«auawirleben» seit 40 Jahren

von Christoph Reichenau 30. April 2022

Zum 40. Mal findet in Bern das Theaterfestival «auawirleben» statt, dieses Mal mit 17 Produktionen aus 12 Ländern. Das Motto: «The Private Matters». Vom Mittwoch, 4. Mai bis zum Abstimmungssonntag, 15. Mai steigen im Festivalzentrum auf dem Waisenhausplatz Parties, tauscht man sich aus. Vorfreude weckt ein schönes Büchlein, welches zugleich Orientierung bietet.

Nach zwei Jahren Abstinenz oder Reduktion wegen der Pandemie ist «auawirleben» nun so richtig zurück. Das 40-jährige Jubiläum wird jeden Tag ab 18 Uhr mit einer Party gefeiert, die für alle offen ist – und 40 Minuten dauert. Veranstaltet werden sie jeweils von verschiedenen Communities: So von gehörlosen, sehbehinderten und queeren Menschen.

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«Das Private spielt eine Rolle» steht über dem Festivalprogramm. Der Satz ist sozusagen das Fazit, nicht der Ausgangspunkt der 17 gezeigten Produktionen. Man spürt Erstaunen, dass in einer Welt, die so viele Krisen nacheinander und miteinander erlebte – gegenwärtig den menschenverachtenden russischen Krieg gegen die Ukraine – Privates und Öffentliches untrennbar miteinander verbunden sind.

1968 galt die Devise, das Private sei politisch. Schon hundert Jahre vorher hatte Gottfried Keller gemeint: «Heute ist alles Politik und hängt mit ihr zusammen, von dem Leder an unserer Schuhsohle bis zum obersten Ziegel am Dache, und der Rauch, der aus dem Schornstein steigt, ist Politik und hängt in verfänglichen Wolken über Hütten und Palästen, treibt hin und her über Städten und Dörfern.»

Das Publikum steht im Zentrum

Das Programm des Festivals ist eine Mixtur des Teams und vor allem der Kuratorinnen aus beharrlicher Verfolgung der Arbeit bestimmter Künstler*innen, aus Neuentdeckungen, aus Tipps. Es ist ein Angebot an das Publikum, dessen Rückmeldungen nach den Aufführungen dem Festivalteam wichtig sind.

Im Zentrum des Festivals steht das Publikum. Für jenes wird alles unternommen, nicht für die internationale Szene. Dreh- und Angelpunkt ist das Festivalzentrum auf dem Waisenhausplatz, eine Art Hub, wo die Besucherinnen und Besucher ankommen, sich an die Aufführungsorte begeben und zum Austausch auf ein Bier wieder zurückkehren.

Theater als Schule der Empathie, wie es Lessing verstanden hat, ist auch Theater als Schule der Demokratie, in der jede Stimme gleich viel wert ist.

Zugänglichkeit und Austausch sind wichtige Stichworte des Festivals. Alle sind willkommen. Es gibt keine unsichtbaren, aber wirkmächtigen Barrieren der Distinktion, des Comments. Wer Begleitung und Unterstützung benötigt meldet sich beim «Special Check-In» an. Beim Austausch nach der Vorstellung gelten auch nicht primär die elaborierten Statements, sondern ebenso Fragen, Gefühle und Befindlichkeiten. Theater als Schule der Empathie, wie es Lessing verstanden hat, ist auch Theater als Schule der Demokratie, in der jede Stimme gleich viel wert ist.

Besonderheiten

Die 40. Ausgabe des Festivals ist die erste, bei der das Team die vor zwei Jahren deutlich erhöhte Subvention der Stadt Bern nun ohne Einschränkungen nutzen kann. Schwer zu sagen, wie sich dies konkret auswirkt. Spürbar ist die Öffnung hin zu den Leuten, die Freude, etwas zu bieten, die Neugier auf Rückmeldungen.

Die Produktion «Lighter than Woman» wird am Freitag und am Samstag im Schlachthaus Theater aufgeführt. (Foto: Epp Kubu)

Gibt es Highlights? Aus dem vielgestaltigen Programm etwas herauszuheben, wäre vermessen, wenn man die Stücke noch nicht kennt. Das einladende Büchlein hilft jedoch bei der Wahl. Zwei Versuche verdienen Erwähnung. Das neue Format «Bring a Friend» eröffnet drei Künstler*innen-Kollektiven die Chance, je eine Produktion aus ihrem Umfeld ins Programm zu bringen. Alle werden am gleichen Abend gezeigt. «Ein kuratorisches Experiment» heisst es dazu im Programmheft; das Team öffnet sich anderen Blickweisen.

Aus dem Rahmen fällt das «Physical Evidence Museum». In einer Privatwohnung eingerichtet, versammelt es Zeugnisse und Geschichten von häuslicher Gewalt, die Frauen angetan worden ist. Im intimen Raum kommen die Geschehnisse nahe an die Betrachtenden. Und machen es vielleicht einfacher, selber zu erzählen.

Inszenierter Tatort in einer Privatwohnung: «Physical Evidence Museum» zeigt Zeugnisse häuslicher Gewalt. (Foto: Andrejs Strokins)

Das «Museum» stellt uns vor die stets neuen und nie abschliessend beantwortbaren Fragen: Was ist Theater? Was ist Publikum? Was tragen die Zuschauenden zum Stück bei? Wie können sie einbezogen werden – und womit muss man ihnen nicht kommen, da sie emanzipiert sind? Das 40. auawirleben ist auch ein Parcours, um solchen Fragen nachzugehen.

4.-15. Mai, Auawirleben, Theaterfestival Bern. Verschiedene Spielstätten, Festivalzentrum auf dem Waisenhausplatz, www.auawirleben.ch