Das kannst du eh nicht

von Janine Schneider 5. Januar 2026

Winterserie: Abseits der Spur Eine schlechte Sportlehrperson kann ihren Schüler*innen die Lust an der Bewegung gründlich vermiesen. So erging es jedenfalls unserer Autorin Janine Schneider während ihrer Oberstufenjahre. Von unseligen Felgaufzügen, vermasselten Speerwürfen und gehässigen Bemerkungen.

Manchmal kommt alles genauso schlimm wie erwartet. Das weiss ich seit meiner Zeit an der Oberstufe. Bereits als grünschnäbliges Primarschulkind gruselte es mich vor der Turnstunde an der Bezirksschule. Seit ich einmal den Oberstufenschülerinnen durch die Glastür dabei zugeschaut hatte, wie sie vor allen eine Rolle vorführen mussten, wusste ich, was mir blühte.

Und tatsächlich. Unser Sportlehrer hatte so einen miesen, spöttischen Blick – dazu den passenden Unterton. Blick und Unterton trafen alle, die keine Sportskanonen waren, sondern sich in seinem Turnunterricht eher vorkamen wie die Kanonenkugel – nach dem Fall. Weshalb er überhaupt Mädchen im Turnen unterrichtete, war uns ein Rätsel – er hasste Mädchen nämlich.

Mit dem süssen, unschuldigen Reh aus dem Disneyfilm hatte unser Sportlehrer etwa so viel gemeinsam wie Christoph Blocher mit Robin Hood.

So jedenfalls unsere Schlussfolgerung, wenn er davon schwärmte, was mit den Jungs im Sportunterricht alles möglich wäre. Wenn er uns gewisse Dinge, wie beispielsweise den Smash im Volleyball einfach nicht beibrachte – weil er der Meinung war, Mädchen könnten das sowieso nicht. Und wenn er so Sprüche machte wie einmal, als wir zusammen mit den Jungs Unterricht hatten und ihnen ein Ballspiel erklären sollten: Er unterbrach uns nach 20 Sekunden, weil wir Mädchen es «ja sowieso nicht kapierten». Unsere Jungs hatten da natürlich was zu lachen.

Im Gegenzug verhunzten wir seinen Namen und nannten ihn Bambi. Das war unsere Art, ihm ein paar seiner fiesen Sprüche und Blicke zurückzugeben. Mit dem süssen, unschuldigen Reh aus dem Disneyfilm hatte unser Sportlehrer etwa so viel gemeinsam wie Christoph Blocher mit Robin Hood.

Niemand von uns kam gerne in den Sportunterricht. Wir bibberten, wenn wir an den Geräten vorturnen mussten. Und einigen von uns – den Kanonenkugeln – hatte er die Phrase «Sport ist Mord» gründlich eingebläut.

Bis heute höre ich immer wieder von Sportlehrpersonen, die es mit einer Gründlichkeit wie keine anderen schaffen, ihren Schüler*innen das eigene Fach zu verderben.

Da fragt man sich schon, worum es beim Sportsunterricht eigentlich geht.

Eine Kollegin erzählte mir beispielsweise letztens eine Geschichte, die das Vorturnen vor unserem hämischen Lehrer in den Schatten stellt: Ihr Sportlehrer filmte seine Schülerinnen beim Ringturnen, Speerwerfen und Kugelstossen. Das ist ja an sich schon eher problematisch. Dann aber sahen sie sich die Filme vor der ganzen Klasse an. Und dann erhielt sie – ebenfalls vor der ganzen Klasse – die Note dafür. Mehr Leistungsdruck geht nicht.

Da fragt man sich schon, worum es beim Sportsunterricht eigentlich geht.

Und ich meine jetzt nicht nur die Problematik pädagogisch komplett unterirdischer Lehrpersonen. Weshalb werden Schüler*innen bis zur letzten Klasse mit so allgemein verhassten Turnübungen gequält wie Felgaufzug (weshalb hintenrum, wenn man sich einfach hochstemmen kann?), Kugelstossen (etwa, um an der nächsten Demo besser Ziegelsteine werfen zu können??) oder Hochsprung (als würde einen je eine so weiche Matratze nach einem Sturz auffangen).

Sollte es nicht eigentlich darum gehen, dass Kinder und Jugendliche Freude an der Bewegung kriegen? Vielleicht gar eine Sportart finden, die sie auch als Erwachsene noch ausüben werden? Und das auch in Zeiten des allgemeinen Couchpotatotums?

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Wenn das das Ziel sein sollte, hat das unser Oberstufensportlehrer jedenfalls um mindestens vier Fussballtore verfehlt.

Zum Glück kamen nach ihm noch ein paar andere, die es um Schwimmbeckenlängen besser gemacht haben. Die es verstanden, alle bei ihren Fähigkeiten abzuholen und für Bewegung zu motivieren. Die sich auf die Interessen ihrer Schülerinnen einliessen und auch mal Neues ausprobierten. Die uns nie spöttisch, sondern immer mit Respekt begegneten.

Im letzten Jahr der Kanti (in Bern besser bekannt als Gymer), hatten wir Wahlsport. Da standen plötzlich so exotische, zuvor kaum je erprobte Sportarten auf der Liste wie Klettern, Yoga oder Eishockey. Aber auch Fussball, Salsa, Geräteturnen. Man konnte sich für jedes Quintal eine Sportart aussuchen. Und plötzlich – oh Wunder – gingen alle voller Vorfreude in den Turnunterricht. Im Übrigen auch die Sportlehrpersonen.