«Den Menschen auf Augenhöhe begegnen»

von Nicolas Eggen 23. Dezember 2021

Die Kirchliche Gassenarbeit Bern hat bewegte Zeiten hinter sich. Pandemie und Zügelstress sind nur einige der Herausforderungen, welche sie im letzten Jahr zu bewältigen hatten. Seit September ist die Kirchliche Gassenarbeit Bern am Sennweg in der Längasse zu finden.

Im neuen Büro der Kirchlichen Gassenarbeit Bern fällt sofort der riesengrosse Haufen an Kartons und Plastiksäcken auf. Diese sind gefüllt mit Hygieneartikel, von Shampoo, Zahnbürsten über Masken bis zu warmen Wollsocken und noch vielem mehr. Es zeigt den Ertrag aus der letzten Sammelaktion. Gemeinsam mit der YB-Fankurve wurde zur Sammelaktion aufgerufen. «Wir wissen noch nicht genau wie wir das Material unter die Leute bringen werden, jedoch ist es jedes Mal sehr eindrucksvoll zu sehen, wie viel da zusammen kommt», sagt Eva Gammenthaler von der Kirchlichen Gassenarbeit Bern. Die Gassenarbeit existiert seit 33 Jahren und setzt sich für Menschen mit Lebensmittelpunkt auf der Strasse ein. Gegründet wurde der Verein 1988 aus kirchlichen Kreisen, als Reaktion auf Jugendunruhen und offene Drogenszene in Bern.

Arbeit im Büro und auf der Strasse

Um das Tagesgeschäft kümmert sich ein fünfköpfiges Team von Gassenarbeiter*innen, welche sich 250 Stellenprozente aufteilen, darunter auch Eva. «Ich wollte eine Arbeit, welche mir Nähe zu den Menschen bietet und bei welcher ich mich hier in Bern für soziale Gerechtigkeit einsetzten kann», meint Eva über ihre Motivation. Das Angebot der Kirchlichen Gassenarbeit Bern setzt sich aus zwei verschiedenen Standbeinen zusammen. Einerseits das offene Büro, das zweimal in der Woche (Dienstagnachmittag nur für Frauen und Donnerstagnachmittag) für alle geöffnet ist. Dort gibt es Essen und Trinken, Kleider, Schlafsäcke und Hundefutter. Zudem stehen PCs und ein Telefon zu Verfügung. «Im Büro beraten und helfen wir den Leuten bei ganz alltäglichen, praktischen Problemen, sei dies beispielsweise die Anmeldung beim Sozialdienst oder Unterstützung bei der Wohnungssuche», erklärt Eva.

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Das andere Standbein ist die aufsuchende Arbeit draussen auf der Gasse, wo es um die Kontaktaufnahme und Kontaktpflege geht. «Wir gehen auf die Leute zu, fragen wie es ihnen geht und wie ihre Situation ist. Wichtig dabei ist es, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Wir sind bei ihnen auf der Gasse, also ihrem Lebensmittelpunkt, zu Besuch und verhalten uns entsprechend. Unsere Arbeitshaltung verstehen wir als anwaltschaftlich und parteilich, das heisst wir setzen uns bedingungslos für unsere Klient*innen ein», meint Eva. Daneben organisieren sie immer wieder kleinere Events um den Leuten eine Abwechslung vom Alltag auf der Gasse zu bieten. Dies sind beispielsweise Ausflüge an einen YB-Match (es gibt fünf Saisonabos welche die Fankurve gespendet  hat), an einen Hockeymatch oder ein gemeinsames Weihnachtsessen.

Flexibel sein und Vertrauen aufbauen

«In dieser Arbeit muss man flexibel und belastbar sein», konstatiert Eva. «Die einzigen Fixpunkte in der Woche sind die zwei offenen Büronachmittage. Ansonsten gehen wir abwechselnd auf die Strasse, dies vor allem in der Innenstadt, in den Quartieren weniger.» Auf der Strasse werden die Gassenarbeiter*innen meist freundlich und wohlwollend empfangen. «Dies weil wir keine Top-Down Beziehung pflegen und auf freiwilliger Basis ausgerichtet sind. Wenn jemand grad keine Lust hat mit uns zu reden, dann respektieren wir das selbstverständlich. Zum Teil kennen wir die Leute schon seit mehreren Jahren und es entsteht ein fast freundschaftliches Vertrauensverhältnis», erzählt Eva, «da wir keinen Auftrag vom Staat oder ähnliches haben, werden wir auf der Strasse anders wahrgenommen.» Diese Arbeitsgrundsätze basieren zum Teil auch auf kirchlichen Prinzipien wie das der Nächstenliebe oder dem des bedingungslosen Helfens, mit welchen sich auch Eva stark identifizieren kann.

Pandemie und Zügelstress

Die Pandemie und den Lockdown haben Leute in finanziell prekären Situationen besonders stark gespürt. «Viele Leute haben in dieser Zeit ihre Arbeit oder ihr Zuhause verloren», erinnert sich Eva. Die Gassenarbeit organisierte rasch eine Essensausgabe, da die dafür zuständigen Institutionen während des Lockdowns geschlossen waren. «Von einem Tag zum anderen wurden wir von Gassenarbeiter*innen zu Logistiker*innen», sagt Eva lachend. Um diesen Aufwand zu stemmen, konnte die Kirchliche Gassenarbeit Bern auf die Unterstützung eines Netzwerks von etwa 50 Freiwilligen zählen. «Diese Personen meldeten sich zum Teil auch proaktiv von sich aus und fragten uns: Was können wir machen? Wo können wir helfen? Diese Solidarität zu sehen und auch gleich im Projekt der Essensausgabe umsetzen zu können war unglaublich schön.» Die Essensausgabe lief nur für eine bestimmte Zeit während des Lockdowns und wurde dann wieder eingestellt. Das Netzwerk aus Freiwilligen ist zum Teil aber geblieben. «So hatten wir von einiger Zeit eine grosse Menge an Hundefutter, welches eine Person aus Basel spenden wollte, jedoch keinen Lieferwagen um es abzuholen. Wir haben einen Aufruf auf Facebook gemacht und innerhalb von 10 Minuten haben sich etwa 5 Personen gemeldet», erzählt Eva.

Die Pandemie führte aber auch dazu, dass die Kirchliche Gassenarbeit Bern seither zweimal zügeln musste. Ursprünglich lagen die Räumlichkeiten an der Speichergasse, wo der Platz begrenzt war. «Wegen den Schutzmassnahmen konnten wir unser Angebot im Büro nicht mehr anbieten. Es war unmöglich bei so wenig Platz genügend Abstand einzuhalten», meint Eva.  Deshalb zogen sie in eine Zwischennutzung, die Sollbruchstelle in der Nähe des Eigerplatzes, wo die Gassenarbeit ein ganzes Stockwerk, also ganze 14 Räume zur Verfügung hatte. Somit konnte das Schutzkonzept eingehalten werden und die Gassenarbeiter*innen durften ihre Beratungen wieder anbieten. Dies war aber nur als Zwischenlösung gedacht und nun befindet sich die Kirchliche Gassenarbeit Bern am Sennweg in der Länggasse.

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Das neue Büro am Sennweg. (Foto: Helen Gyr)

Vielfältiges Angebot und neue Projekte

Die Kirchliche Gassenarbeit Bern lanciert und betreibt auch immer wieder Projekte in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen. So bieten sie beispielsweise mit den Demokratischen Juristinnen und Juristen Bern eine Rechtsbroschüre und juristische Beratungen an. Oder das Angebot «Walk and Talk» für Drogensüchtige, welches mit der Stiftung Contact und der Aids Hilfe Bern entwickelt wurde. Zusätzlich kommt einmal im Monat eine Tierärztin vorbei oder es gibt eine ambulante Wundsprechstunde, um nur einige Beispiele zu nennen.

Seit einigen Jahren existiert zudem die Zeitschrift Mascara, welche jede zweite Woche am Dienstag ausschliesslich von Frauen geschrieben wird. Es handelt sich dabei um handgeschriebene Texte, welche Erfahrungen teilen, Tipps geben und auch sehr ungefiltert und direkt einen Einblick in die Gefühlswelt dieser Frauen geben. «Dies gibt den Frauen die Möglichkeit aus dem Alltagsstress zu entkommen und sich kreativ auszuleben. Es gibt ihnen sicher auch ein gutes Gefühl und erfüllt sie mit Stolz, wenn sie dann das fertig gedruckte Heft sehen. Zudem entstehen sehr spannende Dynamiken auch untereinander während des Schreibens. So geben sie einander Tipps und helfen einander», erzählt Eva.

Das neuste Projekt ist der Verein «Rêves sûrs», welcher eine Notschlafstelle für Jugendliche zwischen 14 und 23 Jahren aufbauen will. «Wir sind momentan in einer sehr spannenden Phase, denn jetzt wird sich zeigen ob das Projekt zustande kommt oder nicht», berichtet Eva. Seit einigen Tagen läuft ein Crowdfunding. «Wir haben gemerkt, dass es für Jugendliche in schwierigen Situationen keine niederschwelligen Angebote zum Übernachten gibt. Mit «Rêves sûrs» versuchen wir nun diese Lücke zu schliessen», erklärt Eva.

Reorganisation der Finanzierung

Bis jetzt wurde der Verein durch verschiedene reformierte und katholische Kirchgemeinden aus Bern und der Umgebung finanziert. Dies wird auch weiterhin so bleiben, jedoch soll es ab Anfang nächstes Jahr auch für Privatpersonen und Firmen einfacher werden, die Kirchliche Gassenarbeit Bern zu unterstützen. Es gibt die Mitgliedschaft für ein Jahr für Privatpersonen ab 50.-, für Firmen ab 500.-, dafür gibt es auch ein Mitspracherecht auf der jährlichen Mitgliederversammlung. «Die Kirchen und somit auch unsere Trägerschaft sind in den letzten Jahren immer mehr unter Spardruck geraten. Auch wir spüren das. Dieses Modell der Mitgliedschaft soll eine zweite Einnahmequelle ermöglichen und die Kirchliche Trägerschaft entlasten», erklärt Eva die Überlegungen hinter dem neuen Finanzierungsmodell. Unter dem Motto #wesnidlängt wirbt die Kirchliche Gassenarbeit Bern für neue Mitglieder.