Bewegung für den Medienplatz Bern?

von Willi Egloff 10. Februar 2021

Der angekündigte Stellenabbau bei den Redaktionen von «Bund» und «BZ» scheint bei der Konkurrenz Fantasien zu wecken. Gleich zwei Projekte für eine neue Berner Tageszeitung werben um mediale Aufmerksamkeit. Ob es sich um mehr als Ankündigungsjournalismus handelt, ist allerdings keineswegs klar.

Den Anfang machte der Schaffhauser Verleger Norbert Bernhard, der sich selbst als Heimwehberner bezeichnet. Im «Handelsblatt» kündigt er an, ab Herbst 2021 unter dem Titel «Neue Berner Zeitung» eine täglich erscheinende Gratiszeitung mit eigenem Onlineauftritt herauszugeben. Inserate und «vermögende Privatpersonen wie auch interessierte Banken und Firmen» sollen das Projekt laut dem Initianten finanzieren.

In diesen Kreisen kennt sich Norbert Bernhard durchaus aus. Seit 20 Jahren gibt er das Hochglanz-Heftchen «Private» heraus, das sich im Untertitel «Das Geld-Magazin» nennt und vierteljährlich Anlageempfehlungen und andere Wirtschaftstipps unter eine meist wohlhabende Leserschaft bringt. Finanziert wird dieses Magazin durch Inserate aus der Bankenwelt und aus der Luxusgüterbranche. Die gleichen Kreise finanzieren auch den von Bernhard jährlich veranstalteten «Private-Medienpreis», durch den «herausragende Leistungen speziell im Wirtschafts- und Finanzjournalismus» ausgezeichnet werden.

Die Ankündigung rief sogleich einen Berner Platzhirsch auf den Plan: Mark Balsiger, Inhaber einer Kommunikationsagentur in Bern, reaktivierte ein Adressenverzeichnis, das er als Koordinator der Aktion «Rettet den Bund» vor über 10 Jahren angelegt hatte und das Personen auflistet, die sich für eine Erhaltung des schon damals kriselnden «Bund» ausgesprochen hatten. Ihnen teilte Balsiger vor wenigen Tagen mit, dass es jetzt «eine neue unabhängige Stimme in Bern» brauche. Wie diese tönen oder aussehen will, liess er offen, denn das Rundschreiben führt einzig zu einer Umfrage. Dort sollen Bernerinnen und Berner kundtun, wie sie sich diese zukünftige neue Stimme vorstellen. Immerhin lässt der Initiator durchblicken, dass er sich ein regionales Online-Medium vorstellt.

Planungen am leeren Reissbrett

Bei beiden Projekten überrascht, dass sie offenbar auf dem leeren Reissbrett konzipiert wurden. Der Schaffhauser Verleger spricht von einem Gratisblatt, das durch Inserate und Mäzenatentum finanziert werden soll, erwähnt aber mit keinem Wort, dass es mit dem «Berner Bär» im Zielgebiet bereits eine Wochenzeitung mit einer Auflage von ca. 100’000 Exemplaren gibt, die auf die genau gleiche Art finanziert wird. Auch der «Anzeiger Region Bern» und der «Berner Landbote» mühen sich in diesem Bereich ab. Dass es auf dem schrumpfenden regionalen Werbemarkt daneben noch Platz haben soll für ein achtstelliges Auftragsvolumen, wie es für die Finanzierung einer täglich erscheinen Gratiszeitung mit einer vollbesetzten Redaktion ohne Zweifel erforderlich wäre, erscheint doch als sehr gewagte Annahme.

Vielleicht ist auch der Namen kein gutes Omen: Eine «Neue Berner Zeitung» gab es schon einmal: Sie wurde 1919 als Tageszeitung der damaligen BGB gegründet und im Ende Januar 1973 bei einer Auflage von ca. 6’500 Exemplaren wegen starker Defizite eingestellt.

Auch Mark Balsiger tut so, als wäre er der erste, der in Bern auf die Idee kommt, ein Online-Medium ins Leben zu rufen. Er verweist zwar auf anderswo existierende Projekte wie die «Republik», «bajour» (Basel), «tsüri» (Zürich), «Kolt» (Olten) oder «heidi.news» (Romandie), ignoriert aber bewusst das in Bern seit bald neun Jahren existierende «Journal B». Auch verschweigt er, dass keines der genannten Projekte auch nur annähernd die finanziellen Mittel generiert, die zur Bezahlung der Redaktion eines täglich erscheinenden Mediums erforderlich wären. Auch die beiden finanzstärksten Projekte «Republik» und «Bajour» existieren nur dank alljährlicher Millionenspenden einzelner Mäzene.

Von Interesse wäre daher zu erfahren, woher die fehlenden Mittel kommen sollen. Wie die Entwicklung von «Bund» und «BZ» illustriert, wird die Finanzierung eines in seinem Inhalt vergleichbaren Mediums in Bern über Inserate nicht möglich sein. «Journal B», aber auch alle andern im Rundmail von Mark Balsiger genannten Online-Projekte illustrieren gleichzeitig, dass eine umfassende und dauerhafte Finanzierung auch nicht über Abonnemente oder Mitgliederbeiträge sichergestellt werden kann. Wer also grosse Medienprojekte ankündigt, täte gut daran, auch darüber zu sprechen, wie denn diese millionenschweren Vorhaben finanziert werden sollen.

Warten auf Subventionen?

Was allenfalls helfen könnte, hat der Gemeinderat der Stadt Bern kürzlich in seiner Antwort zu einem dringlichen Postulat der Fraktion GFL/EVP zur Förderung der Medienvielfalt in der Stadt Bern dargelegt. Danach wäre es «vorstellbar, dass die Stadt Bern gezielt SDA-Redaktionsstellen finanziert – dies verknüpft mit der Auflage, ausschliesslich über städtische Themen bzw. über lokal relevante Themen zu berichten». Alle Redaktionen und damit auch die auf dem Medienplatz Bern tätigen Zeitungen und Onlinemedien hätten dann kostenlosen Zugang zu diesen Berichten und könnten damit eine Grundversorgung mit lokaler und regionaler Information sicherstellen. Gleichzeitig könnten sie sich auf die Beiträge konzentrieren, die ihr jeweils eigenes Profil als örtliches Medium ausmachen würde.

Voraussetzung für eine solche Unterstützung wäre allerdings, dass der Kanton Bern seine Pläne für eine Förderung von Medienaktivitäten, die zu einem Erhalt oder zu einer Stärkung der regionalen Medien beitragen können, rasch in geltendes Recht umsetzt. Diese Absicht hat der Regierungsrat in einem Medienförderungskonzept ausgedrückt, das er im November 2019 präsentiert hat. Es bleibt zu hoffen, dass den schönen Worten bald einmal Taten folgen.

Gleiches gilt für die Ebene des Bundes: Auch im Bundesparlament wird über eine Förderung von Online-Medien beraten, die aus den Haushaltsabgaben für Radio und Fernsehen finanziert werden könnte. Bisher ist dieses Vorhaben am Eigennutz der Grossverlage gescheitert, welche statt der geplanten Förderung der Medienvielfalt eine Subventionsmaschine für ihre eigenen Grosskonzerne installieren wollten (Journal B berichtete: Medienförderung – Ein Eigentor der Grossverlage). Allerdings wird das Thema in der Frühjahrssession im Nationalrat erneut zur Sprache kommen. Ob die überfällige Förderung lokaler und regionaler Online-Medien dann Tatsache wird, ist aber noch nicht absehbar.