Journal B: Wie wurden Sie politisiert?
Tom Berger: Es gibt nicht dieses eine Schlüsselerlebnis. Schon als Kind hatte ich einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, zum Beispiel im Umgang mit Lehrpersonen. Wenn ein Lehrer andere Schüler nicht fair behandelt hat, habe ich mich eingesetzt. Ich habe früh gemerkt: wenn mich etwas stört, will ich es ändern. Voll angefixt hat mich dann der Sommer 2011, in dem in Bern sehr viel rund um das Nachtleben passiert ist: Eine Anwohnerin – Frau Müller – erreichte, dass das Sous Soul wegen Lärmklagen schliessen musste. Der Latino-Club Shakira musste ebenfalls die Tore schliessen. Richtig Feuer gefangen habe ich dann bei der Petition Pro Nachtleben. Ein Bündnis von jungen Politiker*innen reichte damals eine Petition ein, die das Fortbestehen des Berner Nachtlebens sichern sollte. Da habe ich gemerkt: Hier kann man etwas bewirken, sich einbringen und konkret etwas machen.
Wie hat sich Ihre politische Haltung entwickelt?
Ein Erlebnis, an das ich mich erinnere, war zu meiner Zeit an der Wirtschaftsmittelschule Bern. Dort gab es einmal eine Podiumsdiskussion mit Jungpolitikerinnen und -politikern. Dort habe ich gemerkt: Weder links noch rechts haben mich wirklich überzeugt. Dann war da jemand vom Freisinn und das war für mich der Weg. Der Freisinn war liberal, mittig, ausgleichend. Er versucht Kompromisse zu schliessen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Deshalb habe ich vor 17 Jahren entschieden, mich dem Freisinn anzuschliessen. Seitdem gab es natürlich viele Entwicklungen, bei denen man sich fragt, ob es noch die richtige Partei ist. Würde ich mich heute neu entscheiden, würde ich vielleicht bei der GLP landen. Trotzdem bin ich überzeugt, in der FDP richtig zu sein, und ich glaube an das Potenzial dieser Partei.

Wie definieren Sie den Freisinn?
Gabi Huber hat einmal gesagt: Es gibt nicht nur rechts und links, sondern auch einen liberalen Pol. Meine Idee vom Freisinn ist ein progressiver Freisinn, der punktuell mit links und rechts zusammenarbeitet und keine fixen Bündnisse eingeht. Die Geschichte der Schweiz ist stark mit dem Freisinn verbunden. Viele Errungenschaften entstanden durch Zusammenarbeit, etwa mit den Sozialdemokraten. Ich habe nie ganz verstanden, weshalb man sich dafür rechtfertigen muss.
Sie sind in Bern bekannt als jemand, der Brücken baut. Sie haben beim «Reitgenössischen Schwingfest» mitgeschwungen, das in der Reitschule stattfand, und setzen sich für die eher linke Berner Ausgehkultur ein, obwohl Sie auch Jodler-Musik sehr mögen.
Das Mitschwingen in der Reitschule war kein PR-Gag. Es hat mich einfach hineingezogen. Mein Vater ist in Aeschi bei Spiez aufgewachsen, mit vier Brüdern. Die Familie lebt dort, mein Vater war Landwirtschaftslehrer. Wir sind neben einem Bauernhof aufgewachsen, ich habe dem Bauern geholfen. Diese Verbindung war immer da. An jedem Familienfest hiess es: «Du musst schwingen, bei deiner Statur musst du schwingen.» Damals war das für mich noch unvorstellbar. Mit Mitte 20 habe ich den Schwingsport für mich entdeckt, war oft an Schwingfesten und interessierte mich für den Sport. Dann kam das Reitgenössische, und ich konnte dort selbst das erste Mal im Sägemehl stehen und den Sport ausprobieren.

Genau solche Projekte finde ich spannend: an einem der urbansten Orte Berns etwas Ländlich-Geprägtes zu machen. Diese Brückenfunktion war grossartig. In der Schwingerfamilie gab es anfangs auch skeptische Stimmen. Die Befürchtung war da, dass das Ganze verhunzt wird. Viele Leute waren wegen des Festes zum ersten Mal in der Reitschule und sie waren positiv überrascht. Bei jedem Reitgenössischen waren auch namhafte Schwinger im Publikum.
Wie kamen Sie zu Ihrer Liebe zur Jodler-Musik?
Als Kind war ich oft an Viehschauen und da gab es oft Jodler-Musik. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mir diese Musik sehr viel bedeutet. Nicht wegen der Tradition an sich, sondern weil ich sie schön finde. Deshalb habe ich auch bei meiner Antrittsfeier den Jodlerchor Breitsch Lorraine eingeladen. Diesen habe ich lustigerweise am Reitgenössischen Schwingfest das erste Mal gehört. Meine Freundin hat mit ihnen gesprochen – weil ich zu schüchtern war sie anzusprechen.


Sie haben sich früh für das Nachtleben engagiert, heute sind Sie im Demokratie-Turm tätig. Wie hat sich Ihr Engagement entwickelt?
Ich war nie fest selbst im Nachtleben unterwegs. Ich stand als Teenager nicht auf dem Vorplatz. Mein Ausgang waren eher «Chäferfeste» auf dem Land. Mit 18 hatte ich als Erster den Führerausweis und war der Fahrer und wir erkundeten die nähere Umgebung in Wohlen oder Radelfingen – Bern war für uns eher weit weg. Es war für mich nie ein Widerspruch, mich fürs Nachtleben einzusetzen, auch wenn ich nicht oft selbst unterwegs war. Mit zunehmendem Alter verliert man dabei allerdings an Glaubwürdigkeit. Christian Pauli sagte vor vielen Jahren einmal: Er sei kein Clubber, aber es gebe in Bern keinen Ort, wo man um zwei Uhr nachts ein Glas Wein trinken und sich unterhalten könne. Ich bin eher in dieser Kategorie.

Demokratie war mir immer wichtig. Die Leitung des Demokratie-Turms beruflich zu machen, ist für mich ein grosses Privileg. Ich habe lange überlegt, wie ich Beruf und politisches Engagement verbinden kann. Mein persönliches Engagement ist dabei klar getrennt: Meine private Meinung hat keinen Einfluss auf das Programm vom Demokratie-Turm. Unser Auftrag ist es, Brücken zu bauen, Gräben zuzuschütten, andere Ansichten zu verstehen, Meinungsbildung zu fördern und Partizipation zu ermöglichen. Dahinter stehe ich zu 200 Prozent. Es ist ein Traumjob.
Sie haben Ihr Präsidialjahr unter das Motto Respekt gestellt. Was bedeutet das für Sie persönlich?
Politik ist etwas Alltägliches, was in der Politik gilt, gilt auch im Alltag. Respekt ist ein Grundpfeiler unseres Zusammenlebens. Es geht um Empathie, soziale Kompetenzen, Wertschätzung und gegenseitiges Verständnis. Respekt ist für mich ein sehr umfassender Wert, auch der Respekt vor sich selbst und den eigenen Grenzen. Der Stadtrat ist ein Milizparlament. Man soll die eigenen Grenzen respektieren, aber auch Andersdenkende, selbst wenn man nicht auf ihre Stimmen angewiesen ist.

Ich habe oft an die Minderheit appelliert, sich nicht frustrieren zu lassen, auch wenn das rot-grüne Bündnis im Stadtrat alle anderen überstimmen kann. Es geht auch um Respekt vor dem Amt und der damit verbundenen Verantwortung. Die Schweizer Politik lebt stark von der Konsenskultur. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, keine klassische Regierung-und-Oppositions-Logik zu leben. Ziel ist der bestmögliche Kompromiss, nicht «the winner takes it all». Ein solches System basiert auf gegenseitigem Respekt.
Bei welcher Debatte hätten Sie gerne Stellung bezogen, auch wenn Sie das aufgrund des Amtes nicht konnten?
Da gab es mehrere. Ein Jahr lang nichts zu sagen, ist schwierig. Manchmal habe ich während der Sitzung Kollegen per WhatsApp geschrieben, was sie sagen könnten, weil ich es nicht tun konnte. Ein Beispiel war eine Interpellation zum Thema Pop-Ups. Ich persönlich finde es sehr sinnvoll, dass Zwischennutzungen einfacher bewilligt werden. In der Debatte gab es aber einen persönlichen Seitenhieb gegen mich als Person, zu dem ich gerne etwas gesagt hätte. Auch das ist eine Frage des Respekts: Geht es um die Sache oder um die Person?
Wie hat Sie die Rolle als Stadtratspräsident persönlich verändert?
Man wächst an allem, was man im Leben macht. Dieses Jahr hatte einen besonderen Stellenwert. Mir ist noch bewusster geworden, dass es auch Grenzen des Engagements gibt. Es ist wichtig, dass man sich selbst nicht überlastet. Viele Türen sind aufgegangen, ich konnte viele Organisationen kennenlernen. Schön wäre, wenn es nicht nur einmalige Begegnungen blieben.

Was war das Lowlight Ihres Präsidialjahres?
Lowlight waren die Momente, in denen ich gemerkt habe, dass das Verständnis von Respekt unterschiedlich ist. Die Donnerstage im Stadtrat waren teilweise sehr zäh, wenn man nur wenige Traktanden behandeln konnte. Ich bin für Debatten, aber nicht für endloses «Freefloating», bei dem man sich in Themen verliert, für die man gar nicht zuständig ist. Auch anonyme Zuschriften waren ein Tiefpunkt. Gleichzeitig habe ich gelernt, wie wichtig ein «starker Rücken» ist, gerade für jüngere Frauen in der Politik, die viel häufiger solche Hass-Mails erhalten. Ein Lowlight war für mich, wenn Vorstösse pauschal abgelehnt wurden, nur weil sie von einer bestimmten Partei kamen. Das wird der Arbeit und der Haltung des Gegenübers nicht gerecht. Wo alle das Gleiche denken, wird wenig gedacht. Politik lebt von Kompromissen! Oder als wir beinahe eine Stadtratssitzung nach fünf Minuten abgebrochen hätten, weil man müde sei. Da habe ich mich schon gefragt, ob wir der Verantwortung gerecht werden, die mit diesem Amt verbunden ist.
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Und wie sieht es mit den Highlights aus?
Definitiv ein Highlight des Jahres war der Ausflug im Sommer nach Spiez und Aeschi. Es hat mich sehr gefreut, konnte ich meinen Ratsgspänli zeigen, wo ein Teil meiner persönlichen Wurzeln liegt. Highlight waren zudem alle Begegnungen, bei denen ich den Rat repräsentieren durfte. Auch jede positive Rückmeldung zu meiner Sitzungsleitung war ein kleines Highlight. Ich habe bewusst darauf verzichtet, mich selbst zu verewigen oder grosse Projekte anzureissen.

Was müsste sich ändern, damit die Belastung künftig besser tragbar wäre?
Das Milizsystem ist wichtig und richtig, aber es ist sehr fordernd. Wenn dein Lohnjob hektisch ist und du von morgens früh bis spätabends unterwegs bist, kommst du an Grenzen. Ein Problem ist auch, dass man nach Sitzungen halt nicht einfach direkt nach Hause gehen kann. Abschalten fiel mir extrem schwer. Es gab Wochen wo ich an keinem Abend vor Mitternacht zu Hause war. Was helfen würde, wäre mehr Delegation. Als Präsident musst du alles wahrnehmen, dabei könnte man mehr an die Vizepräsidentin oder das Präsidiumsteam abgeben und so die Last besser verteilen. Und: lernen, Nein zu sagen – ohne sich rechtfertigen zu müssen. Dafür mehr Zeit für Partnerin, Familie und Erholung ist zentral.
Journal B In Ihrer Abschlussrede haben Sie gesagt, dass Sie während der Sitzungen rund 54 Büchsen Mate getrunken haben. Politischer Treibstoff, Konzentrationshilfe oder Ritual?
21 Donnerstage, 42 Sitzungen, im Schnitt etwa 2,5 Mate pro Sitzung. Vielleicht auch ein Grund, warum ich oft schlecht einschlafen konnte.

Tom Berger stellte sein Präsidialjahr unter das Motto Respekt. (Foto: David Fürst)
