaterfestival «auawirleben»?

Die beiden Künstler Robbert & Frank Frank & Robbert waren schon zweimal am auawirleben: 2015 mit dem Bühnenstück «To break the window of opportunity» und 2017 mit «Don’t we deserve grand human projects that give us meaning». 2017 brachten sie zusätzlich auch ihr Langzeitprojekt GO AWAY SORROW OF THE WORLD mit.

Worin besteht das Projekt?

Das Projekt besteht aus einem kleinen Holzkoffer, in dem sich ein ausklappbares Schild befindet mit den Satz drauf – jeweils in der Landessprache. Wenn Frank & Robbert Robbert & Frank auf Tour sind, nehmen sie diesen Koffer mit und stellen das Schild an verschiedenen Orten in einer Stadt in einem kleinen performativen Akt auf. Sie fotografieren sich selbst, drucken aus den Fotos Postkarten und verschicken diese. Inzwischen haben sie den Satz auch in anderen Kontexten verwendet. So gibt es auf der Website z.B. einen Bastelbogen, damit man sich selbst ein kleines Schild basteln kann. 

Da uns dieser Satz «GANG WÄG, CHUMMER VO DR WÄUT» in den letzten bizarren Monaten immer mal wieder in den Sinn gekommen ist, war es naheliegend, die beiden für die Tramaktion anzufragen. Die beiden waren sofort Feuer und Flamme dafür, weil sie schon immer einmal eine grosse Werbefläche bespielen wollen. Für uns war es eine gute Art, ein internationales Kunstprojekt nach Bern zu bringen, ja sogar auf den Berner Kontext adaptieren zu lassen, ohne dass die Künstler dafür angereist sind.

Habt Ihr in diesem Sinn weitere Ideen oder Projekte? Wie weit ist «aua» dabei Teil der ganzen performativen Kunstszene Berns, wie weit seid Ihr damit allein?

Wir hatten bereits vor Corona vor, in Zukunft auch punktuell unter dem Jahr in Erscheinung zu treten, nicht bloss während des Festivals. Allerdings nicht in Form von Theaterveranstaltungen, sondern eher in Form von Aktionen wie jene mit dem Tram. Vor ein paar Wochen haben wir ein Online-Quiz auf dem Messenger Telegram veranstaltet. Nun sind das halt pandemiebedingt alles Formate auf Distanz. Mit solchen Aktionen sind wir in Bern nicht allein. Die Heitere Fahne zum Beispiel bietet immer mal wieder alternative Formate trotz Kulturlockdown, zum Beispiel den «Heitere Kiosk» oder ihr monatliches «Jensits Radio!» in Zusammenarbeit mit RaBe. 

Themenwechsel. Hatte Euer Manifest «Kunst ist keine Ausrede» Folgen, schlossen sich weitere KulturveranstalterInnen an?

Das Schlachthaus Theater zum Beispiel hat seine Löhne öffentlich gemacht. Ob dies durch unser Manifest motiviert war, wissen wir nicht. Wir bekommen aber viele positive Reaktionen von der Szene im In- und Ausland. In der Schweiz hat sich gerade eine Gruppe von Kulturveranstalter*innen und Künstler*innen zusammengetan, um sich im Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit auszutauschen und konkrete Schritte zur Verbesserung zu unternehmen. Da sind wir selbstverständlich auch dabei. 

Was macht «auawirleben» mit der derzeit wohl zu grossen Subventionssumme: Andere unterstützen (mit Einwilligung der Stadt), Zurückzahlen, zur Seite legen (wofür) oder was?

Unser letztes Geschäftsjahr hat im August 2020 geendet. Wir hatten tatsächlich einen Überschuss und haben der Stadt 10% unserer Subventionen zurückgegeben, also 60’000 Franken. Das Festival 2021 wird immer noch von Corona geprägt sein. Deshalb haben wir für einen möglichen Publikumseinbruch, für Schutzmassnahmen und für das Projekt «Änet em Bärg» für Berner Theater- und Tanzschaffende, klar definierte Rückstellungen gemacht.

War die Rückzahlung Euer Angebot oder hat die Stadt dies verlangt?

Wir sind früh mit KulturStadtBern in einen Dialog darüber getreten, was passieren wird, wenn wir unseren Teil des Leistungsvertrags nicht vollumfänglich erfüllen können. Damals im März wusste ja noch niemand, wie mit all diesen Fragen umzugehen ist. Erstaunlicherweise haben wir den Leistungsvertrag mit unserem Brieffestival «aua comes your way» schliesslich je nach Auslegung weitgehend erfüllt. Aber strenggenommen halt eben doch nicht. Und wir wollten uns ja nicht an Corona bereichern. Wir haben deshalb im gegenseitigen Einvernehmen diese 60’000 Franken zurückgezahlt, in der Hoffnung, dass dieses Geld bei der Stadt im Topf der Kultur bleibt und woanders eingesetzt werden kann.

Gibt es in der Berner Szene eine Debatte über den Umgang mit zu viel und zu wenig Geld und einen Ausgleich oder eine Neuorientierung?

Wir wissen nicht, ob wir die einzigen sind mit einem Überschuss, da alle Subventionierten eine andere Struktur und Organisation haben. Wir wissen aber, dass die Szene nicht nur mit der aktuellen Corona-Situation beschäftigt ist, sondern genauso mit den Einsparungen, welche 2022, 2023 und dann ab der Subventionsperiode 2024-2027 gemacht werden sollen. Die Einsparungen drohen ja wegen der städtischen Finanzlage unabhängig von Corona.