Dank Visualisierung Traumata überwinden

von Urs Frieden 4. November 2015

Olgu Cevik hat die Ausstellung «Mein Leben in Flashbacks» in der Heiliggeistkirche initiiert. Im Interview spricht sie über die Arbeit mit Patienten des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer SRK Bern.

Wie ist die Idee der Ausstellung entstanden?

Olgu Cevik:

Vor einem Jahr kam die Anfrage des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK), wo ich früher als Übersetzerin arbeitete. Da ich auch Kunsttherapie studiert habe und einzelne der möglichen Teilnehmenden schon kannte, sagte ich nach einer schlaflosen Nacht zu.

Was war vom SRK her vorgegeben?

Für die Leute des Ambulatoriums SRK war wichtig, dass wir bei unserer Arbeit die drei folgenden Punkte im Auge behalten: den Fluchtgrund, also insbesondere Krieg und Folter, die Flucht selber, mit Einreise und Asyl, sowie die Hilfesuche und Hilfe im Ambulatorium SRK. Am Anfang wurde der Auftrag so formuliert, dass man den Patientinnen und Patienten des Ambulatoriums SRK die Möglichkeit gibt, sich in einer künstlerischen Form zu äussern. Da wurde vor allem an die Patienten gedacht, die künstlerisch tätig sind. Diese Leute machten aber leider nicht mit. Die Leute, die dann motiviert mitmachten, haben dagegen dieses Mittel nicht, sich künstlerisch auszudrücken. Aber sie wollten ihre Geschichte in einer vertretbaren Form erzählen und visualisieren.

Wie seid Ihr vorgegangen?

Zuerst wollten alle einmal über ihre Erfahrungen sprechen. Gefolterte Menschen verstehen es häufig als Pflicht, der Gesellschaft mitzuteilen, was man erlebt hat. Auch damit es nicht verloren geht. Die künstlerische Umsetzung hingegen verlief am Anfang etwas harzig: Selber Entwürfe oder Skizzen zu machen, zum Beispiel als «Hausaufgabe», das ging schlecht. Einerseits wegen des dabei empfundenen Schmerzes, andererseits auch aus der Angst heraus, sich als Nicht-Künstler zu stark zu exponieren. Schon in der Therapie gibt es ja diese Blockade, vor allem vor einem Schweizer Arzt, der selber nie Folter persönlich erlebt hat. In der Gruppe aber, wo alle ähnliche Erfahrungen teilen, wird es einfacher. Und es ist dann schnell mal auch ein gemeinsamer politischer Akt, Respekt zu bekommen: in der Öffentlichkeit, aber auch bei eigenen Freunden oder in der Community.

Dann war das also eher Gesprächstherapie?

Es war ein sehr intensiver Austausch, ein Entwicklungsprozess. Die Leute fanden mit mir durch das Gespräch eine visuelle Lösung für ihre Geschichte. Das sind die Arbeiten, die ich übernommen habe. Ich habe also in der Regel den Pinsel geführt. Die Teilnehmenden waren aber immer dabei. Und haben fortlaufend korrigiert, ergänzt, von neuem begonnen.

Wie seid Ihr auf den Titel «Mein Leben in Flashbacks» gekommen?

Der entstand aus den Erzählungen der Teilnehmenden, weil die sich wiederholende Erfahrung, durch einen kleinen Auslöser das Vergangene wieder zu erleben, bei allen noch erstaunlich präsent war. Sie haben aber von Anfang an als ein starkes Bedürfnis geäussert, über das erlebte Unrecht, über das Unmenschliche etwas erzählen, darüber, was ihr Leben für immer bestimmt und geändert hat.

Welche Themen kristallisierten sich bei den vier Teilnehmenden heraus?

Da gab es sehr individuelle Prozesse, trotz der Arbeit in der Gruppe, vor allem aufgrund der spezifischen Erlebnisse. Eine Frau, die sich im Gefängnis angezündet und das Gesicht – heute noch sichtbar – verbrannt hat, thematisierte in den Gesprächen und Bildern hauptsächlich diese Selbstverbrennung, das gelöschte Gesicht. Einem anderen Patienten war der Antagonismus Gefangenschaft/Freiheit wichtig. Er wollte, um Freiheit zu erlangen, visuelle Bilder entwickeln, und kam dabei auf den Baum – als symbolische Übersetzung auf der Leinwand. Symbolik ist ja schliesslich auch ein Versuch zu kommunizieren. Beim dritten Patienten, der in der Türkei immer wieder illegal festgenommen wurde und dies mangels Protokollierung nie beweisen konnte, geschah die Umsetzung mit der Metapher «Mit grosser Last auf den Schultern über des Messer Schneide gehen», eine eindrückliche Visualisierung. Und beim vierten Patienten, der selber Anwalt war, stehen Gesetzestexte und Asylentscheide im Vordergrund, unter dem Über-Thema «Warten».

Als sprachliche Übersetzerin im Ambulatorium, wo Sie jahrelang 1:1 übersetzt haben, machten Sie eigentlich das gleiche wie als Kunsttherapeutin, wo Sie 1:100 übersetzen helfen?

Tönt gut, aber so einfach ist der Vergleich nicht. Gemeinsam ist beiden Jobs, dass ich die damit verbundene Verantwortung ernst nehme, die Menschen gerne habe und mit ihnen so gewissenhaft umgehe, dass ich sie nicht enttäusche. Im Kunstprojekt wollte ich für jeden Schritt ihre Einwilligung, damit sie nicht für etwas benützt werden, das sie gar nicht wollen. Ich wollte stets, dass sie sich sicher fühlen.

Wo lagen im Nachhinein die Schwierigkeiten im ganzen Ablauf?

Es war sicher ein Nachteil, eine starke Belastung, dass die Ausstellung zum Vorneherein als Ergebnis des ganzen Prozesses unverrückbar feststand. Da war es wichtig, eine Form zu finden, die uns nicht zu stark unter Druck setzt. Rückwirkend würde ich es anders machen, im Sinn von ergebnisoffener.

Was nehmen Sie persönlich aus dem ganzen Prozess mit?

Es war eine sehr schöne Erfahrung, und ich bin immer noch sehr berührt, insbesondere vom Vertrauen, das mir die vier Menschen entgegenbrachten. Sie haben mir teilweise intimste Erlebnisse anvertraut und sagten manchmal sogar: «Das habe ich so noch niemandem erzählt.» Die Zusammenarbeit in der Gruppe verlief sehr gut. Der Prozess gestaltete sich ein stückweit selber, die Bilder auch. Und natürlich: Der Gesprächsanteil war häufig höher als der Malanteil. Ich persönlich habe viel investiert, unter anderem auch auf Ferien und einzelne Wochenenden verzichtet. Aber es hat sich gelohnt.

Und wo sehen Sie den Nutzen für die Teilnehmenden?

Trotz der vielen bereits gemachten Therapien fand in dieser Gruppe eine weitere, sicher nicht unwichtige Verarbeitung statt. Ich würde fast sagen, es gab eine Art Stolz durch das Sichtbarmachen der eigenen, höchst ungewöhnlichen Biografie. Die vier Patientinnen und Patienten wurden fassbar – für sich und für Aussenstehende. Dadurch konnten und können sie möglichst vieles hinter sich lassen, und es wird für sie leichter, weiterzugehen.