«Antifaschismus gehört unbedingt in die Mitte der Gesellschaft»

von Noah Pilloud & Maurin Baumann 25. Oktober 2022

Am Samstag lief seit 2010 erstmals wieder ein Umzug unter dem Motto «Antifaschistischer Abendspaziergang» durch Bern. Die Organisator*innen sind bemüht, ein neues Bild der Bewegung zu zeichnen, doch in der öffentlichen Debatte halten sich die alten Narrative hartnäckig.

Das Motiv prangte in den letzten Wochen von so manchem Laternenpfahl oder Trafokasten: zwei Arme, die sich gegenseitig festhalten, mal in rot und schwarz, mal in violett und schwarz, mal grau vor der Pride-Flagge als Hintergrund. Die Botschaft: «Kämpfe verbinden!»

Unter diesem Motto stand der vom «Bündnis gegen rechts Bern» organisierte «Antifaschistische Abendspaziergang». Rund 1500 folgten dem Aufruf und zogen am Samstagabend durch die Stadt. Von der Heiliggeistkirche über Spital- und Marktgasse und über die Kornhausbrücke durch den Breitenrain bis schliesslich zur Reitschule.

Immer mal wieder stoppte der Demozug auf dieser Route und über Lautsprecher wurden Reden gehalten. Pyrofackeln und Rauchpetarden wurden gezündet. Einmal – auf Höhe Viktoriaplatz – kam es zu einer kurzen Reiberei zwischen Polizei und Demonstrierenden. Parolen wurden durchgehend an die Berner Gemäuer gesprüht. Zum Ende kam es auf der Schützenmatte zu einem Glasbruch bei einer Werbefläche.

«Alles in allem war das eine friedliche Demonstration», sagt Bündnismitglied Laura*. ob Sachbeschädigungen und die Tatsache, dass die Demo ohne Bewilligung lief, dem Abbruch täten, sei eine Frage der Perspektive. Aber es sei klar: «Wenn man den Berner*innen ihren Sandstein bemalt, sind sie nicht happy», sagt sie. Nun sei im Nachgang aber die Rede von Steinwürfen, von denen Laura zumindest unmittelbar nichts mitbekommen habe, und in der Tagesschau des Schweizer Fernsehens gar von «Selbstjustiz» von linksextremer Seite.

Die «inhaltliche und formelle Gleichstellung» zwischen der samstäglichen Demo und der jüngsten Aktion einer Schweizer Nazi-Gruppierung im genannten Beitrag empfindet Laura als stossend. Eine faschistische Ideologie, die es zum Ziel habe, Menschen aufgrund gewisser Merkmale zu diskriminieren und zu verfolgen, mit denjenigen gleichzusetzen, die mit verschiedenen Mitteln gegen diese Tendenzen ankämpfen, sei höchst problematisch und komme einer Verharmlosung des Faschismus gleich.

Foto: Noah Pilloud

Neonazi-Rückzugsort Schweiz

Doch worum geht es dem antifaschistischen Bündnis? «Die Demo soll den Zusammenhalt in der ausserparlamentarischen Linken stärken», erklärte Laura letzte Woche gegenüber Journal B. Gerade während der Coronapandemie sei dieser Zusammenhalt einer Lähmung gewichen, weil manche Strukturen nicht mehr gleich gut funktioniert hätten.

Das sei aber nicht der Hauptgrund, wirft Flavio* ein, auch er ist Mitglied beim «Bündnis gegen rechts». «Ereignisse weltweit aber auch in der Schweiz haben gezeigt, dass es mehr antifaschistische Präsenz braucht», sagt Flavio. Als Beispiel führt er jüngste Wahlergebnisse und faschistisch motivierte Anschläge im Ausland, die Präsenz faschistischer Gruppierungen an Coronademos und Angriffe auf queere Veranstaltungen an.

Wenn man den Berner*innen ihren Sandstein bemalt, sind sie nicht happy.

In der Schweiz passiere zwar vergleichsweise wenig, doch das habe auch seinen Grund, meint Flavio: «Die Schweiz bietet vielen Neonazis aus dem Ausland einen Rückzugsort». So spülte ein Festival in der Ostschweiz vor wenigen Jahren viel Geld in die Kassen international vernetzter Neonazi-Gruppen, und ein deutscher Neonazi fand Zuflucht im Wallis, nachdem er Journalisten tätlich angegriffen hatte.

Antifaschismus für alle?

Anlass zu antifaschistischem Widerstand scheint also gegeben. Doch hat die Geschichte der Abendspaziergänge (s. Infobox) nicht gezeigt, dass diese Aktionsform den neuen Erscheinungsformen des Faschismus wenig entgegenzusetzen hat? Eine Kritik, die vermehrt auch in der Linken selbst hervorgebracht wird.

Demonstrationen bewirken mehr als das blosse Zeigen von Präsenz.

So wurden in den letzten Wochen auf verschiedenen Plattformen Stimmen laut, die den autonomen Antifaschismus aus linker Perspektive kritisieren. Im Kern ging es darum, dass sich Autonome zu wenig an der Basis der Gesellschaft orientierten und ihr Antifaschismus somit für die breite Masse unattraktiv bleibe. Autonomer Antifaschismus, so die Kritiker*innen weiter, sei immer nur Reaktion auf faschistische Entwicklungen.

«Klar sind solche Aktionen reine Symptombekämpfung», stimmt Laura zu. Aber das sei eben auch nötig. «Es braucht aber unbedingt mehr als das», ergänzt Flavio, «seien das Diskussionsveranstaltungen, Bücher oder Gespräche im direkten Umfeld.» Nachhaltiger Antifaschismus ist für die beiden nur verbunden mit Antikapitalismus möglich: «Der Kapitalismus schafft die Lebensumstände, in denen Menschen anfällig für faschistische Ideen werden.»

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Demonstrationen bewirken mehr als das blosse Zeigen von Präsenz, ist Laura überzeugt:  «Die Bewegung der Corona-Gegner*innen zeigt auch, was daraus entstehen kann, wenn man eine Bewegung auf die Strasse trägt.» Denn dadurch könnten Netzwerke entstehen. «Und Antifaschismus gehört unbedingt in die Mitte der Gesellschaft».

Dass martialisches Auftreten und ein Schwarzer Block dabei abschreckend wirken, sei dem Bündnis bewusst. «Vermummung hat als Schutz vor dem Repressionsapparat seine Berechtigung, wir rufen aber dazu auf, zumindest bunt vermummt an die Demo zu kommen».

Die immer gleiche Leier

Zumindest auf den ersten Blick scheint diese Mobilisierungsstrategie aufgegangen zu sein. «Wir sind sehr glücklich über die Teilnehmer*innenzahl– und dass wir unsere Route plangemäss laufen konnten», sagt Laura nach der Demo. Dass ein grosser Teil der rund 1500 Demonstrant*innen am Samstagabend schwarz vermummt erschienen sei und es «Parallelen zu einer klassischen Antifa-Demo» gebe, dem sei man sich bewusst.

Neben organisierten Polit-Gruppen aus der ganzen Schweiz habe es in der hinteren Hälfte des Zuges vermehrt auch Familien oder farbenfroh gekleidete Menschen gegeben. In der öffentlichen Wahrnehmung scheint dies indes keinen Unterschied zu machen. Ob in den Medienberichten oder in den Kommentarspalten: Vermummung, Pyros und Sprayereien stossen die bürgerliche Mitte der Gesellschaft offenbar noch immer vor den Kopf.

Foto: Noah Pilloud

Augenfällig ist dabei, dass diese Umstände bereits dazu benutzt werden, jüngste Vorkommnisse faschistischer Gewalt zu relativieren. So schlägt etwa der erwähnte Tagesschaubeitrag alarmistische Töne an und warnt vor einem Erstarken der Extreme. Dabei wird die alte Leier der gleichsam gewaltvollen und gleichsam gefährlichen Pole des politischen Spektrums bemüht. Rechtsextreme wagten sich laut diesem Beitrag mehr an die Öffentlichkeit, während Linksextreme «Hundertschaften mobilisieren können».

Es könnte beinahe der Eindruck entstehen, manchen Medien falle es schwer, über besorgniserregende Entwicklungen von rechts zu berichten, ohne im gleichen Atemzug dieselbe Gefahr von links heraufzubeschwören.

Der Antifaschistische Abendspaziergang vergangenen Samstag hat aber vor allem gezeigt, dass Antifaschismus ein Anliegen ist, das über die radikale Linke hinaus Menschen auf die Strasse bringt. Nicht zuletzt hängt das wohl mit der grösseren Präsenz faschistischer Gruppierungen zusammen. Diesen Widerstand mit den demokratiezersetzenden Entwicklungen gleichzusetzen, gegen die er sich wendet, ist fahrlässig und spielt dem Faschismus in die Hände.