700 Sonntage Film

von Jonas Ryser 14. Februar 2014

Wenn das Lichtspiel am Sonntagabend Kurzfilm-Fundstücke aus vergangenen Jahren zeigt, ist das immer wieder einen Besuch wert – auch nach der 700. Ausführung noch.

«Willkommen zum siebenhundersten Lichstpielsonntag». Der Direktor des Lichtspiels begrüsst das Publikum an einem Sonntagabend im Januar.  700 Mal hat das Lichtspiel seit August 2000 am Sonntagabend Kurzfilme aus den letzten gut 100 Jahren gezeigt, ohne einen einzigen Sonntag auszulassen, egal ob Weihnachten, Neujahr oder Ostern.

Wer sich am Sonntagabend in einen der bequemsten Kinosessel der Stadt setzt, erhält eine bunte Zusammenstellung von Fundstücken aus dem Lichtspiel-Archiv serviert, jeden Sonntag zu einem anderen Überraschungsthema. Die Filme sind mal witzig, mal ernst und oft ist es verblüffend, wie anders ein Thema in vergangener Zeit behandelt wurde.

Die Projektoren, mit denen die Filme gezeigt werden, stammen aus der gleichen Zeit wie die Filme selbst. Das Lichtspiel lässt die Besucherinnen und Besucher in die Filmgeschichte eintauchen, statt modernster Rundumbeschallung gibt es das Surren des Projektors zu hören, statt 3D-Grafik sieht man hin und wieder das Flimmern eines alten Films.

Am Anfang war das Chaos

Am Anfang der 700 Lichtspielsonntage stand eine Notlage: Der Nachlass des Berner Kinosammlers Walter A. Ritschard hätte liquidiert werden sollen. Ritschard hinterliess nebst einer Staubsaugersammlung und einer Menge von anderen, für Filmfans unbrauchbaren Gegenständen, auch Projektoren, Filmrollen und weiteres Kinozubehör. Einigen Filmenthusiasten gelang es, mit den Erben einen Nutzungsvertrag für die Sammlung abzuschliessen, den Mietvertrag für die Lagerhalle mit der Stadt Bern konnten sie übernehmen. Das neu gegründete Lichtspielteam begann, die riesige Materialmenge aufzuräumen, zu sortieren und zu katalogisieren. Dabei entstand der Lichtspielsonntag: Die Filme, die unter der Woche zum Vorschein kamen, wurden am Sonntagabend vorgeführt. So trat der Verein Lichtspiel im August 2000 zum ersten Mal öffentlich in Erscheinung.

«Der Sonntag ist immer ein Echo auf die Fronarbeit unter der Woche.»

David Landolf

Inzwischen bekommt man am Sonntagabend nicht mehr zufällige Fundstücke zu sehen, sondern ein sorgfältig zusammengestelltes Programm zu einem Thema. Der Aufwand, die Filme für einen Sonntagabend zusammenzustellen und zu präparieren, sei ziemlich gross, sagt David Landolf, der Direktor des Lichtspiels. Aber er geniesst die Lichtspielsonntage auch nach über 700 Aufführungen noch: «Der Sonntag ist immer ein Echo auf die Fronarbeit unter der Woche», sagt er.

Stetig wachsender Filmfundus

Am Sonntag hat das Lichtspiel-Team die Möglichkeit Filme zu zeigen, die sonst nirgends ins Programm passen, egal ob alter Trickfilm, Wochenschau, Musikclip, Werbespot oder ein Film eines frühen Kamerabesitzers, der seine Familie beim Picknicken zeigt. Und das Team hat sich genügend Narrenfreiheit bewahrt, um auch mal ein Experiment zu machen: Ein für die heutige Zeit belangloser Film wird so lange gezeigt, bis die erste Person «Stopp» ruft.

Der Fundus an Filmen ist seit der Gründung im Jahr 2000 stetig gewachsen: Im Nachlass von Walter A. Ritschard waren einige hundert Filme zu finden, heute sind es 17’000. Um aus dieser Menge Material ein Programm zusammenstellen zu können, arbeiten nebst Direktor David Landolf eine Reihe Freiwilliger daran, die Filme zu sichten und zu katalogisieren, darunter Pensionierte, Langzeitarbeitslose und ein Zivildienstleistender. Dank dieser Arbeit konnten von den 17’000 Filmen  bereits etwa 40 Prozent im Lichtspiel gezeigt werden – viel mehr, als die meisten Museen von ihren Schätzen der Öffentlichkeit zugänglich machen können. Trotzdem bleibt genügend Material für mindestens die nächsten 700 Mal Lichtspielsonntag.

Berner Filmbranche unter einem Dach

Vor bald zwei Jahren musste das Lichtspiel umziehen: Das alte Fabrikgebäude beim Güterbahnhof macht bald einem Neubau Platz. David Landolf dazu: «Im Nachhinein war das ein Glücksfall». Genau zum richtigen Zeitpunkt wurde das Dachgeschoss der ehemaligen Strickwarenfabrik Ryff bei der Dampfzentrale frei. In den Etagen darunter zogen verschiedene Künstler und kleine Firmen ein, alle im Bereich des Films tätig. Ein weiteres Büro bezog der Verein «Bern für den Film».

«Für ‚Bern für den Film‘ ist das Filmhaus eine Erfolgsgeschichte.»

Stefanie Arnold

Ein «Riesengewinn» sei das Filmhaus für die Filmszene Bern, sagt David Landolf heute: Allein der Austausch beim gemeinsamen Mittagstisch sei wertvoll. Daneben werden gemeinsame Vorpremieren organisiert, der kleinere Saal des Lichtspiels wird von den anderen Mietern verwendet für Castings und Workshops. Auch Stefanie Arnold, Geschäftsführerin des Vereins «Bern für den Film» sieht das Filmhaus durchwegs positiv: Die Mischung aus Vermittlung, Archiv und Produktion habe sich bewährt, sagt sie. «Für ‚Bern für den Film‘ ist das Filmhaus eine Erfolgsgeschichte.»

2011 sagte David Landolf dem «Bund», er hoffe, dass im alten Fabrikgebäude «ein Leuchtturm entsteht, der weit über Bern hinausstrahlen wird». Zwei Jahre später stellt sich die Frage, ob das Ziel erreicht wurde. «Wir sind definitiv auf dem Weg dazu», sagt Landolf: Zumindest bis nach Zürich reicht die Bekanntheit des Filmhauses: Es kommen regelmässig Studierende der Zürcher Hochschule der Künste zu Besuch in Bern.